Warnschild, Risiko, Gefahr

Redaktion am 09.02.2016

Nie wieder "normal" arbeiten!

In der Debatte um Arbeit geht es doch eigentlich um eine entscheidende Frage: Wie wollen wir leben? Wir haben drei Menschen getroffen, die ihre ganz persönliche Antwort darauf gefunden haben: als Karriereverweigerer, Selbstständigkeits-Enthusiastin oder Digitalnomaden.

Arbeit, Zukunft, Selbstverwirklichung, Gründung, Selbstständigkeit, Digitalisierung, Flexibilisierung, Arbeit 4.0Sollten wir darüber nachdenken, wie wir arbeiten? Lizenz: cc by-sa/2.0/de (CC, Zoning at the office von Simon Law Simon Law)

Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Und dennoch bestehen sie noch, die alten Strukturen: die 40-Stunden-Woche, Agenturprogramme, die wie digitale Stechuhren funktionieren, Großraumbüros. Durch die Digitalisierung hat sich die Arbeit verändert, wird an einigen Stellen weniger. Auf der anderen Seite müssen in einer alternden Gesellschaft immer weniger junge Menschen die Versorgung immer mehr alter Menschen schultern. Werden wir in Zukunft also trotz digitaler Technologien mehr arbeiten? Oder weniger? Genauso viel? Fest steht: Die Arbeitswelt wird sich verändern.

Wir stellen drei Lebensentwürfe vor, die die Zukunft der Arbeit bereits in sich tragen. Sie arbeiten arbeitsplatzungebunden, selbstständig, als Digitalnomaden oder Crowdworker/-innen. Sie sind vor allem gelebte Haltungen zur Arbeit, Einstellungen, die sich im Arbeitsalltag dieser Menschen manifestieren. Aber wie zukunftsfähig sind ihre Arbeitsmodelle?

Ein neues Verständnis von Arbeit entwickeln



Patrick Spät hat ein Ziel. Er will die Gesellschaft zum Umdenken bewegen. Für diesen Zweck ist er durchaus auch bereit, selbst Arbeit zu investieren. Stolze fünf Bücher veröffentlichte der in Berlin lebende freie Journalist und Autor seit 2010. Die Kernbotschaft lautet stets: Unser heutiges Verständnis von Arbeit ist grundlegend falsch. Er sieht die Zeit gekommen, den in den Köpfen verankerten Arbeitsfetisch ein für alle Mal zu verabschieden.

Das ist auch das Anliegen des Haus Bartleby, zu dessen Mitgliedern Spät sich in der Gründungsphase noch zählte, das sich selbst Zentrum für Karriereverweigerung nennt und zunächst nur online existierte, mittlerweile aber auch reale Räumlichkeiten unterhält. Laut der manifestartigen Selbstbeschreibung ist den Menschen rund um das Haus Bartleby "Arbeit, wie wir sie kennen, […] eine Krankheit und Eigentum, wie wir es vorfinden, […] ein Verbrechen in historischer Dimension". Das Haus Bartleby verstehe sich als Platz, an dem sich Menschen mit ähnlichen Ideen austauschen können – als "Lobby der Freien Menschen".

"Insgeheim streben wir nach Faulheit", ist Patrick Spät überzeugt. Laut ihm müssen wir unser Wirtschaftssystem und unser Verständnis von Arbeit grundlegend überdenken. Mehr Genossenschaften, mehr kooperatives Arbeiten, weniger Arbeit um der Arbeit Willen.



Es gibt keine schlechte Arbeit, sondern nur miese Jobs



Eine ganz andere Einstellung zur Arbeit hat Catharina Bruns. Auch sie hat mit "Work is not a job: Was Arbeit ist, entscheidest du!" bereits ein Buch zum Thema veröffentlicht. Ein Gegenentwurf zu den Karriereverweigerern vom Haus Bartleby: Für Bruns ist Arbeit alles. Und damit eben kein Job, den man halbherzig ausführt, um Geld zu verdienen, sondern eine Tätigkeit mit Verantwortung.

Dass Arbeit immer noch größtenteils als angestellte Erwerbsarbeit wahrgenommen wird, sei ein Fehler. Denn Arbeit ist viel mehr als die Aneinanderreihung schlechter Jobs. Bruns glaubt an Arbeit, die nicht an Personalabteilungen vorbei muss und für die man keine Vorstellungsgespräche braucht – Catharina Bruns glaubt an die Selbstständigkeit. Die Annehmlichkeiten einer Festanstellung bedeuten ihr nichts und sie sagt, seit sie selbstständig ist, will sie ihre Arbeit gar nicht mehr von ihrem Leben trennen. Schließlich sei es ja auch ein ziemlich schlechter Deal, sich fünf Tage die Woche mit etwas zu beschäftigen, mit dem man am Wochenende nichts zu tun haben möchte. Ihrer Meinung nach haben alle Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand – und wir alle sollten selbstverantwortlicher handeln, um glücklich und selbstbestimmt arbeiten zu können.

Ein ganz gewöhnliches Angestelltenverhältnis – davon hatte Catharina Bruns irgendwann genug. Sie will immer über das bestimmen, was sie unmittelbar betrifft. Dies gilt vor allem für ihr Arbeitsleben. Mit der Gründung ihres eigenen Unternehmens hat sie einen Weg gefunden, diesen Wunsch zu realisieren.



Beachoffice statt Homeoffice



Glücklich und selbstbestimmt wirken auch Felicia Hargarten und Marcus Meurer. Während unseres Interviews sitzen sie gerade in Brasilien am Strand. Weil sie gerne Kitesurfen. Die beiden sind Digitale Nomaden, leben und arbeiten von da, wo sie gerade sein möchten. Und benötigen dafür nur eins: funktionierendes Internet. Feste Arbeitszeiten und eigene Büros brauchen sie nicht mehr. Beide hatten vorher eine Festanstellung, Nine-to-Five-Bürojobs und irgendwann keine Lust mehr, immer nur auf den nächsten Urlaub warten zu müssen. Jetzt sind sie Reiseblogger/-in, Online-Unternehmer/-in und Event-Manager/in. Und immer unterwegs.

Auch sie haben eine sehr spezielle Einstellung zu Arbeit. Arbeit ist für die beiden etwas, wofür man brennen muss. Etwas, das Leidenschaft verlangt, aber nicht weh tut. Ähnlich wie Catharina Bruns haben auch sie sich für die Selbstständigkeit entschieden und wollen diese selbstbestimmte, teilweise aber auch unsichere und komplizierte Arbeits- und Lebensweise nicht mehr gegen eine Festanstellung tauschen. Nur Versicherungssysteme und Verwaltung bereiten den beiden Digitalnomaden ab und zu Probleme. Während sie die Zukunft der Arbeit bereits leben, hinkt die Bürokratie eben noch hinterher, sagen sie.
"Arbeiten wo andere Urlaub machen" – dieser alte Spruch aus der Hotelbranche gilt auch für unsere beiden Interviewpartner Felicia Hargarten und Marcus Meurer. Sie ziehen rund um die Welt und erledigen ihre Arbeit als Digitalnomaden dort, wo es ihnen gerade so gefällt. Das einzig Notwendige: ein funktionierender Internetanschluss. Im Skype-Gespräch verrieten sie uns mehr über die Vorzüge dieses Arbeitsmodells, berichteten aber auch von dessen Schattenseiten.



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Kommentare anderer Nutzer

Sinan R. | 09.02.2016 um 19:53 [Antworten]

Diversifizierung der Arbeitsmodelle

Eine gelungene Interviewreihe zur Pluralisierung und zum Sinneswandel in der Arbeitswelt in Zeiten der Digitalisierung.

Immer mehr Menschen erkennen, wie vereinnahmend die traditionellen Arbeitsverhältnisse sind und wenden sich alternativen Möglichkeiten zu - ob Freelancing, Crowdworking, Nomandentum oder Selbständigkeit. Was in weiten Teilen der Bevölkerung noch als 'atypisches' Beschäftigungsverhältnis mit einiger Befremdung belächelt wird, ist des Anderen ultimative Freiheit und Selbstverwirklichung.

Es ist begrüßenswert, sich von den Zwängen und Normen des Arbeitsmarkts zu befreien, wenn wir eine aufgeklärte, unabhängige und global wettbewerbsfähige Gesellschaft haben wollen - aber es bleiben neben der Offenbarung emanzipatorischer Ideale zum Verständnis der Arbeit und dem Tonus hipper Anglizismen grundlegende Fragen offen - was ist der harte Kern der Erwerbsfähigkeit, woher kommt das Geld für ein menschenwürdiges, nicht-prekäres Leben?

Der Hype um das digitale Nomadentum hat bisweilen bizarre Ausmaße angenommen - die Informationen über die Dienstleistungen denn anders kann man das nicht nennen, die die digitalen Nomaden verkaufen, bleiben immer etwas diffus auf der Strecke.

Blogs monetarisieren, durch Clicks und Werbung auf den Seiten mühsam und langwierig Cents zusammenkratzen, ein bisschen Webdesign hier und anstrengendes Affiliate-Marketing da und wenn man wirklich Glück hat und seine ganze Kraft zum Aufbau einer Marke verwendet hat, kommt man auf knapp 1000€ im Monat, da muss man dann eben auf Auto, eine feste Mietwohnung etc. verzichten, genauso schildern es viele digitale Nomaden dann.

Auch sehr fragwürdig - Camps für digitale Nomaden, mit denen die selben Geld verdienen. Man baut ein mehrtägiges Event auf, viele Journalisten werden eingeladen, die über digitales Nomadentum berichten, enthusiastische Interviews, die Produktion neuer digitaler Nomaden, die ihrerseits Seminare geben - das erinnert stark an ein medial aufgepeitschtes Schneeballsystem - doch ich lasse mich auch gern eines Besseren belehren.

Insgesamt jedoch eine progessive Grundeinstellung zur Zukunft der Arbeit.

Witte | 11.02.2016 um 09:52 [Antworten]

Schöne neue Arbeitswelt

Interessant, aber total an der Realität vorbei. So etwas mit Kollektiven und andere Arbeitswelt gab es schon. Auch ohne Internet als reales Business. Kann sich nur eine Generation leisten, die im Wohlstand lebt und denkt. Wo wird der Mehrwert geschaffen? Nur eine starke Wirtschaftsnation kann solche Mittel an Nomaden verteilen, weil Träumereien von Leuten bezahlt werden die real arbeiten und die Kunden von den Nomaden sind. Was ist schlecht an viel Geld verdienen und in einem Unternehmen für das Unternehmen zu dienen damit es weiter Arbeitsplätze in Deutschland, die durch Gewinn entstehen, gibt und letztendlich für eine verwöhnte Generation die Lebensbedingungen schafft.

Mario Bezani | 17.02.2016 um 15:31 [Antworten]

Woirk is not a job.

Tolle Idee... Erzählen Sie das mal einem Arbeitsuchenden über 50 Jahre, nicht mehr ganz gesund und ohne Schulden, -aber auch ohne nennenwertes Vermögen.
Der macht sich dann selbstständig als 'Ich-AG' und findet seine Erfüllung als Scheinselbstständiger mit Selbstausbeutung für Leiharberiterfirmen...
Werden Sie erst einmal älter, dann können Sie erherblich besser über die Realität der Arbeitswelt reden!


 
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