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Redaktion Netzdebatte am 01.08.2016

Ist genug für alle da?

Wir produzieren heute auf der Welt so viele Nahrungsmittel wie nie zuvor. Und trotzdem: Von den knapp sieben Milliarden Menschen auf der Erde hat knapp eine Milliarde zu wenig zu essen. Wo liegt das Problem?

Nutrition on Sale, Plastikfigur auf SupermarktdachWährend eine Milliarde Menschen hungern, haben andere Menschen auf der Welt den Luxus sich ihre Nahrung - für immer geringere Preise - beliebig auszusuchen. Lizenz: cc by-sa/2.0/de (CC, Nutrition On Sale von Ed Schipul Shop ; Ed Schipul)

Dass wir uns das ganze Jahr über aussuchen können, was wir gerne essen möchten, ist für die meisten von uns ziemlich normal. In vielen anderen Teilen der Welt sieht das ganz anders aus: Fast 800 Millionen Menschen leiden an Hungersnot. Einer weiteren Milliarde mangelt es jeden Tag an wichtigen Nährstoffen und Grundnahrungsmitteln. Auch in Deutschland gibt es Menschen, die zu wenig zu essen haben. Mit knapp unter fünf Prozent der Bevölkerung ist der Anteil allerdings vergleichsweise gering.

Dabei werden weltweit so viele Nahrungsmittel produziert wie nie zuvor: Die Erzeugnisse der Landwirtschaft liefern etwa ein Drittel mehr Kalorien, als für die Versorgung aller Menschen nötig wäre. Das Problem ist, dass Kaufkraft und Nahrung ungleich verteilt sind. Vor allem Kleinbauern und Menschen in den ländlichen Regionen von Entwicklungsländern können sich die nötigen Nahrungsmittel oft nicht leisten. Paradoxerweise sind es die Kleinbauern, die mit ihren Erzeugnissen zwei Drittel der Menschheit ernähren.

Hinzu kommt, dass Land eine endliche Ressource ist. Immer mehr Großbetriebe und Investoren drängen auf den internationalen Markt auf der Suche nach neuen Anbauflächen. Überall dort, wo Land noch vergleichsweise günstig zu haben ist, fällt es den Kleinbauern schwer ihre Ländereien zu halten. Das so genannte Land Grabbing, also der Aufkauf und die Aneignung von Agrarflächen u.a. durch finanzstarke Akteure, ist laut der Soziologin Saskia Sassen eine der Hauptursachen für die Flüchtlingsströme, die wir gerade in der Welt erleben. Ohne Selbstversorgung und lokalen Handel geraten die Kleinbauern in Abhängigkeit vom globalen Markt.

Die Großen werden größer

Auch in Deutschland kämpfen kleine Betriebe um ihre Existenz. Großbauern und Agrarunternehmer dominieren den Markt und versorgen die Mehrheit der Bevölkerung. Ökohöfe und Kleinbetriebe bedienen hingegen eine recht überschaubare Klientel. Willi Lehnert vom Bündnis Junge Landwirtschaft setzt sich für kleinbäuerliche Betriebe ein und beschreibt die Lage so: "Wir haben die Situation, dass wenige große Betriebe über sehr, sehr viel Fläche verfügen, während viele kleine Betriebe einen Bruchteil der Flächen bewirtschaften". Vor allem die Agrarsubventionen der Europäischen Union, die zum Großteil per Hektar ausgezahlt werden, locken laut Lehnert immer mehr Investoren und Kapitalanleger an, die eigentlich nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben. Er und andere Kritiker der europäischen Agrarpolitik sind unter anderem deshalb überzeugt, dass die EU-Vorgaben die Ungleichheiten am Markt weiter verschärften. Nicht nur für Kleinbetriebe, sondern für den gesamten ländlichen Raum sei das ein Problem. "Da kommen dann im November oder Dezember die 300€ pro Hektar. Bei 1000 Hektar sind das 300.000€. Davon leben die [Firmen]. Deshalb fehlt auch die Innovation im ländlichen Raum: Das haben die Unternehmen nicht nötig", sagt Johannes Erz, der zusammen mit seiner Frau einen knapp zehn Hektar großen Hof in Brandenburg betreibt. Mit alternativen Modellen, wie z. B. der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi), versuchen kleinere Landwirte die Problematik der Subventionen zu umgehen - z. B. über Mitgliedsbeiträge oder Direktfinanzierungen.

Spekulation und Handel

Doch nicht nur der Landkauf zieht Investoren an: Seit der Finanzkrise 2007/2008 ist der Nahrungsmittelmarkt für Kapitalanleger eine attraktive, weil als sicher geltende Alternative geworden. Seither sind die Preise für viele Nahrungsmittel stark gestiegen. Kritiker sind deshalb überzeugt: Die Spekulation großer Finanzinvestoren sei daran schuld, dass die Preise in die Höhe schießen. Spekulation solle deshalb verboten, oder zumindest stark reguliert werden. Viele Finanzakteure, aber auch einige Stimmen aus der Wissenschaft, widersprechen: Spekulation habe kaum nachweisliche Effekte auf das Preisniveau. Im Gegenteil: Sie könne die Preise sogar stabilisieren. Einen negativen Einfluss hätten eher andere Faktoren wie etwa Kriege, der Klimawandel oder Naturkatastrophen sowie die stärkere Verknüpfung des Agrarmarktes mit dem Energiemarkt zur Herstellung von Biobrennstoffen wie Ethanol oder Biodiesel.

Konsum

Zu guter Letzt gibt es da auch noch uns, die Konsumenten. Ob wir wollen, oder nicht: Mit allem was wir kaufen, nutzen und verbrauchen treffen wir eine politische Entscheidung, die in einer globalisierten Welt auch weitreichende Folgen haben kann. Massentierhaltung und Dumping-Preise liegen genauso im Trend wie Fairtrade und Bio. Der politische Konsum ist bisweilen vor allem noch ein Hobby der gebildeten Mittelschicht. Aber wie wirksam ist er wirklich? Und wie fair ist "fair trade" tatsächlich? Und: Was hilft es, wenn wir auf der einen Seite fair und ökologisch einkaufen, wenn aber am Ende ein großer Teil unseres Essens auf dem Müll landet. Weltweit werden jedes Jahr ca. 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel weggeworfen.

Wenn wir im Jahr 2050 also zehn Milliarden Menschen ernähren wollen, haben wir noch einige Probleme zu lösen. Über einige davon werden wir im Laufe dieses Schwerpunktes diskutieren.


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Kommentare anderer Nutzer

Björn Keller | 12.08.2016 um 23:09 [Antworten]

Frage nach Wer/Definition?

Im Absatz „Spekulation und Handel“, Satz 3, wird von „Kritikern“ gesprochen. Im Satz 5 wird von „Finanzakteure[n], aber auch einige Stimmen aus der Wissenschaft“ gesprochen.
Wer sind denn diese Kritiker? Auch Finanzakteure oder Stimmen aus der Wissenschaft? Warum wird dies nicht genauer definiert?


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