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Internationaler Tag gegen Kinderarbeit | Hintergrund aktuell | bpb.de

Hintergrund aktuell Jahresvorschau 2022 Jahresrückblick 2021

Internationaler Tag gegen Kinderarbeit

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Rund 160 Millionen Mädchen und Jungen sind weltweit von Kinderarbeit betroffen. Der Internationale Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni soll auf ihre Schicksale aufmerksam machen.

Der zehnjährige Shekh Zahid aus Malda in Westbengalen verdient 150 Rupien, etwa 1,70 Euro, am Tag, indem er verwertbares Material auf einer Mülldeponie sammelt. (© picture-alliance/dpa, Vijay Pandey)

Arbeitende Kinder sind dem Risiko körperlicher und psychischer Schäden ausgesetzt. Interner Link: Kinderarbeit beeinträchtigt die Bildung der Kinder und schränkt ihre Rechte und Zukunftschancen ein. Der Internationale Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni soll auf die Schicksale der betroffenen Mädchen und Jungen aufmerksam machen. Einem 2022 veröffentlichten Externer Link: Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und des UN-Kinderhilfswerks UNICEF zufolge waren 2020 geschätzt 160 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 17 Jahren von Kinderarbeit betroffen. Demnach muss weltweit jedes zehnte Kind unter Bedingungen arbeiten, die sie Externer Link: ihrer elementaren Rechte und Chancen entziehen. Allerdings werden bei globalen Schätzungen regionale Ausprägungen nicht berücksichtigt. So gibt es dem Bericht zufolge große Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen und Ländern.

Der Jungen-Anteil ist mit 97 Millionen höher als der der Mädchen mit 63 Millionen. Interner Link: UNICEF geht jedoch davon aus, dass Mädchen häufiger Arbeiten erledigten, die nicht in den Statistiken auftauchten – wie etwa im Haushalt. Daher falle der tatsächliche geschlechtsspezifische Unterschied weniger stark aus, als es die Statistiken nahelegen.

Zunahme von Kinderarbeit wegen der COVID-19-Pandemie

Von 2000 bis 2016 war die Zahl der arbeitenden Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren kontinuierlich von 246 Millionen auf 152 Millionen gesunken. Dieser Trend hat sich laut ILO und UN-Kinderhilfswerk jedoch im Zuge der COVID-19-Pandemie umgekehrt: 2020 fiel die Zahl der Betroffenen demnach um 8,4 Millionen höher aus als noch vier Jahre zuvor. Die Pandemie hat das akute Armutsrisiko gefährdeter Bevölkerungsgruppen verstärkt und jahrelange Fortschritte im Kampf gegen Kinderarbeit getilgt. Ohne ausreichende Gegenmaßnahmen gehen ILO und UNICEF davon aus, dass wegen der zunehmenden Armut bis Ende dieses Jahres weltweit fast neun Millionen weitere Kinder in Arbeit gedrängt werden könnten. Wirtschaftskrisen und hohe Gesundheitskosten hätten die Situation ebenso wie die langen Schulausfälle in vielen Ländern verschlechtert.

2020 mussten 79 Millionen Mädchen und Jungen gefährliche Arbeiten verrichten

Nicht immer, wenn Kinder einer Arbeit nachgehen, ist dies "Kinderarbeit" nach der Definition von ILO und UNICEF. Beide Organisationen unterscheiden zwischen "Kinderarbeit" und "leichten, erlaubten Tätigkeiten". Letztere sind Arbeiten, die die physische oder psychische Gesundheit und Entwicklung der Kinder nicht gefährden, Mädchen und Jungen also beispielsweise nicht vom Schulbesuch abhalten. Einer solchen Tätigkeit dürfen den ILO-Regularien zufolge sogar bereits 13-Jährige nachgehen.

"Kinderarbeit" umfasst den ILO-Angaben zufolge dagegen unter anderem die Beschäftigung von Kindern unter dem Mindestalter, eine zu große Stundenzahl sowie gefährliche Formen von Arbeit. Darunter fallen Tätigkeiten, die Risiken für die Sicherheit, Gesundheit und die psychische Entwicklung der Kinder mit sich bringen können. Hierzu zählen etwa Nachtarbeit, Arbeit mit gefährlichen Maschinen und Stoffen und generell Arbeit in Umgebungen, in denen Kinder physischer, psychischer und sexueller Misshandlung ausgesetzt sind.

2020 mussten gut 79 Millionen Mädchen und Jungen weltweit gefährliche Arbeiten verrichten. Dies sind sechs Millionen mehr als noch 2016 aber noch immer weniger als nur halb so viele wie noch vor zwei Jahrzehnten.

Kinder in Krisenregionen wie Subsahara-Afrika besonders betroffen

Am häufigsten kommt Kinderarbeit noch immer in der Landwirtschaft vor. Aus Sicht der ILO und UNICEF ist es besorgniserregend, dass der Zuwachs bei der Kinderarbeit allein auf die Altersgruppe der 5- bis 11-Jährigen zurückgeht. Besonders betroffen sind Mädchen und Jungen in Konflikt- und Krisenregionen. Viele der Kinder müssen arbeiten, weil sie etwa verwaist und auf sich gestellt sind oder das Familieneinkommen ohne ihren Arbeitslohn nicht zum Überleben ausreicht. Oft fehlt den Betroffenen der Zugang zu Bildung.

Kinderarbeit entwickelt sich regional höchst unterschiedlich: Rund 92 Millionen – und damit mehr als die Hälfte aller von Kinderarbeit Betroffenen – lebt in Afrika. Auf dem Kontinent ist etwa jedes fünfte Kind davon betroffen. Insbesondere Interner Link: südlich der Sahara gab es seit 2016 einen massiven Anstieg, um 16,6 Millionen. Dagegen ist in anderen Regionen wie Asien und dem Pazifik sowie in Lateinamerika und der Karibik die Zahl der von Kinderarbeit Betroffenen im gleichen Zeitraum deutlich gesunken – allein in Asien und Pazifik um 13,4 Millionen.

Krisen verstärken Kinderarbeit

Krisen wie Kriege und Hungerkatastrophen verstärken Armut und begünstigen somit die Bedingungen für Kinderarbeit. Diese kommt in Regionen, die von bewaffneten Konflikten betroffenen sind, weit häufiger vor als im weltweiten Durchschnitt. Zudem werden Kinder auf der Flucht überdurchschnittlich oft ausgebeutet.

Wie weit der Interner Link: Ukrainekrieg und die damit verbundene Nahrungsmittelknappheit in zahlreichen Entwicklungsländern die Problematik verschärft, ist noch nicht absehbar. Allerdings warnt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) vor einer globalen Hungerkrise. Denn viele Getreideexporte nach Afrika oder Asien stammen aus der Ukraine und Russland. Zuletzt verringerten sich die Ausfuhren aus beiden Ländern massiv, insbesondere aber aus der Ukraine. Eine weitere Verarmung vieler Familien in Afrika könnte womöglich auch Kinderarbeit weiter in die Höhe treiben.

Bessere Sozialsysteme als Mittel gegen Kinderarbeit

Bereits 2015 haben sich mehr als 150 Staats- und Regierungschefs im Rahmen der Interner Link: Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (UN) darauf geeinigt, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit wie etwa den Einsatz von Kindersoldaten effektiv zu bekämpfen. Bis 2025 – so das Ziel der UN – sollen alle Formen von Kinderarbeit beendet und verboten werden. Das Jahr 2021 war von der ILO zum Internationalen Jahr zur Abschaffung der Kinderarbeit erklärt worden. Doch angesichts der jüngsten Entwicklungen scheint das Ziel, die Kinderarbeit abzuschaffen, in weiter Ferne zu liegen.

In diesem Jahr steht der 12. Juni unter dem Motto "Universeller Sozialschutz zur Beendigung der Kinderarbeit". Anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit fordert die ILO verstärkte Investitionen in die sozialen Sicherungssysteme. Denn diese seien die Grundlage, um Jungen und Mädchen vor Kinderarbeit zu schützen. Auf der diesjährigen ILO-Weltkonferenz gegen Kinderarbeit nahmen Vertreter/-innen zahlreicher Staaten und Organisation teil, zentrales Thema war die dauerhafte Überwindung von Kinderarbeit. Erstmals diskutierten dort auch arbeitende Kinder ihre Sichtweisen mit Politiker/-innen. Soziale Sicherung spielte bei den Gesprächen eine wichtige Voraussetzung, um das 2025er Ziel doch noch zu erreichen – ebenso der Zugang zu Bildung.

Der massive Zusammenhang zwischen Armut und Kinderarbeit zeigte sich in den vergangenen Jahren laut ILO und UNICEF besonders stark südlich der Sahelzone. Während der Corona-Pandemie wurden Fachleuten zufolge überdurchschnittlich viele Kinder in Arbeit gezwungen, bei denen zuvor ein oder beide Elternteile ihre Arbeit verloren hatte. Finanzielle Hilfen und Zugang zur Gesundheitsversorgung helfe Kinderarbeit vorzubeugen und diese wirksam zu verringern.

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