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26.9.2011 | Von:
Marianne Braig

Hinterhof der USA? Eine Beziehungsgeschichte

Historische Wurzeln: Gespaltene Amerikas

Die Erfahrungen Süd- und Mittelamerikas mit den USA sind geprägt von Annexion, Intervention und kultureller Polarisierung; zugleich gab es aber auch immer wieder Versuche, eine gemeinsame Geschichte der Befreiung vom europäischen Kolonialismus und vom Kampf für Unabhängigkeit zu entwerfen. Für die Entgegensetzung der Amerikas und die Wahrnehmung Mexikos als "Hinterhof der USA" sind Verlust- und Gewalterlebnisse zentral: Bereits 1811 legalisierte der US-Kongress nachträglich die Besetzung spanischen Territoriums durch angloamerikanische Siedler, 1845 folgte die Annexion von Texas, und bis 1848 verschoben die USA ihre südliche Staatsgrenze schließlich bis zum Rio Grande. Mit dem Frieden von Guadelupe Hidalgo (1848) gingen Texas, New Mexico, Arizona, Kalifornien, Nevada und Utah sowie Teile von Wyoming, Colorado und Oklahoma endgültig in US-amerikanisches Staatsgebiet über. Nach dieser Aneignung großer Teile des mexikanischen Territoriums lehnte der damalige US-Prsident James R. Polk (1845-1849) ein weiteres Vordringen in das "Herz Mexikos" jedoch entschieden ab. Neben den finanziellen Risiken einer Okkupation wies er dabei vor allem auf die kulturellen Differenzen jenseits des Grenzflusses hin und setzte sich damit gegen diejenigen Stimmen durch, die ganz Mexiko besetzen wollten. Der Rio Bravo (so die mexikanische Bezeichnung des Flusses) wurde somit als geokulturelle Grenze zwischen den Amerikas markiert.

Zugleich tauchte im 19. Jahrhundert die Vorstellung einer Einheit der westlichen Hemisphäre in den politischen Diskursen auf und wurde mit dem Ideal eines Panamerika verbunden. Die Bewunderung für die Befreiung der nordamerikanischen Kolonien von England 1776 und speziell für den ersten US-Präsidenten George Washington (1789-1797) unter den Unabhängigkeitsbewegten im Süden sowie die rasche Anerkennung der unabhängig gewordenen Republiken durch die USA beförderten die Bestrebungen, die Beziehungen zu vertiefen und interamerikanische Konferenzen anzustoßen. Doch erst 1889 gelang es, den ersten Panamerikanischen Kongress in New York abzuhalten, bei dem, mit Ausnahme der Dominikanischen Republik, alle Staaten der westlichen Hemisphäre vertreten waren. Doch die im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 deutlich zutage tretende expansionistische Interessenpolitik der USA gab nachträglich all denjenigen Recht, die vor der wirtschaftlichen Übermacht und dem politischen und militärischen Imperialismus des nördlichen Nachbars gewarnt hatten, wie etwa der kubanische Dichter José Martí. In diesem Rahmen konnte es also keine gemeinsame Interessensphäre aller Nationen in den Amerikas geben. Die "Neue Welt" war fortan zweigeteilt, und Mexiko sowie andere Staaten Mittelamerikas und der Karibik wiesen alle Merkmale auf, die sie in den "Hinterhof der USA" verwiesen, waren die entstehenden Republiken doch nicht in der Lage, dauerhaft für Stabilität und Sicherheit zu sorgen.

So war Mexiko am 21. September 1821, als es seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte, weit davon entfernt, seine Souveränität nach innen oder außen durchsetzen zu können. Angesichts der fehlenden Staatsmacht und der ständigen bewaffneten lokalen Rebellionen und Auseinandersetzungen wurde die politische Szene von militärischen caudillos beherrscht: regionalen Chefs bewaffneter Banden, deren Bedeutung mit jedem Konflikt zunahm, insbesondere während ausländischer Interventionen.[3] Aus der Sicht des Südens war die "Neue Welt" gespalten in einen imperialen Norden auf der einen und eine Vielfalt von Völkern, die um ihre Würde kämpften, auf der anderen Seite. Aus der Perspektive des Nordens wiederum standen der Demokratie und der Freiheit des Handels revolutionäre, nationale Bewegungen und autoritäre Regime im Süden gegenüber. Hieraus ergebe sich, so schrieb der New Yorker Journalist John L. O'Sullivan 1845 im "Democratic Review", die "offenkundige Bestimmung" (manifest destiny) der US-amerikanischen Nation, "sich auszubreiten und den gesamten Kontinent in Besitz zu nehmen, den die Vorsehung uns für die Entwicklung des großen Experimentes Freiheit und zu einem Bündnis vereinigter Souveräne anvertraut hat". Den Expansionsbestrebungen des Nordens lieferte O'Sullivan damit eine wirkmächtige ideologische Rechtfertigung.

Die Zweiteilung der Amerikas wurde in unterschiedlicher Weise von beiden Seiten vorangetrieben. Die USA verstrickten sich in einen Widerspruch zwischen der eigenen revolutionären Tradition und einer Außenpolitik, die problemlos mit reaktionären und konterrevolutionären Kräften im Süden kooperierte. Während die revolutionäre Tradition durchaus die Anrufung eines gemeinsamen emanzipativen Ursprungs ermöglichte, zerstörte die von den USA betriebene "Hinterhofpolitik" jedoch eine Kooperation unter Gleichen.

Fußnoten

3.
Der mexikanische Prototyp dieser überall in Lateinamerika beheimateten politischen Figur war Antonio Lopez de Santa Anna: Unter anderem dank seiner Beteiligung an der Niederschlagung des Versuches einer reconquista durch die Spanier 1829 als nationaler Held gefeiert, erwies er sich während seiner autoritären Herrschaft als Präsident (1853-1855) in allen Bereichen als unfähig, was anarchistische Zustände im Land zur Folge hatte.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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