Nachdem das ,lange‘ 19. Jahrhundert seit der Französischen Revolution trotz aller Widersprüche und Gegentendenzen vor allem im Zeichen von Modernisierung, Fortschritt und Zivilisation gestanden hatte, schien sich diese optimistische Perspektive auf einmal in ihr Gegenteil zu verkehren: Alle Errungenschaften der Moderne wurden nun zu Instrumenten der Zerstörung. Das Ergebnis musste als Kulturbruch erscheinen: Allein etwa zehn Millionen tote Soldaten, eine noch weit größere Zahl von Verletzten und Kriegsversehrten, dazu kaum zählbare Opfer durch Verbrechen und Leiden, die mit dem Krieg in Verbindung standen. Hierzu zählt u. a. der erste große Völkermord des 20. Jahrhunderts, in dem die jungtürkische Regierung in den Jahren 1915/16 allein etwa eine Million Armenier umbrachte. Die moderne Zivilisation erlebte im Ersten Weltkrieg tatsächlich ihren Rückfall in die Barbarei.
Kulturpessimismus und moderne Kriegskritik
Ahnungen davon hatten den Prozess der Modernisierung von Anfang an begleitet und sich in der Vorkriegszeit verdichtet. Apokalyptische Visionen prägten nicht zuletzt den deutschen Expressionismus der Zeit, wie etwa in den „Apokalyptischen Landschaften“, die der Maler Ludwig Meidner zeichnete. Oder in den jeweils „Weltende“ benannten Gedichten, mit denen Else Lasker-Schüler und Jacob van Hoddis ihre Verzweiflung an der Gegenwart in Worte fassten. Während konservative Kulturkritiker die Auflösung vermeintlich organischer Lebensgemeinschaften und die zerstörerischen Wirkungen einer letztlich doch rein instrumentellen Rationalität beklagten, setzten sich Pazifisten und kapitalismuskritische Sozialdemokraten mit den zerstörerischen Potentialen eines industrialisierten Krieges auseinander. So warnte der Lehrer Wilhelm Lamszus 1912 eindringlich vor dem „Menschenschlachthaus“, in das ein Krieg der Industriemächte Europa verwandeln würde. Und schon 1888 hatte Friedrich Engels angesichts des modernen Imperialismus hellsichtig vor einem „Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit“ gewarnt, der die moderne Weltordnung umstürzen würde: „Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebes in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird…"