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Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.

24.11.2010 | Von:
Anja Finger

Homosexualität/en und Religion/en

Einen offenen Treffpunkt hingegen gründete 1968 der evangelische Pfarrer Troy Perry in Los Angeles mit der Metropolitan Community Church, die heute international in vielen Großstädten vertreten ist und an der Entstehung einer queeren Theologie beteiligt war.

Diese Theologie hinterfragt die Eindeutigkeit von Geschlecht und sexueller Orientierung. Sie kritisiert nicht nur den Beitrag, den die Theologie zur Rechtfertigung von Homophobie geleistet hat, sondern auch ihre alternativlose Idealisierung einer monogamen, auf Nachkommenschaft ausgerichteten Mann-Frau-Beziehung, in der der Frau oft nur die Rolle als Mutter zugedacht ist. Diese Idealisierung wirkt bis in die kleinsten Bereiche von Gesellschaft und Individuum hinein, auch solche, die mit sexuellem Tun und Lassen kaum in Verbindung stehen.

Neben christlichen Nicht-Heterosexuellen organisieren sich auch andere: Muslime, die sich häufig Homophobie (und nicht selten durch diese motivierten Zwangsverheiratungen) und Islamophobie ausgesetzt sehen. Bei mancher Analyse von Konflikten zwischen lesbisch-schwuler Community und Migrationshintergrund-Community fallen homosexuelle Muslime schlicht unter den Tisch. Türk-Gay-Gruppen zum Beispiel verhelfen ihnen zur Sichtbarkeit. Für gleichgeschlechtlich Liebende jüdischen Glaubens gibt es eigene Synagogengemeinden in den USA, während ihre orthodoxen GlaubensgenossInnen ihnen und ihren Beziehungen negativ gegenüberstehen und die konservativen gespalten sind. Im Reform-Judentum hingegen können sie offen als RabbinerInnen wirken. In der Reflexion über Glauben, Leben und Lieben bedienen sie sich ähnlicher Argumentationsstrategien wie ihre christlichen Brüder und Schwestern: Sexuelle Orientierung und Identität seien Ergebnis des göttlichen Schöpfungshandelns. Die biblischen Texte bedürften der Einbettung in ihre jeweiligen Zeitumstände und müssten neu gelesen werden – nämlich vom Maßstab des weisen Schöpfers und bei einer christlichen Lektüre von der Liebesethik Jesu her. Eine solche Strategie des "Queering" religiöser Texte ist längst nicht mehr nur ein Theologen-Ideal, sondern durch neueste soziologische Studien in Großbritannien und Frankreich als Lebenspraxis belegt (z.B. Gross/Yip 2010).

Buddhistisch interessierte Lesben haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, das durch Präsenz auf dem jährlichen LesbenFrühlingsTreffen auch nicht-religiösen Menschen begegnet. Ein kreativer Umgang mit religiösen Gehalten und bestimmte Rituale lassen sich als Ausdruck des Wandels von institutionell gebundener Religiosität zu individualisierter Spiritualität verstehen. Ein Beispiel hierfür ist die Weitergestaltung von asiatischen Tantra-Praktiken zur Vertiefung lesbischer Sexualität. Die Bewegung der Radical Faeries bemüht sich ausgehend von der Suche nach schwuler Selbstfindung in den späten 1970ern um eine Verbindung von traditionell-indianischer, neu-heidnischer und ökologischer Spiritualität. Die Schwestern von der perpetuellen Indulgenz, also der "immerwährenden Ausschweifung", treten auf CSD-Paraden und in Nonnentracht auf, verteilen Safer-Sex-Artikel und engagieren sich so und anders für AIDS-Prävention und lesbischwule Menschenrechte. Auf denselben Paraden trifft man auch auf religions- und kirchenkritische Gruppen, die etwa fordern, den jetzigen Papst zur Verantwortung zu ziehen für den mangelhaften Umgang mit der von Klerikern an Kindern und Jugendlichen verübten sexuellen Gewalt. Kurzum: Lesben, Schwule und Bisexuelle – wie auch Transgender und Transsexuelle, die einen eigenen Artikel verdienen – zeichnen ein vielfältiges Bild, was religiöses oder nicht-religiöses Selbstverständnis anlangt. Es ermuntert uns nicht nur, von Religionen und Homosexualitäten im Plural zu sprechen, sondern auch davon, wie diese miteinander die überraschendsten Verbindungen eingehen, aber auch Oppositionen bilden.

Literatur

  • Ammicht-Quinn, Regina (2008), "'Wir' und 'die anderen': statt einer Einleitung", Concilium: Thema Homosexualitäten, vol. 44, no. 1; 1-5.
  • Boswell, John (2005) [1980], Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality: Gay People in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century. Eighth Edition, Chicago/London: University of Chicago Press.
  • Cozzens, Donald B (2000), The Changing Face of the Priesthood: A Reflection on the Priest´s Crisis of Soul, Collegeville, MN: Liturgical Press.
  • EKD (1996), Mit Spannungen leben: Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema "Homosexualität und Kirche", , [15. 07.10].
  • Gerhards, Jürgen (2010), "Non-Discrimination towards Homosexuality: The European Union's Policy and Citizens' Attitudes towards Homosexuality in 27 European Countries", International Sociology, vol. 25, no. 1; 5-28.
  • Gross, Martine/Yip, Andrew K.T. (2010), "Living Spirituality and Sexuality: A Comparison of Lesbian, Gay and Bisexual Christians in France and Britain", Social Compass, vol. 57, no. 1; 40-59.
  • Hilliard, David (2006), "Homosexuality", in: McLeod, Hugh (ed.), The Cambridge History of Christianity. Vol. 9: World Christianities. C. 1914- C. 2000 , Cambridge et al.: Cambridge University Press.
  • Katechismus der Katholischen Kirche (1997), www.vatican.va/archive/ccc/index_ge.htm, zitierte Stelle: www.vatican.va/archive/DEU0035/_P8B.HTM, [15.07.10].
  • Naphy, William (2006) [2004], Born to Be Gay: A History of Homosexuality, Stroud: Tempus.
  • Reck, Norbert (2008), "Von Sodom zur Sodomie und zur Homosexualität – oder: Wie Andersheit hergestellt wird", www.norbertreck.de/Web-Site/Texte/B0240467-3C7D-43DF-AB46-D83C882FF32E.html, [15.07.10].

Film-Dokumentation

  • For the Bible Tells Me So (2007), Produktion und Regie: Daniel Karslake, New York: First Run Features.

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