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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Der Weg in den Krieg

Wille zum Krieg

Im Oktober 1936 schloss die Hitler-Regierung ein Bündnis mit Italien, in dessen Folge Mussolini von einer "Achse Berlin-Rom“ sprach. Im November folgte ein deutsch-japanisches Abkommen gegen die Kommunistische Internationale, der sogenannte Antikominternpakt, der sich ausdrücklich gegen die Sowjetunion richtete und dem Italien im November 1937 ebenfalls beitrat. Dergestalt ermutigt, offenbarte Hitler am 5. November 1937 in einer Besprechung mit dem Reichskriegsminister Werner von Blomberg, den Oberbefehlshabern von Heer, Marine und Luftwaffe sowie dem Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath seine Entschlossenheit zum Krieg. Ziel der deutschen Politik sei "die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung“, was vor allem ein "Problem des Raumes“ aufwerfe. Das deutsche Volk von über 85 Millionen Menschen brauche mehr "Lebensraum“. Die landwirtschaftliche Produktion im Deutschen Reich sei kaum mehr zu steigern, die Versorgung durch den Welthandel sei unsicher und voller Bedrohungen durch andere Imperien. Die einzige Abhilfe stelle daher die "Gewinnung eines größeren Lebensraumes“ dar, der, wenn die Sicherung der Ernährungslage im Vordergrund stünde, nicht in fernen Kolonien, sondern vielmehr in Europa gesucht werden müsse. Es handele sich dabei, betonte Hitler, "nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich nutzbarem Raum“. Dass jede "Raumerweiterung“ nur durch "Brechung von Widerstand und unter Risiko“ vor sich gehen könne, habe die Geschichte gezeigt. "Zur Lösung der deutschen Frage“, stellte Hitler klar, "könne es nur den Weg der Gewalt geben“.

Zwei militärische Nahziele nannte Hitler in dieser Unterredung: Österreich und die Tschechoslowakei. Beide Länder müssten erobert werden, nicht zuletzt "könne die Einverleibung der Tschechei und Österreichs den Gewinn von Nahrungsmitteln für 5-6 Millionen Menschen bedeuten unter Zugrundelegung, dass eine zwangsweise Emigration aus der Tschechei von zwei Millionen, aus Österreich von einer Millionen Menschen zur Durchführung gelange“, womit unmissverständlich die Vertreibung der Juden aus diesen Ländern gemeint war.

All diejenigen, die Hitlers Kriegspolitik nicht bedingungslos mittrugen, verloren Anfang 1938 ihre Posten. Der bisherige Außenminister von Neurath wurde durch Ribbentrop ersetzt; Reichskriegsminister von Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, wurden wegen tatsächlicher oder angeblicher Details aus ihrem Privatleben entlassen; zwölf weitere Generäle mussten folgen. Neuer Oberbefehlshaber des Heeres wurde Walther von Brauchitsch, und anstatt einen neuen Minister an die Spitze zu stellen, übernahm Hitler selbst den Oberbefehl über die Wehrmacht, das heißt über Heer, Marine und Luftwaffe insgesamt.

Anschließend erhöhte die NS-Führung den Druck auf die österreichische Regierung. Am 12. Februar 1938 bestellte Hitler den österreichischen Kanzler Kurt Schuschnigg nach Berchtesgaden ein und verlangte die "Unterwerfung" Österreichs unter Deutschland. Schuschnigg versuchte, dem Druck durch eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs zu begegnen, die am 13. März stattfinden sollte. Aber Hitler ließ bereits eine militärische Intervention vorbereiten, und in einem von Berlin aus organisierten Staatsstreich wurde der österreichische Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart zum Regierungschef ernannt. Schuschnigg trat zurück. Am Morgen des 12. März überschritten deutsche Truppen die österreichische Grenze, nachdem sich Mussolini mit dem "Anschluss“ einverstanden erklärt hatte. Während in Wien und vielen anderen Orten Österreichs Pogrome gegen Juden stattfanden, jubelten an den Straßenrändern zahlreiche Menschen den deutschen Soldaten zu. Die Volksabstimmung vom 10. April 1938, die in einer Atmosphäre von Gewalt und Machtergreifung stattfand, brachte 98 Prozent Ja-Stimmen für den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich profitierte Deutschland vom "Anschluss", da wichtige Eisenerzressourcen, wertvolle Devisen und ein zusätzliches Reservoir an dringend benötigten Arbeitskräften die deutsche Rüstungsindustrie stärkten.

Gemäß dem Programm, das Hitler im November 1937 offenbart hatte, war das nächste Angriffsziel die Tschechoslowakei. Sie galt als eine der stabilsten Demokratien in Europa und stand in festen Bündnisverträgen mit Frankreich und der Sowjetunion. Viele Angehörige der bedeutsamen deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei hatten in dem 1919 gegründeten Staat ein Auskommen gefunden; es gab deutsche Abgeordnete im Parlament. Obwohl die deutschsprachige Minderheit ihre Bevorzugung aus der Zeit der Habsburger Monarchie verloren hatte, schien eine friedliche Perspektive in einem gemeinsamen Staat möglich. Doch wuchs seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 unter den Sudetendeutschen die "Heim-ins-Reich“-Bewegung, die von Deutschland finanziell und politisch massiv unterstützt wurde und die Abspaltung des Sudetenlandes von Prag vorantrieb. Hitler selbst beauftragte den Führer der Sudetendeutschen Partei, Konrad Henlein, im März 1938, unannehmbare Forderungen an die tschechoslowakische Regierung zu stellen, damit die Konfliktsituation nicht durch Kompromissangebote entschärft würde. Am 30. Mai gab er der Wehrmacht die Weisung, alle Vorbereitungen zu treffen, um die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine Militäraktion zu "zerschlagen“.

Die Westmächte, allen voran Großbritannien, bemühten sich hingegen, den Konflikt mit Deutschland auf dem Verhandlungswege zu lösen und sich nicht in eine militärische Auseinandersetzung verwickeln zu lassen. Der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Édouard Daladier und Mussolini reisten im September 1938 nach München, um mit Hitler zu verhandeln. Der jedoch ließ sich auf keine Kompromisse ein, und schließlich unterzeichneten Chamberlain, Daladier und Mussolini am 30. September ein Abkommen, das die Tschechoslowakei zwang, die sudetendeutschen Gebiete bis zum 10. Oktober an das Deutsche Reich abzutreten, und als Gegenleistung eine Beistandsgarantie der Westmächte gegen einen militärischen Angriff Hitler-Deutschlands enthielt.

Das "Münchener Abkommen“ und die sogenannte Appeasement-Politik (Beschwichtigungspolitik) sind im Nachhinein als der Ausdruck einer verantwortungslosen und allzu nachgiebigen Politik gegenüber den Nationalsozialisten bewertet worden. Doch ist in Rechnung zu stellen, dass damals weder in Frankreich noch in Großbritannien die Mehrheit der Bevölkerung einem Krieg gegen Deutschland zugestimmt hätte. Im Gegenteil, Chamberlain wurde bei seiner Rückkehr in London mit großem Beifall als europäischer Friedenspolitiker begrüßt. Zudem hatte die britische Regierung die Erhaltung des weltweiten Commonwealth im Blick und war militärisch zu diesem Zeitpunkt noch nicht stark genug, um gegen das mittlerweile hoch und modern aufgerüstete Deutschland anzutreten. Mindestens ebenso viel Verantwortung für die verpasste Chance, der Expansionspolitik des NS-Regimes Einhalt zu gebieten, trug jene Gruppe von Offizieren um den im August 1938 wegen Hitlers Kriegskurs zurückgetretenen Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck. Sie hatte einen Militärputsch für den Fall geplant, dass Hitler wegen des Konflikts um die Sudetendeutschen einen Krieg vom Zaun brechen würde. Angesichts des "Münchener Abkommens“, das den Krieg zunächst abwendete, glaubten die Widerständler, dass es nunmehr keine politische Legitimation für den Militärputsch gebe und brachen die bereits weit gediehenen Vorbereitungen ab. Eine erfolgversprechende Möglichkeit, Hitler zu stürzen, war damit vertan.

Allen offiziellen Friedensbeteuerungen zum Trotz hielt dieser an seinem unbedingten Kriegskurs fest. Ende Oktober bot Ribbentrop der polnischen Führung eine Garantie der Westgrenze Polens an, was bislang alle deutschen Regierungen seit Abschluss des Versailler Vertrages verweigert hatten. Im Gegenzug sollte Polen auf Danzig verzichten und eine exterritoriale Autobahn durch den "Korridor“ zwischen Pommern und Ostpreußen zulassen. Doch die Antwort der polnischen Führung, die stets darauf bedacht war, gegenüber ihren beiden mächtigen Nachbarn, Deutschland wie der Sowjetunion, gleichermaßen Distanz zu halten, blieb zurückhaltend.

Hitler entschloss sich daraufhin zu einem deutschen Alleingang, stachelte die Slowakei, die seit Oktober 1938 einen autonomen Status besaß, dazu auf, ihre Unabhängigkeit von Prag zu erklären, und befahl den tschechoslowakischen Regierungschef Emil Hácha am 14. März 1939 nach Berlin. Hácha wurde mit der Drohung, Prag zu bombardieren, so massiv unter Druck gesetzt, dass er in den Morgenstunden des 15. März bereit war, eine Erklärung zu unterzeichnen, "das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches“ zu legen. Am frühen Morgen des 16. März marschierten deutsche Truppen in der "Rest-Tschechei“ ein. Anders als in Österreich stießen die deutschen Soldaten bei der tschechischen Bevölkerung keineswegs auf Sympathie, sondern wurden deutlich als Besatzungsarmee betrachtet.

Am gleichen Tag erklärte Hitler in Prag die Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren“, das von dem ehemaligen Außenminister von Neurath regiert werden sollte. Ihm zur Seite stand der Höhere SS- und Polizeiführer Karl Hermann Frank, der den Besatzungsterror organisierte. Obwohl offiziell formal unabhängig, stellte die Slowakei in Wirklichkeit nicht mehr als einen vom Deutschen Reich abhängigen Satellitenstaat dar. Wiederum stärkte die Eroberung hochwertiger Indus-trieanlagen wie die der Skoda-Werke in Pilsen und Prag oder die der Tschechoslowakischen Waffenwerke A.G. in Brünn die Rüstungskapazität des Reiches.

Quellentext

Das Münchener Abkommen

Abkommen zwischen Deutschland, dem Vereinigten Königreich von Großbritannien, Frankreich und Italien, getroffen in München am 29.[30.]9.1938:


Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien sind unter Berücksichtigung des Abkommens, das hinsichtlich der Abtretung des sudetendeutschen Gebiets bereits grundsätzlich erzielt wurde, über folgende Bedingungen und Modalitäten dieser Abtretung und über die danach zu ergreifenden Maßnahmen übereingekommen und erklären sich durch dieses Abkommen einzeln verantwortlich für die zur Sicherung seiner Erfüllung notwendigen Schritte.

1. Die Räumung beginnt am 1. Oktober.

2. Das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien vereinbaren, dass die Räumung des Gebiets bis zum 10. Oktober vollzogen wird, und zwar ohne Zerstörung irgendwelcher bestehender Einrichtungen, und dass die Tschechoslowakische Regierung die Verantwortung dafür trägt, dass die Räumung ohne Beschädigung der bezeichneten Einrichtungen durchgeführt wird.

3. Die Modalitäten der Räumung werden im einzelnen durch einen internationalen Ausschuss festgelegt, der sich aus Vertretern Deutschlands, des Vereinigten Königreichs, Frankreichs, Italiens und der Tschechoslowakei zusammensetzt.

4. Die etappenweise Besetzung des vorwiegend deutschen Gebiets durch deutsche Truppen beginnt am 1. Oktober. [...]

Das restliche Gebiet vorwiegend deutschen Charakters wird unverzüglich von dem oben erwähnten internationalen Ausschuss festgestellt und bis zum 10. Oktober durch deutsche Truppen besetzt werden. [...]

München, den 29. September 1938
Adolf Hitler
Neville Chamberlain
Ed. Daladier
Mussolini



Wolfgang Michalka (Hg.), Das Dritte Reich. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik, Band 1, dtv, München 1985, S. 256 ff.



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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