Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Krieg und Besatzung in Ost- und Westeuropa

Besetzung Westeuropas

Zwar hatten Großbritannien und Frankreich nach dem Angriff auf Polen Deutschland am 3. September 1939 den Krieg erklärt – aber er wurde nicht geführt. Es gab keine militärischen Aktionen an der Westfront, um den Kampf der polnischen Armee zu entlasten. Und nach der Kapitulation Polens fanden sich weder Frankreich noch Großbritannien bereit, Deutschland anzugreifen. Doch für die deutsche Führung war die Hegemonie auch in Westeuropa unverzichtbar. Anfang April 1940 landeten deutsche Truppen in Dänemark und Norwegen, um eine befürchtete britische Truppenlandung zu verhindern und den Import des unentbehrlichen Eisenerzes aus Schweden für die deutsche Rüstungsproduktion zu sichern. Obwohl sich ein Großteil der Generalität gegen einen Westfeldzug wandte, weil sie eine Wiederholung des Desasters des Ersten Weltkrieges befürchtete, setzte sich Hitler durch. Angesichts der stark befestigten Maginot-Linie Frankreichs wurden die begrenzten Ressourcen des deutschen Militärs in einem überraschenden Angriff durch die Ardennen konzentriert. Belgien und die Niederlande konnten somit binnen weniger Tage erobert und die französischen und britischen Truppen bis in den Raum Dünkirchen und an die Küste zurückgedrängt werden. Da die deutsche Angriffsarmee kurze Zeit innehielt, gelang es Großbritannien, über 338 000 französische und britische Soldaten vor der drohenden Gefangennahme über den Ärmelkanal zu evakuieren. Die nunmehr zahlenmäßig überlegenen deutschen Truppen schlugen die französische Armee entscheidend und zogen am 14. Juni in Paris ein. Innenpolitisch war Frankreich tief gespalten zwischen denjenigen, die den Krieg, gestützt auf die Truppen in den Kolonien, fortsetzen wollten, und denjenigen, die auf die Überlegenheit NS-Deutschlands mit Resignation reagierten. Am 17. Juni schließlich bot Marschall Philippe Pétain, der die französische Regierung leitete, den Waffenstillstand an.

Hitler ließ sich die öffentliche symbolische Revanche nicht entgehen und beorderte die französische Delegation in eben jenen Eisenbahnwaggon, in dem 1918 die Deutschen vom damaligen französischen Marschall Ferdinand Foch die Waffenstillstandsbedingungen diktiert bekommen hatten. Doch nahmen sich die deutschen Bedingungen des Jahres 1940 moderat aus, da die NS-Führung verhindern wollte, dass sich die französische Flotte und die Truppen in den Kolonien auf die Seite Großbritanniens schlugen und gegen Deutschland weiterkämpften. Somit kamen nur der Norden Frankreichs und die Atlantikküste unter deutsche Militärverwaltung, während eine französische Regierung unter Pétain mit Sitz in Vichy die Kontrolle über den unbesetzten Süden sowie über die Flotte und die Kolonien behielt. "Vichy“ wurde zum Synonym für die Kollaboration großer Teile der französischen Verwaltung, insbesondere der Polizei, mit dem deutschen Besatzungsregime. Die französischen Kommunisten waren wegen des Hitler-Stalin-Paktes in die stalinistische Politik eingebunden und angewiesen, keine Angriffe gegen Deutsche zu unternehmen. Erst nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 gingen die Kommunisten in den Widerstand und unterstützten die Résistance in Frankreich nach Kräften.

Das Deutsche Reich verfügte nun in Frankreich, Belgien und Luxemburg über bedeutende Stahlindustrien und Waffenfabriken, wichtige Eisenerz- und Kohlelager, Devisen- und Goldvorräte sowie ein Einflussgebiet, in dem insgesamt 290 Millionen Menschen lebten. Werte von nicht weniger als 154 Milliarden Francs raubten die Deutschen allein aus Frankreich, darunter Tausende von Lokomotiven und Güterwagen, die sich die Reichsbahn aus französischen Beständen holte. Nicht zuletzt hatten die Deutschen große Bestände von Benzin- und Ölvorräten erbeutet. Zusammen mit den Öllieferungen, die Deutschland im Frühjahr 1940 mit Rumänien vereinbart und sich damit das faktische Monopol auf die rumänischen Ölvorräte gesichert hatte, war die akute Versorgungskrise vorerst gebannt.

Auch der junge Claus Graf von Stauffenberg war vom Westfeldzug begeistert. Der Krieg gegen Frankreich wurde ihm zum Erlebnis immerwährenden Vorwärtsstürmens: "Nach dem Durchbruch durch die Maas-Stellung eine unaufhaltsame Verfolgung bis dicht ans Meer“, schrieb er an seine Frau. "Persönlich geht es uns ausgezeichnet; die Vorräte des Landes genießen wir in vollen Zügen und gleichen so etwas den mangelnden Schlaf aus. Eier zum Frühstück, herrliche Bordeaux, Burgunder und Heidsieck, so daß sich das Sprichwort ‚Leben wie der Herrgott in Frankreich‘ durchaus bewahrheitet.“ Ebenso deuteten seine Eindrücke aus Polen im Herbst 1939 keineswegs auf die spätere Widerstandshaltung hin: "Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu brauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“

Mit dem Sieg über Frankreich erreichte der "Hitler-Mythos“ zweifellos seinen Höhepunkt. Dass sich das Schreckensszenario der Westfront des Ersten Weltkrieges nicht wiederholte, sondern die deutsche Armee den "Erzfeind“ Frankreich innerhalb kürzester Zeit besiegte, löste im Reich ungeheure Erleichterung und Jubel aus. Anlässlich des Falls von Paris wurden überall die Fahnen gehisst und die Glocken geläutet. General Wilhelm Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wird der Ausspruch zugeschrieben, dass Hitler "der größte Feldherr aller Zeiten“ sei, was dann unter der Hand rasch als "Gröfaz“ verballhornt wurde.

Im faktisch annektierten Elsass-Lothringen führte die deutsche Besatzungsmacht eine rigorose "Germanisierungspolitik“ durch. SS und Polizei trieben die dort lebenden Juden zusammen und schoben sie über die Grenze in das unbesetzte Frankreich ab. Ende September forderte Hitler von seinen beiden Gauleitern Josef Bürckel und Robert Wagner, die für das besetzte Elsass-Lothringen zuständig waren, sie hätten ihm in zehn Jahren zu melden, dass ihre Gebiete "deutsch, und zwar rein deutsch“ seien, und er werde nicht danach fragen, "welche Methoden sie angewandt hätten, um das Gebiet deutsch zu machen“. Allein aus dem Elsass wurden bis November 1940 105 000 Menschen, aus Lothringen etwa 50 000 Menschen, darunter alle lothringischen Juden, deportiert.

Dennoch war die Kehrseite des Triumphs nicht zu verbergen. 11 000 deutsche Soldaten waren im Krieg gegen Polen gefallen, 30 000 verwundet worden; der Westfeldzug hatte 43 000 deutschen Soldaten das Leben gekostet, 150 000 waren verwundet worden, über 26 000 galten als vermisst. Ferner wurde Deutschland nun das Ziel britischer Luftangriffe. In den Nächten zum 11., 12. und 16. Mai 1940 bombardierten britische Flugzeuge Dortmund, Mönchengladbach und andere Orte im Ruhrgebiet. Mitte Juni erfolgten Angriffe auf Bremen und Hamburg, wobei neben erheblichem Sachschaden auch zahlreiche Tote unter der Zivilbevölkerung zu beklagen waren. Hatte der SD im Frühjahr noch gemeldet, dass die Bombenangriffe "keine ernsthafte Beunruhigung unter der Bevölkerung“ hervorgerufen hätten, klangen die Meldungen im Sommer bereits besorgter. Nach den Angriffen auf Düsseldorf und andere rheinisch-westfälische Städte im Juni 1940 sei die Bevölkerung heftig aufgebracht gewesen über eine zu frühzeitige Entwarnung. "Im allgemeinen tröstet man sich mit der Erwartung, daß es nun bald ein Ende mit diesen Angriffen haben werde.“ Dieser Optimismus nährte sich aus der Hoffnung, dass nach Frankreich nun auch England rasch angegriffen und besiegt würde. Jedoch machte die Insellage eine Landung von Bodentruppen zu einem riskanten Unternehmen. Stattdessen wollte die NS-Führung Großbritannien durch Luftangriffe zur Aufgabe zwingen.

Quellentext

Ein Einzelkämpfer: Georg Elser

Georg Elser (1903-1945) stammte aus einfachen Verhältnissen. Der Vater hatte seinen Bauernhof auf der Schwäbischen Alb heruntergewirtschaftet. Als 14-Jähriger begann Elser zunächst eine Eisendreherlehre, brach diese aus gesundheitlichen Gründen ab und fing an, Tischler zu lernen. Seit Mitte der 1920er-Jahre arbeitete er dann bei verschiedenen Firmen in der Bodenseeregion. Er galt als schweigsamer, aber geselliger Mensch, spielte Ziehharmonika und wählte die Kommunisten, „weil ich dachte“, so gab Elser später in der Gestapo-Vernehmung zu Protokoll, „das ist eine Arbeiterpartei, die sich sicher für die Arbeiter einsetzt. Mitglied dieser Partei bin ich jedoch nie gewesen.“

Vor allem sah er klar, dass die Politik der NS-Führung auf den Krieg zusteuerte. Im Herbst 1938 kam Elser zu dem Entschluss, dass der Krieg nur durch ein Attentat auf Hitler verhindert werden könne.
Systematisch ging er zu Werk. Noch im November 1938 inspizierte er den Bürgerbräu-Keller in München, weil er die jährliche Gedenkfeier, an der neben Hitler die gesamte NS-Führung teilnahm, für den Anschlag ausgewählt hatte. Er besorgte sich Sprengkapseln aus einem Steinbruch sowie Armaturen für den Zündmechanismus, baute selbst einen Zeitzünder, fuhr dann im August 1939 nach München und ließ sich 30 Nächte lang im Bürgerbrau-Keller unentdeckt einschließen, um die Säule neben Hitlers Rednerpult vorsichtig zu präparieren. Am 6. November schließlich deponierte er die Bombe und stellte den Zeitzünder auf den Abend des 8. November, 21:20 Uhr ein.
Allerdings herrschte an diesem Abend schlechtes Flugwetter, sodass Hitler nur mit der Bahn zurück nach Berlin fahren konnte und seine Rede deswegen eine halbe Stunde früher begann. Auch war sie deutlich kürzer als üblich. Fünf Minuten nach 21 Uhr verließ Hitler den Saal, eine Viertelstunde später explodierte der Sprengkörper. Von den rund 200 Menschen, die sich in dem Raum befanden, wurden acht getötet und 63 verletzt.
Nur zufällig ging Georg Elser schon am Abend des 8. November ins Netz der Polizei, als er bei dem Versuch, illegal die Schweizer Grenze zu überschreiten, verhaftet wurde. Elser wurde gefoltert und gestand wenige Tage später die Tat. Am 22. November kamen die Zeitungen mit der triumphierenden Schlagzeile heraus: „Der Attentäter gefaßt. Täter: Georg Elser – Auftraggeber: Britischer Geheimdienst.“ Diese Lesart hielt sich bis in die Nachkriegszeit hinein, denn es erschien kaum glaublich, dass ein einfacher Arbeiter imstande gewesen sein sollte, die nationalsozialistische Politik so klarsichtig zu durchschauen und allein auf sich gestellt ein Attentat auf den „Führer“ durchzuführen.
Georg Elser wurde ins KZ Sachsenhausen, später ins KZ Dachau gebracht und noch in den letzten Kriegstagen, am 9. April 1945, ermordet. In der Bundesrepublik dauerte es lange, bis er als Widerstandskämpfer anerkannt wurde. 1998 wurde in seinem Heimatort Königsbronn eine Gedenkstätte eingerichtet. (www.georg-elser-arbeitskreis.de)



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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