Info Aktuell Salafismus

30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Salafismus in Deutschland

Salafistische Netzwerke
Mit der Ausweitung der Missionstätigkeit stießen auch jüngere Prediger dazu. Vor allem der zum Islam konvertierte Ex-Boxer Pierre Vogel aus Köln wurde zu einer Art Schlüsselfigur. Mit seiner vom Kölner Lokalkolorit geprägten Ansprache und seinem religiös-moralischen Anspruch fand er vorwiegend bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten Zuspruch.

Vogel und Abou Nagie etablierten in Zusammenarbeit mit etlichen Predigern das Netzwerk "Die Wahre Religion" (DWR). Es entstand eine überregionale mediengestützte Bewegung, der es gelang, ihre rigide Sicht des Islam als Antwort auf Sinn- und Identitätskrisen Jugendlicher zu empfehlen, indem sie bewusst an deren persönlichen Schwachstellen und Bedürfnissen ansetzten.

Die verschiedenen salafistischen Netzwerke finanzieren sich nach eigenen Angaben durch Spenden aus Deutschland. Doch gibt es auch Zuwendungen beispielsweise in Form von Sachspenden, Broschüren und Literatur aus Saudi-Arabien und Ägypten. Zusätzlich fördert Saudi-Arabien die deutsche salafistische Szene, indem es Stipendien für religiöse Universitäten oder Beihilfen für die Pilgerfahrt vergibt.

Abou Nagie und das von ihm verantwortete Netzwerk "Die Wahre Religion" galten längere Zeit als Scharnier des "Mainstream"-Salafismus zu noch radikaleren und gewaltbereiten Strömungen. Dem aus Palästina stammenden Deutschen gelang es, mit der Koranverteilkampagne "Lies!" trotz Rivalitäten und Deutungskontroversen eine Bindewirkung zwischen den verschiedenen Strömungen zu erzielen. Vielen erschien das Verteilen von kostenlosen Koranen zunächst als harmlos. Abou Nagie empfahl sich durch diese Aktion einem breiten Publikum.

Doch die Organisation agierte in zahlreichen Videos und Schriften gegen die verfassungsmäßige Grundordnung in Deutschland, indem sie für den sogenannten Islamischen Staat (IS) warb und versuchte, Kämpfer für die Terrormiliz zu gewinnen. Laut Aussage des Bundesinnenministeriums waren 140 Menschen, die an Lies!-Aktionen teilgenommen hatten, später nach Syrien oder Irak ausgereist, um sich dem IS anzuschließen. Im Oktober 2016 wurden das Netzwerk DWR und die zugehörige Lies!-Kampagne vom Innenministerium verboten und aufgelöst. Das Verbot richtete sich nicht gegen die Werbung für den islamischen Glauben oder die Verteilung des Korans. "Verboten wird der Missbrauch einer Religion durch Personen, die unter dem Vorwand, sich auf den Islam zu berufen, extremistische Ideologien propagieren und terroristische Organisationen unterstützen", sagte der damalige Innenminister Thomas de Maizière.

Bereits 2012 war nach gewalttätigen Ausschreitungen durch Salafisten in Solingen und Bonn die Organisation "Millatu-Ibrahim" verboten worden. Deren Gründer Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert waren an Aufrufen zur Gewalt beteiligt. Vor allem der Ex-Gangsta-Rapper Denis Cuspert, der unter dem Künstlernamen Deso Dogg agierte und sich später Abou Maleeq und Abu Talha al-Almani nannte, war für manche Jugendliche eine Identifikationsfigur. Er trat gemeinsam mit Pierre Vogel und Abou Nagie in Videos auf. Nach dem Verbot tauchte er gemeinsam mit Mohamed Mahmoud unter und setzte sich zum IS nach Syrien ab, von wo aus er mit deutschsprachigen Videos für den IS warb. Seither gab es immer wieder – zuletzt im Januar 2018 – Nachrichten über seinen Tod.

Ein knappes Jahr später wurde die Vereinigung "DawaFFM" verboten. Es folgte im Jahr 2015 das Verbot von "Tauhid Germany", einer Nachfolgeorganisation von Millatu-Ibrahim. Seit 2014 ist auch der IS verboten, wodurch das Zeigen von Symbolen und das Verbreiten von Texten, Bildern und Videos der Organisation strafbar geworden sind.
Parallel nahmen auch Verhaftungen und Verurteilungen von salafistischen Extremisten zu. Eine der bekanntesten Figuren ist Sven Lau, der langjährige Weggefährte Pierre Vogels, der im Juli 2017 wegen Unterstützung der ausländischen terroristischen Vereinigung Jamwa zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Zahlen zum Salafismus
Demographische Daten zu Muslimen in Deutschland.* Zahlen sind entnommen aus: Stichs 2016, Mattes und Rosenberger 2015, Bundesamt der Schweizerischen Eidgenossenschaft 2016. Weller und Cheruvallil-Contractor 2015, Arslan 2015. (© Religionsmonitor 2017, nur gültige Fälle beim Durchschnittsalter)
In Deutschland leben zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime. Das sind rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon sind etwa 1,6 Millionen jünger als 25 Jahre. Zahlen der Behörden aus dem ersten Quartal 2015 bezifferten circa 7.000 Salafisten bundesweit, 2013 lag die Zahl noch bei 5.500. Anfang 2018 sprach man von über 10.000 Salafisten bundesweit, wobei die "Community" tendenziell immer jünger wird. Diese Zahlen beziffern allerdings nur die politischen und dschihadistischen Salafisten. Die puristischen Salafisten, die nicht öffentlich oder politisch in Erscheinung treten, werden mit dieser Zahl ebenso wenig erfasst wie die Sympathisanten. Der Anteil von Salafisten mit Einrechnung anderer islamistischer Gruppierungen und der Einbeziehung von Sympathisanten liegt bei rund einem Prozent der muslimischen Gesamtbevölkerung in Deutschland. Nur ein kleiner Teil der Salafisten gilt als gewaltbereit und dem Dschihadismus zugehörig.

Insgesamt haben rund 90 Prozent der Salafisten einen sogenannten Migrationshintergrund, circa zehn Prozent sind Konvertiten, ebenso sind ungefähr zehn Prozent Frauen und 75 Prozent deutsche Staatsangehörige. In der Regel liegt das Altersspektrum zwischen 18 und 27 Jahren.
Die Rekrutierung zum bewaffneten Dschihad in Deutschland wurde von den Sicherheitsbehörden seit dem Bosnienkrieg (1992–1995) beobachtet, in dem die Bosniaken auch internationale Unterstützung, vornehmlich aus muslimischen Staaten erfuhren. Ab 2009 zogen vorwiegend junge Männer nach Wasiristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Sie schlossen sich dort Gruppierungen wie der Islamischen Jihad Union (IJU) oder auch direkt al-Qaida an, von denen sie teilweise in Trainingscamps militärisch ausgebildet wurden. Einen weitaus größeren Einfluss hatten aber Propaganda-Videos von deutschen Protagonisten, die vor Ort den Kampf in Afghanistan verherrlichten. Laut Bundeskriminalamt wurden zwischen 2001 und Februar 2011 rund 220 Personen aus Deutschland in Dschihadisten-Camps ausgebildet.

Bundesweit sollen von 2011 bis Juni 2015 über 700 Personen in die Kriegsgebiete nach Syrien und Irak ausgereist sein. Anfang 2018 geht man von insgesamt 970 Islamisten aus, die aus Deutschland ausgereist sind, um sich dem IS anzuschließen. Nachdem der IS zum Jahresende 2017 seine Gebiete in Syrien und Irak bis auf ein paar Wüstengebiete verloren hat, stellt sich die Frage nach den Überlebenden. Ungefähr ein Drittel der aus Deutschland Ausgereisten war schon vor der Niederlage des IS wieder nach Deutschland zurückgekehrt, wo sie sich der Justiz stellen mussten. Die Behörden sprechen von rund 600 Personen, deren Verbleib nicht bekannt ist. Man schätzt, dass hiervon rund 150 Menschen umgekommen sind und einige in irakischen Haftzellen sitzen. Der Rest ist vermutlich untergetaucht.

Nach Schätzungen des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) in London kämpften Ende des Jahres 2014 über 20.000 ausländische Kombattanten in Syrien und Irak. Ungefähr 4.000 bis 5.000 stammten aus westeuropäischen Staaten.