Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

18.1.2007 | Von:
Suhas Chakma

Naxaliten: "Größte Herausforderung für die innere Sicherheit"

Maoistische Rebellen kontrollieren bereits große Teile des Landes

Massive Menschenrechtsverletzungen

Indische Medien berichten über das Naxaliten-Problem
Foto: Stefan MentschelIndische Medien berichten über das Naxaliten-Problem
Foto: Stefan Mentschel
Zahlreiche Angehörige der Adivasi sind in den vergangenen Monaten Salwa Judum zum Opfer gefallen. Während Sicherheitskräfte für die Ermordung von Rebellen und Zivilisten verantwortlich gemacht werden, wird maoistischen Rebellen vorgeworfen, eine Vielzahl unbeteiligter Dorfbewohner getötet zu haben. Die Naxaliten schrecken dabei nicht einmal mehr vor dem Einsatz von Landminen zurück. So starben am 28. Februar 2006 bei einer Minenexplosion in Chhattisgarhs Dantewada Distrikt 27 Zivilisten, 32 wurden zum Teil schwer verletzt.

Im Zuge von Salwa Judum wurden ganze Dorfbevölkerungen gezielt in Lager umgesiedelt. Auf diese Weise sollen möglichst viele Adivasi für die "Selbstschutzgruppen" rekrutiert werden. Es gibt Berichte, dass Dörfer, die sich der Räumung widersetzt haben, von Salwa-Judum-Einheiten und Sicherheitskräften angegriffen wurden – nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Rund 50.000 Menschen leben derzeit unter zum Teil katastrophalen Bedingungen in den Auffanglagern der Regierung. Bürgerrechtler sprechen bereits von einer humanitären Katastrophe, denn es gibt weder genug zu essen noch eine angemessene medizinische Versorgung. Zudem mussten Hunderte Kinder ihre Ausbildung unterbrechen, da oftmals Schulen zu Camps umfunktioniert wurden.

In den Lagern erhalten die Adivasi neben ideologischer Schulung auch eine militärische Grundausbildung, wobei selbst Minderjährige als Hilfspolizisten, so genannte Special Police Officers (SPO) rekrutiert werden. Bis März 2006 wurden allein im Distrikt Dantewada 3200 Jungen und Mädchen zu SPO ernannt. Dafür erhalten sie einen monatlichen Sold von 1500 Rupien, umgerechnet etwa 25 Euro. Seit Gründung der Salwa Judum sind die Lager immer wieder Ziel maoistischer Angriffe. Im Juli 2006 brannten Naxaliten ein Camp in Errobore (Distrikt Dantewada) nieder, töteten 31 Bewohner und entführten 9 Männer und 32 Frauen, von denen viele später ermordet aufgefunden wurden.

Katastrophale soziale und wirtschaftliche Lage
Eine wichtige Ursache des Problems sind Armut, Ausbeutung und Unterdrückung. Aber auch die oftmals entschädigungslose Enteignung ganzer Landstriche, in denen die Adivasi seit Jahrhunderten siedeln, treibt die Menschen in die Arme der Extremisten. Offiziellen Angaben zufolge wurden allein zwischen 1950 und 1990 mehr als 8,5 Millionen Adivasi durch Staudämme, Bergwerke und Industrieanlagen sowie die Einrichtung von Nationalparks aus ihrer Heimat vertrieben. In seiner Rede vor den Ministerpräsidenten der von maoistischer Gewalt betroffenen Unionsstaaten erkannte Premier Manmohan Singh auch an, dass die katastrophale soziale und wirtschaftliche Lage sowie mangelnde Zukunftsaussichten "maßgeblich zum Erstarken der Naxaliten-Bewegung" beigetragen haben.

Bevor die Regierung zu dieser Einsicht gelangte, sind vier Jahrzehnte vergangen. Inzwischen setzt sich aber auch im Innenministerium allmählich die Ansicht durch, dass "Naxalismus nicht nur ein Sicherheitsproblem darstellt, sondern auch eine erhebliche sozioökonomische Dimension hat". Daher glaubt man, dass die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Gebiete maßgeblich zur Eindämmung von Extremismus und Gewalt beitragen kann.

Das Innenministerium gibt an, mit einer dreiteiligen Strategie gegen den Naxalismus anzugehen: (1) Stärkung der Geheimdienste auf Ebene der Unionsstaaten, (2) anhaltende bewaffnete Aktionen der Sicherheitskräfte sowie (3) eine beschleunigte wirtschaftliche Entwicklung. Nimmt man allerdings die letzten Monate als Maßstab, dann liegt der Fokus viel stärker auf militärischer Gewalt als auf friedlicher Entwicklung. Und auch die Unterstützung der Salwa Judum trägt eher zu einer weiteren Verschärfung der Lage bei.

Zwar mangelt es in Indien nicht an Programmen, mit denen die Situation der Adivasi verbessert werden soll. Doch allzu oft fehlt es an politischem Willen, sie adäquat umzusetzen. Hinzu kommt, dass in vielen Gebieten die staatlichen Strukturen bereits völlig zusammengebrochen sind. Gleichwohl bleibt es Aufgabe der Regierung, alles zu tun, um die Entwicklungsprogramme unter Achtung der Menschenrechte zu implementieren.

Die Mehrheit der Dalits und Adivasi in den Naxaliten-Gebieten teilt weder die Ideologie der Maoisten noch träumt sie davon, eines Tages mit roten Fahnen zum Sturm auf die Hauptstadt Neu Delhi anzusetzen. Doch es ist die Sprache der Naxaliten, mit der sie sich aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Schieflage identifizieren können. Andersherum bietet diese Schieflage der extremen Linken ein ideales Umfeld, um Anhänger für den bewaffneten Kampf zu rekrutieren. Daher ist es für die indische Regierung unerlässlich, der Entwicklung diesen rückständigen Regionen endlich höchste Priorität einzuräumen. Andernfalls gerät die Situation immer weiter außer Kontrolle.


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