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"Besser spät als nie"

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"Besser spät als nie" Pratibha Patil ist Indiens erste Präsidentin

Stefan Mentschel

/ 5 Minuten zu lesen

Am 25. Juli 2007 zog Pratibha Patil als erste Präsidentin der Indischen Union in den Rashtrapati Bhawan von Neu Delhi ein. Ihre Person ist nicht unumstritten.

Staatspräsidentin Pratibha Patil bei der Weltausstellung in Shanghai, 2010. (© AP)

Ein bisschen war es wie bei Horst Köhler. Als vor drei Jahren Christdemokraten und Liberale den heutigen Bundespräsidenten als Kandidat für das höchste Amt im Staat ins Rennen schickten, herrschte beim Volk weitgehend Ratlosigkeit. "Horst wer?", wunderte sich stellvertretend für viele Deutsche die Bild-Zeitung.

Die Nominierung von Köhlers neuer indischer Amtskollegin löste Mitte Juni ähnliche Reaktionen aus. Nach wochenlangem Gezerre hatte Interner Link: Sonia Gandhi, Chefin der regierenden Interner Link: Kongresspartei, der verdutzten Öffentlichkeit ihre Favoritin vorgestellt: Pratibha Patil sollte Nachfolgerin des populären, aber aus dem Amt scheidenden Interner Link: Abdul Kalam werden. Viele Inder hätten sich den charismatischen Wissenschaftler für weitere fünf Jahre als Präsidenten gewünscht. Da Kalam 2002 jedoch von der damals regierenden hindunationalistischen Interner Link: Indischen Volkspartei (BJP) inthronisiert worden war, hatte er angesichts der veränderten Machtverhältnisse im Interner Link: Wahlgremium keine Chance mehr.

Lange politische Karriere

72 Jahre alt, Gouverneurin des nordwestindischen Unionsstaates Rajasthan und seit Jahrzehnten loyale Parteisoldatin – vielmehr war am Tag ihrer Nominierung nicht bekannt über die Kandidatin, die im 60. Jahr der Unabhängigkeit als erste Frau an die Spitze der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt treten sollte. Doch Pratibha Patil kann auf eine lange politische Karriere zurückblicken.

Bereits 1962 gewann die studierte Juristin ihre ersten Wahlen – an der Universität ihrer Heimatstadt Jalgaon, rund 400 Kilometer nordöstlich von Bombay (heute Mumbai) gelegen, kürte man sie zur "College Queen", wenig später zog sie von hier als Mitglied der Kongresspartei ins Landesparlament von Maharashtra ein. Nach ihrer Wiederwahl im Jahr 1967 stieg sie als stellvertretende Bildungsministerin ins Kabinett auf. In ihrer dritten Legislaturperiode von 1972 bis 1978 stand Patil schließlich mehreren Ministerien vor, unter anderem dem Gesundheitsministerium. In dieser Funktion zog sich sie erstmals heftige Kritik zu, nachdem sie sich für die Zwangsterilisation von Menschen mit Erbkrankheiten ausgesprochen haben soll.

In die 70er Jahre fällt auch die wohl wichtigste politische Entscheidung ihrer Karriere. Nach Ende des von Interner Link: Indira Gandhi über Indien verhängten Ausnahmezustands (1975-1977), verlor die Kongresspartei bei den angesetzten Neuwahlen zum Interner Link: Unterhaus die Macht in Delhi. Zahlreiche Funktionsträger sagten sich daraufhin von der gestürzten Premierministerin los und gründeten eigene Parteien. Auch in Maharashtra kam es unter Führung einflussreicher Kräfte zum Bruch, wobei die neue Formation der Mutterpartei bald den Rang ablief und sie 1978 sogar aus der Landesregierung drängte.

Pratibha Patil ließ sich davon nicht beirren. Sie lieb Interner Link: Indira Gandhi treu und wurde Oppositionsführerin. Ihre Loyalität zahlte sich aus, und nur zwei Jahre später galt sie bei den vorgezogenen Wahlen in Maharashtra als heiße Kandidatin für den Posten der Ministerpräsidentin. Obwohl dieser Traum nicht in Erfüllung ging, hatte sich Patil 1980 im engsten Führungszirkel der Kongresspartei etabliert. Verschiedenen Quellen zufolge gewann sie in diesem Jahr zudem das unwiderrufliche Vertrauen der Interner Link: Gandhi-Familie, da sie Indira nach dem Unfalltod ihres Sohnes und politischen Erben Sanjay privat zur Seite gestanden haben soll.

Die politische Karriere der heute 72-jährigen Pratibha Patil begann bereits Anfang der 1960er Jahre. Foto: AP (© AP )

Neben ihrer Parteikarriere engagierte sich Patil auch im Bildungs- und Sozialbereich. Gemeinsam mit ihrem Mann Devisingh Ransingh Shekhawat, mit dem sie seit 1965 verheiratet ist und zwei Kinder hat, gründete sie unter anderem eine Organisation, die in Maharashtra zahlreiche Schulen betreibt. Zudem rief sie den Shram Sadhana Trust ins Leben, der in Delhi, Mumbai und Pune preiswerte Unterkünfte für allein stehende berufstätige Frauen unterhält.

1985 betrat die zurückhaltend auftretende Politikerin Patil erstmal die nationale Bühne. Fünf Jahre gehörte sie dem indischen Interner Link: Oberhaus an, zwei davon als stellvertretende Parlamentspräsidentin. Im Frühjahr 1991 wurde Patil ins Unterhaus gewählt, ohne allerdings einen einflussreichen politischen Posten zu bekleiden. Nach nur einer Legislaturperiode schied sie 1996 aus der Volksvertretung aus.

Erst acht Jahre später, nach dem überraschenden Wahlsieg ihrer Partei über die BJP, holte man die Veteranin aus dem Ruhestand und ernannte sie zur Gouverneurin von Rajasthan. Viele Beobachter glauben, als Lohn für ihre jahrzehntelange Loyalität. Doch in ihrem Amt sorgte sie auch für politische Schlagzeilen, etwa als sie im Frühjahr 2006 ein umstrittenes Gesetz zurückwies, mit dem die Interner Link: hindunationalistische Landesregierung den Wechsel von einer Religion zu einer anderen verbieten wollte.

Zustimmung und heftige Kritik

Als Gouverneurin ereilte Pratibha Patil im Juni 2007 der Ruf von Kongress-Chefin Sonia Gandhi, dem sie nur wenige Stunden später folgte. Sie legte ihr Amt nieder und eilte nach Delhi, um sich der Öffentlichkeit als aussichtsreiche Kandidatin für den Posten des Staatsoberhaupts zu präsentieren. Und obwohl sie weiten Teilen der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt war, fielen die ersten Reaktionen positiv aus. Vor allem Frauen begrüßten ihre Nominierung. "Besser spät als nie", bemerkte die 92-jährige Ärztin Lakshmi Sehgal, die sich bei den Präsidentschaftswahlen 2002 noch Abdul Kalam geschlagen geben musste.

In die Zustimmung mischten sich jedoch bald Kritik sowie Zweifel an Kompetenz und Integrität – zum einen hervorgerufen durch umstrittene Äußerungen der Kandidatin selbst, zum anderen aufgrund der Nachforschungen von politischen Gegnern und Journalisten, die Patils Werdegang genauer unter die Lupe nahmen. Ein erstes Eigentor schoss Patil, als sie öffentlich erklärte, mit dem Geist eines Hindu-Gurus kommuniziert zu haben. Der habe ihr prophezeit, dass sie bald ein "verantwortungsvolle Position" bekleiden würde.

Den Zorn vieler Interner Link: Muslime zog sie sich mit der Forderung zu, Frauen mögen doch die Schleier ablegen. Ihre Begründung: Das Tragen des Schleiers sei in Indien eingeführt worden, um die Frauen vor den muslimischen Invasoren zu schützen. Inzwischen habe sich die Situation aber geändert und deshalb sollte mit diesem Brauch Schluss gemacht werden. Islamische Theologen und säkulare Historiker widersprachen dem heftig.

In die Schusslinie geriet Pratibha Patil auch durch Korruptionsvorwürfe. So gründete die damalige Landtagsabgeordnete 1973 eine nach ihr benannte Genossenschaftsbank in Maharashtra, die Frauen aus der Armut helfen sollte. Kritiker beschuldigen den Vorstand jedoch, vor allem Patils Verwandte großzügig mit Krediten versorgt zu haben, von denen viele nie zurückgezahlt wurden. Im Jahr 2003 wurde dem Geldinstitut die Lizenz entzogen. Die genauen Umstände liegen noch im Dunkeln.

Hinzu kam die Anschuldigung, die designierte Präsidentin würde ihren Bruder G.N. Patil – selbst Kongress-Politiker – decken, der für den Tod eines politischen Rivalen verantwortlich sei. Beweise gibt es auch dafür nicht. Vor allem die oppositionelle BJP schlachtete die negativen Details genüsslich aus und veröffentlichte sie auf der eigens dafür eingerichteten Internetseite Externer Link: knowpratibhapatil.com. Die Kandidatin indes versicherte mehrfach, sie stehe mit reinem Gewissen vor der Nation.

Gegen alle Widerstände zieht Pratibha Patil am 25. Juli als erste Präsidentin der Indischen Union in den Rashtrapati Bhawan von Neu Delhi ein. Es ist ihr Erfolg, aber auch der Erfolg Sonia Gandhis, die sich der Loyalität der Kongress-Politikerin sicher sein kann. Abzuwarten bleibt, inwieweit sie in den kommenden Monaten die Vorwürfe und Vorurteile abschütteln und eigene politische Akzente setzen kann. Vielleicht erkundigt sich Pratibha Patil ja bei Horst Köhler. Auch das deutsche Staatsoberhaupt hatte einen holprigen Start, entwickelte sich in seinem Amt aber allen Unkenrufen zum Trotz zu einer respektierten und unabhängigen politischen Autorität.

Fussnoten

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Stefan Mentschel ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Journalist. Nach Studium an der Freien Universität, Volontariat und Redakteurstätigkeit in Berlin lebt und arbeitet er heute in Neu Delhi. In Zeitungen und Zeitschriften wurden zahlreiche Artikel und Reportagen von ihm aus und über die Region Südasien veröffentlicht. 2005 erschien sein Buch "Right to Information: An Appropriate Tool Against Corruption" (Mosaic Books, New Delhi). Für die Bundeszentrale hat er das vorliegende Dossier konzipiert und redaktionell betreut.