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Außenpolitik und Imperialismus | Das Deutsche Kaiserreich | bpb.de

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Außenpolitik und Imperialismus

Bernd Ulrich Wolfgang Kruse

/ 13 Minuten zu lesen

Bismarcks Außenpolitik konzentrierte sich nach den Kriegen der Reichsgründungszeit auf die Erhaltung des europäischen Friedens als Existenzgrundlage des neuen Reiches „in der Mitte Europas“. Ein massiver Kurswechsel erfolgte erst nach seiner erzwungenen Abdankung am 18.3.1890. Nun begann ein „Neuer Kurs“: Bündnisse wurden auf ihre Kriegstauglichkeit hin geprüft. Und Deutschland forderte einen „Platz an der Sonne“.

Parade am Tempelhofer Feld, Berlin. Deutschland. Photographie. 1908. (© picture-alliance, brandstaetter images/Austrian Archives | Anonym)

Zu Anfang war die Stellung des neuen Reiches „in der Mitte Europas“ noch durchaus ungewiss, und die Außenpolitik Bismarcks war vor allem darum bemüht, eine antideutsche Koalition der europäischen Mächte zu verhindern. Die Überlebensfähigkeit des neu gegründeten Nationalstaats hing jedoch nicht allein von den Möglichkeiten und Grenzen einer geschickten Außenpolitik ab. Ihre politische Bedeutung zeigte sich nicht zuletzt darin, dass Bismarck sie immer auch als einen Hebel begriff, um die innenpolitische Stabilisierung des Kaiserreichs zu betreiben. Nicht nur das in sich höchst widersprüchliche aristokratisch-bürgerliche "Bündnis zwischen Rittergut und Hochofen" (Bismarck) galt es durch außenpolitische Erfolge zu zementieren, sondern auch den Zusammenhalt eines neu zusammengefügten, von vielfältigen ökonomischen, sozialen, kulturellen, konfessionellen und politischen Widersprüchen geprägten Nationalstaats. Die Außenpolitik des Kaiserreichs ist so – zeitgenössisch wie in der Forschung – auch unter innenpolitischen Perspektiven, ja unter einem „Primat der Innenpolitik“ (Eckart Kehr) betrachtet worden, nach dem außenpolitische Feindbilder und machtpolitische Erfolge nicht zuletzt einer Konsolidierung der inneren Ordnung dienen sollten.

QuellentextOtto von Bismarck im "Kissinger Diktat" vom 15. Juni 1877

Ein französisches Blatt sagte neulich von mir, ich hätte ´le cauchemar des coalitions`; diese Art Alp wird für einen deutschen Minister noch lange, und vielleicht immer, ein berechtigter bleiben.

Koalitionen gegen uns können auf westmächtlicher Basis mit Zutritt Österreichs sich bilden, gefährlicher vielleicht noch auf russisch-österreichisch-französischer; eine große Intimität zwischen zweien der drei letztgenannten Mächte würde der dritten unter ihnen jederzeit das Mittel zu einem sehr empfindlichen Drucke auf uns bieten. In der Sorge vor diesen Eventualitäten, nicht sofort, aber im Lauf der Jahre, würde ich als wünschenswerte Ergebnisse der orientalischen Krisis für uns ansehn:

  1. Gravitierung (im Sinne von: Schwerpunktbildung/Ausrichtung) der russischen und der österreichischen Interessen und gegenseitigen Rivalitäten nach Osten hin,

  2. der Anlaß für Rußland, eine starke Defensivstellung im Orient und an seinen Küsten zu nehmen, und unseres Bündnisses zu bedürfen,

  3. für England und Rußland ein befriedigender status quo, der ihnen dasselbe Interesse an Erhaltung des Bestehenden gibt, welches wir haben,

  4. die Loslösung Englands von dem uns feindlich bleibenden Frankreich wegen Ägyptens und des Mittelmeers,

  5. Beziehungen zwischen Rußland und Österreich, welche es beiden schwierig machen, die antideutsche Konspiration gegen uns gemeinsam herzustellen, zu welcher zentralistische oder klerikale Elemente in Österreich etwa geneigt sein möchten.

Wenn ich arbeitsfähig wäre, könnte ich das Bild vervollständigen und feiner ausarbeiten, welches mir vorschwebt: nicht das irgend eines Ländererwerbes, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden.

Aus: Institut für Auswärtige Politik in Hamburg (Hg.), Die Auswärtige Politik des Deutschen Reiches 1871-1914, einzige vom Auswärtigen Amt autorisierte gekürzte Ausgabe der amtlichen Großen Aktenpublikation der Deutschen Reichsregierung. Leitung: Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Thimme, Berlin 1928, Bd. I, S.58/59.

Hegemoniale Konsolidierung unter Bismarck

Ihren vorläufig sinnfälligsten Ausdruck gewannen Bismarcks Bemühungen um eine Integration in die europäische Mächteordnung im September 1872, als sich Zar Alexander II., Kaiser Franz Joseph von Österreich und Kaiser Wilhelm I. zusammenfanden, um sich ihrer monarchischen Verbundenheit für "die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens gegen alle Erschütterungen" zu versichern. Das Treffen führte direkt zum so genannten Dreikaiserabkommen vom Juni bzw. Oktober 1873. Außenpolitisch diente es vor allem der Isolation Frankreichs, also jenes Landes, das nach der Niederlage gegen Preußen-Deutschland und der danach erzwungenen Abtretung Elsass-Lothringens sowie einer Reparationszahlung von 5 Milliarden Francs auf Revanche sann. Bereits im Sommer 1871 begannen französische Diplomaten mit der Annäherung an Russland. Vor allem dieser Entwicklung vermochte Bismarck mit dem Dreikaiserabkommen vorerst einen Riegel vorzuschieben. Überhaupt sollte die außenpolitische Isolation des als "Erbfeind" geltenden westlichen Nachbarn ein zentraler Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik bleiben. Schon das Krisenjahr 1874 zeigte allerdings, dass sich das deutsch-russische Verhältnis wieder abzukühlen begann und Frankreich auch weiterhin den Schulterschluss mit dem östlichen Nachbarn Deutschlands suchte.

Vor diesem Hintergrund versuchte Bismarck, die im Umfeld der Einigungskriege so erfolgreiche Strategie der Kriegsdrohung wieder aufzunehmen, um Frankreich einerseits in seinen Revanchekriegsgelüsten zu disziplinieren und andererseits unter den europäischen Mächten zu isolieren. In der „Krieg-in-Sicht-Krise“ des Jahres 1875 kulminierten diese Versuche – und scheiterten: Nachdem im März 1875 in Frankreich ein Gesetz erlassen worden war, das eine militärische Verstärkung zur Folge hatte, erschien am 8. April in der regierungsnahen Zeitung „Die Post“ ¬und wahrscheinlich mit Billigung Bismarcks ein Artikel unter der Schlagzeile „Ist der Krieg in Sicht?“ Zwar hegte Bismarck – anders als viele führende Militärs – nicht die Absicht, einen Präventivkrieg gegen Frankreich zu führen. Aber der Fall eignete sich in seinen Augen vorzüglich, um vor allem die Reaktionen Englands und Russlands zu erproben und nebenbei auch Österreich-Ungarn die militärische Entschlossenheit des Reiches zu demonstrieren.

Doch die unmissverständlichen Reaktionen Russlands und Englands, einen ähnlichen Krieg wie den 1870 herbeigeführten keinesfalls zu dulden bzw. durch ihr Nichteingreifen überhaupt erst zu ermöglichen, führten dem Reichskanzler eines deutlich vor Augen: Die Option Krieg kam nicht in Frage, um die europäischen Machtverhältnisse zu beeinflussen und die Existenz des Deutschen Reiches zu sichern. Was folgte, war eine „Politik der relativen Selbstbescheidung“ (Jost Dülffer), ja, die Entdeckung eines „Bewegungsgesetz(es), nämlich durch kontrollierte Benutzung machtpolitischer Rivalitäten Ausgleich zu schaffen und durch gezügelte Pflege internationaler Spannungen Frieden zu stiften“ (Klaus Hildebrand). Das mag etwas zu idealistisch formuliert sein, charakterisiert aber den Grundcharakter der hegemonialen Sicherungsversuche in den 1870er und 1880er Jahre recht präzise.

Berliner Kongress (13. Juni 1878 bis 13. Juli 1878). Gemälde von Anton Werner von 1881. (© Public Domain)

Das Reich ist saturiert

Die neu gewonnenen Erkenntnisse zu erproben, boten die offene orientalische Frage – womit nichts anderes gemeint ist als der allmähliche Verfall des Osmanischen Reiches und die daraus resultierenden Gebietsansprüche der europäischen Mächte – und eine der vielen Balkan-Krisen eine erste Gelegenheit. Seit dem Sommer 1875 hatten Aufstände gegen die türkische Herrschaft auf dem Balkan zugenommen. Direkt betroffen waren hier aber auch die Interessen Russlands und Österreich-Ungarns und – nachdem der Zar am 24. April 1877 einen Krieg gegen die Türkei begonnen und am 3. März 1878 mit einem Diktatfrieden beendet hatte – auch englische Ambitionen zu berücksichtigen. Seit dem Krimkrieg (1853-1856), der ebenfalls als russisch-türkischer Krieg begonnen hatte und in dem schließlich der religiös instrumentalisierte Eroberungswillen Russlands auf den entschiedenen Widerstand Englands und Frankreichs gestoßen war, drohte jeder Konflikt in dieser Region zum europäischen Krieg zu werden.

QuellentextOtto von Bismarck in einer Rede vor dem Reichstag am 19. Februar 1878 im Hinblick auf den Berliner Kongress im Juni und Juli 1878

Die Vermittlung des Friedens denke ich mir nicht so, daß wir nun bei divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen und sagen: So soll es sein, und dahinter steht die Macht des Deutschen Reiches, sondern ich denke sie mir bescheidener, ja – (…) – mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zustande bringen will. (…)

Ich habe eine langjährige Erfahrung in diesen Dingen und habe mich oft überzeugt: wenn man zu zweien ist, fällt der Faden öfter, und aus falscher Scham nimmt man ihn nicht wieder auf. Der Moment, wo man den Faden wieder aufnehmen könnte, vergeht, und man trennt sich in Schweigen und ist verstimmt. Ist aber ein Dritter da, so kann dieser ohne weiteres den Faden wieder aufnehmen, ja, wenn getrennt, bringt er sie wieder zusammen. Das ist die Rolle, die ich mir denke.

Aus: Otto von Bismarck, Gesammelte Werke (alte Friedrichsruher Ausgabe), 19 Bde., 1924-1933, Bd. 11, S. 526/27.

Auf dem Berliner Kongress (13. Juni bis 13. Juli 1878), der als Forum für die Beendigung der Krise einberufen worden war, gelang es Bismarck als „ehrlicher Makler“ aufzutreten und zwischen den beteiligten Mächten erfolgreich zu vermitteln. Dabei folgte er jenen Prinzipien, die er ein Jahr zuvor während einer Kur in Bad Kissingen als Aktennotiz diktiert hatte ( „Kissinger Diktat“, vgl. Dokumente). Nicht das Zukunftsbild „irgend eines Ländererwerbs“ schwebte ihm vor, "sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden." Die Grundlage dafür bildete ein komplexes Bündnissystem, das schließlich im Dreibundvertrag zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien (20.5.1882) gipfelte und später durch den Rückversicherungsvertrag mit Russland (18.6.1887) ergänzt werden konnte. Er enthielt eine beidseitige Neutralitätsverpflichtung im Verteidigungsfall und in geheimen Zusatzprotokollen Russland zugestandene territoriale Ansprüche im Mittelmeerraum und auf dem Balkan.

Die außenpolitischen Ambitionen Bismarcks konzentrierten sich deshalb auf die Erhaltung des europäischen Friedens, weil ein Krieg das Reich zerstören würde. „Wir haben“, so führte er in einer Reichstagsrede am 11. Januar 1887 aus, „keine kriegerischen Bedürfnisse, wir gehören zu den – was der alte Fürst Metternich nannte: saturierten Staaten, wir haben keine Bedürfnisse, die wir durch das Schwert erkämpfen könnten“. Das hieß allerdings nicht, dass das Schwert für einen möglicherweise doch kommenden Krieg und für die Abwehr innerer ,Feinde‘ nicht scharf gehalten werden sollte. Noch unter Bismarck und von ihm unterstützt wurden in den Jahren 1887 und 1890 zwei Wehrvorlagen verabschiedet, die zusammen mit der von 1893 fast zu einer Verdoppelung der personellen Heeresstärke führten.

"Der Lotse geht von Bord“. Karikatur von Sir John Tenniel (1820-1914), zuerst publiziert im britischen Magazin Punch im März 1890. Kaiser Wilhelm II. beobachtet von Deck aus, wie Bismarck das Schiff verlässt.

Die neue Außenpolitik

Nach der erzwungenen Abdankung Bismarcks (18.3.1890) erfolgte eine scharfe Wende in der deutschen Außenpolitik. Der junge, nach dem Tod seines Vaters und Großvaters inthronisierte Kaiser Wilhelm II. (15. Juni 1888) berief am 23. März 1890 den General der Infanterie Leo von Caprivi (1831-1899) zum neuen Reichskanzler. Mit ihm sollte ein „Neuer Kurs“ in der Außenpolitik gefahren werden, der die als stagnierend wahrgenommene, zugleich immer undurchsichtiger und widersprüchlicher gewordene Diplomatie Bismarcks in Bewegung zu bringen hatte. Das vorhandene Bündnissystem wurde nun nach einem Wort des Historikers Klaus Hildebrand weniger auf seine Friedens- als auf seine Kriegstauglichkeit hin beurteilt. Da sich die neue deutsche Führung aber mittlerweile einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland durchaus zutraute, Russland dagegen misstrauisch gegenüberstand und den zur Verlängerung anstehenden Rückversicherungsvertrag mit dem Zarenreich als unvereinbar mit den Prinzipien des Dreibunds interpretierte, ließ man ihn im März 1890 auslaufen. Die Wendung gegen Russland sollte durch eine Annäherung an England und durch den Ausbau und die Stabilisierung des Dreibundes – vor allem durch Handelsverträge – ausgeglichen werden. Sie führte jedoch in eine neue Form der Blockkonfrontation, in der das Kaiserreich schließlich allein im Zweibund mit Österreich-Ungarn der Entente aus England, Frankreich und Russland gegenüberstand.

Faktorei in Lomé, Togo, um 1895. (© picture-alliance/akg)

Dies alles geschah in einer Zeit, als global der Übergang zu einem forciert betriebenen Imperialismus unübersehbar geworden war. Nachdem Bismarck anfangs eher zögerlich und aus sozialimperialistischen, der nationalen Integration verpflichteten Erwägungen die Einrichtung deutscher Schutzgebiete vor allem in Afrika (Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun) unterstützt hatte, trat das imperialistische Weltmachtstreben auch in Deutschland bald immer deutlicher in den Vordergrund. Es ging in der Politik nach Innen mit einer zunehmenden Zentralisierung und Kartellbildung der prosperierenden Wirtschaft einher, die ihr industrielles Produktionsvolumen binnen weniger Jahre bedeutend steigern konnte. Die Erschließung von Absatzmärkten, aber auch die Absicherung von Rohstoffquellen und damit die Zukunft der Wirtschaft und des Wohlstands hingen, so meinten viele Meinungsführer und Entscheidungsträger, von einer forcierten Expansion Deutschlands nach Übersee ab, die mit einem staatlichen geförderten Kolonialismus zugleich imperiale Weltmachtträume befeuern konnte. „Weltpolitik“ lautete die nicht zuletzt mit dem jungen Kaiser Wilhelm II. verbundene Parole der Zeit, unter der sich sowohl der monarchische Staat als auch die bürgerliche Gesellschaft zusammenfinden konnten. Da das Kaiserreich bei seinen weltpolitischen Aktivitäten jedoch fast überall auf bereits etablierte Kolonialreiche seiner europäischen Nachbarn traf, waren damit vielfältige außenpolitische Konflikte vorprogrammiert.

Wilhelminismus und Weltpolitik

Wilhelm II, dessen Anspruch auf ein "persönliches Regiment" der Epoche den Stempel aufdrückte, war nicht allein ein begeisterter Außenpolitiker, er engagierte sich auch von Anfang an für eine nach Expansion und Kolonialbesitz strebende Weltpolitik. Im Tagesgeschäft wurde er von den jeweiligen, für die Außenpolitik zuständigen Kanzlern und den Staatssekretären des Auswärtigen beraten und gelenkt. Zur unübertroffenen Meisterschaft darin brachte es Bernhard von Bülow (1849 – 1929), der 1897 zum Staatssekretär des Äußeren und drei Jahre später zum Reichskanzler berufen wurde. Namentlich in der Frage der Modernisierung und des Ausbaus der Kriegsmarine trafen von Bülow und der 1897 als Staatssekretär des Reichsmarineamts berufene Admiral Alfred von Tirpitz (1849 – 1930) beim marinebegeisterten Kaiser auf offene Ohren. Spätestens seit Mitte der 1890er Jahre blieb dessen außenpolitische Vorstellungswelt beherrscht vom Bau neuer Kriegsschiffe und einer offensiven Seestrategie.

QuellentextUnmittelbar nach dem Ausscheiden Bismarcks als Reichskanzler reflektierte am 25. März 1890 der Unterstaatssekretär des Äußeren, Maximilian Graf von Berchem, in einem Vermerk die Gründe, die zur Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland geführt hatten

Die Vereinbarung steht, wenn nicht dem Buchstaben, so jedenfalls dem Geiste der Triple-Allianz (gemeint ist der Dreibund) entgegen. (…) Eine so komplizierte Politik, deren Gelingen ohnedies jederzeit fraglich gewesen ist, vermögen wir nicht weiter zu führen nach dem Ausscheiden eines Staatsmannes, der bei seiner Tätigkeit auf dreißigjährige Erfolge und einen geradezu magnetisierenden Einfluß im Auslande sich stützen konnte. Aber auch dem Fürsten Bismarck ist es nicht gelungen, aus dem Vertrage Vorteile zu ziehen; derselbe hat uns nicht vor kritischen Situationen Rußland gegenüber bewahrt, nicht vor den Truppenkonzentrationen Rußlands an unserer Grenze und vor lebhaften Verstimmungen des Zaren. Keinesfalls aber werden wir nach russischer Seite aus dem Vertrage so viel gewinnen, als uns aus demselben Nachteile nach anderen Richtungen erwachsen. (…)

Aus: Institut für Auswärtige Politik in Hamburg (Hg.), Die Auswärtige Politik des Deutschen Reiches 1871-1914, einzige vom Auswärtigen Amt autorisierte gekürzte Ausgabe der amtlichen Großen Aktenpublikation der Deutschen Reichsregierung. Leitung: Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Thimme, Berlin 1928, Bd. I, S. 461/62.

Er reagierte damit auch auf eine öffentliche Meinung und deren wachsende Bedeutung: Vor allem in den bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Schichten des Kaiserreichs, den eigentlichen Trägern eines überschießenden Nationalismus, brach sich die ungehemmte Begeisterung für die neue Flottenpolitik Bahn, die gleichermaßen den Status einer Weltmacht gegen England sichern wie ein großes deutsches Kolonialreich errichten sollte. Außenpolitisch führte der vom Kaiser gebilligte, von Bülow vertretene und von Tirpitz nicht zuletzt mit dem Ziel einer innenpolitischen Integration der auseinandertreibenden gesellschaftlich-politischen Kräfte konzipierte Aufbau einer Schlachtflotte – die im Innern mit einer bis dahin unbekannten propagandistischen Mobilisierung der öffentlichen Meinung und Einschränkungen des parlamentarischen Budgetrechts verbunden war – in erster Linie zu einer massiven deutsch-britischen Rivalität. Darüber hinaus setzte sie einen schließlich alle Mächte erfassenden maritimen Rüstungswettlauf in Gang, die sich im Bau immer stärkerer Schlachtschiffe zu übertreffen versuchten.

QuellentextDer ein Jahr später zum Staatssekretär im Reichsmarineamt ernannte Alfred von Tirpitz erläutert dem früheren Chef der Admiralität Albrecht von Stosch am 13.23.1896 die Motive der Flottenrüstung

(…) Unserer Politik fehlt bis jetzt vollständig der Begriff der politischen Bedeutung der Seemacht.

Wollen wir aber gar unternehmen, in die Welt hinauszugehen und wirtschaftlich durch die See zu erstarken, so errichten wir ein gänzlich hohles Gebäude, wenn wir nicht gleichzeitig ein gewisses Maß von Seekriegsstärke uns verschaffen. Indem wir hinausgehen, stoßen wir überall auf vorhandene oder in der Zukunft liegende Interessen. Damit sind Interessenkonflikte gegeben. Wie will nun die geschickteste Politik, nachdem das Prestige von 1870 verraucht ist, etwas erreichen ohne eine reale, der Vielseitigkeit der Interessen entsprechende Macht? Weltpolitisch vielseitig ist aber nur die Seemacht. Darum werden wir, ohne daß es zum Kriege zu kommen braucht, politisch immer den kürzeren ziehen. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß England den Glauben wohl etwas verloren hat, daß wir unsere Armee zu seinen Gunsten gegen Rußland ins Feuer schicken. Umgekehrt kann England Rußland schon sehr erhebliche Konzessionen in Ostasien machen, wenn Deutschland die Zeche zahlt. In letzterem Umstand liegt die Gefahr, wenn wir z. Zt. in einen Konflikt verwickelt werden, der Rußland, Frankreich und England betrifft. Wenn wir auch sagen wollten, wir führen keinen Krieg wegen transatlantischer Interessen, so sagen dasselbe nicht anderen drei Staaten und so arbeiten wir fortgesetzt im politischen Nachteil. (…)

Aus: Ritter, Das Deutsche Kaiserreich, S. 301f.

QuellentextDer Schriftsteller Theodor Fontane schreibt in einem Brief an seinen Freund, den Amtsgerichtsrat Georg Friedländer, am 5. April 1897 über den Kaiser

In gewissem Sinne befreit er uns von den öden Formen und Erscheinungen des alten Preußenthums, er bricht mit der Ruppigkeit, der Poplichkeit, der spießbürgerlichen Sechsdreierwirtschaft der 1813er Epoche (jener der ´Befreiungskriege`), er läßt sich, aufs Große und Kleine hin angesehn, neue Hosen machen, statt die alten auszuflicken.

Er ist ganz unkleinlich, forsch und hat ein volles Einsehen davon, daß ein Deutscher Kaiser was andres ist als ein Markgraf von Brandenburg. Er hat eine Million Soldaten und will auch hundert Panzerschiffe haben; er träumt (und ich will ihm diesen Traum hoch anrechnen) von einer Demüthigung Englands. Deutschland soll obenan sein, in all und jedem. Das alles – ob es klug und ausführbar ist, laß ich dahingestellt sein – berührt mich sympathisch und ich wollte ihm auf seinem Thurmseilwege willig folgen, wenn ich sähe, daß er die richtige Kreide unter den Füßen und die richtige Balancirstangen in Händen hätte. Das hat er aber nicht. Er will, wenn nicht das Unmögliche so doch das Höchstgefährliche, mit falscher Ausrüstung, mit unausreichenden Mitteln. (…)

Preußen - und mittelbar ganz Deutschland – krankt an unseren Ost-Elbiern. Ueber unseren Adel muß hinweggegangen werden; man kann ihn besuchen wie das aegyptische Museum und sich vor Ramses und Amenophis verneigen, aber das Land ihm zu Liebe regieren, in dem Wahn: dieser Adel sei das Land, - das ist unser Unglück und so lange dieser Zustand fortbesteht, ist an eine Fortentwicklung deutscher Macht und deutschen Ansehns nach außen hin gar nicht zu denken.

Aus: Theodor Fontane, Briefe, herausgegeben von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger, 4 Bde., Bd. 4 (1890-1898), 642/43.

Der deutsche Kolonialismus

Die Kolonialherrschaft des Kaiserreichs hat in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft lange eine untergeordnete Rolle gespielt und ist erst im Zeichen „postkolonialer“ Perspektiven in den Mittelpunkt von Forschung und öffentlichen Debatten gerückt. Sein koloniales Reich bestand seit den 1880er Jahren aus verstreuten „Schutzgebieten“ in den afrikanischen Kolonien Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda), Togo und Kamerun sowie dem zur Musterkolonie erklärten nordchinesischen Marinestützpunkt Kiautschou und den pazifischen Inselgruppen Deutsch-Neuginea und Deutsch-Samoa. Zweifellos war der deutsche Kolonialismus für manche Unternehmen ertragreich, und er hat darüber hinaus die Phantasien vieler Menschen von Abenteuer, Macht und deutscher Größe beherrscht. Doch in der Realität war nur eine kleine Zahl von deutschen Siedlern beteiligt, und für das Reich wurde die Kolonialherrschaft zu einem Zuschussgeschäft, das viele Finanzmittel und Energien verschlang. Desaströs waren die Ergebnisse dagegen für die indigene Bevölkerung. Die zivilisatorischen Errungenschaften, die nach der Kolonialpropaganda die deutsche Kultur den „Eingeborenen“ bringen sollte, blieben, wenn überhaupt, bescheiden, während nicht nur die von rassistischen Überlegenheitsvorstellungen angeleitete Beherrschung und ökonomische Ausbeutung, sondern auch die Korrumpierung und Zerstörung der indigenen Lebensformen ebenso menschenverachtende wie destruktive Formen annahm.

QuellentextReichskanzler Leo v. Caprivi über Kolonialpolitik und Nationalgefühl im Reichstag, 12.5.1890

Reichskanzler Leo v. Caprivi über Kolonialpolitik und Nationalgefühl im Reichstag, 12.5.1890 Nach meiner Überzeugung (…) ist die Rücksicht auf die Erhaltung einer nationalen Strömung im Volke mit maßgebend gewesen. Nach dem Krieg von 1870 trat eine Periode ein, in der der nationale Geist, ich will nicht sagen, rückläufig wurde, aber zu erlahmen schien. Es fehlten die Objekte, auf die er sich richten konnte; der Idealismus, dessen der Deutsche in seiner Existenz bedarf, hatte sich abgewöhnt, sich auf geistigem Gebiete zu betätigen. Die Kriege hatten ihm praktische Ziele gegeben, jedoch war auch ein Überschuß davon da, der nicht wußte, wohin. Da bot sich die Kolonialpolitik, und was an warmem Empfinden für die nationale Ehre und Größe da war, das richtete sich (…) auf diese Gebiete. (sehr wahr!) Meine Herren, es liegt doch eigentlich im Wesen des Deutschen (…), daß er eines Idealismus bedarf, wenn er leistungsfähig bleiben soll. Dieser Idealismus (…) bedarf eines gewissen Brennpunkts, und ein solcher Brennpunkt wurde ihm in der Kolonialpolitik gegeben; er wurde von der Nation, so weit ich habe beurteilen können, dankbar aufgenommen.“

Aus: Rüdiger v. Bruch u. Björn Hofmeister (Hg.), Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871-1918, Stuttgart 2000, S. 64f.

In Deutschland wurden die Kolonialverbrechen vor allem durch die Sozialdemokraten publik gemacht und angeprangert. Besonderes Aufsehen erregte 1894 die „Peitschenrede“ des SPD-Vorsitzenden August Bebel, der im Reichstag eine „Nilpferdpeitsche“ präsentierte, mit der deutsche Kolonialbeamte nackte Afrikanerinnen auspeitschen ließen. Die Verbindung von rassistischer Gewalt und Sexismus diente zweifellos der beabsichtigten Empörung, doch war sie durchaus real und durchzog auch die weiteren Debatten im Reichstag und der deutschen Öffentlichkeit über skandalöse koloniale Gewaltpraktiken und Strafmaßnahmen. Körperliche Bestrafungsformen wurden daraufhin offiziell beschränkt, doch im Zusammenhang der folgenden kolonialen Militäraktionen setzten sich auch in der deutschen Öffentlichkeit wieder rassistische Deutungsmuster durch. Am Anfang stand 1900 die Entsendung eines deutschen Marineverbandes nach China, als die vereinten europäisch-amerikanischen Kolonialmächte angesichts des sog. Boxer-Aufstands eine gemeinsame Strafexpedition beschlossen. In seiner berühmt-berüchtigten Hunnenrede forderte Wilhelm II. die deutschen Soldaten auf, mit Gewaltmaßnahmen wie der Hunnenkönig Etzel dafür zu sorgen, „dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“. Zwar kam das deutsche Expeditionskorps zu spät, um noch in die bereits entschiedenen Kriegshandlungen eingreifen zu können. Doch trotzdem praktizierten sie unter der Zivilbevölkerung eine Gewaltherrschaft, der viele Chinesen zum Opfer fielen.

Der immer wieder aufflackernde Widerstand in den afrikanischen Kolonien kulminierte im frühen 20. Jahrhundert in zwei großen Aufstandsbewegungen, die von den deutschen Kolonialtruppen auf brutale Weise niedergeschlagen wurden. Wenig Aufmerksamkeit hat bis heute der „Maji Maji-Aufstand“ von 1905 bis 1907 in Deutsch-Ostafrika gefunden, bei dessen Niederschlagung nach Schätzungen etwa 300.000 Menschen umkamen. Immer nachdrücklicher in das heutige politische Bewusstsein ist dagegen der sog. Hererokrieg von 1904/5 getreten, dessen brutale militärische Unterdrückung inzwischen als erster Genozid des an Völkermorden reichen 20. Jahrhunderts angesehen wird. Die Völker der Herero und Nama hatten sich nach Vertreibungsmaßnahmen der deutschen Kolonialherren erhoben und wurden nach anfänglichen Erfolgen militärisch besiegt. Der zwischenzeitlich eingesetzte Kommandeur Lothar von Trotha ließ das ganze Volk der Herero in die anschließend abgeriegelte Omaheke-Wüste treiben, wo die meisten verdursteten oder verhungerten. Nach seinem Befehl vom 2. Oktober 1904 wurde „jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf und treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“.

QuellentextProklamation des Generals von Trotha von 1904

Am 2. Oktober 1904 erließ General von Trotha eine Proklamation an das Volk der Herero: „Ich der große General der Deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers“

Ergänzt wurde die Proklamation durch den nur der eigenen Truppe zu verlesenden Zusatz:

„Dieser Erlass ist bei den Appells den Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufügen, dass auch der Truppe, die einen der Kapitäne fängt, die entsprechende Belohnung zuteil wird und dass Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, dass über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, dass dieser Erlass dazu führen wird keine männlichen Gefangenen zu machen, aber nicht zu Grausamkeit gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes des Deutschen Soldaten bewusst bleiben.“

Bundesarchiv Potsdam, Akten des Reichskolonialamtes, RKA, 10.01 2089, Bl. 23, Handschriftliche Abschrift der Proklamation an das Volk der Herero und des Zusatzbefehls an die Kaiserliche Schutztruppe, 2. Oktober 1904.

Zwar traf diese Rache- und Vernichtungspolitik im Reich zunehmend auf Kritik und Trotha wurde schließlich abberufen; doch als Ende 1906 SPD und Zentrum im Reichstag die Bewilligung weiterer Finanzmittel für die Kriegsführung in Deutsch-Südwest verhinderten, löste die Regierung den Reichstag auf und nutzte dies, um in den propagandistisch aufgehetzten „Hottentottenwahlen“ gegen die „inneren Feinde“ neue parlamentarischen Mehrheiten zu schaffen. In „Deutsch-Südwest“ waren große Teile der Herero bereits ums Leben gekommen, bevor die Überlebenden ähnlich wie die Nama in Zwangsarbeitslager gesperrt wurden. Von der neueren Forschung ist diese Vernichtungspolitik in eine Entwicklungslinie „von Windhoek nach Auschwitz“ (Jürgen Zimmerer) eingeordnet worden. Doch jenseits der Empörung über eine Politik des genozidalen Massenmordes sind bisher kaum eindeutige historische Verbindungen aufgezeigt worden, die vom kolonialen Genozid an den Herero und Nama zum Holocaust und anderen nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen geführt haben. Ob diese auf einen spezifisch kolonialistisch-genozidalen Rassismus zurückgeführt werden können, muss deshalb fragwürdig bleiben.

Deutsche Machtpolitik zwischen „Politik der freien Hand“ und „Einkreisung“

Die koloniale Expansion des Kaiserreichs traf in der Weltpolitik überall auf Widerstände und rief vielfältige Konflikte hervor. Denn die Suche nach einem „Platz an der Sonne“ begann zu einer Zeit intensiver zu werden, da die überseeische Welt unter den etablierten Kolonialmächten bereits weitgehend aufgeteilt war und das Deutsche Reich auch im „Wettlauf um Afrika“ von Anfang an keine guten Karten hatte. Daran konnte auch die von Bismarck einberufene Berliner Kongo-Konferenz der imperialistischen Mächte wenig ändern, die 1894/95 nur Einigungen über den zentralafrikanischen Kongo ohne deutsche Zugewinne erbrachte. In Nordafrika stießen die deutschen Ambitionen auf etablierte französische Interessen, die Orientpolitik des Reiches rief englische Befürchtungen und Widerstände vor allem gegen das Projekt einer von deutschen Unternehmen initiierten Bagdadbahn hervor. Die diplomatischen Konflikte, die dadurch ausgelöst wurden, wogen schwerer als der vermeintlich gestärkte Weltmacht-Status, zumal die von Berlin verfolgte „Politik der freien Hand“ nach Außen – die in der Forschung bereits früh als eine Art bindungsloses Torkeln, als „springende Unruhe“ zwischen den Großmächten Russland und England charakterisiert wurde (Hermann Oncken) – die bündnispolitische Position des Reiches deutlich schwächte. Als verlässlicher Bündnispartner blieb allein die schwächelnde Doppelmonarchie Österreich-Ungarn übrig.

Dennoch gab es 1898 nochmals eine Chance zur Verständigung mit England. Der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain (1836 – 1914) unterbreitete dem deutschen Botschafter in London, Paul Graf von Hatzfeld (1831 – 1901), den „Wunsch“ nach einem Vertrag mit dem Dreibund. Überzeugt, dass England sich weltpolitisch zu überheben drohte und deshalb nach Bündnispartnern suchen müsse, war das Angebot durchaus ernst gemeint. Doch es wurde von der deutschen Regierung nicht einmal ernsthaft geprüft. In der Wilhelmstraße war man fest davon überzeugt, die durch den vermeintlich unüberbrückbaren Gegensatz zwischen England und Russland garantierte und durch die kolonialen Konflikte zwischen England und Frankreich noch verstärkte außenpolitische Handlungsfreiheit beibehalten zu können.

QuellentextAus der ersten Reichstagsrede des Staatssekretärs des Äußeren, Bernhard von Bülow, im Reichstag am 6.12.1897

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.

Wir betrachten es als eine unserer vornehmsten Aufgaben, gerade in Ostasien die Interessen unserer Schiffahrt, unseres Handels und unserer Industrie zu fördern und zu pflegen. (...) Wir müssen verlangen, daß der deutsche Missionar und der deutsche Unternehmer, die deutschen Waaren, die deutsche Flagge und das deutsche Schiff in China geradeso geachtet werden, wie diejenigen anderer Mächte. Wir sind endlich gern bereit, in Ostasien den Interessen anderer Großmächte Rechnung zu tragen, in der sicheren Voraussicht, daß unsere eigenen Interessen gleichfalls die ihnen gebührende Würdigung finden. Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.

Aus: Fürst Bülows Reden nebst urkundlichen Beiträgen zu seiner Politik. Hrsg. von Johannes Penzler, Bd. 1, Berlin 1907, S. 71.

Doch anders als in Berlin erwartet, legten England und Frankreich am 8. April 1904 ihre kolonialen Konflikte bei und verbanden sich zur Entente cordiale. Diese konnte auch durch die von Deutschland provozierten zwei Marokko-Krisen der Jahre 1905/06 und 1911 nicht mehr aufgebrochen werden. Schließlich verständigten sich auch Russland und England: Am 31. August 1907 einigten sich beide Mächte über ihre Interessensgebiete in Asien und im Nahen Osten. Schnell war klar, dass sich damit die Entente cordiale zur Triple-Entente entwickelt hatte. Bis zum Amtsantritt von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856 – 1921) im Jahre 1909 bestand die außenpolitische Reaktion Deutschlands auf diese als „Einkreisung“ verstandenen Bündnis-Entwicklungen vor allem darin, einen noch engeren Schulterschluss „in treuem Zusammenstehen“ (Bernhard von Bülow) mit Österreich-Ungarn zu suchen. Die schwächelnde Position der habsburgischen Doppelmonarchie auf dem Balkan sollte unter allen Umständen gesichert werden.

Am Ende der Amtszeit Bülows war man auf der Einbahnstraße der selbst verschuldeten außenpolitischen Isolierung weit vorangekommen. Das noch Bismarck wie einen Alp belastende Schreckensbild eines Zweifrontenkrieges konnte Wirklichkeit werden. Und über den „Erbfeind“ Frankreich und das zum Feindbild geronnene Zarenreich hinaus zählte nun auch die „Händlernation“ Großbritannien, provoziert durch den deutschen Schlachtflottenbau, als vermeintlicher Drahtzieher einer antideutschen „Einkreisung“ zu den deutschen Feindbildern und möglichen Gegnern in einem großen europäischen Krieg. Dem neuen, 1909 berufenen Reichskanzler Bethmann Hollweg gelang es zwar im gemeinsamen Krisenmanagement mit England, die Balkankriege von 1912/13 zu lokalisieren. Doch die Idee, die „Einkreisung“ durch eine Flucht nach vorn in einen vermeintlichen Präventivkrieg aufzubrechen und so zugleich eine innere Stabilisierung der zunehmend bedroht erscheinenden Herrschaftsordnung des Kaiserreichs bewirken zu können, gewann insbesondere in Militär- und Staatsführung, aber auch in der Öffentlichkeit immer mehr Befürworter.

QuellentextNach dem Friedens- und Bündnisangebot durch den britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain an Deutschland im Januar 1901, vermerkte der Vortragende Rat im Auswärtigen Amt, der – seit ihn der Publizist Maximilian Harden so genannt hat – Inbegriff der "Grauen Eminenz", Friedrich von Holstein

Ich bin gegen den jetzigen Freundschaftssturm von Chamberlain und Genossen deshalb besonders mißtrauisch, weil die angedrohte Verständigung mit Rußland und Frankreich so vollständiger Schwindel ist. (…)

Wir können warten, die Zeit läuft für uns. Ein vernünftiges Abkommen mit England, d.h. ein solches, wo der beinahe sicheren Kriegsgefahr, welcher wir uns dabei aussetzen, gebührende Rechnung getragen wird, läßt sich meines Erachtens erst dann erreichen, wenn das Gefühl der Zwangslage in England allgemeiner als heute geworden ist.

Aus: Johannes Hohlfeld (Hg.), Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart. 2 Bde., Bd. II, S.122

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Fussnoten

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Dr. Bernd Ulrich, 1956-2024, war selbstständiger Historiker und als Publizist, (Rundfunk-) Autor und Kurator tätig.

Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).