Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

5.3.2008

Die sexuelle Revolution

Interview mit Martin Goldstein

Warum ist Aufklärung heute, trotz der sexuellen Befreiung der 68er, immer noch so ein Tabuthema in den Familien?

"Als Mann von heute" sprach "Dr. Sommer" mit neuer Offenheit und Freizügigkeit und wurde damit  zum Markenzeichen der BRAVO.  Foto: BRAVO Nr. 44 (1969)"Als Mann von heute" sprach "Dr. Sommer" mit neuer Offenheit und Freizügigkeit und wurde damit zum Markenzeichen der BRAVO. (© BRAVO Nr. 44 (1969))
Martin Goldstein: Ich hab da meine Erklärung. Die Konstruktion Familie – Vater, Mutter, abgeschottet von anderen Personen in einer Vier-Zimmer-Wohnung – ist nicht die Struktur, die es braucht. Das sind zu wenige Personen und sie sind zu eng zusammen. Ein Kind braucht sieben Erwachsene, die es kennt und an die es sich wenden kann. In unserer Kleinfamilienstruktur gibt es diese sieben Erwachsenen aber nicht. Da entsteht dieser ganz enge Raum und der ist viel zu klein, als dass man mit Distanz miteinander reden könnte. Eltern sind für die Aufklärung ihrer Kinder am wenigsten geeignet. Man sollte das von den Eltern auch gar nicht erwarten. Die Sexualität der eigenen Kinder ist für die Eltern viel zu persönlich und zu emotional. Wenn es um die Sexualität ihrer Kinder geht, haben Eltern immer Angst oder schweigen. Und auch die Kinder wollen nicht in Erfahrung bringen, was die Eltern erlebt haben und was die Eltern machen. Kinder und Jugendliche wollen mit Menschen sprechen, die keine Angst haben und nicht beklommen sind.

Die Lösung wären also alternative Formen des Zusammenlebens, wie etwa die der Kommunen in den 60er Jahren?

Martin Goldstein: Ja, erstmal ja. Ich selbst bin verbunden mit einer Kommunität. In dieser leben 80 Erwachsene und 60 Kinder zusammen. Die Kinder lernen also ununterbrochen andere Erwachsene kennen, an die sie sich wenden können. Es gibt da keine familiäre Abgrenzung. Die Kinder haben dort mehr Freiheiten und die Welt der Erwachsen ist ihnen dennoch viel näher. Es gibt praktisch auch keine Alleinerziehenden. Wie soll man in einer Kommunität denn alleinerziehend sein? Es ist so wie bei den wirklich alten Großfamilien, zu denen ja auch Nichtverwandte gehörten, wie Mägde und Knechte. Auch da gab es diese Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen. Auch die ersten Kommunen in Deutschland haben die Strukturen der Kleinfamilie und die Zurückhaltung der Sexulität durchbrochen. Aber sie haben sich dann mit Penis und Scheide unterhalten und nicht von Mensch zu Mensch. Über menschliche Beziehungen ist da wenig bei rausgekommen. Ein Ladenlokal mit offenem Schaufenster, hinter dem eine Kommune lebte, und jeder sehen konnte, was die alles im Bett und außerhalb des Bettes machten, hat zwar erheblich zum Bruch mit der Tradition beigetragen, aber so gut wie nichts zu der Beziehungsfähigkeit zwischen den Menschen. Heute sind die Kommunitäten da viel weiter.

In den USA, aber auch in Deutschland, gibt es in den letzten Jahren unter Jugendlichen den Trend, mit dem Sex bis zur Ehe abzuwarten. Sie führen damit wieder ein, wogegen die 68er gekämpft haben.

Martin Goldstein: Meine Erklärung dafür ist, dass Jugendliche heute alles schon irgendwie zur Kenntnis genommen haben. Das wurde zu einer Art Zwang. Und diesem wollen sie sich entziehen. Früher ist man mit dem Zwang aufgewachsen, alles Sexuelle wegzulassen. Und die jungen Menschen heute wachsen mit dem Zwang auf, alles Sexuelle auszuprobieren und das möglichst sofort. Ansonsten gehören sie nicht dazu. Diesem Zwang wollen sie sich entziehen. Sie haben da die gleiche Motivation wie die 68er – nur der Zwang hat sich umgedreht. Wobei ich von Keuschheit bis zur Ehe nichts halte. Ich kann die Sexualität ja nicht wie einen Apparat abschalten und dann einfach, wenn ich verheiratet bin, schalt ich ihn an. Das macht der sexuelle Apparat nicht. Das ist keine vernünftige Einstellung.

Das Interview führte Stephan Trinius (Volontär in der Online-Redaktion der bpb).

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