Eine Gruppe von Frauen demonstriert am 12.03.1912 in Berlin für das Frauenwahlrecht

12.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Michael Dreyer

Revolution 1918/19: Vom Ende der Monarchie zur Nationalversammlung

Die Novemberrevolution markiert den Übergang zwischen Monarchie und Demokratie. Es war die Sozialdemokratie, die handelte und einen Weg suchte, diesen Übergang möglichst friedlich zu gestalten.

Der Rat der Volksbeauftragten vom 10. November bis 29. Dezember 1918; v.1.n.r.: Wilhelm Dittmann (USPD), Otto  Landsberg (SPD), Hugo Haase (USPD), Friedrich Ebert (SPD), Emil Barth (USPD) und Philipp Scheidemann (SPD).Der Rat der Volksbeauftragten vom 10. November bis 29. Dezember 1918; v.1.n.r.: Wilhelm Dittmann (USPD), Otto Landsberg (SPD), Hugo Haase (USPD), Friedrich Ebert (SPD), Emil Barth (USPD) und Philipp Scheidemann (SPD). Es verfügte am 12.11.1918, dass zukünftig "alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften […] fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten Wahlrecht ... für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen ..." durchgeführt werden. (© Bundesarchiv Bild 183-08618-0008)

Die Revolution von 1918 ist lange eine "vergessene Revolution" (Alexander Gallus) gewesen. In den "Deutschen Erinnerungsorten" findet man unter 121 Artikeln in drei Bänden die Paulskirche und die Revolution in der DDR 1989, aber nicht die Revolution, die die Monarchie in Deutschland beendete und die erste demokratische Republik einleitete. Das ändert sich erst jetzt. Und erstmals gibt es sowohl in der Wissenschaft wie in der Öffentlichkeit ein anhaltendes Interesse an einer Revolution, die lange Zeit im Abseits stand. In der Paulskirche 1848 waren honorige Professoren versammelt, der Umsturz in der DDR wurde von mutigen Bürgerinnen und Bürgern herbeigeführt. Aber die Matrosen von 1918? Zwischen der Revolution am 9. November und der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar liegen 71 Tage; genau 10 Wochen und ein Tag. Und doch wurden hier entscheidende Weichen gestellt, und dies gleich mehrfach. Zum einen galt es bereits für die Revolutionär_innen selber, die Revolution in ihrem Ablauf zu verstehen, um politisch handlungsfähig zu werden. Zum zweiten mussten demokratische Wahlen vorbereitet und durchgeführt werden, die letztlich die Weimarer Reichsverfassung vorbereiteten. Zum dritten hatte eine neue Regierung ein Land zu leiten, das gerade einen Weltkrieg verloren hatte – und große Teile der Bevölkerung wollten diesen Verlust nicht zur Kenntnis nehmen. Und zum vierten musste sich die Gesellschaft neu organisieren, weg vom Krieg und hin zum Frieden, weg von der autoritären Monarchie und hin zur demokratischen Republik.

Phasen der Revolution

Die Revolution entspringt – wie in Österreich-Ungarn, wie in Russland – dem verlorenen Krieg. Als die Matrosen der Kriegsflotte im Oktober 1918 noch in ein sinnloses Selbstmordkommando fahren sollen, revoltieren sie in Wilhelmshaven, Kiel und anderswo. Vorbereitet wurde dies durch mehrere Hungerwinter, durch die Friedensunfähigkeit des Kaiserreiches und durch die fehlende Umwandlung des "Obrigkeitsstaates" in einen "Volksstaat" (so Hugo Preuß, erster Innenminister der Weimarer Republik). Es ist bemerkenswert, wie schnell die deutschen Monarchien fielen und dass sich nirgendwo Widerstand regte – der November 1918 hätte also ebenso wie 1989 das Recht, als friedliche Revolution zu gelten. Schon am 7. November dankt der König von Bayern ab und beendet damit 738 Jahre Herrschaft der Wittelsbacher. Die letzte Abdankung erfolgte erst am 30. November (König Wilhelm II. von Württemberg), aber von zentraler Bedeutung ist die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und die Absetzung des Kaisers am 9. November – zurecht ist auch von einem "Akt kollektiver Selbstentkrönung" (Lothar Machtan) gesprochen worden. Schon zuvor hatte der letzte Reichskanzler des Kaiserreiches, Prinz Max von Baden, dieses Amt (ohne staatsrechtliche Legitimation) an den SPD-Parteiführer Friedrich Ebert übertragen. Die revolutionäre Legitimität wurde einen Tag später nachgereicht, als der Arbeiter- und Soldatenrat, de facto Inhaber der Staatsgewalt, einen paritätisch aus USPD und (M)SPD besetzen "Rat der Volksbeauftragten" berief, in dem Ebert und Scheidemann dominierten. Als der Reichsrätekongress am 16. Dezember in Berlin zusammenkommt und dann am 19. Dezember auch formell der Einberufung einer Nationalversammlung zustimmt, ist die Ablehnung des russischen Weges und die demokratische Verankerung der Revolution gesichert.

Daran können auch die Aufstände nichts mehr ändern, die in einer zweiten Phase die friedliche Revolution gewaltsam in sozialistischer Richtung fortsetzen wollen. Diese Versuche werden militärisch niedergeschlagen; am bedeutsamsten waren die "Weihnachtskämpfe" seit dem 23. Dezember um den Reichstag und der Spartakus-Aufstand ab dem 5. Januar, der zehn Tage später zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht führte.

Vorbereitung von Wahlen und ein erster Verfassungsentwurf

Die zweite Ebene dieser Übergangsphase von 71 Tagen bildet die Vorbereitung der Wahlen zur Nationalversammlung und zur Verfassunggebung. Schon logistisch ist dies eine Meisterleistung. Der Kopf dahinter war Hugo Preuß, ein bedeutender liberaler Staatsrechtler und Kommunalpolitiker, der schon im Kaiserreich eng mit der Berliner SPD zusammengearbeitet hatte. Am 14. November erschien Preuß‘ Aufsatz "Volksstaat oder verkehrter Obrigkeitsstaat" im liberalen Berliner Tageblatt – und einen Tag nach dieser scharfen Kritik wurde Preuß von Ebert ins Reichsamt des Inneren berufen. Die Berufung eines Nicht-Sozialdemokraten in ein bedeutendes politisches Amt in der Phase der Revolution war sicherlich ein einmaliges Ereignis in dieser Zeit. Damit war zugleich die Fiktion beendet, dass die Umgestaltung von Staat und Gesellschaft allein von den sozialistischen Parteien zu bewältigen sei. Preuß war kein unparteiischer Fachmann, sondern ein Politiker. In seiner Berufung (der auch die einiger Zentrums-Politiker folgen sollte) zeichnete sich die spätere Weimarer Koalition aus SPD, DDP und Zentrum ab – also den Parteien der erfolglosen Friedensresolution von 1917. Preuß ging energisch ans Werk; wenige Wochen nach seiner Berufung wurden im ganzen Reich demokratische Wahlen abgehalten. Zuletzt hatte es 1912 Wahlen gegeben – und jetzt galt das moderne Verhältniswahlrecht statt Mehrheitswahlrecht des Kaiserreiches, das Wahlalter war von 25 auf 20 Jahre gesenkt worden, erstmals durften Soldaten wählen (die überhaupt erst wieder nach Deutschland zurückkehren mussten!), und vor allem hatte sich die Wahlbevölkerung durch die Einführung des Frauenwahlrechtes verdoppelt. Schon dies war eine enorme organisatorische Leistung. Aber die Wahl war nur das Vorspiel zur Verfassunggebung und auch die wurde von Preuß vorbereitet.

Abgesehen von den Ideen einer Expertenkonferenz im Reichsamt des Inneren (9.-12. Dezember) und den Versuchen der Länder, über einen Staatenausschuss Einfluss zu nehmen, entspricht die Vorlage der Verfassung an die Nationalversammlung wie auch die letztlich verabschiedete Reichsverfassung wesentlich dem Entwurf von Preuß. Im Mittelpunkt steht ein starker Reichstag, ihm gegenüber eine zweigeteilte Exekutive (Reichspräsident und Reichskanzler). Solange der Kanzler eine Mehrheit im Reichstag hat, ist der Präsident auf repräsentative Aufgaben beschränkt, kann aber im Notfall auch politisch eingreifen – allerdings nur im Notfall. Die Länder waren im Reichsrat vertreten, der in der Tradition des Bundesrates stand. Nicht durchgesetzt hat Preuß sich bei der Aufteilung Preußens (er dachte an Länder, die den heutigen recht ähnlich sehen) und bei den Grundrechten, die mit 57 Artikeln wesentlich umfassender als geplant ausfielen. Viele dieser Grundrechte waren sehr innovativ, gerade im Sozial- und Wirtschaftsbereich. Aber dies lag in der hier betrachteten Periode noch in der Zukunft. Alles in allem war der in diesen Wochen entstandene Entwurf der Weimarer Reichsverfassung die Vorlage für die modernste und demokratischste Verfassung, die es 1919 auf der Welt gab.

Die Regierungsarbeit

Die dritte Ebene umfasst die eigentliche Regierungsarbeit. Von den sechs Volksbeauftragten, die am 10. November ihr Amt antraten, hatte keiner im Kaiserreich Regierungserfahrung sammeln können, wenn man von der verspäteten Demokratisierung des Reiches im Oktober absieht. Und doch musste diese Regierung, und nicht die für die Kriegsniederlage verantwortliche Kaiserliche Regierung oder gar die Militärs, am 11. November den Waffenstillstand unterzeichnen, der die Niederlage eingestand. Leiter der Delegation war der spätere Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (Zentrum), der 1921 von Rechtsradikalen ermordet wurde. Der Waffenstillstand galt nur kurz und musste zu immer härteren Bedingungen verlängert werden. Gleichzeitig blieb die Hungerblockade gegen Deutschland weiter in Kraft; sie wurde erst 1919 aufgehoben. Die Millionenheere, die außerhalb der Grenzen Deutschlands standen, mussten entwaffnet und zurückgeführt werden, große Gebiete des Kaiserreiches (Elsaß-Lothringen, Schaffung des polnischen Staates) wurden sofort abgetrennt und die Verhandlungen um den Versailler Vertrag wollten vorbereitet sein. Hinzu kamen die oben beschriebenen internen Aufstände, die am 23. Dezember zum Ausscheiden der USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten führte, sowie Abspaltungsbestrebungen im Rheinland. Es grenzt an ein Wunder, dass es Ebert und Scheidemann gelang, nach innen und außen handlungsfähig zu bleiben und so etwas wie Normalität zu bewahren.

Eine gesellschaftliche Neuorganisation

Die vierte Ebene ist die der gesellschaftlichen Neuorganisation. Angesichts des begrenzten Charakters der Revolution blieben viele Institutionen (Gewerkschaften, Kirchen, Vereine und Verbände) im Wesentlichen unverändert. Nur hatten die Gewerkschaften im neuen Staat deutlich mehr Einfluss als zuvor. Weitgehend neu gestaltete sich aber das Parteiwesen, und auch das geschah in den wenigen Wochen vor der Wahl – bzw. noch schneller, denn bis dahin mussten die neuen Parteien Kandidatinnen und Kandidaten und Listen aufstellen, die Neuerungen des Wahlrechtes umsetzen und ein Wahlkampf geführt werden. Bestehen blieben das katholische Zentrum und die SPD, von der sich allerdings schon 1917 die USPD abgespalten hatte und jetzt noch der Spartakusbund, die spätere KPD. Die neue Deutsche Demokratische Partei war im November 1918 als liberale Sammlungspartei gegründet worden, konnte aber nicht verhindern, dass sich einen Monat später republikfeindliche rechtsliberale Kräfte um Gustav Stresemann zur Deutschen Volkspartei vereinigten. Auf dem rechten Flügel kamen die konservativ-monarchischen Kräfte Ende November zur Deutschnationalen Volkspartei zusammen – es ist bezeichnend, dass selbst diese Partei es für notwendig hielt, den Begriff 'Volk' in den Namen aufzunehmen.

Die Wahlen

Damit ist der 19. Januar 1919 und die Wahl zur Nationalversammlung erreicht, mit allen oben erwähnten Neuerungen im Wahlrecht. Dank dem Verhältniswahlrecht gingen, im Gegensatz zum Mehrheitswahlrecht des Kaiserreiches, keine oder doch nur sehr wenige Stimmen bei der Wahl verloren. Die Wahlbeteiligung von 83 Prozent sprach für sich, ebenso die mehr als 20 Millionen Neuwählerinnen und Neuwähler – eine Steigerung um 167 Prozent gegenüber der letzten Wahl des Kaiserreiches 1912. Die drei Parteien der Weimarer Koalition, SPD, Zentrum und DDP, erzielten 76,1 Prozent der Stimmen.

Bilanzierend lässt sich sagen, dass die 71 Tage von der Revolution zur Nationalversammlung gut genutzt wurden und aus der Katastrophe des Weltkrieges der Weg zur ersten deutschen Demokratie besser erreicht wurde, als man dies im November 1918 hätte vermuten dürfen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Prof. Dr. Michael Dreyer für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 42/2018)

Frauen wählen

Vor knapp 100 Jahren erlangten Frauen beziehungsweise die Frauenbewegung endlich das Wahlrecht in Deutschland. Trotz vieler Fortschritte ist eine angemessene politische Repräsentation immer noch nicht erreicht.

Mehr lesen