Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Krieg und Besatzung in Ost- und Westeuropa

Kriegsalltag und Widerstand in Deutschland

Im Deutschen Reich war von der Not der Bevölkerung im besetzten Polen nichts zu spüren. Zwar galt eine Rationierung von Lebensmitteln, und Ende August 1939 waren erste Lebensmittelkarten ausgeteilt worden. Aber Brot und Mehl blieben in den ersten vier Wochen, Quark bis Ende 1940, Kartoffeln, Gemüse und Obst bis 1941 frei verkäuflich. Noch war die Erfahrung des Mangels aus dem Ersten Weltkrieg durchaus gegenwärtig. In den Deutschlandberichten der Exil-SPD vom November 1939 ist die Beobachtung zu lesen, "dass die Nazis die Rationierungsmaßnahmen mit großem psychologischem Geschick ins Werk gesetzt haben. Sie haben zweifellos aus den Erfahrungen des letzten Krieges gelernt, dass mehr noch als der Mangel selbst, die Ungerechtigkeit in der Verteilung die Gemüter erregt. [...] Zunächst hat die sofortige Einführung der Karten und Bezugsscheine einen starken Schock ausgelöst. Aber diese Schockwirkung legte sich bald, als sich herausstellte, dass die allgemein gehegte Angst vor einer schnellen Verknappung sich als unbegründet erwies.“

Mit der Kriegswirtschaftsverordnung vom 4. September 1939 wurden die Zuschläge für Überstunden-, Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit abgeschafft und dadurch die Bruttolöhne spürbar gekürzt. Auch trat eine Steuererhöhung in Kraft, von der allerdings aufgrund von Ausnahmebestimmungen die Mehrzahl der Lohnsteuerpflichtigen ausgenommen war. Zusätzlich wurden die Verbrauchsteuern auf Bier, Tabak und Spirituosen erhöht. Die Streichung der Zulagen stieß sofort bei der Deutschen Arbeitsfront (DAF), aber auch bei einigen NSDAP-Gauleitern auf Kritik und führte zu heftigen internen Diskussionen. Die Sorge um die Loyalität der Arbeiter ließ die NS-Führung daraufhin eine Kehrtwende vollziehen. Am 12. Oktober wurden die Löhne und Gehälter auf dem vormaligen Niveau festgeschrieben und einen Monat später auch wieder die Zuschläge gewährt. Vom 1. Januar 1940 an galt dann der Zehnstundentag als Regelarbeitszeit, was wiederum Überstundenzuschläge bei Mehrarbeit ermöglichte. Die eingezogenen Soldaten erhielten zwar einen Wehrsold, der in der Regel deutlich unter dem bisherigen Verdienst lag, dafür wurde aber zusätzlich ein Familienunterhalt bezahlt, der sich an den "bisherigen Lebensverhältnissen“ orientieren sollte, damit durch den Militärdienst das Haushaltseinkommen der Familie nicht gemindert würde. Zudem bot der Dienst in den besetzten Gebieten reichlich Gelegenheit, Lebensmittel und andere Waren zu beschlagnahmen oder billig zu kaufen und nach Hause zu schicken.

Die Konsummöglichkeiten im Reich sollten nach dem Willen der NS-Führung in keinem Fall ausgebaut, sondern zugunsten der Kriegsfinanzierung eingeschränkt bleiben. Entsprechend wuchsen die Sparguthaben mit den Geldern, die nicht ausgegeben werden konnten, überdurchschnittlich an, was die NS-Führung nicht ungern sah. Denn damit standen weitere finanzielle Mittel zur Finanzierung des Krieges zur Verfügung, die das Regime ebenso heimlich wie rücksichtslos plünderte. Die Sparkassen erhielten Schuldverschreibungen, die zwar formal die Sparguthaben sicherten. Aber faktisch wurden Millionen von Sparern kalt enteignet, was den Betroffenen allerdings erst nach dem Ende des "Dritten Reiches" klar wurde.

Hitlers Popularität blieb zunächst ungebrochen. Erschütterung und Erleichterung meldeten die Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS (SD) als Reaktion der Bevölkerung auf das fehlgeschlagene Bombenattentat von Georg Elser im Münchner Bürgerbräu-Keller am 8. November 1939 (siehe unten), dem Hitler nur durch Zufall entging. Während sich die katholische Kirche mit einer offiziellen Stellungnahme zunächst zurückhielt, verurteilte die evangelische Kirche das Attentat sofort scharf. Mancherorts fanden sogar Dankgottesdienste für Hitlers Überleben statt. Später gratulierte selbst Pius XII., der vormalige Nuntius (ständiger diplomatischer Vertreter) des Vatikans in Deutschland, Hitler zu seiner Rettung, und in den katholischen Bistumszeitungen war zu lesen, dass sich die katholischen Christen mit dem ganzen deutschen Volk einig seien, Gott möge "Führer und Volk“ schützen.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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