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Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.

24.11.2010 | Von:
Anja Finger

Homosexualität/en und Religion/en

Islam und Judentum hatten verhältnismäßig wenig Einfluss auf die Gestaltung der westlichen sexuellen Dominanzkultur. Nach Naphy war dem Islam die Trennung der Geschlechter vorrangiges Anliegen. Gleichgeschlechtliche Handlungen seien eher als unangemessenes Verhalten denn als Sünde gewertet worden. Allerdings lässt sich heute eine deutliche Verschärfung in islamisch geprägten Ländern und Gemeinschaften beobachten. So droht Homosexuellen beispielsweise im Gottesstaat Iran die Todesstrafe. Diese extremsten Ausuferungen religiös motivierter Homophobie – von der Kriminalisierung und Ahndung bis hin zur Todesstrafe – hat sich allerdings zuerst in christlichen Gesellschaften entwickelt. Historiker haben aber auch positive Aspekte ihrer Geschichte im Hinblick auf Homosexualität entdeckt , wie etwa John Boswell (2005) in seinem erstmals 1980 erschienenen Buch zum Thema. Darin wird unter anderem die These vertreten, dass erst im Hochmittelalter eine Abwertung von Homosexualität in die Bibel hineingelesen wurde.

Heute ist das Spektrum christlicher Positionen zur Homosexualität breit: Ein Extrem bilden bestimmte evangelikale Kreise, die regelrechte Umerziehungsprogramme veranstalten. Umstrittene Konversionstherapien, die Schwule und Lesben von ihrer vermeintlichen Erkrankung heilen sollen, werden übrigens nicht nur in den USA angeboten, sondern auch in Deutschland. Und nicht nur an ChristInnen richten sich solche Angebote der sogenannten Ex-Gay-Bewegung. Noch problematischer als solche Therapien selbst sind homophobe Lebenswirklichkeiten, die Menschen zu diesen Angeboten greifen lassen. Die orthodoxen Kirchen lehnen die homosexuelle 'Neigung' ab, die sie oft mit westlicher Dekadenz gepaart sehen, und appellieren zur Meisterung beider durch Buße und Gebet. Ähnlich sieht es die römisch-katholische Amtskirche, für die homosexuelle Handlungen ein Verstoß gegen das natürliche Gesetz sind, "denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen" (Katechismus, 1997: 2357); dennoch ist den so 'Veranlagten' mit Respekt zu begegnen.[1]

Aufgeschlossener sind die Altkatholische Kirche, die Lesben und Schwule in ihren Gemeinden willkommen heißt, und die Evangelische Kirche in Deutschland, deren Rat sich in seinem Papier "Mit Spannungen leben" (EKD 1996) um Differenziertheit bemüht: Zwar wird die Ablehnung homosexueller Handlungen durch die Bibel festgestellt, allerdings auch, dass sie in der Schrift nur am Rande behandelt werden. Wie die römisch-katholische Kirche hält die EKD am heteronormativen Leitbild von Ehe und Familie fest, eröffnet aber die Möglichkeit einer "vom Liebesgebot her gestalteten und damit ethisch verantworteten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft ... Die Kriterien, die für sie gelten, sind – mit einer wesentlichen Ausnahme – dieselben, die für die Ehe und Familie gelten: Freiwilligkeit, Ganzheitlichkeit, Verbindlichkeit, Dauer und Partnerschaftlichkeit. Die eine wesentliche Ausnahme betrifft die Funktion von Ehe und Familie als Lebensraum für die Geburt und Erziehung von Kindern." (EKD, 1996: 3.5).

In der Film-Dokumentation "For the Bible Tells Me So" (2007) kommen unter anderem auch der offen schwul lebende Bischof Gene Robinson und seine Eltern zu Wort. Seine Wahl und Weihe zum Bischof von New Hampshire hatte 2003 weltweit Aufsehen und bei Konservativen Empörung erzeugt – diese waren von der im Mai 2010 erfolgten Bischofsweihe der Lesbe Mary Glasspool in Kalifornien noch weniger begeistert. Die weltweite anglikanische Gemeinschaft, zu der Robinsons und Glasspools Episkopalkirche gehört, steht wegen unversöhnlicher Positionen zur Homosexualität seit geraumer Zeit vor einer Zerreißprobe.

In Schweden hingegen traut die ehemalige Staatskirche und immer noch größte Religionsgemeinschaft, die lutherische Kirche, seit einem Jahr Partner in lesbischen und schwulen Beziehungen als Eheleute, was über die Gewährung von Segnungen in anderen Kirchen weit hinausgeht. Auch mit der ersten offen lesbischen Bischöfin Eva Brunne, die im November 2009 geweiht wurde, hat die Schwedische Kirche ein Zeichen gesetzt. Trotz der ablehnenden Haltung der römisch-katholischen Kirche dürfte der Anteil von Männern mit einer "solchen Veranlagung" in ihr höher sein als in der Gesamtbevölkerung. Donald Cozzens (2000: 103) geht davon aus, dass gerade im 21. Jahrhundert viele Schwule unter Seminaristen und Priestern zu finden sind. Schon aus früheren Zeiten und für nicht-klerikale Kreise wird davon berichtet, dass die katholische Ästhetik homosexuelle Künstler und SchriftstellerInnen anzog. So waren etwa katholisch orientierte anglikanische Kirchen in England zu Beginn des letzten Jahrhunderts beliebte, geheime Treffpunkte für sie (Hilliard, 2006: 548).


  1. Kritisch analysiert wird die Katechismus-Forderung, Homosexuellen 'Achtung, Mitleid und Takt' entgegenzubringen, von Ammicht-Quinn (2008: 4), die schließlich bemängelt, die Forderung verfestige "ein moralisch als minderwertig eingestuftes Anderssein und ermöglicht die Absonderung der 'Unnormalen' von 'uns'."


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