Info Aktuell Salafismus

30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Salafismus in Deutschland

Mission
Die "Einladung zum Islam" (daʾwa) ist zentraler Bestandteil salafistischen Denkens. Das Internet dient zunächst als Einstieg, zum Beispiel mit Videos, Anleitungen und zielgruppenspezifischen Angeboten. Vertieft wird die Missionstätigkeit aber durch sogenannte Islamseminare, die jeweils einen Abend oder auch ein Wochenende lang dauern können. Generell lässt sich feststellen, dass eine Radikalisierung sehr selten in Moscheen oder etablierten religiösen Organisationen stattfindet, sondern vor allem in privaten Gruppen. Der Soziologe und Islamwissenschaftler Olivier Roy bezeichnet dies als "Dekulturation der Religion". Während etablierte islamische Vereine in Deutschland unter daʾwa verstehen, durch Informationen Vorurteile über den Islam abzubauen oder die Jugendarbeit zu verbessern, mahnen die salafistischen Prediger vor allem Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund, sich an vermeintlich islamkonformen und Integration ablehnenden Glaubens- und Verhaltensmustern zu orientieren.

Diese Glaubens- und Verhaltensmuster repräsentieren eine in ihren Augen moralisch und intellektuell überlegene Variante des Islam, getragen von einer weltumspannenden, nicht an irgendein Territorium gebundenen Gemeinde. Zum Erfolg der Missionierung trug der Umstand bei, dass die Predigten auf Deutsch gehalten werden, während die Mehrzahl der Imame aus etablierten Verbänden bisher meist in der jeweiligen Herkunftssprache wie etwa auf Türkisch, Bosnisch oder Arabisch predigt. Dies entsprach bisher den Möglichkeiten der ehrenamtlich organisierten Vereine und den Bedürfnissen der eher älteren Gemeindemitglieder. Viele junge Muslime verstanden jedoch nicht alles, was in den eher landsmannschaftlich organisierten Moscheen gepredigt wurde. Salafistische Aktivisten wussten diese Bedarfslücke zu nutzen. Ihre Internetseiten waren in deutscher Sprache, professionell und im Vergleich zu etablierten Vereins- und Verbandsseiten sehr jugendnah gestaltet. Dieser Erkenntnis trägt die Öffentlichkeit zunehmend Rechnung: Die Imam-Ausbildung soll parallel zur Religionslehrerausbildung an den seit 2010 neu gegründeten universitären Zentren für islamische Theologie in Münster-Osnabrück, Frankfurt-Gießen, Tübingen und Erlangen-Nürnberg aufgebaut werden.

Quellentext

Was macht Extremismus attraktiv?

Psychologie heute: Herr Professor Zick, [...] [w]as macht eine radikale islamistische Bewegung für deutsche Jugendliche attraktiv?
Andreas Zick: Es ist nicht primär der Islam als Religion, es geht um den überbordenden Selbstwert, der mit der Religion zusammen versprochen wird.
[…] Der Islam ist sehr heterogen, und die übergroße Mehrheit will weder den IS noch ein Kalifat. […] Die Frage ist nun, warum die Radikalität attraktiv ist. […] Wir beobachten in Studien, dass sich in Europa junge Muslime mit dem Land, in dem sie leben, durchaus identifizieren, aber zugleich immer wieder erfahren, dass der Islam hier so eine Art B-Kultur ist. Die A-Kultur ist jüdisch-christlich-abendländisch, der Islam wird verdächtigt. Dazu machen die Jugendlichen die Erfahrung, dass sie für alles Negative, was über den Islam berichtet wird, mitverantwortlich gemacht werden. Das öffnet die Tore für die Propaganda jener, die die Jugendlichen mit dem Versprechen eines besseren Lebens ködern möchten.
Psychologie heute: Wie kann das funktionieren?
Zick: Das ist ein ganz komplexer Prozess. Meiner Meinung nach läuft er so ab: Die Propagandamaschinerie des IS spricht junge Muslime an und versorgt sie mit Informationen, die ihnen zeigen sollen, dass sie als minderwertig behandelt werden […]. Dann zeigt man ihnen die Schuldigen: der Westen, dein Land, die anderen Jugendlichen, die Ungläubigen. Auf der nächsten Stufe heißt es dann: Wir bieten dir einen Ausweg, eine Hoffnung. Und nicht nur das, wir bieten dir Stärke, Macht, eine Gemeinschaft. Und wenn du die haben willst, das wäre die letzte Stufe, musst du alles hinter dir lassen und zu uns kommen. Das ist bei allen extremistischen Gruppen so, bei Rockergangs wie bei der Mafia: Zuerst drückt man das Selbstwertgefühl, dann bläst man es über die Maßen auf. […]
Psychologie heute: Was sind das für Jugendliche, die sich dem IS anschließen?
Zick: Auch wenn wir dazu noch mehr Forschung benötigen, zeichnet sich doch ab: […] Einige sind auf Terror und Mord aus, die haben oft, wenn sie in Europa aufgewachsen sind, Spuren von psychischen Störungen oder auch Beziehungsprobleme. Die meisten Sympathisanten haben hingegen eine relativ normale Biografie, viele haben jedoch individuelle Kränkungen erlebt. [...]
Psychologie heute: Fehlt den Jugendlichen religiöse Bildung?
Zick: Ja, zumeist wissen sie fast nichts über ihre Religion und haben der radikalen Propaganda nichts entgegenzusetzen. […] Sie interessieren sich für Religion, den Sinn des Lebens, die Bedeutung von Werten und Normen, sie sind auf der Suche nach einer sozialen Identität, die sie einbindet. Von den radikalen Gruppen bekommen sie Antworten – in Form einer gut organisierten Propaganda. [...]
Psychologie heute: Heißt das, die Gesellschaft macht den Jugendlichen keine überzeugenden Sinnangebote?
Zick: Jugendliche stellen Sinnfragen, und die Gesellschaft muss ihnen Identitätsangebote machen. Angebote, keine Vorschriften. […] Das Allerwichtigste, was ein Kind in unserem Land tun soll, ist, sich im Bildungswettbewerb durchzusetzen. Jeden Morgen aufstehen nach dem Motto: Mach deinen Weg und mach ihn allein. Und wir reden über Jugend, als sei sie vor allem ein Problem. […]. Und das macht extreme Gruppen interessant, die es schaffen, drei zentrale Identitätssphären anzubieten: deine Gruppe, deine Religion, deine begrenzte Welt. In solchen Konstellationen wachsen Extremisten heran.
Psychologie heute: Was lockt die Jugendlichen […]?
Zick: […] [E]s gibt offenbar einen Geschlechterunterschied. Für junge Frauen ist das sehr konservative Familienbild attraktiv, sie sehen im radikalen Islam eine Möglichkeit, Familienorientierung zu realisieren. [...] Bei den Männern geht es um Dominanzideologien. Männer haben dort eine klare Rolle, das ist für manche sehr attraktiv. [...]
Was den Extremismus so attraktiv macht, ist, dass er eigentlich alles bietet. […] Da kämpfen Diebe, Verbrecher, Menschen, die massiv gegen islamisches Recht verstoßen, für den IS. Das sind zum Teil Psychopathen, die gegen jede Form von Zivilisation und Regeln angehen. Das ist aber gar kein Problem, solange sie für die gerechte Sache kämpfen. [...] Und es geht natürlich um Land und um Geld. Terrorbewegungen haben auch ein ökonomisches Motiv. Da bereichern sich Menschen und nehmen dafür das Töten in Kauf.
Psychologie heute: Man kann sich kaum vorstellen, dass europäische Jugendliche gute Wüstenkrieger abgeben. Wozu werden sie gebraucht?
Zick: Die europäischen Kämpfer sind nicht als Soldaten wichtig, sondern für die Propagandamaschine, weil sie andere nachziehen und weil sie europäische Sprachen beherrschen, daher werden sie auch eher geschont. Sie sind oft viel stärker ideologisiert als die einheimischen Kämpfer. Viele bekommen auch die Anweisung, in ihrem Land zu bleiben. Die sollen hier für Unruhe sorgen.
Psychologie heute: Was berichten die Rückkehrer?
Zick: An die kommen wir als Forscher nicht leicht heran, für die interessiert sich zuerst der Staats- und Verfassungsschutz, und das ist auch richtig so. Es gibt Rückkehrer, die haben den Auftrag mitbekommen, hier weiterzumachen und eine Gemeinschaft zu bilden. Dann haben wir die, die aussteigen wollen, die brauchen eine komplett neue Identität. Und bald wird es Rückkehrer geben, die stark traumatisiert aus dem Krieg kommen. Das wird eine große Herausforderung. [...]

Der Sozialpsychologe Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der dortigen Fakultät für Erziehungswissenschaft.

"Radikalisierung ist auch ein Bildungsprozess". Interview von Manuela Lenzen mit Andreas Zick, in: Psychologie heute 02/2015, S. 13 ff.

Die Grundsteine einer deutschen Salafismus-Bewegung legten in den 1990er-Jahren vereinzelte Prediger, die teilweise als Imame in wenigen Moscheen tätig waren. Der Deutsch-Syrer Hassan Dabbagh, Imam der Leipziger Rahman-Moschee, spielte hierbei eine wichtige Rolle. Er hatte bei einem Schüler al-Albanis in Syrien gelernt und eine Islamschule in den Niederlanden besucht, die als Zentrum eines europäischen salafistischen Netzwerkes angesehen wird. Dabbagh fungierte als einer der religiösen und ideologischen Wortführer, die sich an salafistische Lehrmeinungen in islamischen Kernländern anlehnen. Dabbagh kooperierte schon früh mit dem marokkanisch-stämmigen Bonner Prediger Mohamed Benhsain alias Abu Jamal. Ab 2001 begannen sie mit einem noch kleinen Zirkel von Aktivisten ihre ideologische Sicht auf den Islam deutschlandweit zu verbreiten. Sie gründeten mehrere deutschsprachige Webseiten, organisierten Islamseminare und hielten Vorträge in Moscheen.