Koffer

13.7.2017 | Von:
Gesine Wallem

Russlanddeutsches Verbandswesen

Welche gruppenspezifischen Interessen haben russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler? Inwiefern werden diese Interessen durch zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten? Dieser Beitrag gibt einen kurzen Überblick über das Spektrum an Verbänden, deren politische, kulturelle oder soziale Angebote sich an eine russlanddeutsche Zielgruppe richten. Dabei wird die Vielfalt an Interessen und Zugehörigkeiten innerhalb dieser heterogenen Zuwanderergruppe deutlich.

Bundespräsident verleiht den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an Juri Heiser am Tag des EhrenamtesBundespräsident verleiht den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an Juri Heiser am Tag des Ehrenamtes. Heiser setzt sich bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und auf der Ebene des Bundes der Vertriebenen ein. (© picture-alliance/dpa)

Vereinigungen, in denen sich Zuwanderer organisieren, sorgen in der öffentlichen Wahrnehmung häufig für Kontroversen. Oft wird die Bildung von ethnisch oder religiös organisierten Gruppen in Politik und Medien als ein Anzeichen für Abschottung gesehen. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Migrationsforschung jedoch, dass Migrantenselbstorganisationen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen können [1]. Durch sie werden spezifische Interessen von Zuwanderern in der Zivilgesellschaft artikuliert.

In der Forschung über russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler wurde zivilgesellschaftlichen Vereinen vergleichsweise wenig Bedeutung beigemessen. Aufgrund des Mangels an statistischen Erhebungen und Befragungen gibt es bisher keine belastbaren Daten zum Gesamtniveau des zivilgesellschaftlichen Engagements von Russlanddeutschen [2]. Die wenigen qualitativen Studien, die sich mit dieser Thematik befassen, gehen von einem eher geringen Vereinsengagement aus [3]. Dies wird zumeist auf ihre Sozialisation in der Sowjetunion zurückgeführt, die einen Rückzug ins Private und einen Rückgriff auf informelle und familiäre Netzwerke begünstigte [4]. Eine systematische Erfassung russlanddeutschen Vereinsengagements wird außerdem dadurch erschwert, dass (Spät-) Aussiedler deutsche Staatsbürger sind [5].

Wie lassen sich vor diesem Hintergrund Aussagen über gruppenspezifische Interessen von russlanddeutschen Zuwanderern machen? Inwiefern werden die unterschiedlichen Interessen dieser heterogenen Gruppe von Vereinen repräsentiert? Um diesen Fragen nachzugehen, lohnt es sich, das Spektrum an zivilgesellschaftlichen Organisationen von und für Russlanddeutsche genauer in den Blick zu nehmen.

Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als politische Interessenvertretung

Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ist der älteste und politisch bedeutendste bundesweit organisierte Verband, der russlanddeutsche Interessen in Deutschland vertritt. Gegründet wurde er 1950 unter dem Namen "Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler" in Stuttgart. Die damaligen Gründungsmitglieder waren vor allem Deutsche aus der Schwarzmeerregion, die bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als deutsche Staatsangehörige in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen konnten. Durch die Unterzeichnung der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" schrieb sich der Verband von Beginn an in die Tradition der deutschen Vertriebenenverbände ein. Bis heute ist er unter dem Dachverband des "Bundes der Vertriebenen" organisiert und trägt seit 1955 den Namen "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland" (LmDR). Als Interessenverband setzt sich die LmDR seit ihrer Gründung für die Einwanderung von Russlanddeutschen aus der ehemaligen Sowjetunion sowie für deren gleichberechtigte Anerkennung als Deutsche in der Bundesrepublik Deutschland ein. Dieses Anliegen basiert auf der Erinnerung an das Schicksal der Verfolgung und Diskriminierung von Russlanddeutschen in der Sowjetunion. Auf der Grundlage dieses Narrativs eines russlanddeutschen Kollektivschicksals legitimiert die LmDR die Aufnahme von Russlanddeutschen als "vertriebene Deutsche" und die damit verbundenen Rechte und Vergünstigungen.

Eine der wichtigsten Aktivitäten der LmDR ist in diesem Zusammenhang die Einflussnahme auf politische Entscheidungen durch Stellungnahmen, Gutachten und Politikempfehlungen. Als Ansprechpartner der Bundes- und Landesregierungen ist die LmDR regelmäßig bei Kommissionen und Beratungssitzungen vertreten, die Fragen der Aussiedler bzw. Spätaussiedler betreffen. Durch diese enge Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern ermöglichte die LmDR bereits während des Kalten Krieges zahlreichen Russlanddeutschen und deren Familienangehörigen die Ausreise in die BRD. Die Verteidigung dieser privilegierten Einwanderung wurde insbesondere in den 1990er Jahren relevant. Die steigenden Einwandererzahlen aus der ehemaligen Sowjetunion lösten eine Debatte in der deutschen Öffentlichkeit und Politik aus, im Zuge derer der Status von Russlanddeutschen als "Deutsche" sowie die damit verbundenen sozialstaatlichen Vergünstigungen zunehmend infrage gestellt wurden. Vor diesem Hintergrund setzte sich die LmDR erfolgreich für die Berücksichtigung eines russlanddeutschen "Kriegsfolgenschicksals" in der Aufnahmeprozedur ein. Sie trug damit zu einer bis heute bestehenden ethnisch privilegierten Einwanderung von Russlanddeutschen aus der ehemaligen Sowjetunion bei. Trotz zahlreicher gesetzlicher Einschränkungen und Kürzungen wurde die gänzliche Abschaffung der Aussiedlergesetzgebung letztlich verhindert.

Ein weiteres Anliegen des Verbands ist die Vermittlung eines positiven Bildes von Russlanddeutschen in der deutschen Öffentlichkeit. Auch diese Zielsetzung ist auf die 1990er Jahre zurückzuführen, als Russlanddeutsche durch negative Berichterstattung in den Medien zunehmend als Belastung für die Sozialsysteme und als kriminelle Ausländer stigmatisiert wurden. Um diesen Negativbildern entgegenzuwirken, macht die LmDR in ihren Publikationen und Veranstaltungen auf positive Beispiele der erfolgreichen Integration von Russlanddeutschen aufmerksam. Durch Publikationen und Gedenkveranstaltungen verweist der Verband immer wieder auf die leidvolle Geschichte der Russlanddeutschen in der Sowjetunion und untermauert damit deren deutsche Herkunft und Zugehörigkeit. Auf der Grundlage dieses Selbstverständnisses definiert die LmDR Russlanddeutsche trotz ihres Migrationshintergrunds nicht als Einwanderer, sondern als Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft. In ihren Stellungnahmen grenzt die LmDR Russlanddeutsche somit deutlich von Zuwanderern nichtdeutscher Herkunft ab.

Neben dieser politischen Funktion versteht sich die LmDR auch als Hilfsorganisation und Kulturverein. Soziale und kulturelle Aktivitäten finden vor allem in den über 150 Landes-, Kreis- und Ortsgruppen statt, in die sich der Verband auf regionaler Ebene untergliedert. Die sozialen Angebote der LmDR umfassen beispielsweise rechtliche Beratung für Russlanddeutsche, deren Verwandte nach Deutschland ausreisen möchten, oder die selbst neu nach Deutschland eingewandert sind. Im Bereich der kulturellen Angebote organisiert der Verband zahlreiche Veranstaltungen wie beispielsweise Ausstellungen, Literaturlesungen, Vorträge, Seminare, Theaterstücke, Feste und Gedenktage. Ziel dieser kulturellen Aktivitäten ist die Bewahrung und Pflege eines "russlanddeutschen Kulturguts" sowie der Erinnerung an die Geschichte der Russlanddeutschen in den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten. In einigen Landes- und Ortsverbänden gibt es außerdem eine aktive Jugendarbeit, in der russlanddeutsche Kinder und Jugendliche durch Angebote wie Sport, Musik oder Tanz in die Aktivitäten der LmDR eingebunden werden. Seine Vereins- und Projektarbeit finanziert der Verband sowohl durch Beiträge und Spenden seiner Mitglieder als auch durch Bundeszuwendungen, die er über den Bund der Vertriebenen erhält.

Trotz der politischen Sichtbarkeit der LmDR als Repräsentant russlanddeutscher Interessen ist insgesamt nur ein kleiner Teil der in Deutschland lebenden Russlanddeutschen in der LmDR engagiert.[6] Dies lässt sich vor allem durch die heterogenen Interessen und Bedürfnisse unterschiedlicher Einwanderergenerationen erklären. So sind die meisten Mitglieder der LmDR entweder durch ihre frühe Ausreise nach Deutschland oder durch ihre familiäre Prägung in einem deutschsprachigen Umfeld sozialisiert und haben oftmals einen direkten Bezug oder ein verstärktes Interesse an der Bewahrung russlanddeutscher Geschichte und Traditionen. Die große Mehrheit der seit den 1990er Jahren zugewanderten Russlanddeutschen kommt dagegen aus einem in erster Linie russischsprachigen Umfeld, in dem kein oder nur noch sehr wenig Deutsch gesprochen wurde. Viele dieser später Zugewanderten haben somit nur sehr wenig Bezug zur russlanddeutschen Herkunft und Geschichte der Kriegsgeneration. Da die Landsmannschaft an der deutschen Sprache sowie der deutschen Vertreibungsgeschichte als Identitätsnarrativ festhält, fühlen sich insgesamt nur verhältnismäßig wenige Russlanddeutsche von diesen Angeboten angesprochen [7]. Erst in den letzten Jahren scheint sich der Generationswechsel auch in der LmDR bemerkbar zu machen. So lässt sich feststellen, dass vermehrt auch russischsprachig sozialisierte, später zugewanderte Russlanddeutsche in der LmDR aktiv sind. Beispielsweise sind seit 2013 der Bundesvorsitzende der LmDR sowie der Bundesvorsitzende der Jugendorganisation der LmDR Vertreter der jüngeren Spätaussiedler-Generation, die erst seit den 1990er Jahren nach Deutschland migriert ist.

Fußnoten

1.
Cf. Retterath 2006, Pries 2010.
2.
Im 2013 erschienenen Forschungsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge stellen die Autor_innen fest, dass aufgrund der "überschaubaren Datenlage" keine belastbaren Aussagen zum Vereinsengagement von Russlanddeutschen gemacht werden können. (Cf. Worbs et al. 2013: 122.)
3.
Cf. Dietz 1996: 130, Kunschner 2000: 126.
4.
Cf. Theisselmann/Mittendorf 2007: 117, Retterath 2006: 143.
5.
Cf. Worbs et al. 2013: 115.
6.
Nach Angaben eines aktiven Mitglieds der LmDR in einem Interview von 2013 gab es zu diesem Zeitpunkt etwa 25.000 Abonnenten der Verbandszeitschrift "Volk auf dem Weg", die damit gleichzeitig auch Mitglieder der LmDR sind. Da die Abonnements jedoch pro Familie und nicht pro Person gezählt werden, ist laut der Interviewangaben davon auszugehen, dass die tatsächliche Anzahl der LmDR-Mitglieder etwas höher liegt, geschätzt bei ca. 75.000-100.000. Dies entspräche etwa 3 bis 4 Prozent der Gesamtanzahl von 2,3 Millionen russlanddeutschen Spätaussiedlern in Deutschland.
7.
Das geringe Interesse vieler Russlanddeutscher an den Angeboten der Landsmannschaft wird bereits in einer am Osteuropa-Institut München durchgeführten Befragung von 1990 deutlich. Demnach fühlten sich nur etwa 10 Prozent der damals befragten unter 40-jährigen Aussiedler von der Landsmannschaft angesprochen (cf. Dietz 1996: 131). Auch in späteren qualitativen Studien scheint sich dies zu bestätigen. Retterath stellt in seiner Studie über eine russlanddeutsche Kolonie in Freiburg fest, dass die meisten später zugewanderten Russlanddeutschen sich durch die LmDR nicht adäquat vertreten fühlen (cf. Retterath 2006: 144).
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