APUZ Dossier Bild

26.9.2011 | Von:
Anne Huffschmid

Alltag statt Apokalypse: Mexiko-Stadt als Labor städtischen Lebens - Essay

Wem gehört die Altstadt?

Wie komplex die Frage der städtischen Informalität ist, zeigt das historische Zentrum der Stadt, das Centro historico. Kaum ein Ort ist so emblematisch für urbane Mutationen wie die Altstadt rund um den Zocalo. Bis in 1980er Jahren hinein war sie trotz der prächtigen Kolonialarchitektur ein heruntergekommener Bezirk, mit eingefrorenen Niedrigstmieten, bröckelnden Fassaden und fragwürdiger Reputation - eine "No-go-area" für das bürgerliche Mexiko. Einen Wendepunkt markierten die verheerenden Erdstöße vom 19. September 1985, die einen Großteil der Innenstadt verwüsteten, Zehntausende das Leben kosteten und auch im Zentrum Hunderte von Gebäuden ganz oder teilweise zerstörten. Doch die Verwüstung wurde zum Katalysator einer neuen sozialen Mobilisierung. Die jahrzehntelange Erfahrung der Selbstorganisation mündete in eine Politisierung bei den Aufräumarbeiten und im Kampf um neuen Wohnraum. Die Movimientos urbano populares, die städtischen Volksbewegungen, waren geboren - eine Keimzelle der späteren politischen Opposition.

Doch auch das Establishment entdeckte die Altstadt neu. Schon 1990 wurde eine - vorerst noch private - Treuhandgesellschaft zur "Rettung des Stadtzentrums" gegründet. Die Mieten wurden aufgetaut, die Stadt initiierte ein alljährliches Kulturfestival. Im Jahr 2000 wurde die "Rettung" unter Lopez Obrador zur öffentlichen Aufgabe deklariert, unterstützt vom Magnaten Carlos Slim Helú, der historische Immobilien zwecks Instandsetzung käuflich erwarb - ein durchaus ungewöhnliches Joint Venture zwischen einem linken Regenten und einem der mächtigsten und reichsten Unternehmer der Welt. Das Terrain wurde unterteilt in eine A-Zone, in dem die Museen stehen und nur noch wenige Menschen leben, und eine größere B-Zone, so etwas wie der schmuddelige Hinterhof des Zentrums. Im schmucken A-Teil werden seit Jahren unermüdlich Innenhöfe, Fassaden und Plätze restauriert, allerorten entstehen Straßencafés, Fußgängerzonen und Künstlerlofts.

"Gerettet" werden sollte das Filetstück des Zentrums vor allem vom Straßenhandel, der sich der Gassen und Bürgersteige des Zentrums bemächtigt hatte. Zwischen 15.000 und 25.000 Ambulantes, wie die mobilen Händler im mexikanischen Spanisch heißen, bieten hier seit Jahrzehnten ihre Billig- und Billigstwaren feil. Diese stellten eine urbane "Plage" dar, lautete jahrelang der Tenor von Stadtregierung und Medien. "Invasoren", titelten die Zeitungen, die Händler seien Eindringlinge und Kriminelle, keine Flaneure oder Kulturkonsumenten. Dabei ist der Straßenhandel in Mexiko-Stadt eine seit Jahrhunderten tradierte urbane Praxis. Schon in vorspanischer Zeit wurden die Freiflächen zwischen den Tempeln als Tianguis, als Marktplatz genutzt. Das blieb auch der Zocalo, als die Eroberer hier die Kathedrale und den Nationalplast bauten. Hier trafen sich Kreolen, Spanier und Indigene, das Verkaufen galt als Ausweis und Puls von Urbanität. Diese Idee kippte erst, als seit Ende des 18. und später auch im 19. Jahrhundert das Ideal der "europäischen Stadt" Einzug hielt. Nun galt es, Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit herzustellen, der öffentliche Raum musste reguliert werden. Die Märkte wurden überdacht und in feste Gebäude verbannt. Die Händler verloren an Ansehen, wurden zu Störenfrieden und Deklassierten, von den öffentlichen Plätzen zogen sie sich in die Gassen zurück.

Seit dem Erdbeben 1985 organisierten sich die Ambulantes in Verbänden und wurden dabei nicht selten von der PRI kooptiert. Immer wieder kam es zu Versuchen der Umsiedlung, die allesamt scheiterten. Zugleich globalisierte sich der Straßenhandel rapide: Durch die Warenströme made in China, aber auch dadurch, dass ein Teil des Handels heute direkt in asiatischer Hand liegt. Die Einheimischen verlegen sich dabei zunehmend aufs Raubkopieren; Mexiko belegt heute den dritten Platz im globalen Ranking der Produktpiraterie. An die 20 zumeist straff organisierte Verbände haben das Territorium klar unter sich aufgeteilt. Diese seien klientelistische Interessenverbände, die sich, so die Argumentation der Behörden, öffentlichen Raum "privat aneigneten". Die Vertreter der Ambulantes halten dagegen, dass sie seit jeher zur Alltagskultur des Zentrums gehören. Ende 2007 kam es zu einem neuen Räumungsversuch, der einvernehmlicher als die bisherigen verlief. Die Händler wurden von den Straßen in der A-Zone auf feste Stellplätze in der B-Zone "umgesiedelt". Ob sie sich dauerhaft verbannen lassen, bleibt abzuwarten. Nicht wenige von ihnen kehrten als buchstäblich "fliegende" Händler zurück, die ihre Ware auf einem Tüchlein feilbieten. Bei jeder Annäherung der Polizei verstauen sie ihr Bündel in einem Hauseingang. Ebenso schnell haben sie es wieder ausgebreitet.[4]

Gegen den Vorwurf der Gentrifizierung, wie ihn Aktivisten und kritische Stadtforscher formulieren, wehrt sich die linke Stadtregierung vehement. Man brauche nun einmal private Investitionen, und "kein einziger Anwohner" würde durch die Aufwertung bislang vertrieben. Entsprechende Studien, auch zum Verbleib der Straßenhändler, bleibt die Ebrard-Administration bislang jedoch schuldig. Ganz aus dem Blick geraten bei alledem die Käufer: Zwischen 600.000 und 1,2 Millionen durchqueren tagtäglich das Centro historico, viele von ihnen gerade nicht zum Flanieren oder Kaffeetrinken. Befragungen zufolge kaufen an die 80 Prozent der Chilangos regelmäßig "auf der Straße" ein.

Fußnoten

4.
Siehe hierzu den Dokumentarfilm von Boris Gilsdorff, Raphael Schapira und Steffen Mayer auf der Website der von der Verfasserin geleiteten Stadtforschungsexkursion "Wem gehört die Metropole?", online: http://prof08b.lai.fu-berlin.de/metropole/index.php? (13.9.2011).

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

Mehr lesen