Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:

"Meine Trauer werde ich niemals vergessen"

Aufsatz der Schülerin Minia Mądra

Vor dem Krieg wohnten wir in Lipno[3] in der ulica Gdańska 16. Es ging uns sehr gut. Ich ging in die Grundschule.

Am 1. September 1939 brach der Krieg aus. Bis zum 23. September wohnten wir noch in unserer Wohnung; am 23. September wurden wir aus unserer Wohnung gejagt und auf den Platz getrieben. Der Landrat des Kreises Lipno rief alle Männer auf den Platz und führte eine Durchsuchung durch. Denen, die Geld bei sich hatten, wurde es weggenommen. Es wurde der Befehl gegeben, daß alle Juden die Stadt verlassen müssen. Viele Menschen fuhren nach Plonsk, aber die Mehrzahl fuhr nach Warschau, darunter auch wir.

Die Einwohner von Warschau nahmen uns schlecht auf. Drei Nächte irrten wir durch die Straßen, bis man uns sagte, wir sollten zur Dzielna-Straße gehen, wo ein "Punkt"[4] für Flüchtlinge war. Weil Vater und Mutter arbeiteten, war es noch nicht so schlecht. Der Bruder schickte uns aus Rußland Pakete. Vater bekam wieder Arbeit und verdiente beim Scheibeneinsetzen. Mama ging saubermachen und waschen. Vater hatte bald keine Kraft mehr und konnte nicht mehr arbeiten, also haben wir sehr viele Sachen verkauft. Mama hat sich überarbeitet und wurde krank, und niemand von uns hat mehr verdient. Wir wollten unsere geliebte Mutter retten. Wir verkauften unsere letzten Sachen und blieben ohne Kleidung und ohne Schuhe. Eines Tages ging meine ältere Schwester ans Bett und wollte Mama etwas zu essen geben, aber Mutter konnte nicht einmal mehr etwas herunterschlucken. Als wir Kinder das sahen, fingen wir an zu schreien und zu weinen. Aber das half nicht mehr. So wurden meine Schwester und ich Waisen.

In der Nowolipki-Straße 76 saßen wir vier Wochen lang in Trauer. Nichts wollten wir mehr machen, und wir fingen an, alles zu vernachlässigen. Als das meine Tanten sahen, bemühten sie sich, daß wir zu ihnen in die Elektoralna-Straße 5 ziehen konnten. Nach dem Umzug von der Nowolipki-Straße in die Elektoralna-Straße ging es uns nicht schlecht, denn wir bekamen kostenfreie Mittagessen und jede ein Stück Brot. Nach diesem Unglück gelang es ihnen, mich in dem Tagesinternat unterzubringen, wo ich viermal am Tag Mahlzeiten bekomme. Aber meine Trauer werde ich niemals im Leben vergessen.

AŹIH: Ring I, Nr. 39. Handschriftliche Abschrift im Archiv des Ghettos.

aus: Ruta Sakowska, "Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, gesehen mit den Augen der Opfer", Publikation der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 1993, Seite 139-140.

"Wie es unserer Familie erging" umfasst zwei Berichte von Waisenkindern aus dem Heim in der Śliska-Straße 12, Sie finden hier den Bericht von Zanwel Krigman. Aufgezeichnet während einer Befragung unter Kindern über das Schicksal jüdischer Familien in den Jahren von Krieg und Okkupation, durchgeführt von Mitgliedern des Untergrundarchivs im Warschauer Ghetto, zwischen April und Juli 1942.

Bericht von Zanwel Krigman

Zanwel Krigman, geboren 30. Juni 1929 in Piaseczno, Sohn von Szlojme und Hudesa, geborene Fagol. Vater: Friseur (eigener Betrieb). Wohnten in einem Zimmer. Geschwister: zwei Brüder und eine Schwester. Der Vater starb im September 1939 an Tuberkulose.

Aus Piaseczno wurden wir im Februar 1941 vertrieben.[5] Am Dienstag abend kamen die Polizisten ins Haus, sie gaben uns Karten und befahlen uns, am anderen Tag um acht Uhr früh mit dem Gepäck vor den Magistrat zu kommen.

Am anderen Tag um acht Uhr packten sie uns in Autobusse und brachten uns nach Warschau, in den "Punkt" Bagno-Straße 1. Mutter wußte sich nicht zu helfen, sie starb im März 1942 vor Hunger, der kleine Bruder starb schon im April 1941, die Schwester im Februar 1942, der andere Bruder im März 1942. Jetzt habe ich niemanden mehr, alle sind verhungert.

Bis Mitte 1941 war es noch einigermaßen erträglich, ich fuhr mit der Bahn nach Piaseczno und schmuggelte von dort Kartoffeln, rote Rüben und Geld, alle "Gojim"[6] dort kannten mich und gaben mir etwas. Alle behandelten mich dort gut, sogar die Polizisten. Als sie anfingen zu schießen und als die Todesstrafe drohte[7], fuhr ich nicht mehr dorthin. Aber schließlich hatte ich im Winter nichts mehr zum Anziehen.

Traurige Erlebnisse. Einmal schnappte mich ein Gendarm oder ein Junak[8], sie schickten mich zur Straße des 6. August[9] und von da aus in das Ghetto. Einmal wollte mir ein Gendarm den Proviant wegnehmen und fragte mich, was ich vorziehe: 30 Schläge oder das Geschmuggelte hergeben. Ich antwortete, die 30 Schläge – er ließ mich frei.

Ich kümmerte mich um meine Mutter. Wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre sie noch früher gestorben. Zu Beginn des Krieges flohen wir mit Papa in Richtung Lublin. Die Deutschen schnappten uns und setzten uns gefangen, drei Tage lang hungerten wir, dann ließen sie uns los.

Und dieser Hunger in Warschau, und der Übergang auf die "andere Seite", immer diese Schüsse, die Junaken, die Deutschen, Angst gab es genug. Einmal schnappten mich polnische Polizisten, sie nahmen mich in eine Schenke mit und machten mich betrunken. Die ganze Nacht durch schlief ich.

Die angenehmsten Erlebnisse. Als ich "nicht verbrannte" Ware von der anderen Seite brachte. Vor dem Krieg war es angenehm, mit unserem Wirt in den Wald zu fahren. Die Fahrten mit Papa nach Warschau waren auch sehr schön.

Was ist Krieg? Das Schlimmste, dann kommt das ganze Volk ins Elend. Die einen haben Nutzen vom Krieg, und die anderen sterben. Wenn der Alte noch lebte, dann gäbe es keinen Krieg. Er hätte dem Deutschen gegeben, was er haben wollte, und es nicht zum Krieg kommen lassen.

Welche Pläne? Welche Pläne kann man jetzt haben? Die Zeit wird schließlich zeigen, was ich machen kann.

AŻIH: Ring I, Nr. 44. Handschriftliche Abschrift im Archiv des Ghettos.

aus: Ruta Sakowska, "Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, gesehen mit den Augen der Opfer", Publikation der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 1993, Seite 197-198.

Fußnoten

3.
Die Kreisstadt Lipno gehörte nach der Verwaltungsgliederung der Besatzungszeit zum Gau Danzig-Westpreußen, Regierungsbezirk Marienwerder (Kwidzyń) (vgl. Czesław Łuczak, Polityka ludnościowa i ekonomiczna hitlerowskich Niemiec w okupowanym Polsce [Die Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik Hitlerdeutschlands im besetzten Polen], Poznań 1979, S. 12 f.). Die Juden mußten Lipno bis zum 21. November 1939 verlassen.
4.
"Punkt": Massenunterkunft für Umsiedler.
5.
Die Juden aus dem Westteil des Distrikts Warschau, darunter auch die Juden aus Piaseczno, wurden zwischen Januar und April 1941 in das Warschauer Ghetto deportiert (Tatiana Brustin-Berenstein, Deportacje i zagłada skupisk żydowskich w dystrykcie warszawskim [Deportation und Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Distrikt Warschau], in: Biuletyn ŻIH, 1952, S. 106 f., Tabelle IIa).
6.
Gojim: Nichtjuden.
7.
Im Zusammenhang mit der großen Zahl von Juden, die aus dem Warschauer Ghetto flohen, verstärkt ab April 1941, gab der Gouverneur des Distrikts Warschau, Ludwig Fischer, am 17.VI.1941 die Anordnung "Über die Beschränkung des Aufenthaltsorts von Juden" heraus, mit der Juden verboten wurde, sich im Westteil des Distrikts aufzuhalten und den zugewiesenen Wohnbezirk zu verlassen. Polen wurden für Hilfeleistung für wandernde Juden strenge Strafen angedroht. Es wurde angeordnet, Juden an die Polizei zu übergeben (Tatiana Berenstein, Żydzi warszawscy w hitlerowskich obozach pracy przymusowej [Die Warschauer Juden in den deutschen Zwangsarbeitslagern], in: Biuletyn ŻIH, 1968, S. 62).
8.
Junak, Junacy: gebräuchliche Bezeichnung für die Arbeiter, die von der Besatzungsmacht zum Baudienst im Generalgouvernement eingezogen wurden. (Cz. Łuczak, Polityka ludnościowa i ekonomiczna hitlerowskich Niemiec w okupowanym Polsce [Die Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik Hitlerdeutschlands im besetzten Polen], Poznań 1979, S. 491). Die Besatzungsmacht setzte den Baudienst auch als Hilfspolizei ein (vgl. Tagebuch von L. Carnobroda, in: Archiwum Ringelbluma. Getto warszawskie, lipiec 1942 – styczeń 1943 [Das Ringelblum-Archiv. Warschauer Ghetto Juli 1942 - Januar 1943], bearbeitet von Ruta Sakowska, Warschau 1980, Dokument 55, S. 119; Janusz Korczak, Pisma wybrane [Ausgewählte Schriften], ausgewählt und eingeleitet von A. Lewin, bearbeitet unter der Leitung von A. Lewin von I. Olecka, M. Fałkowska, M. Kopczyńska, Bd. IV, Warschau 1979, Bd. IV, Tagebuch, Eintrag vom 1. VIII. 1942).
9.
In der ulica 6. Sierpnia (Straße des 6. August) befand sich während der Okkupation das Kommando der "blauen" Polizei für den Kreis Warschau (M. Getter, Policja granatowa w Warszawie 1939-1944 [Die Blaue Polizei in Warschau 1939-1944], in: Warszawa lat wojny i okupacji 1939-1944 [Warschau in den Jahren des Krieges und der Besatzung 1939-1944], Heft 2, Warschau 1972, S. 214 (=Studia Warszawskie Instytutu Historii PAN, Bd. X). Zur "blauen" Polizei vgl. Adam Hempel, Pogrobowcy klęski. Rzecz o policji "granatowej" w Generalnym Gubernatorstwie 1939-1945 [Die Nachzügler der Niederlage. Die "blaue" Polizei im Generalgouvernement 1939-1945], Warschau 1990.

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