Koffer

13.7.2017 | Von:
Gesine Wallem

Russlanddeutsches Verbandswesen

Diversifizierung russischsprachiger Hilfsorganisationen und Kulturangebote ab den 1990er Jahren

Im Zuge der ansteigenden russlanddeutschen Zuwanderung nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden in den 1990er Jahren neben den landsmannschaftlichen Strukturen zahlreiche neue russischsprachige Initiativen und Organisationen. Der rasante Anstieg an russischsprachig sozialisierten Einwanderern bei gleichzeitiger Kürzung staatlicher Integrationshilfen führte zu einer sprunghaften Zunahme des Bedarfs an Unterstützung und Beratung für die Neuankömmlinge, der durch die landsmannschaftlichen Strukturen nur unzureichend abgedeckt werden konnte. Diese Betreuungs- und Beratungsfunktion wurde vor allem von kirchlichen und karitativen Verbänden übernommen, die auch schon während des Kalten Krieges in diesem Bereich aktiv gewesen waren. Beispielsweise wurden bei der Caritas oder dem Deutschen Roten Kreuz russischsprachige Beratungsstellen eingerichtet. Darüber hinaus wurden in vielen Städten und Gemeinden auch Selbsthilfeorganisationen von ehrenamtlichen russischsprachigen Helfern ins Leben gerufen. Hauptaufgabe dieser Strukturen war es zunächst, die Neuankömmlinge zum Beispiel beim Ausfüllen und Übersetzen von Formularen, bei Behördengängen und in Alltagsfragen zu unterstützen und zu begleiten. Einige dieser Initiativen entwickelten sich mit der Zeit zu Vereinen mit einer größeren Bandbreite an Aktivitäten. Viele Vereine bieten mittlerweile Deutschkurse, berufliche Weiterbildungsseminare sowie sportliche und kulturelle Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche an.

Durch die Entstehung dieser neuen Strukturen ist das Spektrum an Angeboten, die sich an Russlanddeutsche richten, seit den 1990er Jahren wesentlich heterogener geworden. Diese Heterogenität und manchmal auch Widersprüchlichkeit zwischen unterschiedlichen Einwandererinteressen lässt sich auch anhand der vielfältigen Bezeichnungen und Namensgebungen der Vereine feststellen (siehe Tabelle 1). Einige, wie beispielsweise der "Hamburger Verein der Deutschen aus Russland" oder der "Verein zur Integration von russlanddeutschen Aussiedlern (VIRA e.V.)" in Düsseldorf, weisen durch ihre Bezeichnung weiterhin auf die russlanddeutsche Herkunft ihrer Mitglieder hin. Ihr Kulturangebot hat einen engen Bezug zur russlanddeutschen Geschichte und bleibt damit weitgehend an die Programmatik der LmDR geknüpft. Andere Vereine, wie beispielsweise der "Club Dialog e.V." oder das "Integrationszentrum Harmonie e.V." in Berlin, betonen durch ihren Namen sowie ihre programmatische Zielsetzung, dass sie sich an Migrant_innen verschiedener Herkunft wenden. Diese Ausrichtung als Migrantenorganisationen ergibt sich nicht zuletzt aus den Förderstrukturen durch Bund, Länder und Gemeinden: Seit den 2000er Jahren werden vor allem solche Projekte gefördert, die sich an Personen mit Migrationshintergrund richten. Um diese Förderungen zu erhalten, positionieren sich einige Vereine somit als "Integrationsvereine" oder "Begegnungszentren" und nähern sich damit dem Angebot anderer Migrantenorganisationen an. Darüber hinaus sind in vielen Städten und Gemeinden in den letzten Jahrzehnten auch Kulturangebote entstanden, die ein russischsprachiges, sowjetisch sozialisiertes Publikum ansprechen. Diese beinhalten zum Beispiel Chöre, Folkloregruppen, Festivals und Konzerte. Einige dieser Veranstaltungen, wie beispielsweise die jährlich stattfindenden "deutsch-russischen Festtage" in Berlin-Karlshorst, werden teilweise auch durch staatliche und private Förderer aus Russland finanziert. Durch ihr Angebot in russischer Sprache und ihren Bezug zu russischen bzw. sowjetischen Kulturelementen vermitteln sie eine Zugehörigkeit zu einer transnationalen russischsprachigen Gemeinschaft. Die Vielfalt dieser russischsprachigen Angebote deutet auf ein weitreichendes Interesse vieler in Deutschland lebender Russischsprachiger hin, eine Verbindung zur russischen Sprache und damit verbundenen Kulturelementen aufrechtzuerhalten und diese an die nächste Generation weiterzugeben. Dies wird durch Angebote wie zum Beispiel bilinguale Kindertagesstätten oder Samstagsunterricht in russischer Sprache und Landeskunde ermöglicht. Die damit verbundenen Vereinsstrukturen betonen durch Namensgebungen wie "Bundesverband russischsprachiger Eltern" oder "Verband der russischsprachigen Jugend", dass sie sich an alle Russischsprachigen, unabhängig der ethnischen Herkunft oder Staatsangehörigkeit wenden. Das Bild einer grenzüberschreitenden russischsprachigen Diaspora, das dadurch vermittelt wird, steht in starkem Gegensatz zum deutsch ausgerichteten Identitätsdiskurs und Kulturangebot der LmDR.

Vielfalt an Interessen und Zugehörigkeiten

Aus den diversen politischen, sozialen und kulturellen Angeboten für (Spät-)Aussiedler ergeben sich somit sehr unterschiedliche Definitionen des "Russlanddeutschseins", die mitunter im Widerspruch zueinander stehen: Definiert man russlanddeutsche Verbände im engeren Sinne als Organisationen, die die Interessen "der Russlanddeutschen" als Gruppe vertreten, so entsteht zunächst ein scheinbar einheitliches Bild. Tatsächlich ist die LmDR der einzige politisch sichtbare und einflussreiche Verband, der Russlanddeutsche auf der Basis ihrer deutschen Herkunft und Geschichte als eigene Gruppe repräsentiert. Erweitert man jedoch diesen Blickwinkel, zeigt sich, dass viele russischsprachige Vereine eine alternative Gruppendefinition vermitteln, die Russlanddeutsche als Teil einer russischsprachigen Einwanderergemeinschaft oder einer transnationalen russischen Diaspora begreift. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass einige der jüngeren, in Deutschland sozialisierten Russlanddeutschen und deren Kinder sich in Zukunft nicht unbedingt in spezifisch russlanddeutschen, sondern in zivilgesellschaftlichen Vereinen der Mehrheitsgesellschaft engagieren werden.

Von einem eindeutig definierbaren russlanddeutschen Verbandswesen mit gruppenspezifischen Interessen lässt sich daher nur begrenzt sprechen. Vielmehr macht der Überblick über das breite Spektrum an Vereinen und Verbänden deutlich, wie heterogen und vielschichtig die Interessen und Zugehörigkeiten russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler sind.

Beispiele russlanddeutscher bzw. russischsprachiger Vereine in Berlin

Name des VereinsSelbst-
bezeichnung
ZielsetzungAngebote
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland – Landesgruppe Berlin, Berlin-ReinickendorfInteressenver-
tretung, Hilfs-
organisation und Kulturverein aller Russland-
deutschen
Förderung der Aufnahme und Eingliederung der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion und deren FamilienangehörigenAussiedlerberatungsstelle, Sprachkurse, Kulturelle Veranstaltungen, z.B. die jährlich stattfindenen "Tage der russlanddeutschen Kultur"
Club Dialog e.V., Berlin-MitteMigranten-
organisation
Förderung des politischen und kulturellen Dialogs zwischen Berlinern aller Nationalitäten und in Berlin lebenden russischsprachigen Menschen, vor allem Bürgern der ehemaligen SowjetunionBeratung, Theater- und Folkloregruppen, Seminare und Workshops, Integrationskurse
Lyra e.V., Berlin-LichtenbergIntegrationshausFörderung der gesellschaftlichen Eingliederung von Aussiedlern und SpätaussiedlernBeratung für Spätaussiedler und ihre Angehörigen, Seminare zur Integrationsförderung, Kulturelle Veranstaltungen und Festivals, Chöre und Sportgruppen
Vision e.V., Berlin-MarzahnVerein der Aussiedler in BerlinFörderung der vollständigen gesellschaftlichen Integration der AussiedlerBetreuung und Beratung, Bereitstellung von zweisprachigen (russisch-deutschen) Informationen, Integrationskurse, Seminare zur Förderung der beruflichen Integration, Sprachkurse
Harmonie e.V., Berlin-MitteIntegrations-
verein, Integra-
tionszentrum
Selbsthilfe zur Integrationsförderung von Zuwanderern aus den Staaten der GUS und anderen Ländern, unter Einbeziehung von EinheimischenBetreuung und Beratungsangebote, Sprachkurse in Deutsch und Englisch, PC-Kurse
BGFF e.V., Berlin-SpandauBerliner Gesellschaft für Förderung interkultureller Bildung und ErziehungFörderung der Integration von Migranten durch Projekte für Bildung, Erziehung, Jugendarbeit, Beratungsarbeit und SprachförderungRussische Samstagsschulen: Vermittlung von russischer Sprache, Kultur und Tradition für Kinder und Jugendliche, Lern- und Sprachförderung für Kinder, Hilfs- und Beratungsangebote, Familienbetreuung durch psychologische Hilfeleistungen
Baum e.V., Berlin-SpandauVerein für Bildung, Austausch, Unterhaltung und MiteinanderFörderung der Integration von Migranten, vorrangig russischer HerkunftTanz, Musik- und Theaterkurse, Kulturelle Veranstaltungen, Tanz- und Gesangsensembles

Quelle: Eigene Darstellung basierend auf halbstrukturierten Interviews mit Vereinsmitgliedern und Informationen von den Webseiten der Vereine (Stand: 6.6.2017)


Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Russlanddeutsche.

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