Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.

17.5.2010 | Von:
Melanie Caroline Steffens

Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen

Internalisierte negative Einstellungen

Eine spezifische Schwierigkeit von homosexuellen und bisexuellen Heranwachsenden liegt darin, dass sie in der Gesellschaft vorherrschende, negative Einstellungen möglicherweise internalisiert haben, bevor sie erkennen, dass sie selbst zu diesen Gruppen gehören. Dies unterscheidet Homosexuelle von anderen gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen: Bei den meisten wachsen die Kinder in einer stigmatisierten Familie auf, die sich gegenseitig im besten Falle Unterstützung geben kann. Homosexuelle dagegen werden gerade innerhalb der Familie mit besonders negativen Einstellungen konfrontiert: Auch Menschen, die relativ tolerant sind gegenüber homosexuellen Freundinnen und Freunden oder Kolleginnen und Kollegen, haben sich für ihre Kinder häufig einen anderen Lebensentwurf ausgemalt und reagieren entsprechend negativ.[16]

Auch sind Jugendliche, die sich häufig später zu toleranten Erwachsenen entwickeln, aufgrund der eigenen Verunsicherung im Umgang mit allem, was Sexualität betrifft, und aufgrund ihres Wunsches, zur Gruppe zu gehören, oft eher intolerant.[17] So fühlen sich homo- und bisexuelle Jugendliche häufig sehr anders und allein, ohne Personen, an die sie sich wenden können. Laut gängigen Modellen der Identitätsentwicklung beginnt mit dem inneren Coming-out ein Prozess, in dessen Verlauf dieser negative Aspekt der eigenen Identität in die Persönlichkeit integriert wird. Dies ist nicht einfach zu leisten, und entsprechend weisen Homosexuelle häufiger psychische Störungen wie Depression und Substanzmissbrauch auf als Heterosexuelle.[18]

Fazit

  1. Gesellschaftliche Stigmatisierung beginnt mit individuellen Verhaltensweisen, die homo- und bisexuelle Lebensentwürfe unsichtbar machen.
  2. Strukturelle Diskriminierung von Homo- und Bisexualität besteht weiterhin in Gesetzgebung und Praxis. Um sie abzuschaffen, müssten alle institutionellen Praktiken dahingehend überprüft werden, ob sie heterosexuelle und homosexuelle Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander stellen (Sexual Identity Mainstreaming).
  3. Es gibt heute eine große Pluralität von Einstellungen: Wenn in manchen gesellschaftlichen Milieus völlige Akzeptanz zu herrschen scheint, sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gewaltakte und Beschimpfungen nach wie vor zum Erfahrungsrepertoire vor allem von homosexuellen Männern gehören.
  4. Ein Schlüsselfaktor bei negativem Verhalten gegenüber Homosexuellen sind Männlichkeitsnormen. Eine Abschwächung der Polarisierung der Geschlechterrollen - indem etwa Jungen nicht mehr beweisen müssen, dass sie "echte Kerle" sind - sollte sich positiv nicht zuletzt auf die Lebenswirklichkeiten und auf die psychische und körperliche Gesundheit von Homo- und Bisexuellen auswirken.
Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 15-16/2010)


  1. Vgl. M.C. Steffens/Ch. Wagner (Anm. 7).
  2. Vgl. Michael Bergert, Eigengruppenprojektion - eine Erklärung für Einstellungen Jugendlicher gegenüber homosexuellen Peers? Unveröff. Diplomarbeit, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2008.
  3. Vgl. Theo G.M. Sandfort et al., Same-sex sexual behavior and psychiatric disorders: Findings from the Netherlands mental health survey and incidence study (NEMESIS), in: Archives of General Psychiatry, 58 (2001) 1, S. 85-91.


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