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Wolfgang Gründinger am 20.05.2016

Die Rente mit 70

Wer heute auf die Welt kommt, hat gute Chancen 100 Jahre alt zu werden. Wenn unsere Rentensysteme künftig nicht in sich zusammenbrechen sollen, müssen wir in Zukunft länger arbeiten. Die Rente mit 70 ist keine Utopie, sagt Wolfgang Gründinger.

Renter sitzen auf einer BankWolfgang Gründinger wirft einen Blick in die Zukunft: Im Jahr 2060 werden wir mit 70 Jahren seiner Meinung nach noch nicht gemütlich auf einer Parkbank sitzen sondern arbeiten gehen. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Warming the bones von Pedro Ribeiro Simões http://bit.ly/2qeKO3L>Warming the bones)

Wenn ich selbst einmal alt bin, wird Deutschland ein Land der Methusalems sein. Laut Max-Planck-Institut für demografische Forschung hat ein Baby, das heute in Deutschland auf die Welt kommt, eine fünfzigprozentige Chance, hundert Jahre alt zu werden. Für unsere Kinder wird ein Land von Hundertjährigen zur Normalität.


Das ist eine gute Nachricht. Doch die steigende Lebenserwartung stellt auch die sozialen Sicherungssysteme vor Herausforderungen. Wenn immer mehr Menschen immer länger Rente beziehen, und die Jungen immer weniger werden, sind Probleme für die Rentenkasse vorprogrammiert. Kamen im Jahr 1960 noch zwanzig Ältere über 65 auf hundert Jüngere, sind es heute bereits 30 Ältere. Gleichzeitig hat sich die Rentenbezugszeit seither nahezu verdoppelt. Doch der demografische Wandel schlägt erst jetzt mit voller Wucht zu: Bis zum Jahr 2030 wird sich dieser Altenquotient in etwa verdoppeln. Dann müssen hundert Jüngere bereits für 50 bis 60 Ältere über 65 sorgen. Das Zahlentableau ist eindeutig: Die Erwerbsbevölkerung wird bis zum Jahr 2050 um 16 Prozent schrumpfen, wenn man eine Zuwanderung von jährlich netto 200.000 Menschen unterstellt. Ohne Zuwanderung würde die Erwerbsbevölkerung sogar um 36 Prozent schrumpfen.

Fortschritte in der Produktivität, so viel steht fest, können die Demografie nicht ausgleichen. Die Produktivitätsentwicklung in Deutschland verläuft seit zwei Jahrzehnten flach wie der Bodensee: nur um rund 1% pro Jahr. Das ist bei weitem nicht genug, um die wegfallende Arbeitskraft durch die Alterung der Bevölkerung zu kompensieren.

Der Kern schmilzt weg

Weil sich die Wirtschaftsleistung immer aus dem geleisteten Arbeitsvolumen in Verbindung mit der Arbeitsproduktivität speist, muss bei abnehmendem Arbeitsvolumen und lahmendem Produktivitätsfortschritt die Wirtschaftsleistung abflauen. Modellrechnungen ergeben, dass die Kernschmelze der Erwerbsbevölkerung das Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,3 Prozent pro Jahr um etwa 0,5 Prozentpunkte gebremst wird. Im Jahr 2030 entgeht uns dadurch eine Wirtschaftsleistung von rund 410 bis 550 Milliarden Euro. Auch wenn das Bruttoinlandsprodukt für sich allein genommen sicherlich nicht als Wohlstandsindikator taugt, bleibt die Erkenntnis unbeschadet, dass wir aufgrund der demografischen Schmelze des Kerns der Erwerbsbevölkerung mit einer Erschöpfung unseres Wohlstands rechnen müssen.

Die Folge dieser demografischen Bremse: Das Wachstum stagniert, während in einer alternden Gesellschaft der Umverteilungsbedarf zu Renten, Pflege und Gesundheit zwingend steigen wird. Harte Verteilungskonflikte kündigen sich an.

Natürlich haben die Rentner jahrzehntelang gearbeitet und wollen nun auch die verdienten Früchte ihrer Arbeit genießen. Aber was sie bekommen, müssen andere bezahlen. Und dafür braucht man eine funktionierende, dynamische Ökonomie – doch die wird gelähmt, wenn die arbeitende Bevölkerung weg bricht.

Heute ist man später alt

Was tun? Entweder, man kürzt die Renten; oder man erhöht die Beiträge. Beides ist aber nicht wünschenswert. Die Altersarmut würde sich noch deutlicher verschärfen. Der charmantere Weg ist die Erhöhung des Renteneintrittsalters: Dann würden mehr Arbeitnehmer Beiträge in die Rentenkassen zahlen und zugleich weniger Menschen Rente beziehen. Das würde die Kosten balancieren helfen.

Franz Müntefering hat damals die zwar unpopuläre, aber demografiepolitisch völlig richtige schrittweise Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre durchgesetzt. Die Rente mit 67 tritt erst im Jahr 2031 vollständig in Kraft. Bis dahin werden wir in Deutschland eine riesige Nachfrage nach Arbeitskräften erleben, weil die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht und Arbeitskräfte dringend gebraucht werden. Das wird sich auch in höheren sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsquoten für Ältere niederschlagen. Schon in den letzten Jahren stieg die Beschäftigung Älterer rasant an, und der Trend geht weiter nach oben.

Wer länger lebt, kann länger arbeiten

Doch auch im Jahr 2031 ist der demografische Wandel noch lange nicht vorbei. Deswegen plädiere ich für eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung: Steigt die Lebenserwartung um beispielsweise zwei Monate an, würde davon ein Monat für den Ruhestand und ein Monat für die Erwerbsarbeit reserviert. Das würde irgendwann, vermutlich um das Jahr 2060, auf eine Rente mit 70 hinauslaufen.

Ein Einwand ist häufig, dass Akademiker sicherlich bis 70 arbeiten könnten, aber was ist mit körperlich schweren Berufen wie Dachdeckern oder Fliesenlegern? Schon heute gehen Bauarbeiter nicht mit 65 Jahren, sondern mit durchschnittlich 58 Jahren in Rente, weil sie körperlich nicht mehr können. Schon heute muss man für sie also Lösungen schaffen – und zwar durch eine bessere Erwerbsminderungsrente und Jobwechsel lange vor der Rente. Für die große Mehrheit aber wird die Erhöhung des Rentenalters zu schaffen sein.

Das Rentenalter lag übrigens schon unter Adenauer bei 65 Jahren, obwohl sich die Lebenserwartung seither deutlich erhöht hat – und damals haben mehr Menschen schwer körperlich gearbeitet. Wenn heute jedes zweite Kind hundert Jahre alt werden kann, dann verhieße eine Rente mit 70 immer noch einen Ruhestand von 30 Jahren – das ist sicherlich genügend Zeit für einen entspannten Lebensabend.


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Kommentare anderer Nutzer

Brigitte Pfennig | 01.06.2016 um 14:44 [Antworten]

Rente mit 70

Wenn wirklich alle, also auch Höherverdienende, Freiberufler und Beamte, in die Rentenkasse einzahlen und die Bemessungsgrenze erhöht würde, wäre ein erheblicher Teil des Problems gelöst.

Werner Friedrichs | 01.06.2016 um 16:02 [Antworten]

Rente mit 70

Es kann nicht richtig sein, mit 65 oder 70 bereits in Rente "geschickt" zu werden oder sich darauf zu freuen, dass man nur noch ein paar Jahre arbeiten "muss". Hier ist die Wortwahl deutlich zu ändern! "Ich darf noch ein paar Jahre arbeiten. Ich werde noch gebraucht!"

Wer bereits frühzeitig mit dem Stempel des "alten Eisens" beaufschlagt wird, wird krank und meiner Meinung nach auch unzufrieden.

Arbeit gibt auch Identifikation, Wohlfühlen, Gesundheit.

Ich kann das ewige Beispiel des Maurers-Fliesenlegers langsam nicht mehr hören. Auch diese hatten 35/40/50 Stundenwochen. Meist aber nicht für alle Monate des Jahres. Es ist auch möglich, dass mancher Maurer-Fliesenleger seine Gesundheit durch frühere über das genannte Stundenniveau hinausgehende Nebentätigkeiten nicht erhalten konnte?
Warum schickt man eine mehrfache Mutter, welche auch körperlich über viele Stunden des Tages schwer arbeiten muss, nicht in Rente? Weil Frauen meist nicht so laut klagen, und bis an Ihr Lebensende arbeiten wollen oder müssen!

Mit freundlichen Grüßen

Werner Friedrichs

Karl-Heinz Gleißner | 01.06.2016 um 16:07 [Antworten]

Die Rente mit 70

Wenn wir weiter unsere Umwelt, die Lebensbedingungen verschlechtern, unsere Lebensweise nicht ändern, dann werden unsere Kindeskinder nicht 100 Jahre alt. Außerdem: Gibt es überhaupt noch Kindeskinder bei steigenden Singlehaushalten, gesellschaftlich-beruflichem Vorrangverhalten zunehmender akademisch-geschulter Bevölkerungsschichten?
Ich pflichte Frau Pfennig bei: Die Sozialversicherungskassen müssen auf eine breitere Basis gestellt werden!

Dieter | 01.06.2016 um 16:12 [Antworten]

Rosenau

Sehr geehrter Herr Gründinger,
vielleicht würde es auch helfen, wenn man sein bequemes Denkgebäude verlässt und über den Tellerrand schaut, z.B. in die Schweiz - dort ist jeder Bürger sozialversicherungspflichtig, ob Arbeiter oder Milliardär, mit einem Mindest- und Höchstrentensystem.
Darüberhinaus gibt es kein Naturgesetz, dass es verbietet auch andere Einkommen z.B. aus Kapital- oder Mieterträgen sozialversicherungspflichtig zu machen.
Fazit: Wenn alle Bürger und Firmen zu Solidarleistungen herangezogen würden, gäbe es das Rentenproblem überhaupt nicht.
Und: Freiwillig kann doch jeder solange arbeiten, wie er möchte oder kann, oder?

Falke | 02.06.2016 um 17:24 [Antworten]

Die Rente mit 70

Die Debatten über den demographischen Wandel sind unseriös. Statistische Aussagen über einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren zu treffen sind nichts weiter als Kaffeesatzleserei. Es passieren in einem solchen Zeitraum so viele Dinge, die nicht vorhergesehen werden können, so dass die Zahlen eben nicht eindeutig sind.

Aber erstaunlicherweise wird just diese Position von Leuten vertreten, die eine neoliberale Wirtschaftspolitik unterstützen, und genau diejenigen waren nicht einmal dazu in der Lage kurzfristig die Finanzmarktkrise vorher zu sehen.

Es sind auch diejenigen, die von jedem Leistung fordern und erbringt man diese nicht, dann gehört man halt zum alten Eisen und wird, nachdem man mit 58 Jahren schon ein Jahr arbeitslos war, nicht mal mehr als Arbeitsloser registriert sondern mittels HartzIV zum Bittsteller degradiert.

Es sind auch diejenigen, die noch nicht begriffen haben, dass ein Teil der Bevölkerung das herbeiphantasierte Alter von 100 Jahren wegen Armut nicht erreichen werden. Mittlerweile gibt es Statistiken darüber, wie die Lebenserwartung verteilt ist, und diese Statistik ist eindeutig. Armut senkt die Lebenserwartung.

Besinnt man sich dann, dass der Mindestlohn für Rentner nicht gilt und die Rente nicht ausreicht, um überleben zu können, wird hier die Ausbeutung einer der schwächsten Gruppen der Gesellschaft propagiert. Der nächste Schritt ist dann die Abschaffung der Rente.

Ich bin der Meinung, wir sollten für höhere Positionen die Rente für Männer auf 60 senken, und zwar zwangsweise mit halben Bezügen. Denn die meisten derartig herumphantasierenden Personen sind Männer jenseits der 60!

Ulrich Sanke | 02.06.2016 um 23:56 [Antworten]

Rentenalter mit 70

Rentenalter mit 70? Dann ist Deutschland wieder zu den Anfängen seiner Sozialgesetzgebung zurückgekehrt: Das Rentenalter betrug 1891 ebenfalls 70 Jahre. Die Lösung der Rentenfrage, aber auch der anderen Bereiche der Sozialgesetzgebung wäre so einfach, wenn man den Mut hätte, das bestehende System zu verändern: Nicht an den Stellschrauben, Rentensenkung, Eintrittsalter und Beitragserhöhung, drehen, sondern die Bemessungsgrundlage erweitern. Warum diskutiert kaum jemand die Frage, alle Einkünfte, also auch Kapitalerträge, Gewinne aus Aktiengeschäften usw. der Sozialversicherungspflicht zu unterwerfen? Dann müssten sich alle an der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe beteiligen, eine menschenwürdige Alterssicherung und Gesundheitsversorgung sicherzustellen. "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." So steht es im Grundgesetz, in der Realität heißt es jedoch oft: "Eigentum verpflichtet zu nichts. Wie kann ich es auf Kosten der Allgemeinheit sichern und vermehren." Es gilt dem Grundgesetz wieder Achtung zu verschaffen: durch eine Gesetzgebung, die jeden nach seiner Leistungsfähigkeit zur Lösung der sozialen Aufgaben heranzieht.

Kai | 04.06.2016 um 22:57 [Antworten]

Kommentar zu "Rente mit 70", Teil 1

Es ist schwer zu begreifen, wie hartnäckig sich die Idee von der Notwendigkeit einer längeren Lebensarbeitszeit hält, ja wie offensiv diese These immer wieder vertreten und wie wenig ihr widersprochen wird.

Dabei basiert diese mit dem demografischen Wandel begründete These auf leicht erkennbaren Denkfehlern und ist leicht zu leicht zu widerlegen, ohne dass man dafür promovierter Ökonom oder Soziologe sein müsste.

Der geringe Widerspruch gegenüber der vermeintlichen Notwendigkeit einer längeren Lebensarbeitszeit ist umso tragischer, als dass diese Annahme den öffentlichen Diskurs dominiert und die Grundlage für politische Entscheidungen ist - wie die Anhebung des Renteneintrittalters von 65 auf 67 oder laut aktuellem Beitrag sogar auf 70 Jahre. Gerne wird von Anhängern dieser Politik dann gleich die gesamte gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland in Frage gestellt.

Die Argumentation der Befürworter einer längeren Lebensarbeitszeit ist simpel und wirkt auf den ersten Blick überzeugend: Die Gesellschaft altere der sogenannte demographische Wandel und das Mengen-Verhältnis von Menschen im Erwerbsalter von 16 bis 64 Jahre gegenüber denen im Renten- und Pensionsalter 65 Jahre und älter, der sogenannte Altersquotient AQ, verändere sich zahlenmäßig zu Gunsten der Älteren: Gängige Prognosen schätzen, dass sich das heutige Zahlenverhältnis beider Gruppen von etwa 100:35 AQ=35 auf etwa 100:62 AQ=62 im Jahr 2050 verschieben werde. Damit verringere sich entsprechend die Zahl der Beitragszahler in die Rentenkassen gegenüber der Zahl der Leistungsempfänger. Nun ist unser Rentensystem „Umlage-finanziert“, das heißt die monatlich eingezahlten Beiträge werden nicht individuell für den jeweiligen Einzahler angelegt und später im Rentenalter verzinst rückerstattet wie in einem „kapitalgedeckten“ System, vielmehr werden sie im selben Monat an die derzeitigen Rentenempfänger ausgezahlt. Bei der zu erwartenden demographischen Entwicklung würden somit die Beitragszahlungen fortlaufend abnehmen, die Ausgaben würden gleichzeitig immer mehr steigen und das System müsse zusammenbrechen. Einzige Abhilfe böten entweder eine ständige Steigerung der Beitragszahlungen der Erwerbstätigen bzw. eine entsprechend kontinuierliche Senkung der Renten oder eben eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Noch empfehlenswerter erscheine es, das gesamte öffentliche System des Umlageverfahrens zur Rentenfinanzierung abzuschaffen und durch ein kapitalgedecktes Spar- und Anlagesystem der private Banken und Versicherungsunternehmen zu ersetzen.

So nachvollziehbar diese Argumentation zunächst erscheinen mag, so undifferenziert und vereinfachend ist sie. Sie beruht sogar auf falschen Grundannahmen und ist -leider einmal mehr - von Interessen geleitet, die sich nicht am Gemeinwohl orientieren. […]

– weiter: siehe Teil 2 -

Kai Münkemüller | 04.06.2016 um 23:00 [Antworten]

Kommentar zu "Rente mit 70", Teil 2


Undifferenziert ist z.B. die Aussage, eine Veränderung der Bevölkerungsanteile mit Blick auf das Erwerbsalter wirke sich direkt auf das Zahlenverhältnis der Beitragszahler zu den Leistungsempfängern aus. Ein großer Teil der Bevölkerung im Erwerbsalter ist aber gar nicht erwerbstätig, wie Millionen Hausfrauen, Studenten oder Arbeitslose. Andere Personen zwischen 16 und 65 sind zwar erwerbstätig, zahlen aber keine Beiträge in die Rentenversicherungen wie Beamte oder ein großer Teil der Unternehmer und Freiberufler. Andererseits gibt es eine Vielzahl von Personen im Rentenalter, die nach wie vor einer Erwerbstätigkeit nachgehen sowie all die ehemaligen Beamte, deren Pensionen komplett aus Steuermitteln finanziert werden. Eine auch nur annähernde 1:1-Übertragung der geschätzten Veränderung des Altersquotienten auf das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern ist daher verfälschend. Vielmehr fällt die Veränderung des letztlich relevanten Versorgungsquotienten viel weniger dramatisch aus.

Das Ansteigen des Altersquotienten in Deutschland ist übrigens ein altes Phänomen: 1957 mit Einführung des Umlagesystems unter Adenauer lag der Altersquotient bei 100:17; heute ist er doppelt so hoch und das Rentensystem läuft viel besser, als es allgemein wahrgenommen und dargestellt wird. U.a. war es in der Lage Millionen von ehemaligen DDR-Bürgern im Rentenalter, die nie in die westdeutschen Rentenkassen einzahlen konnten, zu versorgen - Wie hätte das über ein kapitalgedecktes Verfahren funktionieren können? Bei der derzeit historisch niedrigen Verzinsung herkömmlicher Kapitalanlagen, ist das Zahlen von Rentenbeiträgen und seiner Umrechnung über Rentenpunkte in künftige Leistungsansprüche im Vergleich zu privaten Versicherungen inzwischen sogar lukrativ.

Der eigentliche Denkfehler der Befürworter einer Anhebung des Renteneintrittsalters ist nun aber folgender: Beiträge in die Rentenkassen können nur aus den Erträgen versicherungspflichtiger Arbeit gezahlt werden. Je mehr von dieser Arbeit bzw. von Bedarf an dieser Arbeit in einer Volkswirtschaft vorhanden ist, umso höher wird die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitsplätze sein und damit die Zahl der Beiträge. Wenn wir nun das Renteneintrittsalter anheben und damit die potenzielle Lebensarbeitszeit aller Erwerbstätigen verlängern, wächst damit nicht die Menge der zu verrichtenden Arbeit. Wir erhöhen lediglich die Anzahl derer, die ihre Arbeitskraft anbieten, ohne darauf Einfluss zu nehmen, ob für dieses zusätzliche Angebot an Arbeitskraft auch eine entsprechende Nachfrage vorhanden ist. Ohne ein solches Mehr an zu verrichtender Arbeit erhalten wir auch kein Mehr an Versicherungsbeiträgen für unser Rentensystem, sondern nur ein Mehr an auf dem Arbeitsmarkt angebotener Arbeitskraft und damit höhere Arbeitslosigkeit, also ganz sicher nicht mehr Beitragszahlungen in die Sozialversicherungen. […]


- weiter: siehe Teil 3 -

Kai Münkemüller | 04.06.2016 um 23:02 [Antworten]

Kommentar zu "Rente mit 70", Teil 3

… Hätten wir in Deutschland Vollbeschäftigung oder gar einen Mangel an Arbeitskräften, dann würde aus rein volkswirtschaftlicher Sicht eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit Sinn ergeben, weil dann mit einem Anstieg des Angebots an Arbeitskraft auch mehr sozialbersicherungspflichtige Arbeit geleistet werden könnte, die wiederum für mehr Beiträge sorgen würde. In der derzeitigen Situation mit etwa 2,7 Mio. Arbeitslosen sind wir aber von einem solchen Szenario weit entfernt. Es fehlen zwar auf dem deutschen Arbeitsmarkt gut und auf dem neuesten Stand ausgebildete Fachkräfte, vor allem in technischen Bereichen, nur ist dieser Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften nicht aus der Altersgruppe der 65- bis 67-Jährigen zu kompensieren. Da ist vielmehr unser Schul- und Ausbildungssystem gefordert. - Die derzeitige, absurde Politik der Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist aber so, als würde man versuchen Arbeitslosigkeit also einen Mangel an Arbeit zu bekämpfen, in dem man einfach mehr Arbeitskräfte in Land holt.

Letztlich wäre sogar eine Absenkung des Renteneintrittalters sinnvoll: auf 60 Jahre und jünger sinnvoll. Die zu verrichtende beitragsgenerierende Arbeit in Deutschland würde sich dadurch nicht verringern, sich aber gerechter als derzeit auf die Erwerbsbevölkerung verteilen, indem nämlich ein großer Teil der derzeit Arbeitslosen miteinbezogen würden. Wir hätten also viele Menschen mit einer jeweils kürzeren Lebensarbeitszeit, die tatsächlich in Lohn und Brot stünden, statt wenige tatsächlich arbeitende Erwerbspersonen mit einer verlängerten Lebensarbeitszeit.

Für die Stabilisierung unseres Rentensystems bieten sich ganz andere Möglichkeiten an, die technisch relativ leicht umsetzbar sind: Zum einen ließen sich die gut 1,8 Millionen Beamten einschließlich Richter, Staatsanwälte, Berufs- und Zeitsoldaten in das Rentensystem integrieren. Diese vergleichsweise einkommensstarke Gruppe zahlt derzeit keinen eigenen Beitrag zur Altersvorsorge, vielmehr werden ihre Pensionen komplett durch Steuereinnahmen finanziert. Das lässt sich zwar historisch begründen, aber nicht rational. 1.8 Millionen mehr Einzahler sind zwar später auch 1,8 potenzielle Rentenbezieher, nur hätten sie durch ihren Arbeitnehmerbeitrag ihre Rente zur Hälfte mitfinanziert, während das derzeit für die zukünftigen Pensionsbezieher komplett die öffentliche Hand übernehmen muss. Die eingesparten Steuergelder könnten die Rentenversicherungen entlasten und sogar zu Beitragssenkungen führen. Übrigens sind Pensionäre, also Beamte a.D., derzeit in Deutschland die Bevölkerungsgruppe mit dem höchsten durchschnittlichen Einkommen, noch vor Freiberuflern und Unternehmern. Es träfe also keine Armen. […]

- weiter: siehe Teil 4 -

Kai Münkemüller | 04.06.2016 um 23:03 [Antworten]

Kommentar zu "Rente mit 70", Teil 4

… Die zweite Möglichkeit die Einnahmenseite der Rentenversicherung erheblich zu verbessern ist die sogenannte „Einkommensbemessungsgrenze“ der Beitragszahler abzuschaffen oder zumindest anzuheben. Diese liegt derzeit bei 6.200 € monatliches Brutto-Gehalt und sorgt dafür, dass für Einkommensanteile oberhalb dieses Betrages keine Rentenversicherungs-Beiträge mehr gezahlt werden. Die betroffenen Personen, egal wie hoch ihr Einkommen oberhalb dieser Bemessungsgrenze liegt, zahlen also denselben Rentenversicherungsbeitrag, wie diejenigen, die genau an dieser Einkommensgrenze liegen, das sind zurzeit 9,35 % auf diese 6.200 €, also knapp 579,70 € monatlich. Damit zahlt ein gewöhnlicher Einkommensbezieher unterhalb der Einkommensbemessungsgrenze also 9,35 % seines Brutto-Einkommens in die Rentenkassen, während ein Besserverdiener aus dem mittleren Management mit einem Monatsgehalt von etwa 12.000 € nur etwa 4,8 % seines Brutto-Einkommens einzahlt und ein angenommener Spitzenverdiener mit einem Monatsgehalt von 31.000 € - das gibt es durchaus - nur 1,93 %. Immerhin erhalten die hier begünstigten Gutverdiener später auch eine gedeckelte Rente, die genauso hoch ist wie die derjenigen, deren Einkommen genau an der Bemessungsgrenze liegt. Würde man nun diese Einkommensbemessungsgrenze auf der Beitragszahlerseite abschaffen und alle Einkommensbezieher müssten die gleichen knapp 10% ihres Einkommens einzahlen und würde man gleichzeitig die Deckelung der ausgezahlten Renten zumindest teilweise beibehalten, so hätten die Rentenkassen ab sofort beträchtliche Mehreinnahmen bei – geringfügigen zukünftigen Mehrausgaben. Das klingt dogmatischer Umverteilungspolitik oder gar Sozialneid? – In der Schweiz, sicherlich keinem sozialistischen Musterland, ist der einseitige Abbau der Einkommensbemessungsgrenze längst Realität und die eidgenössische Konsensgesellschaft betrachtet das als schlichten Akt ökonomischer Vernunft und gesellschaftlicher Solidarität.

Beide vorgeschlagenen Maßnahmen, Einbeziehung der Beamten und einseitige Abschaffung der Einkommensbemessungsgrenze, würden die Einnahmen der Rentenversicherung sofort derart erhöhen, dass der Beitragssatz für Arbeitnehmer und Arbeitgeber beträchtlich gesenkt werden könnte, was sowohl zu einer Entlastung der privaten Haushalte, als auch zu einer Senkung der immer wieder als zu hoch beklagten Lohnnebenkosten in Deutschland führen würde. Voraussagbare Folgen wären ein erhöhter Binnenkonsum sowie eine Stärkung der Exportwirtschaft.

[…]

- weiter: siehe Teil 5 -

Kai Münkemüller | 06.06.2016 um 23:24 [Antworten]

Kommentar zur "Rente mit 70", Teil 5

… Ein weiterer höchst effektiver Eingriff ins Rentensystem als Reaktion auf den demografischen Wandel wird längst umgesetzt, als solcher allerdings selten beim Namen genannt: Seit 2005 wird für Renten schrittweise die sogenannte nachgelagerte Besteuerung verwirklicht, so dass ab 2040 alle Renten in voller Höhe als Einkommen versteuert werden, während korrespondierend die steuerliche Abzugsfähigkeit der Beiträge zur Rentenversicherung von 60 % im Jahr 2005 auf 100 % im Jahr 2025 steigt. Hierdurch werden die zahlenmäßig abnehmenden erwerbstätigen Altersgruppen entlastet, da ihre Rentenbeiträge bald komplett steuerlich abgesetzt werden können. Gleichzeitig wird durch die dann vollständig stattfindende Besteuerung der gestiegenen Zahl der Renten die durch diese Entlastung entstandenen öffentlichen Einnahmenrückgänge überkompensiert. Die per Saldo potenziell höheren Steuereinnahmen werden das Rentensystem weiter entlasten können. Vom Bundesverfassungsgericht war die Notwendigkeit dieser Neuregelung einst zwar anders begründet worden - die unterschiedliche Behandlung von besteuerten Beamtenpensionen und bis dahin weitgehend steuerfreien Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung sei verfassungswidrig - der erwünschte Effekt zur "Zukunftsfähigkeit" der gesetzlichen Rentenversicherung liegt aber auf der Hand.

Bleibt nun zu fragen, warum entgegen aller ökonomischen und demographischen Vernunft, die Lobby derer, die das Umlageverfahren der Rentenfinanzierung in Frage stellen und eine Anhebung des Renteneintrittsalters propagieren, einen so starken Einfluss auf Politik und öffentliche Meinung hat. Und wer hat ein Interesse daran, die Lebensarbeitszeit in Deutschland zu verlängern und ein privatwirtschaftlich organisiertes Rentensystem mit Kapitaldeckung durchzusetzen? Die Antwort ist klar: Geschäftsbanken und privaten Versicherungsunternehmen winken Geld-Volumina in dreistelliger Milliardenhöhe, die zu Finanzgeschäften zur Verfügung stünden, wenn es gelänge die Beitragsströme der öffentlichen Rentenversicherungen in den privaten Sektor des Corporate Business abzuzweigen: 2015 betrugen die Einnahmen der gesetzlichen Rentenversicherung 206,7 Mrd.€, das sind knapp 10 % des gesamten Volkseinkommens. Die Möglichkeit diese ungeheure Geldmenge auf den Investment-Märkten arbeiten zu lassen und erst zum betreffenden Rentenalter der Versicherten wieder auszuzahlen, verspricht obszöne Renditen.

Hierfür lässt sich natürlich leidenschaftlich Lobbyarbeit machen. Wie unsicher ein solches Verfahren der Rentenfinanzierung allerdings für die betroffenen Beitragszahler und späteren Rentner ist, dürfte mit der Finanzkrise 2008 einmal mehr deutlich geworden sein. Warum der sonst so reflektierte und von mir sehr geschätzte Wolfgang Gründinger sich mit seinem Plädoyer für die Rente mit 70 vor diesen ideologischen Karren spannen lässt, ist schwer zu begreifen, aber so etwas schrieb ich schon am Anfang von Teil 1 dieses Kommentars …

- Ende Teil 5 von 5 -

Antje Poelmann | 15.01.2017 um 19:28 [Antworten]

Solidarsystem

Wir hätten eine völlig andere Rentenpolitik, wenn alle Einkommen einzuzahlen hätten. Das BVerfG in einem Urteil v. 27.09.2005 2 BvR 1387/02; Hergebrachte Grundsätze des Beamtentums im Sinne des Art.33 Abs.5 GG und verweist hier in den Abs. 86/87 von 148 auf den § 10 des preußischen Pensionsgesetzes vom 27.3.1872 -
. . . Damit ist Art 3. alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, ad absurdum geführt und die dadurch entstandenen Ungleichbehandlungen systemimmanent. Ein derartiges Zweiklassenrecht kann niemals dauerhaft friedlich bleiben. Es bedarf einer Erwerbstätigen, die alle Einkommen erfasst, ohne private Saugnäpfe dazwischen ohne Beitragsbemessungsgrenze, Auszahlungen nach unten wie oben gedeckelt. Wäre der Riester-Rürupbetrug, die Teilprivatisierung der gRV und die vielen anderen Rentenkürzungen durchgesetzt worden, wenn alle Einkommen gleichermaßen von rentenpolitischen Entscheidungen betroffen wären? Ein wirkliches Solidarsystem erfordert die Einbindung aller Bürger in allen drei Lebensphasen. Denn alle Bürger profitieren in jungen Jahren von dieser Solidarität Schule, Ausbildung ebenso wie im Alter Rente, Pension, aber diejenigen, die im Alter am meisten von dieser Solidarität profitieren, klinken sich während ihres Berufslebens kraft eigener Entscheidungsbefugnis aus dem Solidarsystem aus.

Antje | 15.01.2017 um 19:39 [Antworten]

ursächliche Fehler der GRV

Gerd Bosbach, der Statistikprofessor aus Remagen, sagte treffend, "wenn die Versicherungswirtschaft es nicht auf eine Privatisierung der Rente abgesehen gehabt hätte, dann hätten wir nie ein "Demografie-Problem" bekommen.

Wer länger arbeiten will und kann, kann es auch heute schon. Nur ändert das nichts an den ursächlichen Strickfehler der gesetzl. Rentenversicherung.
- die Aufteilung der Altersversorgung wie im Ständestaat des 19. Jahrhunderts, wo nur Leute bestimmen, die selbst nicht betroffen sind,
- die mit der Agenda 2010 teilprivatisierte gesetzl. Rente war nur deshalb möglich Riesterrentenbetrug, etc.
- die Entscheidungen des BVerfG, die die gesetzl. Rentenbeiträge zu öffentlichen Mitteln gemacht haben,
- das Alterseinkünftegesetz, welches nur mit falschen Zahlen möglich wurde, s. altersarmut-per-gesetz
- Politik und Justiz haben für sich selbst nicht nur wesentlich bessere Regelungen geschaffen, sie haben auch spätestens seit 1978 elementare Grundrechte für die Versicherten der gesetzlichen Rentenversicherung außer Kraft gesetzt, Gleichheitssatz, Eigentumsschutz für die Beiträge, Rechtsstaatsprinzip keine rückwirkenden Eingriffe Nachlesen kann man das in den Entscheidungen des BVerfG vom 01.07.1981 1 BvR 874/77 u.a. oder vom 27.02.2007 1 BvL 10/00, Absätze 53, 55 und 70.


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