Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Oliver Müller

"Wenn sie Gewinne machen wollen, kommen sie zu uns"

Immer mehr deutsche Unternehmen investieren auf dem Subkontinent

Deutschlands Autobauer entdecken Indien

Medienrummel bei der Vertragsunterzeichnung von Vertretern der Volkswagen AG und des westindischen Unionsstaates Maharashtra in Delhi. VW wird in den kommenden Jahren 410 Millionen Euro in Indien investieren und bis 2009 in Pune (Maharashtra) eine neue Fabrik errichten, November 2006; Foto: Stefan MentschelMedienrummel bei der Vertragsunterzeichnung von Vertretern der Volkswagen AG und des westindischen Unionsstaates Maharashtra in Delhi. VW wird in den kommenden Jahren 410 Millionen Euro in Indien investieren und bis 2009 in Pune (Maharashtra) eine neue Fabrik errichten, November 2006; Foto: Stefan Mentschel
Dienstleistungen machen bereits mehr als die Hälfte des indischen Bruttosozialprodukts aus. Sie wachsen jährlich mit neun bis zehn Prozent und locken daher viele Investoren. Doch auch der lange rückständige Industriebereich erlebt eine Renaissance. Er wird zwar von Indiens chronischen Infrastrukturengpässen, bürokratischem Wirrwarr, hohen Steuern und Zöllen sowie einem restriktiven Arbeitsrecht behindert – Faktoren, die auch Auslandsinvestoren nach wie vor abschrecken. Doch das verarbeitende Gewerbe profitiert ebenfalls von steigender Kaufkraft und wächst in jüngster Zeit fast so schnell wie die Dienstleistungsbranche.

Auch Deutschlands Autobauer haben Indien als zentralen neuen Zukunftsmarkt nach China entdeckt. Anfang 2007 werden die ersten lokal zusammengebauten BMW von einem Fließband in Chennai (früher Madras) laufen. MAN produziert seit kurzem in Indore (Unionsstaat Madhya Pradesh) zusammen mit Force Motors Lastwagen und bald auch Busse. DaimlerChrysler will eine zweite Fabrik bauen, und für Zulieferer wie die Bosch-Gruppe ist das Land nicht nur eine Wissens-Ressource. Alleine im Jahr 2005 steigerte sie den Absatz in Indien um ein Viertel auf 685 Millionen Euro. "Wir werden bald die Milliarden-Schwelle überschreiten", erwartet Bernd Bohr, Leiter von Boschs Kfz-Technik-Sparte. Sein Konzern investiert 325 Millionen Euro in neue Fabriken. Schließlich soll sich Indiens Autoproduktion bis Ende des Jahrzehnts auf mehr als zwei Millionen Personenwagen im Jahr verdoppeln. Allerdings ist der Markt fest in der Hand asiatischer Hersteller wie Suzuki, Hyundai und Tata Motors, die sein Potential als erste erkannten und sich frühzeitig mit billigen Kleinwagen positioniert haben.

Doch angesichts stagnierender Märkte im Westen hat sich Ende 2006 auch der Volkswagen-Konzern mit großer Verspätung zum Einstieg entschlossen: Die Wolfsburger nehmen als erster deutscher Autokonzern eine Vollproduktion in Indien in Angriff. Sie investieren 410 Millionen Euro in ein Werk bei Pune (Unionsstaat Maharashtra) mit einer Jahreskapazität von 110.000 Stück. Dort soll ab 2009 ein eigens für den indischen Markt konzipierter, billiger Kleinwagen von der Größe des Polos vom Band laufen. Im Schlepptau von VW dürften bald auch mehr kleine und mittlere Zulieferer ins Land kommen, und für den deutschen Botschafter Bernd Mützelburg markiert die bislang größte Einzelinvestition eines deutschen Konzerns einen "historischen Meilenstein" der zunehmend engen deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen.

Die Kombination aus einem rasant wachsenden Binnenmarkt und Kostenvorteilen bei Fertigung und Forschung für den Export machen Indien auch für Anlagenbauer und Elektrotechnik-Konzerne wie Siemens, ThyssenKrupp oder ABB zu einem wichtigen Standort, den sie zunehmend in ihr globales Fertigungsnetz integrieren. Einige elektrotechnische Produkte können dort bei gleicher Qualität um ein Drittel günstiger hergestellt werden als in Deutschland. "Indien ist auf dem Weg zu einem Fertigungs-Standort von globaler Bedeutung", meint Siemens-Länderchef Jürgen Schubert. Innerhalb von nur drei Jahren stieg der Ausfuhranteil seines Unternehmens von null auf 15 Prozent. Für die Zukunft sind 30 Prozent angepeilt. Gleichzeitig hilft Indiens immenser Nachholbedarf bei Infrastruktur dem Konzern, den Umsatz dort alle zwei Jahre zu verdoppeln, und bis 2007 investieren die Münchner eine halbe Milliarde Euro in Erweiterungsprojekte.

"Auf ernsten Wettbewerb mit Indern einstellen"

Indiens wirtschaftlicher Aufstieg bietet deutschen Firmen aber nicht nur Marktchancen, er verschärft zugleich den globalen Wettbewerb für sie. Für Konzerne wie Siemens oder Bosch entstehen in Indien neue Konkurrenten auf den Weltmärkten. Denn niedrige Kosten bei Forschung und Fertigung helfen lokalen Firmen bei der Internationalisierung ihrer Geschäfte. Larsen&Toubro und Crompton Greaves aus Mumbai etwa konkurrieren mit Siemens und ABB bereits um lukrative Großaufträge in der Golfregion und Asien. "Deutsche Hersteller müssen sich auf ernsten Wettbewerb mit Indern einstellen", warnt Schubert, "und zwar weltweit".

Der Petrochemieriese Reliance wächst im Kunststoffbereich zu einem neuen Konkurrenten der BASF heran. Bharat Forge beliefert Kunden wie Mercedes mit Kurbelwellen und Achsteilen aus seiner Fabrik in Pune, die bei gleicher Qualität ein Drittel weniger kosten als die deutscher Rivalen. Zukäufe von Amerika über Schweden und Deutschland bis China haben die Firma in Windeseile zum zweitgrößten Anbieter geschmiedeter Metallteile der Welt gemacht. "Bis 2008 haben wir Marktführer ThyssenKrupp überrundet", ist Unternehmenschef Baba Kalyani sicher, "nicht nur beim Umsatz, sondern auch technologisch".

In dieser Herausforderung liegt andererseits eine Chance. Denn im Zuge ihrer Internationalisierung investieren Inder immer stärker in Deutschland. Oft helfen sie wie Kalyani bei der Wiederbelebung insolventer Firmen dort, oder sie eröffnen große Büros wie die IT-Firmen Infosys, Wipro, TCS und Satyam. Der Kauf der Trevira GmbH hat Reliance zum Weltmarktführer bei Polyester gemacht, und um einen Fuß auf den deutschen Markt zu bekommen, hat der Pharmahersteller Dr. Reddy's aus Hyderabad (Unionsstaat Andhra Pradesh) Anfang 2006 fast eine halbe Milliarde Euro für die Übernahme der Augsburger Betapharm ausgegeben. Deutsche Ministerpräsidenten und selbst Bürgermeister, die Indien inzwischen im Monatsrhythmus bereisen, werben neuerdings vehement um die Ansiedlung indischer Firmen in ihren Regionen. Was möglich ist, zeigt sich in Großbritannien: Dort sind Inder zum zweitgrößten Auslandsinvestor nach Amerikanern avanciert und haben Japaner, Deutsche und Franzosen auf die Plätze verwiesen.

Kein Anlass zum gegenseitigen Schulterklopfen

Seit Indien der Durchbruch zu dauerhaft hohen Wachstumsraten gelungen ist, entwickelt sich das Land auf allen Ebenen zu einem neuen Wirtschaftspartner Deutschlands. Doch in absoluten Zahlen gemessen und mit anderen Ländern verglichen bleibt die Intensität der Verflechtungen gering. Zwar lässt Indiens Hunger nach deutschen Maschinen den bilateralen Handel boomen. Deutschlands Exporte in das Land wuchsen in der ersten Jahreshälfte 2006 fast um die Hälfte, schneller als in jedes andere asiatische Land. Aber im Gesamtjahr 2005 lag der bilaterale Warenaustausch erst bei einem Achtel der 61 Milliarden Dollar, die mit China erreicht wurden. Indien ist in der Rangliste deutscher Handelspartner am kleinen Malaysia vorbeigezogen und wird in Kürze auch Singapur und Taiwan einholen. Auch dann wäre es allerdings erst unser viertwichtigster Handelspartner in Asien.

Indien zählt zu den wenigen asiatischen Ländern, mit denen Deutschland einen Handelsüberschuss erzielt. An der Zusammensetzung seiner Exporte in die Bundesrepublik (2005 waren es 3,4 Milliarden Euro, ein Plus von 15 Prozent) lässt sich ein Wandel der Industriestruktur ablesen: Erstmals entfallen auf die traditionellen Handelswaren Textilien, Leder, Nahrungsmittel und Schmuck weniger als die Hälfte aller Ausfuhren. Ihnen laufen technisch anspruchsvollere Waren wie Maschinen, Feinchemie und Medikamente den Rang ab. Das zeigt, dass diese Branchen international konkurrenzfähig werden.

Das im Jahr 2005 gefasste Ziel beider Regierungen, den Handel bis 2010 auf zehn Milliarden Dollar zu verdoppeln, wurde bereits 2006 erreicht. Zum gegenseitigen Schulterklopfen besteht jedoch wenig Anlass. Denn mit anderen Nationen wächst Indiens Handel viel stärker, etwa mit Südkorea, den USA und China. Amerikaner, Japaner, Koreaner und Investoren aus anderen asiatischen Ländern denken auch bei Direktinvestitionen schneller um als Deutsche und bringen mehr frisches Kapital ins Land. Im Wettlauf mit anderen droht Deutschland daher trotz in jüngster Zeit stark steigender Handels- und Investitionsströme als Indiens Wirtschaftspartner zurückzufallen. Dabei war es Anfang der 90er Jahre Indiens größter europäischer Auslandsinvestor. Aber bald wurde der Standort überschattet von China und von der Öffnung viel näherer Märkte in Osteuropa. Das Interesse deutscher Firmen an Indien ließ Mitte der 90er Jahre rapide nach, und der nie große Strom der Direktinvestitionen trocknete fast vollends ein. Für die gesamte Periode von 1991 bis 2004 rutschte Deutschland auf Rang sechs unter Indiens Auslandsinvestoren ab, hinter Länder wie Großbritannien, Holland und Japan. Inzwischen ist es noch weiter gefallen und wurde selbst vom Stadtstaat Singapur überholt.

Darin liegt ein Risiko: "Firmen, die jetzt nach Indien gehen, können einen Vorsprung aufbauen, der für Nachzügler sehr schwer und nur mit viel Geld aufzuholen sein wird. Wer den Markteintritt nur um drei Jahre hinauszögert riskiert, dass seine Anlaufkosten um das Zehnfache steigen", warnt Adil Zainulbhai, Indien-Chef der Unternehmensberatung McKinsey. Dasselbe gilt für die Nutzung von Wissensressourcen. "Viele Deutsche verpassen dabei unglaubliche Chancen in Indien", kritisiert Walter Grote von Bosch. Vor allem gegenüber amerikanischen Konkurrenten drohten ihnen daher Wettbewerbsnachteile auf den Weltmärkten. Eine große Zahl deutscher Firmen habe "den Bus längst verpasst", und zu wenige machten Anstalten, ihm hinterher zu rennen, klagt auch Hubert Lienhard, Vorstand der Voith AG und Indien-Sprecher im Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Dabei schaffen einer Studie der Deutsch-Indischen Handelskammer zufolge auffallend viele Firmen dort nicht nur höhere Margen als in China, sondern übertreffen bei der Ertragskraft auch ihre Muttergesellschaften. Siemens etwa bezeichnet seine Ertragssituation in Indien als "überdurchschnittlich". In China sei sie nur "zufrieden stellend". Dort setzt der Konzern drei Mal mehr um. Auch Bosch, Allianz, Deutsche Bank und Lufthansa sind in Indien viel profitabler. "Die meisten Deutschen haben in Indien großen Erfolg", weiß Lienhard, "ganz besonders bei den Gewinnen". Der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram überspitzt die Situation süffisant: "Wenn sie schnell wachsen wollen um jeden Preis, gehen sie ruhig nach China", rät er Managern, "wenn sie gute Gewinne machen wollen, dann kommen sie zu uns".


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