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26.9.2011 | Von:
Marianne Braig

Hinterhof der USA? Eine Beziehungsgeschichte

Scheitern der "Latinität"

Die Europäer wiederum, die aus der westlichen Hemisphäre der unabhängigen Republiken herausgehalten werden sollten (Monroe-Doktrin[4] ), versuchten sich auch noch nach der Unabhängigkeit in die Aufteilung des Doppelkontinents einzumischen. Bereits der französische Publizist Alexis de Tocqueville hatte bei seinen Reisen zwei sehr unterschiedliche Amerikas wahrgenommen. Er war es auch, der zusammen mit dem Ökonomen Michel Chevalier die Idee eines lateinischen, über Europa hinausgreifenden Kulturkreises oder von einer race latine unterstützte, die auch in außereuropäischen Regionen, insbesondere in Amerika, zu verorten wäre. Damit verband er zugleich die Warnung vor einer Expansion der USA und vor der Gefahr eines Konflikts entlang der Scheidelinie zwischen dem lateinischen und dem angelsächsischen Amerika. Mit der US-amerikanischen Annexion von Texas 1845 sah man in Frankreich diese Befürchtungen bestätigt. Der französische Außenminister François Pierre Guillaume Guizot formulierte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, die race latine nicht allein in Europa, sondern auch in Amerika zu schützen, damit sie nicht unter das Joch der Angelsachsen komme.[5] Doch erst unter der Herrschaft Napoleons III., im "Seconde Empire" (1852-1870), wurde die "Latinität" in Frankreich zunehmend politisiert und mit geostrategischen Überlegungen verbunden.

Mit der französischen Intervention in Mexiko von Januar 1862 bis März 1867, die mit der Hinrichtung des vom französischen Monarchen unterstützten Kaisers Maximilian (1864-1867) endete, erlebte die Konstruktion einer transatlantischen race latine jedoch ihr Fiasko. Der unmittelbare Anlass für das koloniale Abenteuer waren kommerzielle Interessen Frankreichs, etwa die Eintreibung höchst dubios begründeter Schulden. Die weitergehenden geopolitischen Motive Frankreichs zielten eindeutig darauf, im Wettlauf mit den USA zu bestehen und Mexiko im eigenen Einflussbereich zu verankern, bevor die USA die Vorherrschaft über den ganzen Kontinent erlangen konnten. Für viele Mexikaner war es dabei geradezu tragisch zu erfahren, dass die beiden Länder, die ihnen ideologisch am nächsten waren, die USA und Frankreich, offenbar nur ihre eigenen Interessen verfolgten und versuchten, an die Stelle Spaniens als Kolonialmacht zu treten. Die Gelegenheit für die Franzosen schien günstig zu sein: Die USA waren während des Bürgerkriegs ab 1861 außenpolitisch weitgehend handlungsunfähig und konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, ihre gegen die europäischen Kolonialmächte formulierte Monroe-Doktrin militärisch nicht durchsetzen. Legitimiert wurde das militärische Abenteuer von Napoleon III. mit der Behauptung, einen gemeinsamen lateinischen Kulturkreis beschützen zu müssen. Zugleich bemühte man sich auch über wirtschaftspolitische Maßnahmen um eine stärkere Integration. Die Zollunion der lateinischen Länder und die Gründung einer Union Monétaire Latine 1865 in Paris waren jedoch ebenso wenig erfolgreich wie die militärische Intervention der Franzosen in Mexiko.

Ende des 19. Jahrhunderts war das mit der französischen Außenpolitik eng verbundene Projekt der "Latinität" gescheitert. Allerdings bedeutete dies in keiner Weise das endgültige Aus dieser Idee und der damit verbundenen Abgrenzung gegenüber der angelsächsischen Kultur. Im Gegenteil: Durch die Aneignung im Diskurs lateinamerikanischer Intellektueller im Begriff "Lateinamerika" gewannen beide, die "Latinität" und ihre Frontstellung gegenüber dem "Angelsächsischen", im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine neue Bedeutung, die mit Überlegenheitsgefühlen der europäisierten Intellektuellen des Südens gegenüber dem pragmatischen Norden einherging. Zugleich erfährt der Begriff bis heute eine andauernde Karriere und Ausweitung und reicht mit der Zuschreibung latinos für die spanischsprachige Bevölkerung weit nach Nordamerika hinein.

Fußnoten

4.
Mit der Doktrin formulierte US-Präsident James Monroe (1817-1825) 1823 ein Angebot an die europäischen Kolonialmächte, sich nicht in europäische Revolutionsprozesse einzumischen, um zugleich von ihnen zu fordern, von Versuchen der Rekolonialisierung der Neuen Welt Abstand zu nehmen.
5.
Vgl. Frank Ibold, Die Erfindung Lateinamerikas. Die Idee der latinité im Frankreich des 19. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die Eigenwahrnehmung des südlichen Amerika, in: Hans-Joachim König/Stefan Rinke (Hrsg.), Transatlantische Perzeptionen. Lateinamerika - USA - Europa in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 1998, S. 80.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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