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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Krieg und Besatzung in Ost- und Westeuropa

Siedlung und Vertreibung

In den Verträgen mit der Sowjetunion war unter anderem geregelt, dass die deutschen Minderheiten in der Sowjetunion, vor allem aus dem Baltikum und der Ukraine, in das Deutsche Reich umgesiedelt werden sollten. Mehrere hunderttausend Menschen sollten nun in den zu "germanisierenden“ westpolnischen Gebieten angesiedelt werden. Hitler betraute am 7. Oktober 1939 den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler mit dieser Aufgabe. Sie umfasste, wie es in Hitlers Erlass hieß, sowohl die "Zurückführung der für die endgültige Heimkehr in das Reich in Betracht kommenden Reichs- und Volksdeutschen im Ausland“ als auch die "Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solchen volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten“, sowie die "Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung, im Besonderen durch die Seßhaftmachung der aus dem Ausland heimkehrenden Reichs- und Volksdeutschen“. Als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, wie er sich selbst nannte, fiel Himmler damit eine neue, umfassende Macht zu, die für die Radikalisierung der Gewalt nicht unterschätzt werden darf. Denn er war nicht nur für die "Umsiedlung“ und "Ansiedlung“ der deutschen Minderheiten, sondern auch für die "Aussiedlung“ von "Fremdvölkischen“ und "Volksfremden“ verantwortlich. Kurze Zeit später gab er das Ziel vor: Aus den westpolnischen Provinzen Danzig-Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien sollten sämtliche rund 550 000 Juden und die "besonders feindliche polnische Bevölkerung“ in das Generalgouvernement deportiert werden, insgesamt nahezu eine Million Menschen.

Obwohl rasch deutlich wurde, dass diese Vorgaben die vorhandenen Transport- wie Aufnahmekapazitäten weit überschritten, hielt die SS unerbittlich an dem Ziel fest, Polen und Juden aus den zu "germanisierenden“ Gebieten zu vertreiben. Tatsächlich wurden bis zum 17. Dezember 1939 bereits 88 000 Menschen unter unsäglichen Bedingungen in das Generalgouvernement deportiert: in ungeheizten Viehwaggons, ohne Verpflegung, oftmals sogar ohne Trinkwasser. Generalgouverneur Hans Frank sprach die deutsche Haltung Ende November in brutaler Offenheit aus: "Der Winter wird hier ein harter Winter werden. Wenn es kein Brot gibt für Polen, soll man nicht mit Klagen kommen. […] Bei den Juden nicht viel Federlesens. Eine Freude, endlich einmal die jüdische Rasse körperlich angehen zu können. Je mehr sterben, umso besser.“

Allerdings standen den Deportationen Hindernisse entgegen. Die Reichsbahn konnte nicht genügend Züge zur Verfügung stellen, und die Behörden des Generalgouvernements klagten bald, dass die ankommenden Menschen nicht untergebracht werden könnten. Anfang Oktober 1939 versuchte die SS-Führung, über die Vertreibung der polnischen Juden hinaus auch die Verschleppung tschechischer und österreichischer Juden zu organisieren. Unter Leitung von Adolf Eichmann, der bei dieser Aktion seine ersten Erfahrungen als künftiger Experte für Deportationen des Reichssicherheitshauptamtes sammelte, wurden etwa 1500 Menschen aus Wien und rund tausend aus Mährisch-Ostrau nach Nisko am San verschleppt und die meisten von ihnen über den Fluss auf das sowjetische Besatzungsgebiet getrieben. Allerdings beanspruchte kurz darauf die Ankunft der Volksdeutschen aus dem Baltikum und Galizien die ganze Aufmerksamkeit des SS-Apparates in Polen und beendete die Nisko-Aktion, bevor sie richtig begonnen hatte.

Wo jedoch Vertreibungen möglich waren, wurden sie realisiert. Ende Januar 1940 kündigte Heydrich die Deportation der gesamten jüdischen Gemeinde aus Stettin an, etwa tausend Menschen, weil man Platz für die Baltendeutschen brauche. Vierzehn Tage später wurden die Stettiner Juden in der Nacht zusammengetrieben und unter grausamen Bedingungen in den Bezirk Lublin verschleppt. Bei minus 22 Grad und im tiefen Schnee mussten diese Menschen zu Fuß dorthin marschieren, wurden nur unzureichend verpflegt, sodass innerhalb von vier Wochen nahezu ein Drittel von ihnen umkam. Nachrichten über die Umstände dieser Deportationen erschienen in der Weltpresse, was dazu beigetragen haben mag, dass Göring am 23. März 1940 "bis auf weiteres alle Evakuierungen“ in das Generalgouvernement untersagte.

Die Idee eines "Judenreservats“ war vorerst gescheitert; die jüdische Bevölkerung im Wartheland wurde nun in Łodz´ und anderen Städten in Gettos zusammengepfercht, und auch im Generalgouvernement begann die deutsche Besatzungsverwaltung im Herbst 1940, Gettos in den größeren Städten einzurichten. In den annektierten westpolnischen Gebieten verfügte Göring, dass alles polnische und jüdische Eigentum entschädigungslos beschlagnahmt werde und nunmehr von der Haupttreuhandstelle Ost verwaltet würde. Die polnische Bevölkerung selbst sollte in erster Linie als Reservoir für den Arbeitseinsatz in Deutschland dienen. Generalgouverneur Frank teilte den Ortschaften feste Quoten zu, die erfüllt werden mussten. Oftmals umzingelten deutsche Polizeieinheiten ein Dorf und verhafteten die jungen Männer für den Arbeitseinsatz in Deutschland. Im Sommer 1940 arbeiteten rund 700 000 Polinnen und Polen im Deutschen Reich, nur ein Bruchteil von ihnen freiwillig.

In den sowjetisch besetzten ostpolnischen Gebieten ging das stalinistische Regime ebenfalls brutal gegen die Bevölkerung vor. Schon 1937/38 waren auf dem Gebiet der Sowjetunion in der sogenannten polnischen Operation über 144 000 Menschen der Spionage für Polen angeklagt und 111 000 von ihnen erschossen worden. Nunmehr war die stalinistische Polizei ebenso wie die SS-Führung bestrebt, die polnische Führungsschicht zu vernichten. Mehr als 381 000 Menschen wurden zwischen Februar 1940 und Juni 1941 aus dem sowjetisch besetzten Ostpolen nach Sibirien und Zentralasien deportiert, das polnische Offizierskorps, das sich vor dem deutschen Angriff in die Sowjetunion zu retten geglaubt hatte, verhaftet. 15 000 polnische Offiziere wurden im April und Mai 1940 von der sowjetischen Geheimpolizei erschossen, darunter rund 4500 im Wald von Katyn (siehe auch IzpB 310 "Polen“, S. 9). Westpolnische Juden, die gehofft hatten, Zuflucht vor der Verfolgung durch die Deutschen gefunden zu haben, wurden an die Deutschen ausgeliefert.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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