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26.9.2011 | Von:
Marianne Braig

Hinterhof der USA? Eine Beziehungsgeschichte

Interventionen aufgrund chronic wrongdoing

Freilich, das Argument einer möglichen innenpolitischen Destabilisierung der USA im Zuge einer Intervention in einen anderen Kulturkreis sorgte nicht für grundsätzliche Zurückhaltung. Im Gegenteil: In einer der einflussreichsten Reinterpretationen der Monroe-Doktrin, dem 1904 von US-Präsident Theodore Roosevelt (1901-1909) formulierten "Roosevelt Corollary of the Monroe Doctrine", wurde die Notwendigkeit einer Intervention in andere Staaten (gerade auch jenseits der im Mexiko-Krieg konstruierten geokulturellen Grenze) mit der Fehlerhaftigkeit und dem Versagen staatlicher Institutionen jenseits dieser Grenze begründet: "Chronic wrongdoing, or an impotence which results in a general loosening of the ties of civilized society, may in America, as elsewhere, ultimately require intervention by some civilized nations, and in the Western hemisphere, the adherence of the United States to the Monroe Doctrine may force the United States, however reluctantly, in cases of wrongdoing or impotence, to the exercise of the international police power."[6]

Zielte die Monroe-Doktrin zunächst darauf ab, die eigene politische Sphäre gegen die der "Alten Welt" abzugrenzen, also eine westliche Hemisphäre frei von Kolonialisierungsbestrebungen und Interventionen zu schaffen, so führten ihre Weiterentwicklungen dazu, dass die USA ein exklusives Interventionsrecht in inneramerikanische Angelegenheiten für sich beanspruchten - erst recht, wenn es darum ging, für Recht und Ordnung im eigenen "Hinterhof" zu sorgen. Diese Politik richtete sich nicht allein gegen mögliche Interventionen europäischer Staaten, sondern gegen jede Art von politischen Bewegungen, die den Interessen der USA zuwider liefen - auch innerhalb der lateinamerikanischen Staaten selbst.

Dies wird bereits in der Reaktion Washingtons auf die Mexikanische Revolution (1910-1917) und die postrevolutionäre Entwicklung deutlich. Dabei waren es weniger die revolutionären Auseinandersetzungen, die Anstoß erregten - vor diesen wussten beispielsweise die ausländischen Erdölproduzenten ihre Ölquellen zu schützen. Es war vor allem die mexikanische Verfassung von 1917 mit ihrem Artikel 27, der unterschiedliche Eigentumsformen, die Enteignung von Privateigentum sowie die Nationalisierung der Bodenschätze ermöglichte, die immer wieder zu Konflikten und zu einer Mexikopolitik unter dem Motto führte: "watching them narrowly and insisting that they shall take help when help is needed".[7] Mexiko war jedoch nicht allein wegen seiner unmittelbaren Nachbarschaft unter besonderer Beobachtung, sondern der "revolutionäre Nationalismus" des politischen Regimes galt vielen in den USA als eine Infragestellung US-amerikanischer Ordnungsvorstellungen. Um die Dramatik der Abgrenzung zu unterstreichen, wurden Vergleiche mit dem revolutionären Russland keineswegs gescheut. Franklin K. Lane, zu jener Zeit Innenminister der USA, sah gar eine Doppelbedrohung, auf die mit einer Neubestimmung des Selbstbestimmungsrechts, zumindest für rückwärtsgewandte Völker, reagiert werden müsse: "When I say that Russia may go her own way, and Mexico hers, I say so with a sense that I have a right in Russia and in Mexico, and also a right to see that they do not go their own way to the extent of blocking my way to what of good they hold. (...) That is why we are talking of backward peoples and recognizing for them another law of self-determination, a leading-string law."[8] Erst als die mexikanische Regierung versprach, die umstrittene Passage aus der Revolutionsverfassung nicht anzuwenden, erkannten die USA 1923 den mexikanischen Präsidenten Álvaro Obregon (1920-1924) an.

Als Präsident Lázaro Cárdenas (1934-1940) die Nationalisierung des Besitzes der US-amerikanischen und britischen Erdölgesellschaften wieder auf die Tagesordnung brachte, fürchtete die US-Regierung unter Franklin D. Roosevelt (1933-1945), dass andere lateinamerikanische Staaten diesem Beispiel folgen könnten. Zwar konnte 1941 ein Kompromiss ausgehandelt werden, aber insgesamt blieb die containment-Strategie gegen revolutionäre Bewegungen für die US-amerikanische Lateinamerikapolitik bestimmend. Erst nach dem Sieg der kubanischen Revolution 1959 suchte die von Präsident John F. Kennedy (1961-1963) geführte Regierung unter dem Motto "Allianz für den Fortschritt" eine engere Zusammenarbeit mit dem südlichen Amerika. Der new approach umfasste neben Hilfsprogrammen zur Unterstützung der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Lateinamerikas auch eine diskursive Rückbesinnung auf gemeinsame historische Erfahrungen. Dabei appellierte der US-Präsident an eine gemeinsame Geschichte: "Our continents are bound together by a common history, the endless exploration of new frontiers. Our nations are the product of a common struggle, the revolt from colonial rule. And our people share a common heritage, the quest for dignity and the freedom of man."[9] Doch dieser neue Ansatz sollte nicht von allzu langer Dauer sein.

Fußnoten

6.
Zit. nach: Martin Sicker, The Geopolitics of Security in the Americas. Hemispheric Denial from Monroe to Clinton, Westport 2002, S. 61. Ähnlich wurde während des Krieges mit Mexiko argumentiert. "Mexico's failure to improve California, a land of Eden, was attributed to an incompetent local bureaucracy, degenerating into a state of anarchy, and to a slothful population." Zit. nach: Frederick Merk, Manifest Destiny and Mission in American History. A Reinterpretation, Cambridge, MA 1963.
7.
US-Präsident Woodrow Wilson (1913-1921) zit. nach: P. Edward Haley, Revolution and intervention. The diplomacy of Taft and Wilson with Mexico, 1910-1917, Cambridge, MA 1970, S. 138.
8.
Zit. nach: Hans-Jürgen Schröder, Amerika als Modell? Das Dilemma der Washingtoner Außenpolitik gegenüber revolutionären Bewegungen im 20. Jahrhundert, in: Erich Angermann (Hrsg.), Revolution und Bewahrung. Untersuchungen zum Spannungsgefüge von revolutionärem Selbstverständnis und politischer Praxis in den Vereinigten Staaten von Amerika (HZ Beiheft 5), München 1979, S. 221.
9.
Ebd., S. 234.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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