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26.9.2011 | Von:
Marianne Braig

Hinterhof der USA? Eine Beziehungsgeschichte

Fatale Nähe

"Pobre México, tan lejos de Dios y tan cerca de los Estados Unidos." ("Armes Mexiko, so fern von Gott und den Vereinigten Staaten so nah.") Für eine Charakterisierung der Beziehungen zwischen den USA und Mexiko kommt man wohl ohne dieses bekannte Zitat des mexikanischen Diktators Porfirio Díaz (Präsident 1877-1880 und 1884-1911) nicht aus. Damit wird zugleich auf die Differenz und die Abhängigkeit von den USA verwiesen, in der sich die mexikanische Politik und Gesellschaft bewegt.

Die mexikanische Republik hat sich seit ihrer Gründung stets als souveräner Staat und nicht als Hinterhof des nördlichen Nachbarn gesehen und lange Zeit die Abhängigkeit zu überspielen versucht bzw. einen pragmatischen Umgang mit dieser praktiziert. Nach der Vertreibung der napoleonischen Truppen und erst recht nach der Mexikanischen Revolution beruhte das außenpolitische Verständnis der Republik auf der Doctrina Juárez, die das Selbstbestimmungsrecht der Nationen einfordert.[10] Vor allem während der Präsidentschaft von Luis Echeverría (1970-1976) wurden die Bemühungen um eine prononcierte, eigenständige Außenpolitik verstärkt. So positionierte sich Mexiko in dieser Zeit nicht nur als Teil Lateinamerikas, sondern ganz bewusst auch als Teil der "Dritten Welt" und versuchte sich als Sprecher der "Blockfreien" für die damit verbundenen Interessen zu profilieren. Washington schaute distanziert, wenn nicht gar irritiert auf den südlichen Nachbarn, der sich aus der Warte der USA angesichts der auch schon lange vor dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) bestehenden, engen wirtschaftlichen Verflechtungen und der zunehmenden Migration undankbar, ja feindlich gerierte. Trotz durchaus vorhandener antiamerikanischer Gefühle ließen sich die Mexikaner in ihren Beziehungen zu den USA hauptsächlich von Pragmatismus leiten. Die mexikanische Diplomatie sucht traditionell einen professionellen Umgang mit dem Hegemon des Kontinents.

Diese Praxis galt es in den 1990er Jahren den neuen Gegebenheiten einer globalisierten Welt anzupassen, in die Mexiko über rasch wachsende legale und illegale Wirtschafts- und Migrationsbeziehungen zu den USA eingebunden wurde. Nicht nur wurde die bereits in den 1980er Jahren begonnene außenwirtschaftliche Öffnung massiv vorangetrieben; zugleich wurden auch wirtschaftspolitische Vorstellungen der USA übernommen, was einen Bruch mit den in Lateinamerika lange Zeit stark verankerten Praxen der Importsubstitution und der Abgrenzung der eigenen Volkswirtschaft nach außen bedeutete. Viele Südamerikaner wiederum glaubten daraufhin, die Mexikaner könnten nun dem südlichen Teilkontinent den Rücken kehren.

Die ökonomische Einbindung des mexikanischen Territoriums in den Norden vollzog sich in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Etappen. Die seit 1994 durch das NAFTA bestehende Nordamerikanische Freihandelszone ist ganz im angelsächsischen Sinne der freien Beweglichkeit von Waren und Dienstleistungen verpflichtet; die freie Beweglichkeit der Menschen versuchte man aus den Vereinbarungen und von der Grenze fernzuhalten. Vorausgegangen war das mexikanische Grenzindustrieprogramm von 1965, in welchem eine 12,5 Meilen breite Sonderzone entlang der 3141 Kilometer langen Grenze zu den USA festgelegt worden war.[11] Das Programm sollte die hohe Arbeitslosigkeit in den Grenzregionen bekämpfen, indem ausländischen Investitionen eine Sonderbehandlung außerhalb des mexikanischen Arbeits- und Sozialrechts zugebilligt wurde. Der Grenzraum zog weitere Migration an und verwandelte zahlreiche twin cities an der Grenze zu boomenden Industrie- und Dienstleistungszentren. Von diesen gingen in den vergangenen Jahren nicht nur stärkere ökonomische, sondern auch kulturelle Impulse aus.

Darüber hinaus ist es den USA in jüngerer Zeit gelungen, Mexiko nicht nur ökonomisch über die Nordamerikanische Freihandelszone, sondern auch geostrategisch in die hemisphärische Konstruktion eines neuen North America einzubeziehen. Dieses neue Nordamerika ist Teil einer veränderten Sicherheitsperspektive auf die Amerikas,[12] ein Blick, der den Kontinent neu aufteilt und Mexiko, jenseits des "Hinterhofs", die Funktion eines Schleusen- und Grenzraums gegenüber Südamerika zuweist. Aus der Perspektive des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums gehört Mexiko seit 2002 zum "Northern Command" bzw. "NorthCom" und bildet damit Teil der homefront. Ins Visier geraten dabei weniger feindliche Staaten als vielmehr Individuen. Es geht um die Kontrolle illegaler und illegalisierter Bewegungen von Menschen und Waren, von Migranten, Terroristen und Drogen.

Legitimiert durch verschiedene Sicherheitsdiskurse wurden in den USA in den 1990er Jahren massive Ressourcen für Grenzschutzprogramme wie "Operation Gatekeeper" (in Kalifornien), "Operation Hold-the-Line" (in Texas) und "Operation Safeguard" (in Arizona) mobilisiert. Gleichzeitig wurde im Rahmen des "Plan Sur" begonnen, den mexikanischen Süden in einen befestigten Grenzraum zu verwandeln. Dennoch sind die Erfolge des rebordering der lange Zeit relativ offenen Grenze zwischen den USA und Mexiko empirisch kaum festzustellen. Denn trotz deutlich verstärkter Grenzkontrollen, technischer Aufrüstung, Zaun- und Mauerbau und einer gewachsenen Zahl von im Grenzraum aufgegriffenen und zurückgeschickten Personen steigt der Anteil der in Mexiko geborenen Menschen in den USA.[13]

Fußnoten

10.
Die Doctrina Juárez geht zurück auf eine im Juli 1867 gehaltene Rede des Präsidenten Benito Juárez (1861-1872).
11.
Dieses war als Ersatz für das 1951 unterzeichnete und 1964 durch den US-amerikanischen Kongress nicht mehr verlängerte Bracero-Abkommen gedacht. Dieses hatte die saisonale Arbeitsvermittlung von mexikanischen, hauptsächlich männlichen Arbeitskräften in die USA rechtlich geregelt und Tausenden von Arbeitsmigranten zeitweilig ein Einkommen gesichert.
12.
Vgl. Marianne Braig/Christian Baur, "¿Hemisferio occidental dividido?" O bien: ¿Hasta donde llega México?, in: Iberoamericana, 5 (2005) 20, S. 109-126.
13.
Vgl. Andrés Solimano, International Migration and the Age of Crisis and Globalization, New York 2010, S. 129.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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