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Redaktion Netzdebatte am 27.04.2016

Die Rente ist nichts für Rentner

Ein Land, zur Hälfte voll mit Rentnern? Willkommen in Deutschland im Jahr 2050 - so einige Prognosen. Wir werden älter und weniger, unsere Arbeitsverhältnisse verflüssigen sich. Für das Rentensystem ist das eine Herausforderung. Höchste Zeit, darüber zu reden.

Rentnerin, Kamera, RenteWas du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Das gilt wohl auch für die Rente. Ganz so einfach ist das mit der Altersvorsorge heute aber nicht mehr. (© Public Domain)

"Man muss sich einen Stecken in der Jugend schneiden, damit man im Alter daran gehen kann", erkannte schon Konfuzius, lange bevor es die Rentenversicherung gab. Über Jahrhunderte hinweg war die Familie das Fundament einer gelungenen Altersvorsorge. Jung sorgte für Alt und andersherum. Ein erster, informeller Generationenvertrag.

Seither hat das Konzept der Rente, zumindest hierzulande, eine steile Karriere hingelegt: Angefangen bei Bismarcks Sozialgesetzen, bis hin zur Rente mit 63 haben wir uns ein historisch einmaliges gesellschaftliches System aufgebaut. Die zentrale Idee dabei ist der Generationenvertrag: Die Jungen in der Gesellschaft sorgen dafür, dass der oder die Einzelne im Alter versorgt ist.

Die Rente ist sicher - oder?

Aber ist das heute noch realistisch? Was ist, wenn sich die Altersstruktur einer Gesellschaft drastisch verändert? Genau das scheint in Deutschland gerade zu passieren. Die Menschen werden immer älter, die Geburtenrate sinkt. Manche Demografen sagen voraus, dass im Jahr 2050 jeder dritte Mensch in Deutschland über 65 Jahre alt sein wird. "Das stellt diese Systeme vor eine große Herausforderung", meint auch der Leiter des Berliner Instituts für angewandte Demographie, Harald Michel. Viele Menschen glauben deshalb heute nicht mehr daran, dass sie später eine gerechte und ausreichende Rente erhalten werden. Dreiviertel der Deutschen sind davon überzeugt, dass wir in Zukunft deutlich länger arbeiten müssen. Vor dem siebzigsten Geburtstag in den Ruhestand zu gehen, scheint für viele schon illusorisch. Auch unter den Expertinnen und Experten ist man sich nicht einig: Es wird nicht nur über das richtige Renteneintrittsalter gestritten, sondern auch wie die Finanzierung des Rentensystems in Zukunft gerecht zu verteilen ist. Ist das Umlageverfahren noch zukunftsfähig? Es gibt aber auch jene, die die Aussagekraft demografischer Vorhersagen grundsätzlich infrage stellen. Der Statistiker Gerd Bosbach redet gar von einer"Demografie-Angst". Aus lauter Sorge später nichts mehr von dem abzubekommen, was wir heute selbst einzahlen, fließe immer mehr Geld in die private Vorsorge. Die gesetzliche Rente würde derweil zunehmend zurückgebaut. Davon profitieren zunächst vor allem Privatversicherungen und Arbeitgeber, so Bosbach.

Wird der Demografische Wandel unsere Gesellschaft umkrempeln? Oder bleiben die Effekte überschaubar? Wie verlässlich ist die Demografie? Wie gut lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen also wirklich vorhersagen? Und was bedeutet das für die Politik?

Die neuen, jungen Alten

Wir leben nicht nur länger, wir werden auch anders alt, sind länger fit und haben höhere Ansprüche an unsere Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig wird mehr von uns erwartet. Der Soziologe Stefan Lessenich spricht von der Generation der "jungen Alten", auf denen ein ganz neuer, gesellschaftlicher Druck lastet. Denn: Auch im Alter müsse diese Gruppe der aktiven Alten der Gesellschaft mit ihren Kompetenzen zur Verfügung zu stehen und gesellschaftlich produktiv bleiben. Der "Ruhestand" habe also heute nicht mehr viel mit Ruhe zu tun. Damit einher geht laut Lessenich, dass der zentrale Verteilungskonflikt heute und in Zukunft zwischen Jung und Alt verläuft. Wird der Generationenvertrag also künftig infrage gestellt? Werden wir den älteren Mitgliedern der Gesellschaft immer mehr abverlangen? Und: Wie sieht es in anderen Ländern, anderen Kulturkreisen aus? Wie wird anderswo mit dem Altern und "den Alten" umgegangen?

Eigenverantwortung oder Solidarität?

"Die Zeiten, in denen wir ein Leben lang im gleichen Betrieb arbeiten, sind längst vorbei", sagt Daniel Dettling vom Berliner Think Tank "Zukunftsinstitut". "Im Jahr 2050 wird die Arbeitswelt flexibler, mobiler, aber auch anstrengender sein". Die meisten Lebensläufe seien heute schon gezeichnet von Brüchen, Auszeiten, Mischarbeitsverhältnissen. Das bedeutet Lücken in der Vorsorge. Gleiches gilt für jene Menschen, die kurz- oder langfristig ganz aus dem Rentensystem fallen: Häftlinge etwa oder Asylbewerber/-innen. Ihnen droht später oft die Altersarmut.

Braucht es also Reformen um den neuen Arbeitsformen Rechnung zu tragen? Warum fallen manche Menschen ganz "aus dem System"?

Ein Spiegel der Gesellschaft

Auseinandersetzungen über die Rente sind auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Unserer Gesellschaft. Verraten sie doch viel über unser Verhältnis zum Altern, unsere Vorstellung von Solidarität und Gerechtigkeit, unser Verständnis von Gesellschaft und unser kulturelles Erbe. Ist unser Rentenmodell noch zeitgemäß? Sollte in Zukunft vielleicht jeder für sich selbst sorgen? Brauchen wir vielleicht einen ganz anderen Ansatz? Ein Grundeinkommen etwa? Im Thema Rente stecken viele Fragen, die jede/-n Einzelne/-n von uns berühren. Und zwar jetzt. Zeit, dass wir darüber reden.

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Kommentare anderer Nutzer

Reinhard Matz | 04.05.2016 um 19:04 [Antworten]

Rente

Das heutige Rentensystem ist so auf Dauer nicht finanzierbar. Deshalb wird es Zeit, dass sich alle an der gesetzlichen Rente beteiligen also auch Selbstständige und Beamte, dass hohe und höchste Einkommen inkl. Kapitaleinkünfte nicht durch eine Beitragsbemessungsgrenze bei der Zahlung in die Rentenkasse gedeckelt werden. Der Produktivitätgewinn darf nicht allein den Unternehmern zugute kommen, sondern auch den Beschäftigten z. B. in Form von kürzerer Arbeitszeit und durch Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaften muss ein gleitender Übergang in den Ruhestand ermöglicht werden. Damit werden die Rentenkasser besser gefüllt und Arbeitnehmer können länger arbeiten und später erst Rentenzahlungen erhalten. Allerdings muss das staatliche System dafür sorgen, dass Rentner nicht zum Jobcenter müssen, um Hartz IV zu beantragen.

Ludwig Gresch | 04.05.2016 um 23:11 [Antworten]

die Demographie wird viel zu problematisch gesehen

"Wir werden älter und weniger" heißt es in den ersten Sätzen des Artikels. Wenn wir weiter Wachstum haben, oder auch nur Nullwachstum und weniger werden, ist für alle, Arbeitende und Rentner mehr da. Wenn der Kuchen nicht deutlich kleiner wird und die, die ihn essen wollen weniger, können die Stücke für alle größer werden - so einfach ist Mathe. Das Demographieproblem ist also durchaus lösbar - höhere Beitragssätze bei deutlich höheren Löhnen.
Wenn aber eine Krise kommt und das Wachstum stark negativ wird, was dann passiert, siehe Griechenland, Spanien, ... dann sind genau die arbeitslos, die uns angeblich so fehlen, die Jungen - 50%.
Das Umlagesystem ist angebracht, weil die wirkliche Praxis ein Umlagesysten ist. Alles was die Älteren brauchen, müssen die Jüngeren also die die arbeiten dann herstellen wenn es gebraucht wird - im Umlageverfahren also, und wie man das verrechnet, ist erst mal sekundär, und da die Warenstöme inkl. Dienstleistungen Umlageverfahren sind, so ist auch dessen Nachbildung im Finaziellen das Geeignetste. Essen, Heizöl, Medikamente, Pflege, Freizeitangebote, Kleidung, ... alles ist dann herzustellen, zu leisten, wenn es gebraucht wird, 2050 etwa, von denen die dann arbeiten, für sich selber und für die Rentner und Kinder die dann leben.

T. Bendlin | 25.05.2016 um 14:32 [Antworten]

Die Rente ist nichts für Rentner

Schön wäre:
- alle zahlen in eine Kasse ein,
- Beitragsbemessungsgrenzen werden aufgehoben und
- Rentenauszahlungen werden gedeckelt.

Denn hohe und höchste Einkommen schaffen schon zur Arbeitszeit die Möglichkeit vorzusorgen.

Ney | 07.03.2017 um 19:18 [Antworten]

Schön wäre

Schön wäre es, wenn die Spezies Mensch endlich zur Vernunft kommen und erkennen würde, dass nur ein Systemwechsel allen Menschen gleichermaßen ein erträgliches Leben auf diesem Planeten ermöglichen wird. Der Kapitalismus ist in hohem Maße ungerecht und wird es auch immer bleiben. Er ist der einzige Hinderungsgrund an einem umweltfreundlichen und gleichberechtigten Leben auf diesem Planeten.
Mir konnte bis heute noch keiner erklären, aus welchem Grund es unterschiedliche Wertigkeiten im Berufsleben gibt. Wenn ich mich nicht irre, benötigt eine funktionierende Gesellschaft ein jegliches Gewerk gleichermaßen.
Wieso denn dann nicht einfach seine Arbeitskraft der Gesellschaft zur Verfügung stellen und das Geld abschaffen.

Was wäre dann nicht alles möglich?. Die Liste erscheint schier endlos, denn lediglich das Geld begrenzt den Menschen in seinem Handeln.
Eine Produktionssteigerung durch Maschinen in der Produktion wäre dann eine Arbeitsentlastung für den einzelnen Bürger und kein Problem wie es in der heutigen Zeit eine wäre.
Altersvorsorge wäre kein Problem; Die Produktion umweltfreundlicher Konsumgüter würde nicht an der Gewinnerwartung scheitern, ja gar umweltfreundliche Energie könnte man direkt Herstellen und die Atommeiler abschalten, denn all dies existiert nicht weil es vernünftig ist, sondern weil es Gewinn in diesem perfiden System bringt.

Und doch kann sich der Mensch so etwas nicht vorstellen und so wird dieses bescheuerte System wie schon die Jahrtausende zuvor weiter Kriege provozieren, da der Mensch nicht verstehen will, dass er allen Menschen auf diesem Planeten ein vernünftiges Leben kreieren muss und das mit diesem System nicht funktioniert.

Ende

Martn Weilandt | 06.04.2017 um 22:27 [Antworten]

Die Rente ist nichts für Rentner

Unser Problem ist das nicht alle einzahlen in die Rentenkasse, keine Politiker, keine Selbständigen, keine Beamte.
Die reichen Menschen leben länger, darum finanzieren die armen Menschen die Rente der Reichen, die auch noch weitere Absicherungen haben wie ein Haus, Zusatzrente... Wer 51 Jahre Vollzeit arbeitet zum Mindestlohn hat 600 € brutto Rente 540 netto wer 50 Jahre gar nicht arbeitet hat fast genauso viel Hartz IV. Deutschland liegt im OECD Vergleich auf dem vorletzten Platz mit seinem Rentensystem. Finnland, Schweiz, Niederlande und Dänemark haben eine Basisrente. Deutschland kann auch eine Bürgerversicherung mit Basisrente.

Horst-Dieter Heinrichs | 22.09.2017 um 22:31 [Antworten]

gesetzliche Rentenversicherung

Die gesetzliche Rentenversicherung wird seit Jahrzehnten für versicherungsfremde Leistungen missbraucht. Ein Teil davon wird tatsächlich auch durch das Finanzministerium ausgeglichen. Erhebliche Milliarden-Summen für gesamtgesellschaftliche Aufgaben werden Jahr für Jahr allerdings nicht ersetzt. Die Rentenhöhen sinken dabei bereits jetzt auf unzumutbare 48 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens. Wieso wird nur die gesetzliche Rentenversicherung für den angeblichen demografischen Faktor in die Pflicht genommen?? Pensionen nicht? Bei 71,6 % vom höchsten Bruttoeinkommen, vom Steuerzahler finanziert? Warum. Was ist mit den berufsständigen Altersversorgungen? Ärzte, Apotheker? Für jeden gezahlten Euro 3 mal so hohe Renten? Oder 2 1/2 fach höhere Altersbezüge auf Kosten der Steuerzahler Pensionen? Sonstige Einkommensbezieher die Beitragsbefreit sind? Ist dies das deutsche Sozialsystem? Zur Zeit 18,7 % Beiträge vom vereinbarten Lohn? Wir waren ja auch schon bei knapp 23 % nach der Wiedervereinigung? Solidarität von den "Deppen" der unteren Liga finanziert und als Rente bei solchen Beiträgen ein Allmosen? Liebe Politiker, liebe Journalisten auch der "öffentlich-rechtlichen" und alle anderen Gutachter, Sachverständige, Verfassungsrichter usw. Selbst einzahlen, dann auf die Alten schimpfen. Solidarität geht allen geht allen etwas an. Entweder verschiedene Alterssicherungssysteme, dann müssen alle versicherungsfremden Zahlungen komplett vom Finanzminister ersetzt werden. Nicht von einem Jahr, nein rückwirkend seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland, dann können auch menschenwürdige Rentenberechnungen und Renten erfolgen. Oder eben nicht dann umgehend alle Einkommensbezieher in die Versicherungspflicht einbeziehen. Wir haben ein Grundgesetz und bezeichnen uns als Rechtsstaat. Wenn wir das sein wollen muss dieser Massenbetrug umgehend ein Ende haben.