30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.

17.5.2010 | Von:
Michael Bochow

AIDS-Prävention: Erfolgsgeschichte mit offenem Ausgang

"Altes" und "neues" AIDS

Die seit 1996 verfügbaren antiretroviralen Kombinationstherapien bewirkten einen grundlegenden Wandel in der Situation der von HIV/AIDS betroffenen Menschen. In medizinischer Hinsicht waren jetzt therapeutische Interventionsmöglichkeiten gegeben, welche die wenigen vorher verfügbaren Mittel wie AZT (Azidothymidin) an positiver Wirkung weit übertrafen. Die Lebensqualität vieler Menschen mit AIDS verbesserte sich, und ihre Lebenserwartung stieg deutlich. Kündigte der Ausbruch des Vollbildes AIDS, ja selbst der Nachweis einer HIV-Infektion, für die meisten Betroffenen vor 1995 den nahen Tod an, so machten sich Ende der 1990er Jahre Menschen mit AIDS berechtigte Hoffnung auf viele weitere Lebensjahre. Die Kombinationstherapien machten AIDS zu einer behandelbaren chronischen Krankheit, wenngleich um den Preis einer Reihe von gravierenden Nebenwirkungen für viele Patienten.

Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Martin Dannecker führte vor diesem Hintergrund in die deutschsprachige Diskussion die Unterscheidung vom "alten" und vom "neuen" AIDS ein. Mit dieser Unterscheidung hebt er hervor, dass in den 1980er Jahren eine unmittelbare Verknüpfung von AIDS und nahem Tod gegeben war; diese werde seit der Einführung antiretroviraler (gegen ein Retrovirus gerichteter) Mittel von Vielen so nicht mehr wahrgenommen. Nur die unmittelbare Verknüpfung von HIV-Infektion und Todesdrohung habe die weitgehende Einhaltung von Safer Sex unter schwulen Männern bewirkt, eine deutliche Zunahme von ungeschützten Sexualkontakten sei daher unausweichlich.[14]

Safer Sex auf dem Rückzug?

Dannecker hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass sich für einen bedeutsamen Anteil homosexueller Männer das Kondom trotz langjährigen Gebrauchs (als mehr oder weniger) störend beim Analverkehr erweise. Die bundesweiten Befragungen von MSM im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bestätigten dies.[15] Dennoch blieb das Schutzverhalten relativ zeitstabil. Werden die Erhebungsergebnisse von 1991 bis 2007 mittels adjustierter Stichproben verglichen, so zeigt sich eine bemerkenswerte Konstanz im Risikoverhalten der Befragten. Ungefähr 70 Prozent der Männer berichten jeweils, dass sie in den zwölf Monaten vor der Befragung keine Risikokontakte hatten (als solche wurde ungeschützter Analverkehr mit Partnern mit unbekanntem oder anderem Testergebnis definiert). Ungefähr ein Drittel der MSM gab in allen seit 1991 erfolgten Befragungen Risikokontakte an. Diese Gruppe kann (seit 1996) unterteilt werden in die Untergruppe der Männer (ein Fünftel aller Befragten) mit sporadischen Risikokontakten (weniger als fünf in zwölf Monaten vor der Befragung) und eine Untergruppe von Männern mit häufigeren Risikokontakten (ein Zehntel aller Befragten).[16]

Die Teilnahme am HIV-Antikörper-Test kann als weiteres Indiz für ein Risikobewusstsein homo- und bisexueller Männer seit den 1990er Jahre angesehen werden. Erst seit etwa 1996 folgen dank der antiretroviralen Medikamente aus einem positiven HIV-Test sinnvolle therapeutische Interventionen. Die Befragungen von MSM seit 1991 zeigen, dass der Anteil der Befragten, die einen HIV-Test haben machen lassen, zunimmt. Der Anteil der Männer, die sich häufiger als zweimal haben testen lassen, ist unter den Männern ab 25 Jahren in Großstädten mit mehr als 500000 Einwohnern von einem Viertel auf die Hälfte gestiegen.[17]

Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission

Die Entwicklung von Routinen im Umgang mit AIDS - vor allem aber der Kontext des "neuen" AIDS - bewirkten in der nach wie vor in Deutschland von HIV/AIDS besonders betroffenen Gruppe der MSM eine zunehmende Verbreitung von Strategien der Risikominimierung, die nicht selten die alten Strategien der vermeintlichen Risikoeliminierung ablösten. Die dabei am meisten verbreitete Strategie ist die des "Serosorting": Darunter wird die Suche nach Sexualpartnern mit dem gleichen Serostatus (Testergebnis) verstanden, um bei Analverkehr vom Gebrauch des Kondoms absehen zu können. Dieser Strategiewandel (weniger der verantwortlichen Präventionsagenturen als der schwulen Männer selbst) ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen westeuropäischen Ländern, in den USA, in Australien und Kanada zu beobachten.[18] Unter MSM wird ein solches "Serosorting" auch von vielen positiven Männern betrieben, trotz der Warnungen eines Teils der Ärzteschaft vor der Entwicklung von "Superinfektionen" und Resistenzen gegenüber antiretroviralen Medikamenten. Die Diskussion um die Wahrscheinlichkeit und Gefährlichkeit von "Superinfektionen" nimmt in Deutschland jedoch einen vergleichsweise geringen Raum ein.

Im Gegensatz dazu zog eine Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen (EKAF) von 2008 besondere Aufmerksamkeit auf sich.[19] Die Hauptaussage ihrer Empfehlungen machten die schweizerischen Ärzte und Präventionsakteure zur Überschrift ihres Artikels: "HIV-infizierte Menschen ohne andere STD sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös". Die Autoren formulierten zwar drei einschränkende Bedingungen, unter denen ihre Aussage gelte, aber diese nahmen der Aussage nichts von ihrer provozierenden Wirkung. Als Bedingungen der Nichtinfektiosität von antiretroviral behandelten Menschen formulierten die Experten die Therapie-Befolgung der Patienten unter ärztlicher Kontrolle, eine Viruslast unter der Nachweisgrenze und das Nichtvorhandensein von anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (STD).[20]

Die EKAF hatte ihre Empfehlungen zunächst vor allem im Hinblick auf Partner in Paarbeziehungen mit unterschiedlichem Testergebnis formuliert. Geradezu sensationell für den deutschen medizinischen Diskurs war, dass Ärzte und Präventionsakteure den Mut zu solch einer "starken" öffentlichen Empfehlung fanden. Im Empfinden vieler (behandelter) Positiver wurde ihnen endlich das Stigma genommen, eine permanent bedrohliche Infektionsquelle zu sein.[21] Die Diskussion über die EKAF-Aussagen zur Nichtinfektiosität HIV-Positiver setzte in Deutschland zunächst zögerlich ein. Bald wurde jedoch der von den schweizerischen Fachleuten für ihre Empfehlungen vorgegebene Rahmen von präventiven Vorkehrungen in Paarbeziehungen überschritten.


  1. Vgl. Martin Dannecker, Wider die Verleugnung sexueller Wünsche, in: AIDS-Infothek, 1 (2000), S. 4-10; ders., Erosion der HIV-Prävention, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 15 (2002) 1, S. 58-64; ders., Abschied von AIDS, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 19 (2006) 1, S. 63-67; ders., Zur Transformation von AIDS in eine behandelbare Krankheit, in: Volkmar Sigusch (Hrsg.), Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, Stuttgart-New York 2007, S. 257-262.
  2. Vgl. Michael Bochow, Schwule Männer und AIDS. Eine Befragung im Auftrag der BZgA (AIDS-Forum 31), Berlin 1997; ders., Schwule Männer, AIDS und Safer Sex - Neue Entwicklungen. Eine Befragung im Auftrag der BZgA (AIDS-Forum DAH 40), Berlin 2001; ders./Michael T. Wright/Michael Lange, Schwule Männer und AIDS: Risikomanagement in den Zeiten der sozialen Normalisierung einer Infektionskrankheit. Eine Befragung im Auftrag der BZgA (AIDS-Forum DAH 48), Berlin 2004; M. Bochow et al. (Anm. 11).
  3. Vgl. Axel J. Schmidt/Michael Bochow, Trends in Risk Taking and Risk Reduction Among German MSM 1991-2007, Discussion Paper Forschungsgruppe Public Health SPI 2009-303, WZB, Berlin 2009.
  4. Vgl. M. Bochow et al. (Anm. 11).
  5. Zur Entwicklung in Deutschland vgl. ebd.; einen instruktiven internationalen Überblick bieten Susan Kippax/Kane Race, Sustaining safe practices: twenty years on, in: Social Science & Medicine, 57 (2003) 1, S. 1-12.
  6. Vgl. Pietro Vernazza/Bernard Hirschel/Enos Bernasconi/Markus Flepp, HIV-infizierte Menschen ohne andere STD sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie nicht infektiös, in: Schweizerische Ärztezeitung, (2008) 5, S. 165-169, online: www.saez.ch/pdf_d/2008/2008-05/2008-05-089.pdf (5.3.2010).
  7. Vgl. ebd., S. 165.
  8. Vgl. Corinna Gekeler/Bernd Aretz, Sexualität im Wandel. Positive Begegnungen 2008 in Stuttgart, in: INFACT. AIDS-Hilfe Magazin, (2009) 6, S. 15-17.


fluter.de

Gespräch mit einem schwulen Fußballbundesligaspieler

Niemand durfte von diesem Interview wissen. Bis zuletzt war unklar, ob dieses Treffen überhaupt zustande kommt. Trotz vieler Bedenken spricht ein Bundesligaspieler auf fluter.de erstmals öffentlich über seine Homosexualität.

Mehr lesen auf fluter.de

Rassismus begegnen - Teaserbild
Rassismus

... begegnen!

Rassismus, Antisemitismus, Homophobie… Aspekte der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit begegnen uns in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die "Begegnen-Reihe" soll in unterschiedlichen Formaten auf Aussagen und Handlungen vorbereiten, in denen Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Mehr lesen

Mediathek

Homophobie begegnen

Homophobie und auch Transphobie findet man an vielen Orten. Dieser Film zeigt, was das eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

Jetzt ansehen

Publikationen zum Thema

Homosexualität

Homosexualität

Zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung sind homosexuell. Weltweit unterliegen Lesben u...

Coming-out - und dann...?!

Coming-out - und dann...?!

Wie verläuft ein Coming-out? Was geschieht danach und wie reagiert das soziale Umfeld auf diesen Sc...

Sexualitäten, Geschlechter und Identitäten

Sexualitäten, Geschlechter und Identitäten

Sexualitäten, Geschlechter und Identitäten und ihre Thematisierung im Unterricht sind immer wieder...

Down Girl

Down Girl

Was ist eigentlich Misogynie? Für Kate Manne meint der Begriff nicht den Frauenhass einzelner Perso...

Die Affäre Kießling

Die Affäre Kießling

1983 wird der NATO-General Günter Kießling aufgrund von Gerüchten über seine angebliche Homosexu...

Zum Shop

Inhaltliche Daten
Caption
FRANKREICH, Paris, 27/01/2013. Demonstration fuer die Schwulenehe. Unter dem Motto 'Zombie Love Power' mit Kunstblut verschmierte Frauen. Zwischen 135000 und 400000 Menschen zogen vom Denfert-Rochereau-Platz zum Bastille-Platz fuer das Eherecht und das Recht auf kuenstliche Befruchtung (PMA) fuer homosexuelle Paare.
pixel
Schlagworte
Schwul , familie , rights , homosexuel , Schwule , Lesbisch , love , lesbian , family , woman , mariage , Verfassung , ehe , Verfassungsrechte , loi , FAMILY , POL , gay , homosexual , mann , egalite , protest , homosexuality , paar , Lesben , Gleichberechtigung , Gesellschaft , B?rgerrechte , girl , equality , couple , man , manifestation , law , homosexualitaet , adoption , male , demonstration , marriage , Homosexualit?t , maedchen , droits , liebe , bi-sexuel : bi-sexual , lesbien , female , Homosexuelle , frau , Homoehe
pixel
Überschrift 
Demonstration f?r die...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Frankreich  
Provinz
-
Ort
Paris
Aufnahmedatum
20130127
pixel
Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
6869 x 4757
Rechtevermerk
picture alliance / JOKER
Notiz zur Verwendung
picture alliance/JOKER
pixel
euro|topics-Debatte

Kulturkampf um Homo-Ehe

Frankreichs Sozialisten wollen Ehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle einführen. Gegner und Befürworter demonstrieren zu Hunderttausenden. Die Presse diskutiert, was wichtiger ist: gleiche Rechte für alle oder die Unantastbarkeit der traditionellen Familie.

Mehr lesen auf eurotopics.net