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Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

18.1.2007 | Von:
Dr. Jochen Reinert

Der vergessene Freiheitsheld

Subhas Chandra Boses umstrittenes Engagement für die Unabhängigkeit

Bose machte konsequent Schluss mit der in der britisch-indischen Armee üblichen Einteilung nach Volks-, Religions- und Kastengruppen, beschreibt der Historiker Dr. Lothar Günther die Reformbestrebungen Boses.[6] Der Dienst in der Legion wurde so eingerichtet, dass die Muslime fünfmal am Tag ihr Haupt gen Mekka neigen und auch Hindus und Sikhs ihre Religion ausüben konnten. Im Annaburger Stadtmuseum ist dank langjähriger Bemühungen des Hobbyforschers Volker Kummer das damals größte Lager indischer Kriegsgefangener in Europa dokumentiert.

Bose fand in jenen Berliner Tagen in Dr. Adam von Trott zu Solz, dem Leiter des Sonderreferats Indien im Auswärtigen Amt, einen Förderer, der die indischen Nationalisten vor einem allzu starken Zugriff der Nazis zu bewahren suchte. Von Trott zu Solz, der in Oxford studiert hatte, brachte der indischen Nationalbewegung große Sympathien entgegen. Was Bose damals nicht wissen konnte: Er arbeitete mit einem Verschwörer des 20. Juli 1944 zusammen, der nach dem Umsturzversuch hingerichtet wurde.

Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, den Bose auch gegenüber seinen Gastgebern missbilligte, kam ein Einsatz der Legion in Südasien nicht mehr in Frage. Zusätzlich enttäuscht über sein Gespräch mit Hitler im Mai 1942, in dem der Naziführer erneut eine Unabhängigkeitsgarantie verweigerte, bereitete Bose eine neue Phase seines Kampfes vor.

Titelseite der "Berliner Illustrierten Nachtausgabe" vom 19. Juni 1943Titelseite der "Berliner Illustrierten Nachtausgabe" vom 19. Juni 1943
Anfang Februar 1943 verabschiedete er sich von seiner Frau Emilie und seiner zwei Monate alten Tochter Anita und bestieg ein deutsches U-Boot Richtung Indischer Ozean und Japan. Ab Mitte Mai 1943 führte Bose in Tokio Gespräche mit der Führung Japans, dem asiatischen Verbündeten Hitlerdeutschlands. Nach einer Pressekonferenz in Tokio verkündete die "Berliner Illustrierten Nachtausgabe" am 19. Juni 1943 in ihrer Schlagzeile: "Nach der überraschenden Ankunft in Japan: Bose über die entscheidende Wende im Freiheitskampf des indischen Volkes."

Bose baute mit Geldern der drei Millionen Auslandsinder in Südostasien die bereits existierende, aber desorganisierte Indische Nationalarmee (INA) zu einer kampfstarken Truppe mit über 50.000 Mann aus. Am 21. Oktober 1943 rief er vor Zehntausenden Indern in Singapur die Provisorische Regierung von Azad Hind aus. Auf der von den Japanern besetzten Inselgruppe Andamanen und Nikobaren hisste er symbolisch die Flagge des freien Indien. Ebenso wie in der Indischen Legion in Deutschland waren auch in der INA alle ethnischen, Religions- und Kastenschranken beseitigt, als Hymne diente eine bereits in Berlin von Bose in Auftrag gegebene Vertonung von Rabindranath Tagores berühmten Gedicht Jana Gana Mana. Das 1947 zur indischen Nationalhymne erhobene Tagore-Lied wurde zum ersten Mal am 11. September 1942 in Hamburg zur Gründung einer Deutsch-Indischen Gesellschaft von einem Orchester intoniert.[7]


Anfang 1944 versuchte die INA zusammen mit den Truppen Tokios und in Absprache mit der Freiheitsbewegung Burmas – sie war ebenso wie Bose ein Zweckbündnis mit den Japanern eingegangen – nach Ostindien vorzudringen. Am 14. April 1944 schien sich der Traum der indischen Freiheitskämpfer zu erfüllen: In Moirang, 45 Kilometer südlich von Imphal, Hauptstadt des heutigen Unionsstaats Manipur, hisste ein Vortrupp die Fahne von Azad Hind. Heute kündet eine Gedenkstätte davon.

Spekulationen um Boses Tod

Doch der Traum währte nur kurz. Die Briten bereiteten den Angreifern eine vernichtende Niederlage. Die Hoffnung Boses, die Ankunft seiner Truppen auf indischem Boden würde einen antikolonialen Aufstand auslösen, zerschlug sich. Als die Japaner aus Südostasien zurückwichen, begann sich Bose nach neuen Optionen umzusehen. Während seines letzten Aufenthaltes im Oktober 1944 in Tokio versuchte er vergeblich, Kontakt zum dortigen sowjetischen Botschafter herzustellen. Am 16. August 1945 teilte er der japanischen Führung mit, er werde sich mit seinem Kabinett in die Sowjetunion begeben.

Tags darauf bestieg er in Saigon mit einigen Getreuen ein Flugzeug, das ihn in die Mandschurei bringen sollte, wo die Rote Armee vorrückte. Zuvor hatte er in seinen Rundfunkreden die Sowjetunion als kommende Weltmacht apostrophiert und einen Bruch der Anti-Hitler-Koalition vorausgesehen. Bose glaubte, "die anti-imperialistische kommunistische Macht würde ein natürlicher Alliierter der indischen nationalistischen Bewegung sein".[8]


Doch kaum hatte die Maschine nach einer Zwischenlandung in Taipeh vom Rollfeld abgehoben, stürzte sie zu Boden und fing sofort Feuer. Bose wurde so schwer verletzt, dass er am 18. August starb. Bis heute ranken sich viele Spekulationen um dieses Ereignis.[9]


Boses Tod kam vor allem den Briten sehr gelegen. Doch als sie im November 1945 drei hohe Offiziere der Indischen Nationalarmee – stellvertretend auch für die Annaburger Legionäre, deren Gros im Mai 1945 in alliierte Gefangenschaft kam – in einem Schauprozess im Delhier Roten Fort wegen Hochverrats verurteilen wollten, erhob sich in ganz Indien ein Sturm der Empörung. Auch die Führer des INC, die während des Krieges auf Distanz zu Bose gingen, setzten sich massiv für die Angeklagten ein.[10]


Gandhi schrieb über die INA: "Das Größte ist dabei, dass sie unter ihren Fahnen Männer aller Religionen und Rassen Indiens vereinte und ihnen den Geist der Solidarität und Einheit unter strengstem Ausschluss aller konfessionellen und partikularistischen Gefühle einflößte." Die INA-Offiziere mussten schließlich freigesprochen werden. Den Briten wurde klar, dass ihr "Kronjuwel" verloren war. Zwei Jahre nach Boses Tod verkündete Nehru am 15. August 1947 von den Zinnen des Roten Forts Indiens Unabhängigkeit.

Obwohl Subhas Chandra Bose zu seinem 100. Geburtstag in Indien hoch geehrt wurde und das Indische Kulturzentrum in Berlin im gleichen Jahr ein großes Bose-Symposium veranstaltete, ist das an Widersprüchen reiche Leben des Freiheitshelden in beiden Ländern weitgehend unbekannt geblieben. Regisseur Shyam Benegal sieht als wesentliche Ursache, dass "der Schatten der britischen Haltung, nach der Bose ein Kollaborateur sei, weil er mit den Achsenmächten zusammenarbeitete, sehr lange über ihm lag". Auch der burmesische Freiheitsheld Aung San und Indonesiens erster Präsident Sukarno habe mit den Japanern kooperiert. "Aber von ihnen wurde dieser Schatten genommen", beklagt Benegal, "von Bose nicht".

Boses Tochter Prof. Anita Pfaff-Bose, die bis vor kurzem als Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Augsburg lehrte, führt das lange Ausblenden ihres Vaters aus Indiens Geschichte auch darauf zurück, dass die Politik des Landes von drei Generationen der Nehru-Familie dominiert wurde. "Nehru und mein Vater waren Streitgenossen. Sie hatten eine ähnliche politische Einstellung, waren aber auch Konkurrenten – was wohl weiterwirkte." Ihr Vater sei jedenfalls "kein Faschist oder Nationalsozialist" gewesen. "Andere indische Führer wie Gandhi und Nehru waren damals eher bereit, Kompromisse mit den Engländern zu schließen. Das kam für meinen Vater nicht in Frage, weil er schnell die Unabhängigkeit wollte."[11]


Doch Subhas Chandra Boses ungewöhnliches Engagement für die Befreiung Indiens vom britischen Kolonialjoch bleibt umstritten – die Skala der Auffassungen reicht vom Vorwurf der Kollaboration mit dem Nationalsozialismus bis hin zu einer besonders in Bengalen verbreiteten unkritischen Heroisierung. Die Wahl seiner Verbündeten im Befreiungskampf ist zweifellos hochproblematisch. Aber Boses unbedingter Nationalismus kann nicht ohne seine Verdienste wie die praktizierte Gleichbehandlung aller indischen Ethnien und Religionsgruppen gesehen werden. Die kontroverse Debatte über Visionen und Illusionen des charismatischen Freiheitshelden wird weitergehen. Für viele seiner Landsleute ist und bleibt Bose der Netaji.

Fußnoten

6.
Lothar Günther, Von Indien nach Annaburg. Indische Legion und Kriegsgefangene in Deutschland, Berlin 2003 sowie Diethelm Weidemann/Lothar Günther, Das indische Infanterieregiment 900, in: Fremdeinsätze. Afrikaner und Asiaten in europäischen Kriegen 1914–1945, Berlin 2000.
7.
Chitra Narain, A National Anthem Born in Exile, Feature, gesendet im All India Radio am 23.1.1980.
8.
Leonard A. Gordon, a.a.O.
9.
Erst im Mai 2006 hatte in Indien eine neue Untersuchungskommission unter der Leitung von Manoj Mukherjee in ihrem Schlussreport Absturz und Tod Boses in Taiwan bezweifelt – was von der Regierung in Delhi zurückgewiesen wurde.
10.
Vgl. Amitav Ghosh, Indiens vergessener Unabhängigkeitskampf, in: Zeiten des Glücks im Unglück, München 2006.
11.
Gespräch mit dem Autor am Rande des Bose-Symposiums 1997 in Berlin.

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