Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.

17.5.2010 | Von:
Melanie Caroline Steffens

Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen

Gesellschaftliche Stigmatisierung

"Heterosexismus" dient hier als Oberbegriff, unter den neben negativen Einstellungen gegenüber Homosexuellen strukturelle Faktoren und individuelles Verhalten fallen, die anzeigen, dass grundsätzlich von der Heterosexualität von Menschen und von der Überlegenheit heterosexueller Lebensentwürfe ausgegangen wird. Als Alltagsbeispiele dafür können gelten:
  • die Fragen "Sind Sie verheiratet?"; "Hat er schon eine Freundin?"
  • In einer Studie zur Attraktivität von potentiellen Sexualpartnern bzw. -partnerinnen werden allen Frauen Männerbilder gezeigt, allen Männern Frauenbilder.
  • Eine Referentin, Frau Dr. X, hat auf einer Konferenzanmeldung angekreuzt, dass sie zu zweit anreisen wird; daraufhin findet sich neben ihrem Platz eine Platzkarte für "Herrn X".
  • Es wird diskutiert, ob es gut für Kinder sein kann, bei homosexuellen Paaren aufzuwachsen; dabei wird die Frage gestellt, ob die Gefahr bestehe, dass Kinder dadurch selbst homosexuell werden. Diese Befürchtung kann nur so interpretiert werden, dass Heterosexualität für wünschenswerter gehalten wird. Denn wenn Homo- und Heterosexualität gleichwertig sind, ist die sexuelle Orientierung der Kinder für die Diskussion unerheblich.
Individuellem Heterosexismus ist schwer beizukommen, da seine Vermeidung einen hohen Reflektionsgrad bei Äußerungen oder bei Planungen von Abläufen voraussetzt: An jeder Stelle muss überlegt werden, ob die Lebensentwürfe Homosexueller "mitgedacht" werden. Am besten werden diese explizit inkludiert, damit eindeutig ist, dass heterosexuelle und homosexuelle Erfahrungen gleichermaßen gewürdigt werden ("Haben Sie eine Partnerin oder einen Partner?"). Der erste Schritt zur Überwindung alltäglichen Heterosexismus ist also die Bewusstmachung (consciousness raising).


Struktureller Heterosexismus

Die gesellschaftliche Stigmatisierung Homosexueller zeigt sich in der strukturellen Verankerung von Heterosexismus in der Gesellschaft, beispielsweise im Recht. Während sich die gesellschaftliche Situation Homosexueller ohne jeden Zweifel im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts in den westlichen Ländern enorm verbessert hat, bleiben wichtige Ungleichbehandlungen bestehen. Einige Beispiele für Verbesserungen: Der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe und wurde (erst) 1994 abgeschafft.[3] 2001 trat das Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft in Deutschland in Kraft (erweitert 2004). Seit 2006 gibt es in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Einige weiter bestehende Ungleichbehandlungen im deutschen Recht sind die Folgenden:[4]
  • Artikel 3 GG verbietet zwar die Ungleichbehandlung aufgrund von Geschlecht, Herkunft und Abstammung, Sprache, Glaube und politischer Anschauung sowie Behinderung, aber die sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität fehlt.
  • Das Lebenspartnerschaftsgesetz sieht keine Gleichstellung im Steuerrecht vor. Lebenspartner bzw. -partnerinnen können im Gegensatz zu Eheleuten für geleistete Unterstützung nur höchstens 7680 Euro absetzen. Eine gemeinsame Veranlagung wie bei Eheleuten ("Ehegattensplitting") ist nicht möglich. Kinderlose heterosexuelle Ehepaare werden vom Staat unterstützt, während homosexuelle Paare, die mit Kindern leben, erhebliche finanzielle Nachteile haben können.
  • Beamtenrechtlich sind Lebenspartnerschaften in der EU nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs Ehen gleichzustellen. Obwohl die EU bereits 2008 Deutschland diesbezüglich gerügt hat, ist die Gleichstellung noch immer nicht in allen Bundesländern umgesetzt.
  • Homosexuelle und heterosexuelle Paare werden bezüglich des Adoptionsrechts ungleich behandelt, obwohl zahlreiche Studien zeigen, dass sich Kinder von homosexuellen Eltern ebenso gut entwickeln wie Kinder von heterosexuellen.[5] Homosexuelle Einzelpersonen sind vom Adoptionsrecht nicht ausgeschlossen; gängige Praxis ist es daher, dass eine/r ein Kind adoptiert, das dann de facto mit einem Paar aufwächst. Insofern ist jede Berufung auf das Wohl der Kinder in diesem Zusammenhang nicht gerechtfertigt, denn es liegt auf der Hand, dass dem Kindeswohl eher damit gedient wäre, von einem Paar gemeinsam adoptiert zu werden und entsprechende Ansprüche und rechtliche Sicherheiten gegenüber beiden statt gegenüber nur einer oder einem Erwachsenen zu besitzen. Wie bei der Erbschaftssteuer, wo es seit 2008 keine Diskriminierung mehr gibt, müssen diese Gesetze angepasst werden.
Strukturelle Diskriminierung gibt es aber nicht nur im Bundes- und Landesrecht:
  • Einer Familie, die aus zwei Müttern und zwei Kindern besteht, wird die Familienkarte beim Eintritt in ein Museum, einen Vergnügungspark, ein Schwimmbad oder bei der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln verwehrt.
  • Kindertagesstätten in privater Trägerschaft lehnen es manchmal ab, Kinder aus "Regenbogenfamilien" aufzunehmen, da der offene Umgang mit der Homosexualität die Eltern der anderen Kinder befremden könnte.
Gesellschaftliche Strukturen, in denen ablehnende Haltungen gegenüber Homosexualität tradiert werden, sind allgegenwärtig. Als Beispiel sei hier nur die katholische Kirche genannt, die unvermindert von "abwegigem Verhalten" und "Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen" spricht und damit homosexuelle Angehörige ihrer Glaubensgemeinschaft in schwere innere Konflikte stürzt. Auch die evangelische Kirche ist nicht "frei von Schuld": So haben kürzlich 35 Pfarrer einen offenen Brief an den Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen verfasst, in dem sie dessen akzeptierende Haltung gegenüber homosexuellen Partnerschaften kritisierten.[6] Ein drittes aktuelles Beispiel ist eine Initiative in Uganda, die Todesstrafe für Homosexuelle einzuführen. Eine solche Diskussion und die Folgediskussion innerhalb der Staatengemeinschaft, wie mit dieser Initiative umzugehen sei, führen Homosexuellen deutlich vor Augen, dass Akzeptanz und die Inklusion in die Gruppe derjenigen, auf die grundlegende Menschenrechte anzuwenden sind, keine Selbstverständlichkeiten sind. Um diesem Missstand entgegenzutreten, gibt es weltweite Initiativen, die internationalen Menschenrechte explizit auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität zu beziehen ("Yogyakarta-Prinzipien").Was ist gegen strukturelle Diskriminierung zu tun? Ähnlich dem Ansatz des Gender Mainstreaming, wo alle Gesetze, Regelungen, Praktiken, Abläufe oder Ausgaben dahingehend geprüft werden sollen, ob sie Männer und Frauen unterschiedlich betreffen, sollten im Rahmen eines Sexual Identity Mainstreaming alle institutionellen Praktiken dahingehend überprüft werden, ob sie heterosexuelle und homosexuelle Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander stellen.
  1. Vgl. Melanie C. Steffens/Christof Wagner, Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen, in: Andreas Beelmann/Kai J. Jonas (Hrsg.), Diskriminierung und Toleranz. Psychologische Grundlagen und Anwendungsperspektiven, Wiesbaden 2009, S. 241-262.
  2. Vgl. die Homepage des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland: www.lsvd.de.
  3. Vgl. Elke Jansen/Melanie C. Steffens, Lesbische Mütter, schwule Väter und ihre Kinder im Spiegel psychosozialer Forschung, in: Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis (Sonderheft Psychotherapie mit Lesben, Schwulen und Bisexuellen), 38 (2006), S. 643-656; Marina Rupp (Hrsg.), Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, Köln 2009.
  4. Vgl. dazu mein Interview im Vlothoer Anzeiger, online: www.vlothoer-anzeiger.de/lokales/herford/3270872_ Homosexualitaet_ist_nicht _therapierbar.html?em_index_page=1 (4.3.2010).


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Demonstration f?r die...  
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