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30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Salafismus in Deutschland

Über spezielle Internetseiten suchen islamistische Gruppierungen Kontakt zu
Jugendlichen.Über spezielle Internetseiten suchen islamistische Gruppierungen Kontakt zu Jugendlichen. (© imago)

Im Bann der Prediger
"Syrien blutet, meine lieben Geschwister im Islam. Und Syrien versinkt im Blut. Die gesegnete Erde Allahs, die Erde des Imam, die Erde des Glaubens, versinkt im Blut. […] Dieser Kampf, der dort begonnen hat, ist die Vorbereitung für das Ende der Zeit. […] Es ist kein Krieg wie ein anderer Krieg in Libyen oder in Tunesien, es ist keine Revolution wie eine andere. […] Es sind die Vorbereitungen auf den Islam oder gegen den Islam. Für den Sieg von la illaha illa llah (Glaubensbekenntnis: Es gibt keine Gottheit außer Gott) oder für die Schande der umma (Gemeinde) von Muhammad. […] Dort kämpft die gesamte Menschheit und Europa gegen die Muslime."

Dies sind kurze Ausschnitte aus einer rund halbstündigen Rede von Brahim Belkaid, der öffentlich und in Internetbeiträgen als Abu Abdullah bekannt ist. Der jugendlich und durchaus charismatisch wirkende Prediger, der dem radikalen Netzwerk "Die Wahre Religion" (DWR) angehört, sprach im April 2013 auf einer der "Benefizveranstaltungen für Syrien", bei denen um Spendengelder geworben wurde. Wie üblich wurde ein Mitschnitt auf Youtube hochgeladen.

Wie auch bei anderen Formen des politischen Extremismus werden bestehende Probleme und Ungerechtigkeiten aufgegriffen, um sie dann in einen eigenen Deutungskomplex zu stellen. Das Leid der Syrer, von denen über drei Millionen das Land verlassen haben, Millionen sich innerhalb des Landes auf der Flucht befinden und von denen rund 200.000 Menschen starben, ist eine Tatsache. Doch nach der Logik vieler Salafisten sind sie nicht Opfer eines gnadenlosen Krieges, bei dem immer die Zivilbevölkerung leidet, sondern sie sind Opfer, weil sie Muslime sind.

Im Anschluss schildert Abu Abdullah sehr emotional das Leiden syrischer Frauen, um danach an das schlechte Gewissen der Zuhörer im "bequemen Deutschland", an das Gerechtigkeitsempfinden, die Solidarität, aber auch an die "echte Männlichkeit" zu appellieren.

Das Netzwerk DWR und die Aussagen seiner Protagonisten weisen inhaltliche Merkmale auf, die sie mit dem Mainstream-Salafismus teilen. Typisch ist die Annahme einer bipolaren Welt, in der das Gute, die Wahrheit, der Islam verkörpert, während das Böse der Teufel (Schaitan) ist. Diese bipolare Welt bestehe somit aus Menschen, die der Wahrheit folgen, und Menschen, die die Wahrheit bekämpfen. Dieser Kampf zwischen "gut" und "böse" sei bis zum Ende angelegt, wechseln würden nur die Akteure.

"Wir sagen die Wahrheit", sagt zumindest Ibrahim Abou Nagie, der Gründer von DWR und Initiator der Koranverteilaktion "Lies!". Der Anspruch auf absolute Wahrheit, den er damit vertritt, ist ein weiteres wichtiges Merkmal des Salafismus. In einer bipolaren Welt sehen sich Salafisten als Vertreter des Guten, als Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie beteiligen sich an einem Kampf, der bis zum Weltenende dauert (Apokalypse) und nach dessen Ende sie in einer anderen Welt für diesen Einsatz belohnt werden (eschatologisches Heilversprechen) – Vorstellungen, die manche Jugendliche und auch manche Erwachsene anzusprechen scheinen.

Verstärkt wird die Botschaft durch das Konzept der Fremdheit: Ghuraba (ġurabāʾ). Ghuraba wird in der klassischen arabischen Poesie nicht als Merkmal der Herkunft, sondern als ein Gefühl beschrieben. Man solle auf dieser Welt wie ein Fremder wandeln, denn im Vergänglichen liege nicht das Glück.
Die Uneindeutigkeit des Begriffs nutzen Salafisten, um ihn im Sinne ihrer Ideologie zu interpretieren: Sie seien die auserwählte Gemeinschaft, die auf der Welt fremd ist, als fremd angefeindet wird, die aber als Einzige dem Propheten nahe stehe. Viele Videos werden durch ein nashid (našīd, Plural Anāšīd) begleitet. Diese Vokalgesänge mit religiösem Kontext gelten, da sie sich keiner Musikinstrumente bedienen, als religiös erlaubt und sollen eine emotionale Sehnsucht wecken.

Hiervon angesprochen fühlen sich etwa Jugendliche, die noch nicht in ihrer Persönlichkeit gefestigt sind. Sie können im Salafismus ihre Wunschvorstellung einer intakten, heroischen, auserwählten und gerechten Gemeinschaft verwirklicht sehen. Einen ersten Zugang bieten spezielle Webseiten, die leicht über ein, zwei Klicks im Internet zu erreichen sind. Ist das Interesse geweckt, kann der aktive Einstieg im realen Leben durch Anwerber und innerhalb von Peer-Gruppen stattfinden.

Quellentext

Die Kunstgriffe der Propaganda

[…] Der Pop und der Dschihad – schon das Zusammenstellen dieser beiden Begriffe mag zunächst Unwohlsein erzeugen. […] So offenkundig die Verbindung zwischen Spielarten des Hip-Hop, etwa dem Gangsta-Rap, und dem Dschihadismus ist, so wenig kann der Pop natürlich für die Entstehung von Islamismus oder Dschihadismus verantwortlich gemacht werden.
[…] Und doch besteht zwischen beiden, Pop und Dschihad, eine starke ästhetische Spannung.

Die offenkundigsten Gemeinsamkeiten zwischen dem Typus des Hip-Hoppers und des Dschihad-Kämpfers liegen in Gesten, Umgangsformen, Körperhaltungen, in der Verkörperung von neotraditioneller Männlichkeit. Beide propagieren dasselbe Ideal von körperlicher Kraft und Gestähltheit, den Kult von Härte, "Toughness" und Überlegenheit. Ästhetische Gemeinsamkeiten gehen bis in die Details der Garderobe und der Accessoires:
Beide, IS-Kämpfer wie Gangsta-Rapper, tragen die gleichen Uhren, die gleichen Ray-Ban-Sonnenbrillen, die gleichen schusssicheren Westen mit Camouflage-Muster. […] Beide, der IS-Kämpfer wie der Hip-Hopper, legen es in ihrer Selbstinszenierung darauf an, gefühllos, kalt, gnadenlos zu erscheinen. Wirklich interessant wird es, wenn man die Lust am Posieren vergleicht: IS-Kämpfer und Gangsta-Rapper halten auf Fotos gerne Schusswaffen in die Kamera. Das Erkennungszeichen des "Islamischen Staates" ist der ausgestreckte rechte Zeigefinger. Wenn IS-Kämpfer in Gruppen zusammenstehen und links die Kalaschnikow und rechts den Zeigefinger hochhalten, dann soll das betont beiläufig und lässig aussehen – diese Art von Posing ist der reine Hip-Hop. […]

[…] Bleibt man in der Logik des Pop, hat sich die Attraktivität einer Jugendkultur stets danach gerichtet, wie sehr sie die Ablehnung und das Unverständnis der Elterngeneration in sich bündeln kann. Der Dschihad als denkbar größte Provokation, als größte Herausforderung für die westliche Gesellschaft […]. Der Dschihad als fehlgeleitete Jugendkultur. […]

Moritz von Uslar, "Die Lust am Krass-Sein", in: DIE ZEIT Nr. 5 vom 29. Januar 2015

Online verfügbar unter: www.zeit.de/2015/05/islamischer-staat-pop Zuletzt abgerufen am 17.05.2018

Erste deutschsprachige Webseiten wurden bereits 2001 gegründet. Bis zu den Jahren 2013/2014 und noch danach waren bei der Eingabe des Suchbegriffes "Islam" auf Google fünf der ersten zehn gefundenen deutschen Internetseiten salafistischen Inhalts oder von salafistischen Gruppen betrieben. So konnte sich das anfangs noch kleine Netzwerk der Salafisten schon früh als eine Art Massenbewegung präsentieren, obwohl hinter vielen verschiedenen Seiten dieselben Betreiber standen.
Mission
Die "Einladung zum Islam" (daʾwa) ist zentraler Bestandteil salafistischen Denkens. Das Internet dient zunächst als Einstieg, zum Beispiel mit Videos, Anleitungen und zielgruppenspezifischen Angeboten. Vertieft wird die Missionstätigkeit aber durch sogenannte Islamseminare, die jeweils einen Abend oder auch ein Wochenende lang dauern können. Generell lässt sich feststellen, dass eine Radikalisierung sehr selten in Moscheen oder etablierten religiösen Organisationen stattfindet, sondern vor allem in privaten Gruppen. Der Soziologe und Islamwissenschaftler Olivier Roy bezeichnet dies als "Dekulturation der Religion". Während etablierte islamische Vereine in Deutschland unter daʾwa verstehen, durch Informationen Vorurteile über den Islam abzubauen oder die Jugendarbeit zu verbessern, mahnen die salafistischen Prediger vor allem Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund, sich an vermeintlich islamkonformen und Integration ablehnenden Glaubens- und Verhaltensmustern zu orientieren.

Diese Glaubens- und Verhaltensmuster repräsentieren eine in ihren Augen moralisch und intellektuell überlegene Variante des Islam, getragen von einer weltumspannenden, nicht an irgendein Territorium gebundenen Gemeinde. Zum Erfolg der Missionierung trug der Umstand bei, dass die Predigten auf Deutsch gehalten werden, während die Mehrzahl der Imame aus etablierten Verbänden bisher meist in der jeweiligen Herkunftssprache wie etwa auf Türkisch, Bosnisch oder Arabisch predigt. Dies entsprach bisher den Möglichkeiten der ehrenamtlich organisierten Vereine und den Bedürfnissen der eher älteren Gemeindemitglieder. Viele junge Muslime verstanden jedoch nicht alles, was in den eher landsmannschaftlich organisierten Moscheen gepredigt wurde. Salafistische Aktivisten wussten diese Bedarfslücke zu nutzen. Ihre Internetseiten waren in deutscher Sprache, professionell und im Vergleich zu etablierten Vereins- und Verbandsseiten sehr jugendnah gestaltet. Dieser Erkenntnis trägt die Öffentlichkeit zunehmend Rechnung: Die Imam-Ausbildung soll parallel zur Religionslehrerausbildung an den seit 2010 neu gegründeten universitären Zentren für islamische Theologie in Münster-Osnabrück, Frankfurt-Gießen, Tübingen und Erlangen-Nürnberg aufgebaut werden.

Quellentext

Was macht Extremismus attraktiv?

Psychologie heute: Herr Professor Zick, [...] [w]as macht eine radikale islamistische Bewegung für deutsche Jugendliche attraktiv?
Andreas Zick: Es ist nicht primär der Islam als Religion, es geht um den überbordenden Selbstwert, der mit der Religion zusammen versprochen wird.
[…] Der Islam ist sehr heterogen, und die übergroße Mehrheit will weder den IS noch ein Kalifat. […] Die Frage ist nun, warum die Radikalität attraktiv ist. […] Wir beobachten in Studien, dass sich in Europa junge Muslime mit dem Land, in dem sie leben, durchaus identifizieren, aber zugleich immer wieder erfahren, dass der Islam hier so eine Art B-Kultur ist. Die A-Kultur ist jüdisch-christlich-abendländisch, der Islam wird verdächtigt. Dazu machen die Jugendlichen die Erfahrung, dass sie für alles Negative, was über den Islam berichtet wird, mitverantwortlich gemacht werden. Das öffnet die Tore für die Propaganda jener, die die Jugendlichen mit dem Versprechen eines besseren Lebens ködern möchten.
Psychologie heute: Wie kann das funktionieren?
Zick: Das ist ein ganz komplexer Prozess. Meiner Meinung nach läuft er so ab: Die Propagandamaschinerie des IS spricht junge Muslime an und versorgt sie mit Informationen, die ihnen zeigen sollen, dass sie als minderwertig behandelt werden […]. Dann zeigt man ihnen die Schuldigen: der Westen, dein Land, die anderen Jugendlichen, die Ungläubigen. Auf der nächsten Stufe heißt es dann: Wir bieten dir einen Ausweg, eine Hoffnung. Und nicht nur das, wir bieten dir Stärke, Macht, eine Gemeinschaft. Und wenn du die haben willst, das wäre die letzte Stufe, musst du alles hinter dir lassen und zu uns kommen. Das ist bei allen extremistischen Gruppen so, bei Rockergangs wie bei der Mafia: Zuerst drückt man das Selbstwertgefühl, dann bläst man es über die Maßen auf. […]
Psychologie heute: Was sind das für Jugendliche, die sich dem IS anschließen?
Zick: Auch wenn wir dazu noch mehr Forschung benötigen, zeichnet sich doch ab: […] Einige sind auf Terror und Mord aus, die haben oft, wenn sie in Europa aufgewachsen sind, Spuren von psychischen Störungen oder auch Beziehungsprobleme. Die meisten Sympathisanten haben hingegen eine relativ normale Biografie, viele haben jedoch individuelle Kränkungen erlebt. [...]
Psychologie heute: Fehlt den Jugendlichen religiöse Bildung?
Zick: Ja, zumeist wissen sie fast nichts über ihre Religion und haben der radikalen Propaganda nichts entgegenzusetzen. […] Sie interessieren sich für Religion, den Sinn des Lebens, die Bedeutung von Werten und Normen, sie sind auf der Suche nach einer sozialen Identität, die sie einbindet. Von den radikalen Gruppen bekommen sie Antworten – in Form einer gut organisierten Propaganda. [...]
Psychologie heute: Heißt das, die Gesellschaft macht den Jugendlichen keine überzeugenden Sinnangebote?
Zick: Jugendliche stellen Sinnfragen, und die Gesellschaft muss ihnen Identitätsangebote machen. Angebote, keine Vorschriften. […] Das Allerwichtigste, was ein Kind in unserem Land tun soll, ist, sich im Bildungswettbewerb durchzusetzen. Jeden Morgen aufstehen nach dem Motto: Mach deinen Weg und mach ihn allein. Und wir reden über Jugend, als sei sie vor allem ein Problem. […]. Und das macht extreme Gruppen interessant, die es schaffen, drei zentrale Identitätssphären anzubieten: deine Gruppe, deine Religion, deine begrenzte Welt. In solchen Konstellationen wachsen Extremisten heran.
Psychologie heute: Was lockt die Jugendlichen […]?
Zick: […] [E]s gibt offenbar einen Geschlechterunterschied. Für junge Frauen ist das sehr konservative Familienbild attraktiv, sie sehen im radikalen Islam eine Möglichkeit, Familienorientierung zu realisieren. [...] Bei den Männern geht es um Dominanzideologien. Männer haben dort eine klare Rolle, das ist für manche sehr attraktiv. [...]
Was den Extremismus so attraktiv macht, ist, dass er eigentlich alles bietet. […] Da kämpfen Diebe, Verbrecher, Menschen, die massiv gegen islamisches Recht verstoßen, für den IS. Das sind zum Teil Psychopathen, die gegen jede Form von Zivilisation und Regeln angehen. Das ist aber gar kein Problem, solange sie für die gerechte Sache kämpfen. [...] Und es geht natürlich um Land und um Geld. Terrorbewegungen haben auch ein ökonomisches Motiv. Da bereichern sich Menschen und nehmen dafür das Töten in Kauf.
Psychologie heute: Man kann sich kaum vorstellen, dass europäische Jugendliche gute Wüstenkrieger abgeben. Wozu werden sie gebraucht?
Zick: Die europäischen Kämpfer sind nicht als Soldaten wichtig, sondern für die Propagandamaschine, weil sie andere nachziehen und weil sie europäische Sprachen beherrschen, daher werden sie auch eher geschont. Sie sind oft viel stärker ideologisiert als die einheimischen Kämpfer. Viele bekommen auch die Anweisung, in ihrem Land zu bleiben. Die sollen hier für Unruhe sorgen.
Psychologie heute: Was berichten die Rückkehrer?
Zick: An die kommen wir als Forscher nicht leicht heran, für die interessiert sich zuerst der Staats- und Verfassungsschutz, und das ist auch richtig so. Es gibt Rückkehrer, die haben den Auftrag mitbekommen, hier weiterzumachen und eine Gemeinschaft zu bilden. Dann haben wir die, die aussteigen wollen, die brauchen eine komplett neue Identität. Und bald wird es Rückkehrer geben, die stark traumatisiert aus dem Krieg kommen. Das wird eine große Herausforderung. [...]

Der Sozialpsychologe Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der dortigen Fakultät für Erziehungswissenschaft.

"Radikalisierung ist auch ein Bildungsprozess". Interview von Manuela Lenzen mit Andreas Zick, in: Psychologie heute 02/2015, S. 13 ff.

Die Grundsteine einer deutschen Salafismus-Bewegung legten in den 1990er-Jahren vereinzelte Prediger, die teilweise als Imame in wenigen Moscheen tätig waren. Der Deutsch-Syrer Hassan Dabbagh, Imam der Leipziger Rahman-Moschee, spielte hierbei eine wichtige Rolle. Er hatte bei einem Schüler al-Albanis in Syrien gelernt und eine Islamschule in den Niederlanden besucht, die als Zentrum eines europäischen salafistischen Netzwerkes angesehen wird. Dabbagh fungierte als einer der religiösen und ideologischen Wortführer, die sich an salafistische Lehrmeinungen in islamischen Kernländern anlehnen. Dabbagh kooperierte schon früh mit dem marokkanisch-stämmigen Bonner Prediger Mohamed Benhsain alias Abu Jamal. Ab 2001 begannen sie mit einem noch kleinen Zirkel von Aktivisten ihre ideologische Sicht auf den Islam deutschlandweit zu verbreiten. Sie gründeten mehrere deutschsprachige Webseiten, organisierten Islamseminare und hielten Vorträge in Moscheen.
Salafistische Netzwerke
Mit der Ausweitung der Missionstätigkeit stießen auch jüngere Prediger dazu. Vor allem der zum Islam konvertierte Ex-Boxer Pierre Vogel aus Köln wurde zu einer Art Schlüsselfigur. Mit seiner vom Kölner Lokalkolorit geprägten Ansprache und seinem religiös-moralischen Anspruch fand er vorwiegend bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten Zuspruch.

Vogel und Abou Nagie etablierten in Zusammenarbeit mit etlichen Predigern das Netzwerk "Die Wahre Religion" (DWR). Es entstand eine überregionale mediengestützte Bewegung, der es gelang, ihre rigide Sicht des Islam als Antwort auf Sinn- und Identitätskrisen Jugendlicher zu empfehlen, indem sie bewusst an deren persönlichen Schwachstellen und Bedürfnissen ansetzten.

Die verschiedenen salafistischen Netzwerke finanzieren sich nach eigenen Angaben durch Spenden aus Deutschland. Doch gibt es auch Zuwendungen beispielsweise in Form von Sachspenden, Broschüren und Literatur aus Saudi-Arabien und Ägypten. Zusätzlich fördert Saudi-Arabien die deutsche salafistische Szene, indem es Stipendien für religiöse Universitäten oder Beihilfen für die Pilgerfahrt vergibt.

Abou Nagie und das von ihm verantwortete Netzwerk "Die Wahre Religion" galten längere Zeit als Scharnier des "Mainstream"-Salafismus zu noch radikaleren und gewaltbereiten Strömungen. Dem aus Palästina stammenden Deutschen gelang es, mit der Koranverteilkampagne "Lies!" trotz Rivalitäten und Deutungskontroversen eine Bindewirkung zwischen den verschiedenen Strömungen zu erzielen. Vielen erschien das Verteilen von kostenlosen Koranen zunächst als harmlos. Abou Nagie empfahl sich durch diese Aktion einem breiten Publikum.

Doch die Organisation agierte in zahlreichen Videos und Schriften gegen die verfassungsmäßige Grundordnung in Deutschland, indem sie für den sogenannten Islamischen Staat (IS) warb und versuchte, Kämpfer für die Terrormiliz zu gewinnen. Laut Aussage des Bundesinnenministeriums waren 140 Menschen, die an Lies!-Aktionen teilgenommen hatten, später nach Syrien oder Irak ausgereist, um sich dem IS anzuschließen. Im Oktober 2016 wurden das Netzwerk DWR und die zugehörige Lies!-Kampagne vom Innenministerium verboten und aufgelöst. Das Verbot richtete sich nicht gegen die Werbung für den islamischen Glauben oder die Verteilung des Korans. "Verboten wird der Missbrauch einer Religion durch Personen, die unter dem Vorwand, sich auf den Islam zu berufen, extremistische Ideologien propagieren und terroristische Organisationen unterstützen", sagte der damalige Innenminister Thomas de Maizière.

Bereits 2012 war nach gewalttätigen Ausschreitungen durch Salafisten in Solingen und Bonn die Organisation "Millatu-Ibrahim" verboten worden. Deren Gründer Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert waren an Aufrufen zur Gewalt beteiligt. Vor allem der Ex-Gangsta-Rapper Denis Cuspert, der unter dem Künstlernamen Deso Dogg agierte und sich später Abou Maleeq und Abu Talha al-Almani nannte, war für manche Jugendliche eine Identifikationsfigur. Er trat gemeinsam mit Pierre Vogel und Abou Nagie in Videos auf. Nach dem Verbot tauchte er gemeinsam mit Mohamed Mahmoud unter und setzte sich zum IS nach Syrien ab, von wo aus er mit deutschsprachigen Videos für den IS warb. Seither gab es immer wieder – zuletzt im Januar 2018 – Nachrichten über seinen Tod.

Ein knappes Jahr später wurde die Vereinigung "DawaFFM" verboten. Es folgte im Jahr 2015 das Verbot von "Tauhid Germany", einer Nachfolgeorganisation von Millatu-Ibrahim. Seit 2014 ist auch der IS verboten, wodurch das Zeigen von Symbolen und das Verbreiten von Texten, Bildern und Videos der Organisation strafbar geworden sind.
Parallel nahmen auch Verhaftungen und Verurteilungen von salafistischen Extremisten zu. Eine der bekanntesten Figuren ist Sven Lau, der langjährige Weggefährte Pierre Vogels, der im Juli 2017 wegen Unterstützung der ausländischen terroristischen Vereinigung Jamwa zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Zahlen zum Salafismus
Demographische Daten zu Muslimen in Deutschland.* Zahlen sind entnommen aus: Stichs 2016, Mattes und Rosenberger 2015, Bundesamt der Schweizerischen Eidgenossenschaft 2016. Weller und Cheruvallil-Contractor 2015, Arslan 2015. (© Religionsmonitor 2017, nur gültige Fälle beim Durchschnittsalter)
In Deutschland leben zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime. Das sind rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon sind etwa 1,6 Millionen jünger als 25 Jahre. Zahlen der Behörden aus dem ersten Quartal 2015 bezifferten circa 7.000 Salafisten bundesweit, 2013 lag die Zahl noch bei 5.500. Anfang 2018 sprach man von über 10.000 Salafisten bundesweit, wobei die "Community" tendenziell immer jünger wird. Diese Zahlen beziffern allerdings nur die politischen und dschihadistischen Salafisten. Die puristischen Salafisten, die nicht öffentlich oder politisch in Erscheinung treten, werden mit dieser Zahl ebenso wenig erfasst wie die Sympathisanten. Der Anteil von Salafisten mit Einrechnung anderer islamistischer Gruppierungen und der Einbeziehung von Sympathisanten liegt bei rund einem Prozent der muslimischen Gesamtbevölkerung in Deutschland. Nur ein kleiner Teil der Salafisten gilt als gewaltbereit und dem Dschihadismus zugehörig.

Insgesamt haben rund 90 Prozent der Salafisten einen sogenannten Migrationshintergrund, circa zehn Prozent sind Konvertiten, ebenso sind ungefähr zehn Prozent Frauen und 75 Prozent deutsche Staatsangehörige. In der Regel liegt das Altersspektrum zwischen 18 und 27 Jahren.
Die Rekrutierung zum bewaffneten Dschihad in Deutschland wurde von den Sicherheitsbehörden seit dem Bosnienkrieg (1992–1995) beobachtet, in dem die Bosniaken auch internationale Unterstützung, vornehmlich aus muslimischen Staaten erfuhren. Ab 2009 zogen vorwiegend junge Männer nach Wasiristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Sie schlossen sich dort Gruppierungen wie der Islamischen Jihad Union (IJU) oder auch direkt al-Qaida an, von denen sie teilweise in Trainingscamps militärisch ausgebildet wurden. Einen weitaus größeren Einfluss hatten aber Propaganda-Videos von deutschen Protagonisten, die vor Ort den Kampf in Afghanistan verherrlichten. Laut Bundeskriminalamt wurden zwischen 2001 und Februar 2011 rund 220 Personen aus Deutschland in Dschihadisten-Camps ausgebildet.

Bundesweit sollen von 2011 bis Juni 2015 über 700 Personen in die Kriegsgebiete nach Syrien und Irak ausgereist sein. Anfang 2018 geht man von insgesamt 970 Islamisten aus, die aus Deutschland ausgereist sind, um sich dem IS anzuschließen. Nachdem der IS zum Jahresende 2017 seine Gebiete in Syrien und Irak bis auf ein paar Wüstengebiete verloren hat, stellt sich die Frage nach den Überlebenden. Ungefähr ein Drittel der aus Deutschland Ausgereisten war schon vor der Niederlage des IS wieder nach Deutschland zurückgekehrt, wo sie sich der Justiz stellen mussten. Die Behörden sprechen von rund 600 Personen, deren Verbleib nicht bekannt ist. Man schätzt, dass hiervon rund 150 Menschen umgekommen sind und einige in irakischen Haftzellen sitzen. Der Rest ist vermutlich untergetaucht.

Nach Schätzungen des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) in London kämpften Ende des Jahres 2014 über 20.000 ausländische Kombattanten in Syrien und Irak. Ungefähr 4.000 bis 5.000 stammten aus westeuropäischen Staaten.
Erklärungsansätze
Nicht die Ideologie, sondern das soziale Angebot steht für die meisten Jugendlichen im Vordergrund, wenn sie sich für salafistische Gruppierungen interessieren. Die Gemeinschaft der Salafisten bietet Orientierungshilfen, eine vereinfachte, eingängige theologische Lehre, einen ritualisierten Alltagsrahmen, emotionale Zufluchtsorte, das Gefühl, einer "höheren spirituellen" Sache zu dienen, und persönliche Anerkennung. Neben dem bipolaren Weltbild und dem eschatologischen Heilsversprechen spricht Jugendliche vor allem das Einstehen für Gerechtigkeit und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft an.

Der Soziologe und Islamwissenschaftler Olivier Roy sieht im Salafismus "eine Geisteshaltung, die besonders in der zweiten Generation der Migranten zu finden ist, die sowohl die dominante westliche Kultur wie die Kultur ihrer Eltern ablehnt". Nicht immer, aber häufig stammen Jugendliche, die später zu Terroristen werden, nach seiner Erkenntnis aus nicht intakten Familien. Der Psychoanalytiker Fethi Benslama weist darauf hin, dass "die Kandidaten für den Dschihad" aus "allen sozialen Schichten, Glaubensvarianten und Lebensformen" kommen. Das entscheidende Merkmal sei das jugendliche Alter. "Mehr als zwei Drittel der Radikalisierten sind junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Sie stecken also in den Identitätskonflikten der Adoleszenz. Etwa 40 Prozent von ihnen weisen psychische Störungen auf".

Die Erfahrungen aus der Angehörigenberatung und Präventionsarbeit bestätigen, dass familiäre Beziehungsstrukturen und Probleme in der Familie eine fundamentale Rolle im Radikalisierungsprozess spielen können. Daher ist es ein wichtiges Anliegen der Beratung, zunächst den Druck aus den Familien zu nehmen, der sich unter anderem durch Beziehungskonflikte aufgebaut hat. Nach den Erfahrungen der Beteiligten macht es anfangs wenig Sinn, sich auf Diskussionen über das "richtige" Islamverständnis einzulassen. Wichtig und heilsam ist die Aufarbeitung möglicher Konfliktlinien.

Quellentext

Bemühungen um die Deradikalisierung junger Islamisten

[…] Claudia Dantschke […] leitet "Hayat Deutschland", eine Beratungsstelle mit einer Handvoll Mitarbeitern, die sich um die Deradikalisierung junger Islamisten in Berlin sowie in allen fünf ostdeutschen Bundesländern kümmert und eine Außenstelle in Bonn unterhält, einem Hotspot der Szene.

Ihre Erfahrungen zeigen, dass Radikalisierung mit Islam wenig und mit sozialer Verwahrlosung viel zu tun hat. [Es entstand] 2011 […] als Teil eines bundesweiten Netzwerks von Beratungsstellen, das sein Zentrum in der Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat. Einziges Anliegen ist, angehende Dschihadisten von einem Weg abzubringen, der für sie selbst und für andere tödlich enden kann.

Nun darf man sich Deradikalisierung nicht wie eine Art Gehirnwäsche vorstellen. Ohnehin nimmt Hayat lediglich in zehn Prozent der Beratungen direkten Kontakt mit den Betroffenen auf – wenn diese es wünschen. In den allermeisten der insgesamt 430 und aktuell 190 Fälle […] waren es die Eltern, die sich an die Beratungsstelle wandten; überwiegend sind es Mütter. Dabei tauchen zwei Arten von Familien immer wieder auf – entweder solche, die durch eine Scheidung oder ähnliche Ereignisse auseinandergefallen, oder solche, die besonders autoritär strukturiert sind.

[…] Für Dantschke und ihre Mitstreiter geht es darum, an der Heilung der Folgen mitzuwirken – und nicht darum, den Klienten gleichsam den Koran auszutreiben. Das beginnt mit einem Gespräch in der Beratungsstelle oder einem anonymen Café […]. Zu Beginn geht es um Brüche im Leben der Jugendlichen, um das Verhältnis zu den Eltern, um die Persönlichkeit des Betroffenen. Anschließend, so die Fachfrau, "coachen wir die Eltern". Sie sollen wieder ein Verhältnis zu ihren Kindern entwickeln – und zwar durch Zuhören, ohne die eigene Meinung zu verleugnen. Ziel ist, die Radikalisierung zu stoppen. Das gelingt laut Dantschke in vielleicht 60 Prozent der Fälle. Wie religiös das Kind am Ende des Prozesses ist, ist den Leuten von Hayat herzlich egal.

Deren größtes Problem sind auch nicht Jungs, die plötzlich regelmäßig in eine Moschee gehen, oder Mädchen, die aus heiterem Himmel ein Kopftuch tragen. Das größte Problem sind jene, deren Radikalisierung bereits abgeschlossen ist und die dies durch die Ausreise ins einstige Kalifat des Islamischen Staates dokumentiert haben und jetzt zuweilen tot sind oder im Gefängnis sitzen. […] In diesen Fällen sind die Sicherheitsbehörden ohnehin involviert.

[…] [Dantschke] plädiert […] dafür, die jungen Islamisten mit deutschen Wurzeln im Zweifel heimzuholen, wenn es möglich ist – nicht zuletzt, um so für die Überlegenheit von Demokratie und Rechtsstaat zu werben. "Das sind unsere Staatsbürger", sagt Dantschke und fügt den vielleicht größten Satz des gesamten Gesprächs hinzu: "Die Eltern haben ein Recht, ihre Kinder zu lieben." Deren Taten und Einstellungen gelte es zu verurteilen, nicht die Kinder selbst. […]

Markus Decker, "Ausstiegshilfe aus der Welt des Terrors", in: Frankfurter Rundschau vom 20. Februar 2018

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Lebenskrisen, beispielsweise die Beendigung einer Beziehung, das Abgleiten in die Kriminalität, die Erkenntnis, dass das Leben in eine Sackgasse geraten ist und eine Realisierung der eigenen Lebensvorstellungen nicht gelingen wird, können ebenfalls eine Bereitschaft zur Radikalisierung auslösen. Indem sich die Betroffenen in den Dienst der neuen Ideologie stellen, können sie aus ihrer Sicht das alte Leben hinter sich lassen und in ein neues aufbrechen oder wenigstens als "Märtyrer" Nachruhm erwerben. Die bisherige Erfahrung des Scheiterns spielt dann keine Rolle mehr. Erfolg und Bestätigung wird jetzt auf einer anderen Ebene gesucht. Dieses Motiv spielt auch bei einigen Attentätern eine Rolle. Anis Amri, der am 18. Dezember 2016 den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübte, hatte zuvor einen kriminellen Werdegang genommen.

Junge Frauen, die sich dem Salafismus zuwenden oder in der Vergangenheit sogar nach Syrien ausreisten, suchen dagegen vielfach vor allem emotionale Zufluchtsorte. Sie hegten mitunter romantische Vorstellungen, in denen die Kämpfer des Dschihad zu einer Art Popstars wurden. Diese Sichtweise unterstützten radikale Salafisten durch eine entsprechende Propaganda, die den Angesprochenen ein Gefühl von Zuwendung, eigener Bedeutung und besonderen Auserwähltseins vermittelte. Dabei wurden moderne, jugendgemäße Kommunikationsmittel eingesetzt. Anwerberinnen des IS posteten aus dem Irak niedliche Katzenbilder, Kinderfotos und rosarote IS-Flaggen. In Chats, auf WhatsApp oder Twitter wird auf Nöte, Wünsche und Bedürfnisse von jungen Frauen (und Männern gleichermaßen) eingegangen: Stress in der Schule, Langeweile, Frust mit den Eltern, empfundene Einsamkeit. Als Alternative wird mit der Aufnahme in eine vermeintlich gerechte Gemeinschaft geworben, in der man Bedeutung und wichtige Aufgaben erhält. In der Realität sollten junge Frauen jedoch vor allem den Bedürfnissen der Kämpfer dienen, mit ihnen – oft als Zweit- oder Drittfrau – Ehen eingehen und Nachwuchs für den Terrorstaat des IS gebären. Nachdem dieser im Zuge der regionalen Militäroperationen weitgehend zusammenbrach, viele Kämpfer fielen oder inhaftiert wurden, hat der Verfassungsschutz 2017 zunehmenden Einfluss von Frauen in der islamistischen Szene festgestellt. Sie füllen die Lücken der Männer und erziehen ihre Kinder mitunter im Sinne der islamistischen Ideologie.
Es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, in all diesen Fällen einer präventionspolitischen Verantwortung nachzukommen.

Quellentext

Miteinander ins Gespräch kommen

[…] [D]er nordrhein-westfälische Innenminister Herbert] Reul hat Lehrer aus ganz Nordrhein-Westfalen ins Junge Schauspiel eingeladen, um sie einen Tag lang über das vielfältige Angebot des Innenministeriums zum Thema Salafismusprävention zu informieren.
Vor gut einem Jahr begann das Ministerium damit, Schulen kostenlos Autorenlesungen, Comic-Workshops oder Filmvorführungen anzubieten. Mittlerweile füllt das Programm eine Broschüre mit mehr als zwanzig Seiten. Neben Theaterstücken wie "Paradies" des Jungen Schauspiels können Lehrer auch ein Seminar der Kölner Universität zur Analyse islamistischer Internetpropaganda oder den vielfach ausgezeichneten französischen Film "Der Himmel wird warten" für ihre Schüler buchen, der in mitreißenden Szenen die Radikalisierung zweier junger Frauen erzählt.

[…] Kern der nordrhein-westfälischen Salafismus-Präventionsarbeit bleibt das Anfang 2014 vom Sozialdemokraten Jäger initiierte Projekt "Wegweiser", das Jugendliche, die schon mit der Salafisten-Szene in Kontakt gekommen sind, vor dem Abgleiten in gewaltbereite Strukturen bewahren soll. In dem Programm arbeiten Schulen, Sozialämter, Jugendhilfeeinrichtungen sowie muslimische Geistliche zusammen. […]. Mittlerweile haben 550 Einzelfall-Beratungen in den Anlaufstellen in Bonn, Bochum, Aachen oder Dortmund stattgefunden, davon mehr als die Hälfte mit Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Intensiv beraten die "Wegweiser"-Fachleute aber auch Eltern und Lehrer. Heute gilt "Wegweiser" als stilbildend in der deutschen Salafismus-Präventionsarbeit, vielfach wurde das Programm kopiert. […] Im kommenden Jahr soll es 25 Anlaufstellen in Nordrhein-Westfalen geben. […]

Ebenfalls seit 2014 kümmert sich Nordrhein-Westfalen auch um jene systematisch, die schon ganz abgerutscht sind. Mit dem "Aussteigerprogramm Islamismus" soll jungen Leuten geholfen werden, die sich aus der dschihadistischen Szene lösen wollen. […] Bisher haben 127 Personen das Angebot angenommen, 47 werden aktuell betreut. […] […]
Das Ergebnis langer Gespräche und Recherchen ist der Versuch, sich in den Kopf eines potentiellen Attentäters hineinzuversetzen. In "Paradies" geht es um den 19 Jahre alten Hamid, der in den Salafismus abgedriftet ist. Er hat sich den Leiter des Jugendklubs als "ungläubigen" Feind ausgewählt, den er glaubt, töten zu müssen. […][W]ährend Hamid auf sein Opfer wartet, gehen ihm andauernd die Stimmen seiner "Brüder", aber auch seiner Ex-Freundin, seiner Schwester, seines Vaters, Bilder aus der Kindheit, Liedzeilen aus der Zeit vor dem Salafismus, all seine Zweifel durch den Kopf. Auch die Grenzen zwischen Publikum und Bühne sind fließend. Der ganze Theatersaal ist zum Klub umgebaut, das Publikum steht direkt neben den Schauspielern.

Schon während der Aufführungen komme es häufig zu direkten Reaktionen und Zwischenrufen, sagt Dramaturgin Kirstin Hess. Einmal seien muslimische Mädchen im Publikum gewesen, die während der Aufführung viel lachten. In der Nachbesprechung sagten die Mädchen: "Wir kennen das alles. Und endlich konnten wir einmal darüber lachen!" Und genau darum gehe es auch, sagt die Dramaturgin: durch das Lachen die Schwere des Themas aufzubrechen und ins Gespräch zu kommen. […]

Reiner Burger, "Der Kampf um die Köpfe", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. Dezember 2017

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Präventionsprogramme
Großbritannien reagierte als erstes Land in der Europäischen Union bereits 2003 mit der Antiterrorstrategie Contest auf die Herausforderungen einer möglichen Radikalisierung einzelner Muslime, die durch die Kriege in Irak und Afghanistan begünstigt wurde. Teile der Strategie finden sich im "Europäischen Aktionsplan zur Prävention von Radikalisierungsprozessen", der im Dezember 2004 beschlossen wurde. Im Rahmen der EU Counter-terrorism strategy (Nov. 2005) wurde im September 2011 das Radicalisation Awareness Network initiiert, das den Austausch von Experten mit praktischen oder wissenschaftlichen Kenntnissen sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) fördert. Auch die Niederlande verstärkten nach dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 ihre Bemühungen um eine Koordination der Präventionsarbeit. Seit Anfang 2009 setzt Dänemark mit seinem "Aktionsplan zur Abwehr extremistischer Sichtweisen und von Radikalisierung unter jungen Leuten" vielfältige Maßnahmen um. Hierzu gehören auch Maßnahmen gegen Jugendgewalt, Diskriminierung oder die Förderung von Beschäftigungsmöglichkeiten.
In allen Programmen finden sich drei Präventionsbereiche:
  1. Stärkung junger Menschen mit oder ohne muslimischen Glauben zur besseren gesellschaftlichen Teilhabe und Stärkung alternativer religiöser Botschaften und Selbstverständnisse.
  2. Fortbildung und Sensibilisierung von lokalen Behörden, von Schulen und von Menschen mit praxisbezogenen Aufgaben, Förderung konkreter Projekte und Netzwerkbildungen.
  3. Gezielte Intervention bei einzelnen Personen, die seitens der Behörden, der in der Sozialarbeit Tätigen durch Lehrkräfte oder Angehörige als gefährdet eingeschätzt werden.
Großbritanniens Strategieplan Contest bezog von Beginn an islamische Organisationen als Partner in Bildungs- und soziale Maßnahmen mit ein. Nach dem Regierungswechsel 2010 wurde die Zusammenarbeit jedoch stark eingeschränkt.

Frankreichs Fokus der Extremismusprävention liegt auf sicherheitspolitischen Maßnahmen. Aus französischer Sicht kommt als Gegenstand staatlicher Maßnahmen allein ein konkreter Rechtsbruch infrage.
Tatsächlich ist es wichtig zwischen dem Kampf gegen den Terror und sozialen und politischen Bedingungen, in denen Terrorismus und politische Gewalt stattfinden können, zu unterscheiden.

Die Rahmenbedingungen und Ursachen von Radikalisierungsprozessen werden in der Forschung teils sehr kontrovers diskutiert. Erklärungsmodelle, die Radikalisierung wesentlich mit sozialer Desintegration und konkreten Benachteiligungserfahrungen erklären, werden als vereinfachend und irreführend bemängelt. Zwar prägen Diskriminierung und Ausgrenzung den Alltag vieler Menschen muslimischen Glaubens, doch die Bereitschaft zur Gewaltanwendung lässt sich in vielen Fällen nicht unmittelbar darauf zurückführen.

In Deutschland gibt es seit Januar 2012 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die "Beratungsstelle Radikalisierung". Neben einem Telefonkontakt bieten bundesweite Beratungsteams Angehörigen die Möglichkeit zum Gespräch. Einen ähnlichen Weg geht Nordrhein-Westfalen mit dem Projekt "Wegweiser", für das der NRW-Innenminister das Schlagwort "Ausstieg vor dem Einstieg" gebrauchte. Auch hier arbeiten zumeist muslimische Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen in Beratungsstellen. Weitere Beratungsangebote werden auch durch die anderen Bundesländer, Städte und Gemeinden angeboten. Bayern gründete mit "Antworten auf Salafismus" ein eigenes Netzwerk für Prävention und Deradikalisierung.

Für Rückkehrer aus Kriegsgebieten, die mit juristischen Konsequenzen zu rechnen haben, sowie für auffällig gewordene Extremisten gibt es im Einzelfall spezielle Programme, die eine De-Radikalisierung ermöglichen können. Die Koordination ist oftmals direkt bei den Innenministerien der Länder angesiedelt.
Die Bundeszentrale für politische Bildung, Landeszentralen der politischen Bildung, verschiedene politische Stiftungen und weitere Akteure arbeiten im Bereich der Aufklärung, Sensibilisierung und Vernetzung. Zwischenzeitlich gibt es auch Unterrichtsmaterialien zu den Themenbereichen. Einen Überblick zum Unterrichtsmaterial findet sich unter "Literaturhinweise und Internetadressen".

Quellentext

Ein schulisches Präventionsangebot gegen Radikalisierung

Die Herbert-Hoover-Schule im Berliner Wedding. Die 8d muss an diesem Tag weder Gleichungen mit zwei Unbekannten lösen noch englische Vokabeln pauken. Heute geht es um Identität.
Ömer, Hatice, Anastasia, Ibrahim, Ibo und die anderen sitzen im Kreis. José Semedo drückt jedem ein Blatt Papier in die Hand und erklärt:
"Ihr bekommt zwei Minuten, schreibt in der Mitte Eure Namen, und dann rundherum, was macht Euch aus, zum Beispiel, Herr Semedo, Sport, schicke Frisur, Afrikaner, Religion, whatever. Okay, ihr habt nur zwei Minuten Zeit, legt mal los."

Ömer schreibt: "Moslem, Palästinenser, Musik", Ibo "Koran, Liebe, Familie." "Ich mache gerne was mit Beatboxen. Und Zeichnen. Und ich bete gerne." "Beten, das heißt, Religion, Islam."
Schnell wird klar – den Mädchen und Jungen der Klasse 8d – mehrheitlich muslimisch geprägt – ist Religion sehr wichtig. Sozialpädagoge José Semedo versucht, sie für Anwerbeversuche von Islamisten zu sensibilisieren.
"Ein Extremist, der dem IS nahesteht, sieht Ibo und will ihn anwerben. Wie würde er das machen?" "Ibo ist ja immer auf Facebook dran, und er postet auf Facebook, wie er betet. Und manche Leute schreiben ihn an, Du betest falsch. Wir können Dir beibringen, wie man richtig betet."
José Semedo nickt. Der Pädagoge hält den Jugendlichen keinen Fachvortrag über Islamismus und IS-Terror. Er versucht, ihnen die Mechanismen von Extremisten klarzumachen – dass diese zum Beispiel bewusst an persönlichen Schwachpunkten ansetzen.

"Manchmal wird es für einen viel zu viel. Es wird so erdrückend. Und genau in diesem Moment springen diese Gruppen auf. Dann haben die leichtes Spiel, weil man nicht mehr vor Augen hat, was macht mich wirklich aus. Aber solange man das kennt, sich einmal Gedanken gemacht hat, ist es nicht mehr so einfach. Dann kann man sagen, nein, komm, meine Familie gibt mir Liebe. Nicht nur ihr habt die absolute Wahrheit."

Die Arbeit von José Semedo ist Teil eines vom Bund finanzierten Modellprojekts zur Salafismus-Prävention. Knapp 740.000 Euro lässt sich der Bund dieses Projekt kosten, das derzeit an sechs Schulen erprobt wird.

Fallen Lehrerinnen und Lehrern Verhaltensänderungen bei ihren Schülern auf – Mohamed betet mehr als früher, gibt Frauen nicht mehr die Hand, Ayse kommt plötzlich komplett verhüllt zur Schule – hat Jose Semedo die Aufgabe zu klären, ob die Jugendlichen sich radikalisiert haben – und wenn ja, wie dieser Prozess gestoppt werden kann. Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück hat das Präventions-Konzept erarbeitet:
"Ziel hierbei ist immer, einerseits den Schulverlauf weiterhin sicherzustellen, also diesen Menschen zum Bildungsabschluss zu führen, aber tatsächlich auch dafür Sorge zu tragen, dass, wenn problematische Haltungen vorliegen, sich diese nicht verfestigen und auch nicht andere Schüler davon angesteckt werden."

Salafismus ist ein für Deutschland relativ neues Phänomen, bislang kennen sich nur wenige Lehrerinnen und Lehrer damit aus. Dies sei der Grund dafür, dass oft überreagiert werde, bedauert Islamwissenschaftler Kiefer – indem zum Beispiel bei auffälligen Schülern sofort der Staatsschutz in die Schule bestellt werde.

"Es gibt sowohl Alarmismus – dass jedes Zeichen von islamischer Religiosität schon als Problem angesehen werden oder als Ausdruck von Radikalität betrachtet werden. Aber es gibt natürlich auch Verharmlosung – das ist nur harmloser Jugendprotest, damit müssen wir uns nicht befassen – diese Einschätzung kann genauso falsch sein."

Wenig Sachkenntnis, wenig Professionalität im Umgang mit politisch radikalen Muslimen stellt der Islamwissenschaftler immer wieder fest. Dies gelte auch für den Bereich der Prävention. […]

Das Bundesforschungsministerium hat dieses Problem erkannt und fördert nun mit 1,5 Millionen Euro ein Projekt, das eine wissenschaftlich fundierte Übersicht über alle Präventions- und De-Radikalisierungsansätze und -projekte erarbeitet. Bis zu 1.000 solcher Initiativen existieren momentan – wie viele von ihnen allerdings erfolgreich sind, weiß niemand. […]

Claudia van Laak, "Schüler stärken gegen Radikalisierungsversuche", in: Deutschlandfunk vom 08.03.2018

Online verfügbar unter: www.deutschlandfunk.de/islamismus-praevention-in-berlin-schueler-staerken-gegen.862.de.html?dram:article_id=412535
Zuletzt abgerufen am 17.05.2018

Ein weiterer Bereich ist der Ausbau der muslimischen Seelsorge. Vor allem in Gefängnissen, in denen junge Menschen in den Einflussbereich extremistischer Mitgefangener gelangen können, wird die Gefängnisseelsorge ausgebaut.

Der Aufbau islamisch-theologischer Zentren an Universitäten zur Imam- und Religionslehrerausbildung kann als weiterer Baustein zur Prävention angesehen werden. Die Etablierung einer Islamischen Theologie und auch des Islamischen Religionsunterrichts kann die Radikalisierung Einzelner zwar nicht verhindern, aber es ist ein Schritt zur gesamtgesellschaftlichen Normalität. Eine fundierte Religionspädagogik fördert die Selbstreflexion und kann einem dogmatischen Verständnis entgegenwirken. Der grundgesetzlich geschützte konfessionelle Religionsunterricht ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung und Reflexion in Anlehnung an das Hegelsche oder Humboldtsche Konzept eines ganzheitlichen Bildungsideals. Dabei schließt er einen vergleichenden Ansatz zwischen verschiedenen Weltanschauungen keineswegs aus. Allerdings gibt es unter den rund 700.000 muslimischen Schülerinnen und Schülern in Deutschland bisher nur rund 25.000, also circa 3,6 Prozent, die einen islamischen Religionsunterricht erhalten.

Die geschilderten Präventionsmaßnahmen gegen Radikalisierung bieten Ansätze, die zur Hoffnung berechtigen, selbst wenn hundertprozentige Erfolge nicht zu gewärtigen sind. Inwieweit sie Wirkung erzielen, wird Gegenstand künftiger Evaluationen sein.

Staat und Salafismus
Das Grundgesetz schützt die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger. Für Salafisten bedeutet dies, dass ihr Handeln, solange es sich um reine Religionsausübung handelt, der Religionsfreiheit unterliegt. Wird jedoch eine politisch extremistische Weltsicht verbreitet, die sich organisiert gegen das Grundgesetz richtet, so muss diese vom Verfassungsschutz unter Beobachtung genommen werden, ohne dass sie in ihrem religiösen oder auch politischen Handeln durch staatliche Stellen eingeschränkt werden kann. Namentlich kann eine Erwähnung im Verfassungsschutzbericht erfolgen, was den Verlust der Gemeinnützigkeit und somit staatlich gewährter Steuervorteile nach sich zieht. Für ein Vereinsverbot, das vom Bundesinnenministerium oder von Landesinnenministerien ausgesprochen werden kann und polizeilich durchgesetzt wird, muss eine Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung nachgewiesen werden. Extremismus allein ist nicht strafbar. Erst wenn dieser zur Begehung von Straftaten führt, sind Polizei und Staatsanwaltschaft zuständig. Gemäß der dreiteiligen Kategorisierung des Salafismus, die zwischen Puristen, politischen Salafisten und Dschihadisten unterscheidet, stehen die beiden letztgenannten Gruppierungen unter Beobachtung von Polizei und Verfassungsschutz.
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