Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:

Der zweite Index

Suchmaschinen, Personalisierung und Überwachung

All diese Dienste senden Information wie Kontoaktivität, Passwörter, Login-Zeiten und –Frequenz, Ort, Volumen und Häufigkeiten von Datenübertragungen, bevorzugte Einstellungen und alle Klicks, einschließlich UI-Elementen, Anzeigen und Links. All diese Information wird in der Folge gesichert und in den Google-Logdateien gespeichert. Das systematische Beobachten der sozialen Interaktionen gibt Google die Möglichkeit, immer genauere persönliche Datenprofile anzulegen. Hier muss festgehalten werden, dass Google anfänglich bestritt, Daten aus seinen verschiedenen Diensten miteinander zu verknüpfen, oder dies zu planen.15 Im Jahr 2004 wurde Google durch ein kalifornisches Gesetz gezwungen, seine Datenschutzpraktiken verständlicher zu machen.16 Seitdem weist Google darauf hin: "Wir kombinieren unter Umständen die von Ihnen eingeholten Informationen mit denen von anderen Google-Services oder Drittanbietern, um die Nutzererfahrung zu optimieren, einschließlich der Anpassung von Inhalten an Ihre Anforderungen."(17)

Profil 3: Die physische Person

Um Werbung wirksamer zu machen, wird im Zuge der Konstruktion des Nutzers zunehmend versucht, Informationen über Menschen als körperliche Personen und als Handelnde in der realen Umgebung zu erfassen. Um diese Daten dem wuchernden zweiten Index hinzuzufügen, sammelt Google scheinbar beliebige Informationen wie z.B. Blutgruppe, Körpergewicht, Größe, Allergien, Impfungen, und die gesamte Krankengeschichte von Nutzern, aber auch Unterlagen über ärztliche Behandlungen, Leiden, Verschreibungen, Verfahren und Testergebnisse (Google Health). Außerdem weiß Google bereits, wo seine Nutzer wohnen (Google-Konto, Google Checkout, voreingestellter Ort bei Google Maps), wohin sie unterwegs sind (Google Maps), welche Orte sie mögen (kommentierte Karten mit Fotos und Anmerkungen zu "Lieblingsplätzen" in Google Maps), wie ihr Haus aussieht (Satellitenfunktion von Google Maps, Google Street View), welchen Mobiltelefon-Provider und welche Mobiltelefone sie haben, und wo sie diese benutzen (Dodgeball, GrandCentral, G1/Android, MyLocation).

Neue datenreiche Quellen werden durch Mobiltelefone erschlossen, die den Surfverlauf ihres Eigentümers ebenso speichern wie sensible persönliche Daten, die eine Identifikation ermöglichen. Android, die neue Mobiltelefonie-Plattform von Google, bietet Applikationen wie Google Latitude und My Location, die eingesetzt werden, um den Standort des Nutzers zu bestimmen. MyTracks wird verwendet, um Nutzer über längere Zeiträume hinweg zu tracken.(18) Für Google wird es damit möglich, noch präzisere Konsumentenprofile zu erstellen. Durch geo-spezifische Anzeigen öffnet Google seinen Anzeigekunden eine potentielle Goldmine.(19) Der Ausflug in die Mobiltelefonie ermöglicht Google, spezifische Daten zu erheben, die später mit einem Google-Konto oder einer anderen Konto-Identifikation verknüpft werden können. Datenschutzgruppen haben auf das Problem hingewiesen, dass auf nutzerspezifische Ortsdaten ohne das Wissen und das Einverständnis des Nutzers auch von Drittparteien zugegriffen werden kann, sodass er womöglich nie erfährt, dass er getrackt wird,(20) und gewöhnliche Mobiltelefone zu nützlichen Werkzeugen der Personenüberwachung werden.(21)

Die Entwicklung von Android ist vielleicht das anschaulichste Beispiel dafür, wie viel Ressourcen Google zu investieren bereit ist, um sich Zugang zu Daten für seinen zweiten Index zu verschaffen bzw. solche Daten zu generieren. Eine vollständige Kommunikationsinfrastruktur wird auf das Sammeln von Daten und auf persönliche Dienste optimiert, wobei letztere auch eine weitere Form des Datensammelns darstellen.

Google sammelt also systematisch Daten, um Profile anzulegen, welche über die Wissensinteressen, das soziale Verhalten und die physische Existenz von Menschen Aufschluss geben. Außenstehende können die Verfahren, mit denen diese Daten gesammelt werden, nur beobachten, was Rückschlüsse auf den Umfang dieses zweiten Index zulässt. Wir wissen nicht, was genau mit diesen Daten gemacht wird, und noch weniger, was mit ihnen in der Zukunft gemacht werden könnte. Wir können allerdings sehr wohl einige Problemfelder bewerten, die sich allein aus der Existenz dieses Index und den öffentlich bekannten Nutzungsabsichten ergeben.

Überwachung und Personalisierung

In Anbetracht des Umfangs und des Detailreichtums der von Google (und anderen Suchmaschinen) gesammelten persönlichen Informationen ist es klar, dass hier bedeutende Überwachungskapazitäten geschaffen werden, die im Hinblick auf Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung zur Sorge Anlass geben. Um dieses Überwachungspotenzial jedoch genauer zu verstehen, ist es wichtig, drei Arten der Überwachung zu unterscheiden. Diese sind zwar alle für Suchmaschinen relevant, allerdings sehr unterschiedlich strukturiert und jeweils anderen Dynamiken unterworfen. Da ist die Überwachung im klassischen Sinne von Orwells "Big Brother", die von einem Zentralorgan mit direkter Macht über die überwachte Person ausgeübt wird, etwa vom Staat oder dem Arbeitgeber. Dann gibt es eine Überwachung im Sinne der wachsenden Möglichkeiten verschiedener sozialer Akteure, einander zu beobachten. Diese Möglichkeiten beruhen auf einer verteilten Überwachungsinfrastruktur, in der die Rollen der Beobachter und der Beobachteten ständig wechseln. Und schließlich gibt es die Überwachung im Sinne des sozialen Sortierens, d.h. des Codierens von persönlichen Daten in Kategorien, um Einzelpersonen oder Gruppen jeweils unterschiedlich behandeln zu können.(22)

Im ersten Fall setzen mächtige Institutionen Mittel der Überwachung ein, um ihre Macht auf ungerechtfertigte Weise auszuüben und zu vermehren. Suchmaschinen haben jedoch keine direkte Macht über die Nutzer, die sie missbrauchen könnten. Wenn man davon ausgeht, dass sie ein Interesse an ihrem guten Ruf haben und die Daten des zweiten Index nicht an Drittparteien weitergeben, dann sind ihre Überwachungsmöglichkeiten in diesem ersten Sinn relativ harmlos. Natürlich ist diese Annahme sehr fragwürdig. Komplexe Informationssysteme sind immer für technische und menschliche Fehler anfällig. Große Datenbestände gehen regelmäßig verloren, werden unbeabsichtigt veröffentlicht, oder illegal verwendet. Wie sensibel diese Daten sind, wurde im August 2006 deutlich, als AOL die Suchanfragen von 650.000 Personen veröffentlichte. Obwohl die Suchgeschichten anonymisiert waren, ermöglichte die sehr persönliche Art dieser Daten die Identifikation betroffener Nutzer.(23) Wir können davon ausgehen, dass große Suchmaschinenbetreiber umfangreiche Regeln und Verfahren haben, die ihre Daten schützen, womit die Wahrscheinlichkeit von ungewollten Vorfällen und Sicherheitsverstößen sinkt. Die starke Konzentration dieser Daten macht jedoch jeden Vorfall umso folgenreicher. Besonders problematisch ist jedoch die Anziehungskraft, die alleine die Existenz derartig extensiver Überwachungskapazitäten ausübt. Angesichts des unstillbaren Verlangens von Konkurrenten (etwa in Rechtsstreitigkeiten), Exekutive und nationalen Sicherheitsdiensten, wird es unweigerlich zu Forderungen kommen, diese Daten zugänglich zu machen.

Solche Forderungen hat es ja auch schon gegeben. Im August 2005 erhielten alle großen Suchmaschinenbetreiber in den USA im Zusammenhang mit der Prüfung eines Gesetzes über Online-Pornografie eine gerichtliche Verfügung, die Aufzeichnungen über Millionen von Nutzeranfragen zu übergeben. Google war damals der einzige Provider, der sich weigerte, diese Daten auszuhändigen. Obwohl dies der einzig öffentlich gewordene Fall dieser Art ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es sich hier um die einzige solche Anfrage handelte. Die erweiterten Befugnisse der Sicherheitsdienste und die großen Datenbestände von Suchmaschinen werden wohl auf die eine oder andere Art zusammenfinden. Historisch war die Zusammenarbeit zwischen Telekom-Gesellschaften und nationalen Sicherheitsdiensten oft eng und umfangreich. Groß angelegte Überwachungsprogramme, wie zum Beispiel ECHELON, wären ohne die Mitarbeit der Privatwirtschaft unmöglich gewesen.(24) Es ist also gut möglich, dass Suchmaschinen bereits mithelfen, die Big-Brother-Überwachungskapazitäten des Staates, besonders der US-Regierung, zu erweitern.

Eine weitere, nicht so offensichtliche Wirkung der Überwachung wurde zuerst von Jeremy Bentham für seinen Entwurf einer Strafanstalt (1785) verwendet, und später von Michel Foucault als eine allgemeine Technik des Regierens theoretisiert. In einem Panoptikon, einem Ort, wo alles von einer unsichtbaren Autorität gesehen werden kann, wirkt sich bereits die Erwartung des Überwacht-Werdens auf das Verhalten der Überwachten aus. Es wird normalisiert. Das heißt, Verhaltensmuster, die als "normal" gelten, werden befolgt, weil man weiß, dass die Autorität "abnormales Verhalten" entdecken und bestrafen kann.(25) Dieser Effekt wurde etwa im Zusammenhang mit Videoüberwachung auf Straßen und Plätzen nachgewiesen. Im Fall der Suchmaschinen liegen die Dinge allerdings anders, da die Beobachtung nicht von einer zentralen Stelle ausgeht; vielmehr gibt die Suchmaschine allen die Möglichkeit, sich im Zentrum zu positionieren und zu beobachten, ohne beobachtet zu werden (zumindest nicht von der Person, die beobachtet wird). Die Grenze zwischen privat und öffentlich wird im Web verwischt, und es ist anzunehmen, dass dies Verhalten beeinflussen wird. Es ist jedoch viel zu früh, irgendetwas Allgemeines über die Auswirkungen dieser Entwicklung zu sagen, nicht zuletzt deswegen, weil diese Überwachung nicht versucht, einheitliche normative Standards durchzusetzen. Es ist daher nicht klar, was Normalisierung unter diesen Umständen bedeutet. Allerdings hat dies nichts mit der Überwachung zu tun, die von den Suchmaschinen im Hintergrund durchgeführt wird, sondern vielmehr mit ihrer offensichtlichen Funktion, Information aller Art zugänglich zu machen, und mit der Bereitschaft der Menschen, persönliche Informationen zu veröffentlichen.


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