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26.9.2011 | Von:
Marianne Braig

Hinterhof der USA? Eine Beziehungsgeschichte

Verflechtung und Spaltung

Folgt man dem argentinischen Kulturwissenschaftler Hector García Canclini, erleben die Lateinamerikaner Globalisierungsprozesse anders als ihre nördlichen Nachbarn.[14] Aus einer Perspektive von unten geht es, wie der Soziologe Ludger Pries es ausdrückt, um die "Transnationalisierung der sozialen Welt".[15] Eine solche findet an vielen Orten statt, diesseits und jenseits des Rio Bravo. Transmigrationsprozesse zum Beispiel ziehen nicht allein Verbindungslinien zwischen indianischen Dörfern im Süden und ländlichen Regionen oder städtischen Slums weit im Norden, sondern sie verändern die Räume an den Staatsgrenzen, am deutlichsten sichtbar in den wachsenden twin cities an der US-mexikanischen Grenze.[16] Sie sind geprägt durch die Bewegungen und Lebensweisen der zahlreich - legal oder illegal - in den USA lebenden Migranten und ihren Überweisungen in die mexikanische Heimat. Die damit verbundenen politischen Themen prägen neue grenzüberschreitende Politikfelder, so genannte intermestics, aber auch die Wahlkämpfe auf beiden Seiten. In wachsendem Maße werden die Stimmen der latinos in den USA als entscheidend wahrgenommen. US-amerikanische Organisationen, etwa Gewerkschaften, haben sich in den vergangenen Jahren durch den Zuwachs lateinamerikanischer Mitglieder, viele auch ohne legale Aufenthaltsgenehmigung, massiv verändert.

Umgekehrt erobern US-amerikanische Organisationen wie die evangelikalen Kirchen und andere religiöse Gruppierungen den Süden des Kontinents und verändern den Alltag und die sozialen Praxen von immer mehr Menschen. Schätzungen zufolge haben sich heute mehr Lateinamerikaner in kleinen "Sekten" oder "Mega-Kirchen" den auch weltlichen Wohlstand verheißenden Evangelikalen zugewandt, als seinerzeit Katholiken in Europa im Zuge der Reformation protestantisch wurden. In Mexiko scheint der Anteil dieser Konvertiten an der mehrheitlich katholischen Bevölkerung noch geringer als in anderen mittel- und südamerikanischen Ländern zu sein; doch gerade im Süden, wie im Bundesstaat Chiapas, der einen hohen Anteil indianischer und armer Bevölkerung hat, ist der offizielle Anteil der Nicht-Katholiken inzwischen auf 21 Prozent angestiegen.[17]

Eine weitere Transnationalisierung der sozialen Welt lässt sich im Konsumbereich beobachten. Schmuggel, Produktpiraterie und Produktfälschung stellen nicht allein Einkommensquellen dar, sondern vor allem erlauben sie dem wachsenden Teil der armen Bevölkerung Lateinamerikas am Konsummodell der westlichen Welt teilzuhaben. Unabhängig davon, ob die Produkte nun direkt in Mexiko-Stadt oder Lima produziert oder aus China legal oder illegal eingeführt werden, prägen sie den Konsum der Menschen und verändern zugleich das Straßenbild der großen lateinamerikanischen Städte.

Die seit Jahrzehnten rasch wachsende Verflechtung zwischen mexikanischen und US-amerikanischen Orten wird vor allem durch den Transit von Kokain und anderen Drogen befördert, die für den Konsum in den USA bestimmt sind. Durch das Territorium Mexikos laufen dabei nicht nur die Hauptrouten zwischen Süd- und Nordamerika, sondern auch Gewalt und Konsum haben in Mexiko massiv zugenommen. Auch wenn die mexikanische Regierung immer wieder darauf verweist, dass der Drogenkonsum in den USA sowie der Verkauf US-amerikanischer Waffen an mexikanische Drogenbanden Teil eines gemeinsamen Problems sind, welches auch gemeinsamer Lösungen bedarf, versuchen die US-amerikanischen Akteure über die Mérida Initiative[18] das Problem möglichst wieder in ihren "Hinterhof" zu verbannen.

Jenseits der Gegenüberstellung angelsächsischer und lateinamerikanischer Kulturkreise entstehen durch diese und viele andere transnationale Verflechtungsprozesse sogenannte zonas de negociacion transnacional (Räume transnationaler Aushandlungsprozesse). Diese schaffen neue mentale Landkarten und verändern die Beziehungen der Menschen in den Amerikas zueinander weit jenseits nationalstaatlicher Grenzziehungen. Doch trotz der zunehmenden Verflechtung scheint aus einer entangled history eher eine geteilte Zukunft geworden zu sein.

Fußnoten

14.
Vgl. Hector García Canclini, Latinoamericanos buscando lugar en este siglo, Buenos Aires 2002, S. 12.
15.
Ludger Pries, Die Transnationalisierung der sozialen Welt, Frankfurt/M. 2008.
16.
Vgl. ebd., S. 10.
17.
Vgl. Gerhard Kruip, Religion, Kirche und Staat, in: Walter L Bernecker et al. (Hrsg.), Mexiko heute. Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt/M. 2004, S. 152.
18.
Die Mérida Initiative ist ein Sicherheitsabkommen zwischen den USA, Mexiko und anderen zentralamerikanischen Ländern, um das organisierte Verbrechen und insbesondere den Drogenhandel südlich des Rio Bravo zu bekämpfen. Das von US-Präsident George W. Bush (2001-2009) initiierte und 2008 vom Kongress verabschiedete Abkommen sieht vor allem die Lieferung technischer Ausrüstung an die mexikanischen Militär- und Polizeikräfte vor.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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