30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

30.10.2020 | Von:
Lesia Bidochko

Analyse: Rechtsradikale Musik in der Ukraine

Rechtsextreme Ansichten haben es in der Ukraine seit einigen Jahren bis in den politischen Mainstream geschafft. Auch die Musik dieser politischen Strömung ist zunehmend populärer geworden und wird auf großen Konzerten und Festivals gespielt. Kiew gilt als "Hauptstadt der Neonazimusik".

Ausgelöst durch den Maidan und die Kämpfe im Donbas haben rechte Kräfte in der Ukraine lautstark von sich Reden gemacht und zu einer Legitimierung rechtsextremer Ansichten bis weit in den politischen Mainstream beigetragen. Im Bild: Das paramilitärische, rechtsextreme "Regiment Asow" vor dem Parlament in Kiev (2016).Das paramilitärische, rechtsextreme "Regiment Asow" vor dem Parlament in Kiev (2016). (© picture-alliance, ZUMAPRESS.com)

Zusammenfassung

Rechte Bands, insbesondere Rechtsrock, sind eine besonders populäre Ausprägungsform des Rechtsextremismus und sind für viele der Einstieg in die rechte Szene. Was kennzeichnet die rechtsextreme Musikszene in der Ukraine? Welchen Einfluss hatten der Maidan und der Krieg im Osten des Landes auf diese – und welchen Einfluss hat rechtsextremistische Musik auf Politik und Gesellschaft? Der folgende Text analysiert diese und weitere Fragen am Beispiel der in der Ukraine populären Rechtsrock-Band Sokyra Peruna.

Der Maidan und die Rechten

Angesichts der propagandistischen Bemühungen des Kremls, den blutigen Protestwinter 2013/14, die Annexion der Krim sowie den inzwischen seit sechs Jahren andauernden Krieg im Donbas einer angeblichen "faschistischen Junta" in Kiew zuzuschreiben, scheint der Abwehrreflex vieler Ukrainer, Rechtsextremismus und Neofaschismus im eigenen Land empört zurückzuweisen, um der Propaganda des Kremls nicht in die Hände zu spielen, mehr als verständlich. Im Sommer 2020 machte der Fall um die Journalistin Jekaterina Sergatskowa des unabhängigen ukrainischen Onlinemediums Zaborona bis nach Deutschland Schlagzeilen: Ihr wurde vorgeworfen, mit einem Artikel über die Verbindungen eines Vertreters der angesehenen ukrainischen NGO Stop Fake zu ukrainischen Neonazis – darunter zum Sänger der Band Sokyra Peruna  – der russischen Propaganda in die Hände zu spielen. Daraufhin erhielt Sergatskowa Morddrohungen und sah sich gezwungen, mit ihrer Familie unterzutauchen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass im Zuge des Euromaidans die Rechten lautstark von sich Reden machten und ihre rechtsradikale Rhetorik den politischen Mainstream erreichte. Das markanteste Beispiel ist der Umstand, dass sich ein großer Teil der ukrainischen Gesellschaft, die Politik und die Armee die Parole "Slawa Ukrajini! Herojam slawa! ("Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!") aneigneten. Diese Parole war in den 1920er Jahren im Bandera-Flügel der ultranationalistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) verbreitet. Auch Schlachtrufe wie "Ruhm der Nation! Tod den Feinden!" und "Ukraine über alles!", die vor dem Maidan nur bei rechten Gruppen wie der Ukrainischen Nationalistischen Selbstverteidigung (UNSO), der militanten Sparte der Partei Ukrainische Nationalversammlung (UNA) gebräuchlich waren, haben es aus ihrem Nischendasein in die Alltagssprache geschafft. Durch den Maidan und den Konflikt im Osten des Landes erhielten die Rechtsradikalen eine gesellschaftliche Aufwertung und wurden in den Medien und im öffentlichen Diskurs oft als "unsere Jungs", "Helden des Maidan", "Verteidiger der Ukraine" und "Patrioten" bezeichnet.
Dabei waren viele von ihnen zuvor marginale politische Akteure gewesen: junge Frauen und Männer aus informellen Kreisen der Rock- und Fußballsubkultur, ohne feste Strukturen und Organisationen und ohne öffentliche Beachtung. Einige Jahre vor dem Euromaidan versuchten die "alten Nationalisten" (die Allukrainische Vereinigung Swoboda ("Freiheit"), UNA-UNSO sowie die Nachfolger der OUN) ihre Basis zu vergrößern, indem sie versuchten, Fußball-Ultras, Straßen-Skinheads und andere Gruppen zu kooptieren. Jedoch wurde erst der Maidan zum Katalysator für diesen Zusammenschluss der alten Ultrarechten mit neuen Anhängern und integrierte allmählich rechtsradikale Jugendliche und junge Erwachsene in organisierte Strukturen ein.

Ukrainischer Rechtsrock zwischen slawischen Mythen, arischer Ideologie, ukrainischem Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus

Der heutige Rechtsextremismus in der Ukraine ist eklektisch und setzt sich aus vielschichtigen Elementen zusammen: Es gibt Anleihen aus dem klassischen Faschismus, z. B. die Vorstellung von der Palingenese als der Wiedergeburt der Nation; die Berufung auf längst vergangene "goldene" Zeiten des Ruhmes und der Größe; sowie den Populismus, der einfache Lösungen für komplexe Probleme verspricht. Diese Elemente werden kombiniert mit solchen aus dem Nationalsozialismus, darunter Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie. Hinzu kommen Elemente des Paganismus sowie ein ausgeprägter ukrainischer Nationalismus, der sich z. B. durch die Glorifizierung der OUN und deren militärischen Flügel UPA (Ukrainischen Aufstandsarmee) auszeichnet.

Musik spielt als Instrument zur Verbreitung und Legitimierung der rechtsextremen Ideologie und Mobilisierung der Anhängerschaft eine zentrale Rolle. Dabei hat sie einen besonderen funktionalen Effekt, indem z. B. junge Menschen damit für die ultranationalistische Bewegung geworben werden. Durch Musik wird ein symbolträchtiger Raum für extremistische Politik geschaffen.

Insgesamt sind für ukrainische ultranationalistische Bands die gleichen Trends und Themen (Paganismus, Nativismus, Bellizismus, Rassismus etc.) wie für ihre westeuropäischen Pendants kennzeichnend. Hinzu kommen Anknüpfungen an die slawische und/oder regionale ukrainische Geschichte. So taucht die im Neofaschismus im Westen und in Russland populäre ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum z. B. bei der ukrainischen Band Kroda auf. In ihrem Lied "Weine dich bei mir aus, Fluss (Verrat des Fürsten Wladimir)" geht es um die Annahme des orthodoxen Christentums in der Kiewer Rus. Der Täufer der Kiewer Rus wird dabei in einem abfälligen Ton als "Verräter des Glaubens" bezeichnet. Im gleichen Lied tritt die für rechtes Denken typische Nostalgie über jene mythischen Zeiten, als die Slawen angeblich ein mächtiges unteilbares Volk waren, das einen gemeinsamen Pantheon an Göttern hatte, zu Tage. Die Interpreten sind der Ansicht, dass eben dieses Heidentum eine Garantie für die Stärke und Unbezwingbarkeit des Staates sei.

Auch in ihren Liedern "Wind aus den Bergen" und "Hinter dem Horizont hervor" aus dem Album "Zum Horizont des Lebens" wird dieses gemeinsame Pantheon besungen, die die Größe und die Kraft der alten Rus symbolisieren und bei esoterischen Nationalisten populär sind: Perun, der Donnergott, Striboh, Gott der Luft und Swaroh, Gott des Himmelsfeuers. Sie tragen in deren Vorstellung zum Sieg des Fürsten Swjatoslaw, der unter Rechtsradikalen als einer der größten Eroberer aus der Zeit der Rus gilt, bei. Die Gruppe Dub Buk identifiziert in dem Lied "Marsch der slawischen Streitäxte" aus dem Album "Rus über alles" die Ukrainer mit den Ariern, setzt die slawischen Götter den arischen gleich, und zeigt somit deutlich eine Verbindung zwischen ihrer Weltsicht und der nazistischen Ideologie.

Die Band Rusytschi [die Bezeichnung für einen Bewohner der Kiewer Rus; d. Red.] beruft sich in ihrem Lied "Die letzte Bastion" ebenfalls auf eine mythische heroische Vergangenheit. Diese wird mit der Jaromarsburg bei Kap Arkona auf Rügen in Verbindung gebracht, die vom 10. bis zum 12. Jahrhundert ein religiöses Zentrum der Slawen war:
"Die Größe der slawischen Recken bezwingt die Sklaven
Laut und stolz tönt Arkona – ewig die Jahrtausende!".

In diesem und anderen Liedern von Rusytschi zeigt sich die für radikale Nationalisten typische Lobpreisung von Schlachten, Krieg sowie militärischen Attributen und Ritualen.
In dem Lied "Und die Heerschar begann" aus dem Album "Ewig die Jahrtausende" verbindet die Band Rusytschi die mythische Geschichte von slawischen Schlachten um die Rus mit einer Huldigung für die Kämpfer der UPA:
"Ihr habt euch für den Ruhm und die Freiheit geschlagen
ihr seid in den Tod gezogen und habt die Rus nicht verraten
Die Weisung des Führers hat euch in den Kampf getragen
und der Feind versagte und ging
General Schuchewytsch, du bleibst ewig ein Held. Dein ist der Ruhm!"


Hier ergibt sich aber ein gewisser Widerspruch. Einerseits seien die Slawen ein brüderlich einiges Volk. Andererseits war Roman Schuchewytsch nicht General einer Armee der vereinten Slawen, sondern General der UPA, die gegen einen Teil des früher verkündeten brüderlichen ostslawischen Volkes, nämlich gegen Russen in der Roten Armee (und gegen die westslawischen Polen) kämpften. Im gleichen Lied von Rusytschi wird davon erzählt, dass der "unbezwingbare slawische Krieger" während der Offensive der Roten Armee 1944 im Kessel von Brody Widerstand leistete. Bei dieser Offensive lieferte eine Armee der Wehrmacht, zu der auch die aus ukrainischen Freiwilligen gebildete SS-Division "Galizien" gehörte, der sowjetischen 1. Ukrainischen Front heftige Kämpfe.

Rechtsrock am Beispiel von Sokyra Peruna

Die ukrainischen rechtsextremistischen Musikgruppen demonstrieren auch Solidarität mit europäischen Bands und übernehmen zum Teil deren Mythen und Phrasen. So verwendet die populäre Band Sokyra Peruna (Peruns Streitaxt) in dem Lied "Ukrainischer Patriot" eher westliche als ukrainische rassistische Formeln:
"das weiße keltische Kreuz schwingt über der Welt […]
Es wird einen Kampf um unseren Traum geben,
um den Weißen Stolz, die Weiße Kraft,
damit vom San bis zur Donau die Weiße Liga herrsche."


In ihrem Lied "Pride of Europe" liefert Sokyra Peruna ein verallgemeinertes Bild des "Weißen Mannes" und ruft dazu auf, die ruhmreiche Vergangenheit Europas als Schatz der Nation nicht zu verraten. Solche Ideen können als Tribut an eine Mode und die Tradition des Hate Metal gewertet werden, als bewusste Gleichsetzung der ukrainischen und der europäischen Gemeinschaften. Sokyra Peruna wendet sich in ihrem Lied "Geboren, um zu siegen" aus dem Album "…den Toten und den Lebenden und den Ungeborenen…" an den britischer Neonazi Ian Stuart, dem Gründer der Band Screwdriver und des rechtsextremen Netzwerks "Blood and Honour".

Auch das ewige Thema Antisemitismus und Aufrufe zur Vernichtung der Juden sind in der ukrainischen rechtsradikalen Musik präsent. Das kann als ein Versuch betrachtet werden, den Traditionen europäischer rechtsradikaler Bands nachzueifern, aber auch als Fortführung ukrainischer antisemitischer Traditionen. So wird zum Beispiel der Holocaust bei Sokyra Perunas Song "Sechs Millionen Worte der Lüge" angezweifelt:
"Sechs Millionen Worte der Lüge, die sie über den Holocaust und Zyklon B erfinden. Und du fragst, wo sind die Beweise?"

Sokyra Perunas brisante Nähe zur Politik

2006 gaben die Bandmitglieder von Sokyra Peruna in einem Interview für die kanadische rechtsradikale Zeitschrift Resistance an, sich offiziell 1998 bei einem Gedenkkonzert für Rudolf Hess gegründet zu haben. Zu ihren damaligen Aktivitäten äußerte sich die Band folgendermaßen:
"Wir vertreten in der Ukraine diese beiden Worte [Blood & Honour], die zum Namen der Organisation wurden, die unser geistiger Vater Ian Stuart gründete. Wir kämpfen für das Blut und für die Ehre unserer Rasse. Ich habe auch außerordentliche Hochachtung für Creativity Movement [eine US-amerikanische rassistische Organisation] als einer Struktur mit einer mächtigen Ideologie und großem Potenzial".

Dmytro "Demjan" Wolkow, Schlagzeuger der Band, wurde 2002 wegen eines Pogroms gegen die Brodskij-Synagoge im Kiewer Stadtzentrum verurteilt. Die Orange Revolution war für Sokyra Peruna ein
"Versuch zionistischer Kreise das Große Land zu zerstören und zwei große Völker aufeinander zu hetzen, das der Ukraine und das Russlands […] Unter dem Deckmantel des Judäoliberalismus vernichtet dieses Teufelspack eines der größten und reichsten europäischen Länder".

2006 unterstützte der Sänger der Band Arsenik "Bilodub" Klimatschow Oleh Tjahnybok, den Anführer der rechtsgerichteten Allukrainischen Vereinigung Swoboda . Im Zuge der blutigen Proteste im Winter 2013/14 schloss sich Klimatschow dem noch radikaleren "Rechten Sektor" an, der mit andauernder Protestdauer und zunehmender Eskalation der Gewalt ins Rampenlicht rückte. Im September 2014 trat die Gruppe zusammen mit anderen rechtsextremen Bands im Kiewer Club Bingo bei einem Wohltätigkeitskonzert zur Unterstützung des Freiwilligenbataillons des Rechten Sektors auf und nutzte für das Cover des kurze Zeit später erschienenen Albums "Stählerner Strahl des Willens" Symbole des Rechten Sektors. 2019 kandidierte Arsenij Klimatschow (vergeblich) für die "Vereinigten Kräfte der Nationalisten" um den Einzug in die Werchowna Rada.

Sokyra Peruna beteiligte sich seit Beginn des Konfliktes im Donbas nicht nur mit Konzerten an der Sammlung von Spenden für das Freiwilligenbataillon des Rechten Sektors , sondern auch über den Verkauf von Kleidung und Accessoires der Marke SvaStone (voller Name: "SvaStone Perun Company"). Klimatschow ist einer der Gründer von SvaStone , dessen Namen im Szene-Slang "Hakenkreuz" bedeutet. Klimatschow versuchte auch zum Freiwilligenregiment "Asow" Kontakte zu knüpfen und SvaStone entwarf für die Nachrichtenkompanie des Regiments eine eigene Parka-Linie. Interessanterweise konnten die Produkte von SvaStone , die angeblich 10 Prozent der Einnahmen zur Unterstützung der militärischen Operation im Donbas bereitstellt, bis vor kurzem auch in Moskauer und Petersburger Geschäften erworben werden.

Im Frühjahr 2018 eröffnete die Justiz nach einem Konzert von Sokyra Peruna ein Strafverfahren gegen die Band , weil sie Hakenkreuze und andere nazistische Symbole sowie faschistische Aufrufe und Zitate von Benito Mussolini verwendet haben.

Am 13. Oktober 2019 traten Sokyra Peruna zusammen mit anderen Bands in Kiew bei der Veterans Strong Party für Donbas-Veteranen auf, die von der "Bewegung der Veteranen der Ukraine" organisiert wurde. An der Party nahmen auch der damalige Ministerpräsident Olexij Hontscharuk und die Ministerin für Veteranenfragen, Oksana Koljada teil, was nicht nur in der Ukraine für einen großen Skandal sorgte, sondern auch international Negativschlagzeilen machte. Darüber hinaus postete der frühere Parlamentsabgeordnete Oleh Petrenko vom "Block Petro Poroschenko" gemeinsame Fotos mit dem Sänger von Sokyra Peruna auf Instagram.

Einfluss des Donbas-Konflikts auf die Texte von Sokyra Peruna

Bis zum Ausbruch des Konfliktes im Donbas waren in den Texten der rechtsradikalen Bands oft Ideen von einer Bruderschaft der Slawen zu vernehmen. Ein Beispiel dafür ist Sokyra Perunas Album "Es reicht!" (2015), auf dessen Cover zwei Hände mit charakteristischen neonazistischen Tattoos vor dem Hintergrund der ukrainischen und russischen Flagge sowie der Aufruf "Es reicht!" zu sehen sind.

In dem schon erwähnten Sokyra-Peruna -Album "Stählerner Strahl des Willens" (2014) wird in allgemeinen Zügen der traditionelle paganistische Diskurs fortgeführt (Berufung auf den Geist der Urahnen, der alten Götter usw.); ähnliches hatte es schon in den frühen Songs der Band gegeben. Der rote Faden des Albums sind allerdings die jüngsten Ereignisse, nämlich der Euromaidan 2013/14 und der Krieg im Donbas. So wird in dem Lied "In der Nacht, als das Haus der Gewerkschaften brannte" von dem Widerstand der "Himmlischen Hundert" (die Bezeichnung der Toten der blutigen Ereignisse 2013/14) erzählt. Darüber hinaus wird auf rechtsradikale Organisationen verwiesen. Einer von ihnen – Asow  – ist das Lied "Asow – Full Contact!" gewidmet. In diesen beiden Liedern wird eine recht lyrische, fast unschuldige Stimmung von Revolutionsromantik, den Ängsten der Kämpfer an vorderster Front, der Liebe zu den Blutsbrüdern, der Solidarität mit den Toten vom Euromaidan, der Dankbarkeit, sich im Konflikt im Osten des Landes einbringen zu können usw., besungen.

2018 brachte Sokyra Peruna das Album "Der Weg in die ATO" heraus [ATO: "Antiterror-Operation", offizielle ukrainische Bezeichnung für die Kämpfe im Donbas; d. Red.], in dem, nach den Worten der Band, "die Emotionen deutlich beschrieben werden, die die meisten Soldaten haben, wenn sie zur Verteidigung des ukrainischen Donbas losziehen". Das Lied "Luhandon" bietet da offene Hassklischees an:
"Gott, schütze Luhandon, hier wird Teer ins Hirn gegossen.
Eifrig verwandeln sie Watte zu Zink unter dem Getöse der Krähen.
Gott, schütze Luhandon, wo das mürrische Plankton jubiliert.
Es lügt gemein und scheißt dreist dieser Unterstaat, vernichtet alles rundum wie ein Bulle".


"Luhandon" ist eine verächtliche (fast vulgäre) Bezeichnung für die nicht anerkannten "Volksrepubliken" LUHANsk und DONezk. Die Passage "wird Teer ins Hirn gegossen" ist ein Verweis auf Russland als Ölland (Teer ist ein Abfallprodukt bei der Reinigung einiger Ölprodukte), das die Hirne mit kremlfreundlicher Propaganda füttert. "Watte" [vom Begriff Watniki , einem in Russland gebräuchlichen sarkastischen Ausdruck für Patrioten, Anm. d. Red.] ist in diesem Kontext die verächtliche Bezeichnung für jene, die die beiden Republiken unterstützen oder einfach dem ukrainischen Nationalismus kritisch gegenüberstehen. Ihre Umwandlung in "Zink" verweist auf die Tötung sowie den anschließenden Transport der an der Front gefallenen (üblicherweise verwendet das Militär Särge aus verzinktem Stahlblech). Diese Bezüge auf den Konflikt öffnen eine neue inhaltliche Dimension in den Inhalten von Sokyra Perunas Texten, die von der slawischen Brüderschaft wegführen.

Fazit

Ausgelöst durch den Maidan und die Kämpfe im Donbas haben rechte Kräfte in der Ukraine lautstark von sich Reden gemacht und zu einer Legitimierung rechtsextremer Ansichten bis weit in den politischen Mainstream beigetragen. In diesem Zuge ist auch rechte Musik zunehmend populärer geworden, wie das Beispiel Sokyra Peruna zeigt: aus einer marginalisierten Rechtsrock-Gruppe wurde eine erfolgreiche rechte Band mit professionellen Strukturen und Verbindungen bis in hohe politische und gesellschaftliche Kreise. Rechte Musik hat es seit dem Maidan sprichwörtlich aus den Kellern und Ruinen bis auf große Konzerte und Festivals geschafft. Während Konzerte rechtsradikaler Bands vor dem Euromaidan oft nur aus Zusammenkünften in den Räumlichkeiten verfallener sowjetischer Fabriken bestanden (bestenfalls als Auftritte bei Festivals), hat das "rechte" Showbusiness in den letzten Jahren die Clubs und großen Veranstaltungsräume im Zentrum der Hauptstadt erreicht. So war der bekannte Kiewer Club "Bingo" (Fassungsvermögen: 1.500 Zuschauer) im Sommer 2019 Ausrichtungsort des internationalen Musikfestivals "Fortress Europe", das angekündigt wurde als "Fest für jene", die "für die Verteidigung der Ideale eines Europas der Nationen stehen. Lasst uns zusammenkommen und unserer Heiligen Bruderschaft huldigen! Traditions. Heritage. Brotherhood ." Die Bands der rechten Szene sind nicht nur untereinander in der Ukraine stark vernetzt, sondern auch darüber hinaus: So bot "Fortress Europe" nicht nur ukrainischen Bands eine Bühne, sondern auch europäischen und amerikanischen. Die einst vielfach beschworene "slawische Brüderschaft" zu den rechten Strukturen in Russland hat durch den Krieg in der Ostukraine jedoch gelitten, wie exemplarisch die neueren Texte von Sokyra Peruna zeigen.

Die für 2020 geplante Wiederauflage "Fortress Europe 2.0" wurde wegen der Coronavirus-Pandemie zwar auf 2021 verlegt. Dennoch hat nicht zuletzt dieses populäre Festival und insgesamt die dynamische Entwicklung rechtsextremer Musik in der Ukraine dazu geführt, dass Kiew von manchen gar schon als "Hauptstadt der Neonazimusik" bezeichnet wird.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder
Textredaktion: David-Emil Wickström

Lesetipps

  • Raabe, Jan. 2017. Die neonazistische Musik-Szene: Transnational wie nie. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/ (abgerufen am 21.07.2020).
  • Raabe, Jan. 2019. Das Asgardsreifestival, in: Rosa Luxemburg Stiftung: Rechtsextremismus in der Ukraine, S. 12–17. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Presse/pdf/Rechtsextremismus_in_der_Ukraine.pdf
  • Shekhovtsov, Anton. 2009. Apoliteic music: Neo-Folk, Martial Industrial and ‘metapolitical fascism’. Patterns of Prejudice 43 (5): 431–57.
  • Rogatchevski, Andrei; Steinholt, Yngvar B.; Hansen, Arve; Wickström, David-Emil. 2019. War of Songs. Popular Music and Recent Russia-Ukraine Relations. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Vol. 203. Stuttgart: Ibidem.

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Ukraine