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Gespräche gestalten zu Videos der Reihe "Say My Name"

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Gespräche gestalten zu Videos der Reihe "Say My Name"

Julian Ernst Josephine B. Schmitt

/ 6 Minuten zu lesen

Die Videos der Reihe "Say My Name" bearbeiten das sensible Thema Diskriminierung. Doch wie lassen sich die Videos für weiterführende Gespräche nutzen? Was ist angesichts der sensiblen Thematik zu berücksichtigen? Und wie kann man Gespräche zu Videos der Reihe konkret gestalten? Welche Möglichkeiten ergeben sich ggf. auch für eine interaktive Auseinandersetzung mit den Videos online?

Gespräche gestalten: Hände (© bpb)

Anschlusskommunikation als Schlüsselmoment

Im Rahmen der sogenannten Anschlusskommunikation – also dem Führen von Gesprächen nach dem Schauen eines Videos – können sich Deutungen des Rezipierten verfestigen, etwaige Irritationen und Ungereimtheiten verhandelt und Meinungen gebildet werden. Die Anschlusskommunikation ist somit einer der entscheidenden Zeitpunkte der Aneignung von Medienangeboten und potentieller Anlass von Bildungsprozessen. Anschlusskommunikationen über die Videos der Reihe "Say My Name" bieten sich einerseits in der Schule an. Curriculare Vorgaben des gesellschaftswissenschaftlichen Fächerspektrums eröffnen hier Möglichkeiten , aber auch im Unterrichtsfach Deutsch können die Videos als Impulse für moderierte Gruppendiskussionen zum Einsatz kommen. Auch in außerschulischen Bildungssituationen können die Videos Ausgangspunkt zur Auseinandersetzung mit Fragen der (Nicht-) Zugehörigkeit und der etwaigen Aufarbeitung diskriminierender Erfahrungen bilden.

Darüber hinaus kann diese Kommunikation auch online erfolgen, beispielsweise in einem geschützten Diskussionsrahmen wie etwa geschlossenen Gruppen und Foren, oder in den Kommentarspalten von online verfügbaren Medieninhalten (z. B. Videos, Bildern und Texten). Insbesondere Diskussionen und Gespräche in letzterem Kontext bieten jedoch in der Regel nicht ausreichend viel Schutz für einen vertrauensvollen und offenen Austausch über sensible Themen wie Diskriminierungserfahrung. So können sogenannte "Hater" Diskussionen und Gespräche durch unzivilisierte, hasserfüllte Kommentare lähmen bzw. ganz zum Verstummen bringen. Wenngleich durch eine gewissenhafte Moderation von Kommentaren positiv auf die Gesprächsatmosphäre eingewirkt werden kann, sind die Hürden für eine pädagogisch sinnvolle, gelingende Anschlusskommunikation hoch. Gespräche und Diskussionen in offen einsehbaren Kommentarspalten können ein Ausgangspunkt für eine intensivere Auseinandersetzung mit einem Thema in einem für potentielle Beteiligte sichereren Rahmen sein. Diesen sicheren Rahmen können zu einem gewissen Grad "Eins-zu-Eins-Settings" oder geschlossene Gruppen online bieten. Zentrale Gelegenheit für gezieltes und in diesem engeren Sinne erst pädagogisches Handeln bietet jedoch Anschlusskommunikation in einem offline Setting.

Doch wie lassen sich überhaupt Gespräche zu Videos gestalten? Welche Besonderheiten sind im Falle der Videos des Webvideo-Formats "Say My Name" zu berücksichtigen? Inwiefern ist ein "geschützter" pädagogischer Rahmen dafür notwendig?

Über Diskriminierung reden – die gesellschaftlichen Positionen im Hinterkopf

In den Videos der Reihe "Say My Name" steht die Auseinandersetzung mit Diskriminierungserfahrungen im Fokus. In Gesprächssituationen zu den Videos sollte daher stets die gesellschaftliche Position, d.h. der Umstand ob Beteiligte in ihrem Alltag als "anders" gelesen werden oder nicht, reflektiert und im Hinterkopf behalten werden – sowohl von Seiten der teilnehmenden Jugendlichen als auch als Pädagogin bzw. Pädagoge. Denn wie der britische Soziologe Stuart Hall erarbeitete, sind "Lesarten", d.h. Interpretationen, von Medien insbesondere auch abhängig von Perspektiven der Rezipientinnen und Rezipienten. Für die Videos von "Say My Name" heißt dies konkret: Bei Jugendlichen, die selbst Diskriminierung in ihrem Alltag erfahren, können die Videos ganz andere Dinge auslösen als bei Jugendlichen und/oder Pädagoginnen und Pädagogen, für die Rassismus und andere Phänomene (bisher) keine Rolle spielen.

Da die Re-Aktualisierung verletzender Erfahrungen nie gänzlich ausgeschlossen bzw. im Vorfeld antizipiert werden kann, ist die zentrale Voraussetzung für die Beschäftigung mit den Videos ein vertrauensvoller Umgang in der Gruppe bzw. mit den beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen. Nur in einer Gruppensituation, in der die Dimensionen diskriminierender Erfahrung sensibel behandelt werden, kann diese überhaupt thematisiert und Ausgangspunkt pädagogischer Arbeit werden. Selbiges gilt theoretisch auch für pädagogische Formate, die die Videos zum onlinegestützten Austausch nutzen wollen. Hier wäre von Bedeutung, einen geschützten Rahmen herzustellen – etwa in Form zutrittsbeschränkter Online-Gruppen – um angemessene Voraussetzungen zur Thematisierung etwaiger Diskriminierungserfahrungen zu schaffen.

Keinesfalls sollten diskriminierende Erfahrungen Jugendlicher für die Gesprächsgestaltung "ausgeschlachtet" werden. Entscheidend ist die Selbstläufigkeit im Peerkontext, d. h. die interaktive Eigenständigkeit, in der die Jugendlichen miteinander ein Thema behandeln. Ist ein Thema für die Jugendlichen nicht relevant oder scheinen sie dieses – aus welchen Gründen auch immer – nicht vertiefen zu wollen, so ist das in diesem thematischen Zusammenhang unbedingt zu akzeptieren. Gerade Pädagoginnen und Pädagogen, die strukturell keine Benachteiligung erfahren haben, kommt hier in besonderem Maße die Rolle als zurückhaltende/r Moderator/in zu.

Zirkuläres Fragen und Perspektiven wechseln

Eine konkrete Technik, um Jugendliche für die Diskriminierung im Alltag zur Reflexion anzuregen, ist die Verwendung zirkulärer Fragen. Diese Fragetechnik fand ursprünglich Anwendung in der systemischen Therapie und Beratung. In einer Gesprächsrunde zum Video der Reihe "Say My Name" mit Clement und Lisa Sophie könnte etwa gefragt werden: Was glaubt Ihr, denkt Lisa Sophie über Clements Erlebnisse zu Karneval? Bezugsgröße können auch andere für die an-wesenden Jugendlichen lebensweltlich relevante Personen oder Figuren sein. Eine andere Frage könnte beispielsweise lauten: Was glaubt Ihr, wie würde der Rapper Capital Bra an Clements Stelle in einer Polizeikontrolle handeln?

Der besondere Vorteil dieses Vorgehens insbesondere bei kontroversen oder besonders sensiblen Themen ist, dass diese Art von Fragen nie nach der Haltung, Meinung, Position einer direkt an der Gesprächssituation beteiligten Person fragt. Die fragend und bestenfalls auch spielerisch angelegte Aufforderung, eine andere Perspektive einzunehmen, birgt nicht nur das besondere Potenzial, sich die eigene Perspektive und (soziale) Position zu vergegenwärtigen. Zirkuläres Fragen kann darüber hinaus anregen, den abstrakten "Anderen" im Video in seiner "Subjekthaftigkeit" als Mensch mit Gefühlen, einer Biographie, Routinen und Eigenheiten erfahrbar werden zu lassen; es kann damit den Grundstein für ein interkulturelles Lernen und den sensiblen Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit legen.

Auch zum Anstoß onlinebasierter Auseinandersetzungen mit den Videos können zirkuläre Fragen grundsätzlich zum Einsatz kommen, um Reflexionen anzustoßen. Bedacht werden sollte bei diesem Fragestil jedoch, dass nicht nur die Fragen selbst als sprachlich voraussetzungsvoll einzustufen sind, sondern auch dass die Beantwortung dieser hohe sprachliche Kompetenzen bei allen Beteiligten voraussetzt – schließlich gilt es, die Auseinandersetzung mit der Perspektive anderer in die Tasten zu tippen. Als Alternative hierzu könnten für die onlinebasierte Auseinandersetzung sprachlich weniger herausfordernde Memes als Impulse zum Einsatz kommen – der Instagram-Account zur Webvideoreihe "Say My Name" bietet hier zahlreiche Beispiele.

FazitDie Webvideos der Reihe "Say My Name" zum Anlass für Gespräche zu nehmen birgt Anforderungen wie Potenziale. Gespräche zu sensiblen Themen wie Diskriminierung bedürfen des bedachten Umgangs mit Subjektpositionen aller Beteiligter; gerade Perspektiven Jugendlicher, für die Diskriminierung Alltag ist, müssen stets mitgedacht werden. Zugleich bieten die Videos Möglichkeiten zur Reflexion der eigenen sozialen Positionen. Die Technik des zirkulären Fragens bietet sich in besonderem Maße zur Gestaltung von Anschlusskommunikationen an, um Perspektivwechsel anzuregen. Ein pädagogisches Offline-Setting ist dabei aus verschiedenen o.g. Gründen einer allein online-basierten Auseinandersetzung vorzuziehen.

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Julian Ernst (Lehramtsstudium in Köln und Istanbul) ist Doktorand am Arbeitsbereich für Interkulturelle Bildungsforschung der Universität zu Köln. Er forscht zur Medienkritik(fähigkeit) Jugendlicher, zu digitalen Bildungsmedien im Kontext von Hass und Gegenrede sowie zu didaktischen Fragestellungen Interkultureller Bildung. Weiterhin entwickelt er (medien)pädagogische Konzepte u.a. im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und des Innenministeriums NRW.

Dr. Josephine B. Schmitt (Studium der Psychologie in Hamburg, Promotion im Bereich Medienpsychologie an der Universität Hohenheim) ist Referentin am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum. Sie forscht unter anderem zu Inhalt, Verbreitung und Wirkung von Hate Speech, extremistischer Propaganda, Gegenbotschaften und (politischen) Informations- und Bildungsangeboten im Internet. Zudem entwickelt sie didaktische Konzepte für die Radikalisierungsprävention unter anderem im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und des Innenministeriums NRW.