Meine Merkliste

Gute Praxis in der Prävention

Radikalisierungsprävention Islamismus Nach Berufsgruppen Beratung & Ausstieg Journalismus & Medien Jugendarbeit & Soziale Arbeit Kinder- & Jugendhilfe Politische Bildung Schule & pädagogische Praxis Sicherheitsbehörden & Justiz Verwaltung & Politik Wissenschaft & Forschung Hintergrund-Beiträge Grundlagen: Begriffe & Konzepte Islamismus, Salafismus, Dschihadismus Salafismus – was ist das überhaupt? "Politischer Islam" Die Begriffe Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus Zum Konzept der Prävention Was ist antimuslimischer Rassismus? Debatte: Politische Bildung & Primärprävention Islamismus: Gruppierungen, Ideologie & Propaganda Zahlen zur islamistischen Szene in Deutschland Die salafistische Szene in Deutschland "Legalistischer Islamismus" als Herausforderung für die Prävention Die Hizb ut-Tahrir in Deutschland Die Furkan-Gemeinschaft Mädchen und Frauen im Salafismus Antisemitische Narrative in deutsch-islamistischen Milieus Antimuslimischer Rassismus als islamistisches Mobilisierungsthema Monitoring von islamistischen YouTube-Kanälen Salafistische Online-Propaganda Das Virus als Mittel zum Zweck Dschihadistinnen. Faszination Märtyrertod Gewalt als Gegenwehr? Radikalisierung: Gründe & Verlauf Anzeichen von Radikalisierung Psychosoziale Aspekte von Radikalität und Extremismus Interview mit Ex-Salafist Dominic Musa Schmitz Wie sich zwei Teenager radikalisierten Welche Rolle spielt Religion? Diskriminierung und Radikalisierung Erfahrungen von Rassismus als Radikalisierungsfaktor? Radikalisierung bei Geflüchteten Faktoren für die Hinwendung zum gewaltorientierten Islamismus Wer sind die "IS"-Unterstützer? Prävention & Politische Bildung Ansätze der Prävention mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen 20 Thesen zu guter Präventionspraxis Religion – eine Ressource in der Radikalisierungsprävention? Emotionen in der Präventionsarbeit Counter Narratives Gender-reflektierte Präventionsarbeit Die Bedeutung innermuslimischer Salafismuskritik für die Radikalisierungsprävention Rechtsextremismus und Islamismus - Was ist übertragbar? Phänomenübergreifende Jugendkulturarbeit Museen & Extremismusprävention Paradies – Hier, Jetzt, Später? Muslimische Jugendarbeit Muslimische Institutionen & Prävention Politische Bildung im Jugendstrafvollzug Politische Bildung in der Untersuchungshaft Prävention in Gefängnissen Jugendquartiersmanagement Interview: Polizei und Extremismusprävention in Mannheim Videos und soziale Medien: Prävention im Internet Online-Streetwork gegen Extremismus Aufsuchende Sozialarbeit in Social Media Online-Projekt: Fragen zum Glauben Phänomenübergreifende Radikalisierungsprävention Polizei NRW: Kontaktbeamte für muslimische Institutionen Beratung & Fallmanagement Interview: Die Rolle der Angehörigen in der Radikalisierungsprävention Der rechtliche Rahmen für die Präventionspraxis Datenschutz in der Präventionsarbeit Religionsfreiheit vs. Kindeswohlgefährdung Psychische Störungen im Zusammenhang mit Radikalisierung Beratung in Zeiten von Corona Risk Assessment im Phänomenbereich gewaltbereiter Extremismus BAMF: Prävention im Flüchtlingsbereich Deradikalisierung & „IS“-Rückkehrer Zur Rolle von Psychotherapie in der Ausstiegsbegleitung und Deradikalisierung Ausstiegsarbeit und Psychotherapie Pädagogische Ansätze zur Deradikalisierung Distanzierung vom Salafismus Wie "ZiVI-Extremismus" Beratungsstellen für Deradikalisierung unterstützen kann Praxisbericht: Deradikalisierung im Strafvollzug Wie das BAMF den Umgang mit Rückkehrenden koordiniert Interview: Zurück aus dem "Kalifat" Rehabilitation von "IS"-Rückkehrerinnen und ihren Kindern Rückkehrende und Strafjustiz Rückkehrer und "Homegrown Terrorists" Islamismus in Schule & Jugendarbeit Diskutieren mit radikalisierten Schülerinnen und Schülern Globale Konflikte im Klassenzimmer Umgehen mit Kindern aus salafistisch geprägten Familien Kinder in salafistisch geprägten Familien Radikalisierung an Schulen früh erkennen FAQs zum Sprechen über Anschläge Mohammed-Karikaturen im Unterricht Schweigeminuten: Möglichkeiten & Fallstricke Salafismus als Herausforderung für die Offene Kinder- und Jugendarbeit Radikalisierungsprävention in der Schule Interview: Wie können Schulen reagieren? Akteure, Netzwerke & Internationales Serie: Islamismusprävention in Deutschland BAG religiös begründeter Extremismus Das KN:IX stellt sich vor Radicalisation Awareness Network RAN aus Praxis-Sicht Hass im Netz bekämpfen Bundesprogramm gegen Islamismus Soziale Arbeit und Sicherheitsbehörden Zusammenarbeit Beratungsstellen & Jugendhilfe Kommunale Radikalisierungsprävention Netzwerkarbeit vor Ort: Augsburg "Prevent", die Anti-Terrorismus-Strategie Großbritanniens Interview: Vilvoorde – vom "belgischen Aleppo" zum Vorbild Frankreich: Was hilft gegen Dschihadismus? Forschung & Evaluation Übersicht: Forschung zu Islamismus Übersicht: Evaluation von Präventionsprojekten modus|zad: Zwischen Forschung und Praxis Umfrage: Phänomenübergreifende Perspektiven gefordert, Islamismus weiterhin relevant Partizipative Evaluationen Evidenzbasierte Prävention (Neue) Evaluationskultur? Evaluation neu denken Das "Erwartungsdreieck Evaluation" Evaluation von Präventionspraxis Angemessene Evaluationsforschung Weitere Themen Das Sprechen über den Islam Gesetze und Plattformregeln gegen Online-Radikalisierung MasterClass: Präventionsfeld Islamismus Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz Hintergrund-Beiträge chronologisch Schwerpunkt-Themen: Serien "Legalistischer" Islamismus Psychologie & Psychotherapie Antimuslimischer Rassismus Rechtlicher Rahmen Kooperation von Präventionsakteuren Umgang mit Anschlägen in der Schule Evaluationen Materialsammlungen Handreichung: Schule und religiös begründeter Extremismus Handreichung: Umgang mit Anschlägen Pädagogische Materialien Sekundarstufe Grundschule Medien für den Unterricht Publikationen für die Schule Jugendbücher & Unterrichtsmaterialien von dtv Video & Audio Dokumentationen, Reportagen & Filme Podcast-Serien und Radiobeiträge Erklärvideos, Talks und Podcasts mit Fachleuten & Präventionsprojekte Veranstaltungsdokumentationen & Online-Seminare Islam & muslimisches Leben Bücher & Zeitschriften Fachbücher Sachbücher Biografien & Autobiografien Romane Fachzeitschriften Broschüren, Handreichungen & Online-Portale Service Newsletter: Abo & Archiv Newsletter-Archiv Datenbank: Beratung & Angebote vor Ort finden FAQ Termine 2022 Termin-Rückblick 2022 Termin-Rückblick 2021 Termin-Rückblick 2020 Stellenangebote Über den Infodienst & Kontakt Verlinkung mit dem Infodienst

Gute Praxis in der Prävention 20 Thesen zu Extremismusprävention & Programmgestaltung

Harald Weilnböck Milena Uhlmann

/ 7 Minuten zu lesen

Die 20 Thesen von Milena Uhlmann (BAMF) und Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive) sind als erster Impuls für die Diskussion über gute Präventionspraxis zu verstehen. Sie vereinen Erkenntnisse aus Praxiserfahrungen und Forschungsergebnissen, behördliche Perspektiven und zivilgesellschaftliche Erkenntnisse mit Ergebnissen aus verschiedenen Expertenrunden im Rahmen der Beratungsstelle "Radikalisierung" und des Radicalisation Awareness Network (RAN).

Diskussion der 20 Thesen auf der Fachtagung in Mannheim im Dezember 2017 (© bpb)

Termine, Stellen, News, Materialien, Videos & Hintergrund-InfosNewsletter zu Radikalisierung & Prävention abonnieren

Bleiben Sie auf dem Laufenden im Arbeitsfeld Radikalisierungsprävention! Termine, Stellen, News, Materialien, Videos & neue Hintergrund-Beiträge des Infodienst Radikalisierungsprävention – alle sechs Wochen per E-Mail.

Interner Link: → Zum Newsletter-Abonnement

Im Rahmen der Fachtagung der Bundeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg - "Grenzenloser Salafismus - Grenzenlose Prävention? - Radikalisierung, politische Bildung und internationale Ansätze der Prävention" - im Dezember 2017 in Mannheim haben Milena Uhlmann (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive e. V.) "Thesen zu guter Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung" vorgestellt. Dieser erste Aufschlag vereint Praxiserfahrungen und Forschungsergebnisse, behördliche Perspektiven und zivilgesellschaftliche Erkenntnisse mit Ergebnissen aus der Externer Link: Evaluation der Beratungsstelle "Radikalisierung" und verschiedenen Expertenrunden im Rahmen des Externer Link: Radicalisation Awareness Network (RAN) (Externer Link: "RAN-Derad Declaration of Good Practice", Externer Link: "Good practice in 'policy making'") .

Die Thesen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern stellen lediglich einen ersten Impuls dar, der zur Diskussion anregen soll. Diese wollen wir hier mit Ihnen führen. Daher bieten wir an, nach und nach ausgewählte Kommentare zu den Thesen zu veröffentlichen. Wenn auch Sie mit debattieren möchten, schicken Sie Ihren maximal 1.000 Zeichen umfassenden Kommentar an: E-Mail Link: radikalisierungspraevention@redaktion-kauer.de.

I. Prinzipien in der Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit

1. Vertrauensbildung, Respekt, Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind das non plus ultra in der Präventionsarbeit für zivilgesellschaftliche und behördliche Akteure; sowohl gegenüber den Klienten und Klientinnen als auch im kollegialen Miteinander. Dazu zählt auch das Gewähren vom Vertraulichkeit und eingeschränkter Berichtspflicht gegenüber den Behörden, die das Programm finanzieren (in Fällen, die keine Eigen- oder Fremdgefährdung betreffen). Sie sichern die Niedrigschwelligkeit des Angebots und bilden die Grundlage für die Arbeit mit den Klienten und Klientinnen.

2. Freiwilligkeit und ein lebensweltlich orientierter Ansatz sind von zentraler Relevanz für die Umsetzbarkeit von Präventionsprogrammen. Nachhaltige persönliche Veränderungen und Entwicklungen können nicht unter Zwang geschehen. Hier liegen stets individuelle, in der persönlichen Lebenswelt und Biografie verortete Bedürfnisse zugrunde, die Präventionsarbeitende erkennen und einordnen können müssen.

3. In der Extremismusprävention liegt der Schwerpunkt auf emotionalem und sozialem Lernen, weniger auf kognitivem Lernen. Emotionale Kompetenz und emotionale Intelligenz sind daher von grundlegender Relevanz in diesem Arbeitsfeld. Konflikte, Ambivalenzen, Unsicherheiten, Scham, Furcht, Aggression, Freude, Sinnkrisen, Diskriminierungserfahrungen, geopolitisches Weltgeschehen, Ohnmachtsgefühle, mangelnde Handlungsoptio-nen und/oder -kompetenz in Bezug auf das Weltgeschehen, den eigenen Alltag, Probleme im Beruf/in der Schule und Konflikte in der Familie, Traumata, Gewalterfahrungen – für all diese Themen muss ein Gesprächs- und Lernraum geöffnet werden.

4. Kreative und gestalterische Methoden können ein sehr effektives Element von Präventionsansätzen sein. Verfahren des gestalterischen Selbstausdrucks (Theater, Jugendkulturen etc.) eignen sich, um den Kontakt zu jungen Leuten herzustellen, die ansonsten für präventive oder pädagogische Maßnahmen nur sehr schwer erreichbar sind. Auch kann kreativer Selbstausdruck Impulse der persönlichen Veränderung und Entwicklung unterstützen.

5. Narrativ-erzählenden Ansätzen – als Ausdruck von persönlich erlebter Erfahrung – ist zunächst der Vorzug gegenüber argumentativen Ansätzen zu geben. Argumente polarisieren oft, Erzählen verbindet und erschließt die für die jeweilige Person wichtigen Erfahrungsthemen, ohne die eine nachhaltige persönliche Veränderung und Entwicklung nicht gelingen kann. Gleichwohl sollte die Haltung kritisch-zugewandt sein, also sowohl akzeptierende als auch konfrontierende Elemente verbinden.

6. Gute Präventionsarbeit lenkt den Blick von Defiziten auf Ressourcen. Sie hilft Klienten und Klientinnen dabei, Kompetenzen aufzubauen, um ihr Leben selbsttätig zu meistern, und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken. Sie behandelt den Menschen stets als Subjekt, niemals als Objekt. Klienten und Klientinnen werden nicht präventiert oder deradikalisiert, sondern sind immer handelnde Akteure.

7. Unter bestimmten Voraussetzungen kann Prävention und Ausstiegsarbeit sehr von Gruppenarbeit und gruppendynamischem Lernen profitieren, da soziales und emotionales Lernen hier besonders intensiviert wird. Die Themen und Anliegen kommen dabei von den Teilnehmenden selbst (siehe Prinzipien 2. und 3.) und werden durch die Leitung in einem prozessoffenen Ablauf moderiert.

8. Gender-Themen haben im Extremismus eine Schlüsselfunktion – und müssen auch in der Prävention vorrangig bearbeitet werden. Extremisten und Extremistinnen, die nicht gleichzeitig auch sexistisch und homophob eingestellt sind, gibt es eigentlich nicht. Die Rekrutierungsstrategien aller Extremismen legen deutliches Zeugnis davon ab. Was vermeintlich ein Mann ist (Maskulinität) oder was eine wahre Frau ist (Femininität), steht oft im Zentrum der Affekte von extremistischen Reden und Gewalttaten. Ansichten über und Erfahrungen in Sexualität und Liebe sind hoch bedeutsam (jedoch von Prävention meist unberücksichtigt).

9. Präventionsmaßnahmen müssen lokale Strukturen einbeziehen und den Kontext der Durchführung miteinbeziehen sowie auf die Expertise angrenzender Fachbereiche zurückgreifen, bestenfalls schon in der Entwicklungsphase. Die verschiedenen Akteure im lokalen, aber auch nationalen Handlungsfeld müssen sich und ihre Kompetenzgebiete, Aufgaben- und Verantwortungsbereiche kennen. Die Schnittstellen zwischen den Akteuren müssen klar sein und regelmäßig auf die Aktualität der eingebundenen Expertise überprüft werden.

10. Kenntnis, Bewusstsein und Einbezug der politischen Debatten und Mediendiskurse sowie der gesellschaftlichen ‚Befindlichkeiten‘ ist ein ebenso wichtiger Teil der Arbeit in dem Handlungsfeld. Präventionsarbeit findet nicht in einem Vakuum statt. Das gesellschaftliche Klima ist ebenso relevant für Prozesse der Radikalisierung und der Distanzierung wie das soziale Umfeld.

11. Nachhaltige (vor allem sekundäre und tertiäre) Prävention lässt sich nur im Rahmen einer direkten, persönlichen (Arbeits-)Beziehung bewirken – Medienprodukte und Internet können hier lediglich unterstützende Elemente darstellen. Dass das Internet bei Radikalisierungsverläufen eine gewisse Rolle spielt, bedeutet keineswegs, dass Internet und soziale Medien auch für Prävention und Deradikalisierung zentral wichtig wären. Die Abwendung von einer affektiv verankerten Selbst- und Weltanschauung stellt eine tiefgreifende persönliche Veränderung dar. Dies kann durch die Rezeption von Medienmaterial nicht nachhaltig erzielt werden. Eine direkte, persönliche und pädagogische Mentor und Mentorinnen-Beziehung ist unerlässlich.

II. Prinzipien in der Politik- und Programmgestaltung

12. Gute Politik- und Programmgestaltung wird tunlichst nicht auf nur eine Form von gewaltbereitem Extremismus Bezug nehmen, sondern stets zwei oder mehrere einschlägige Phänomenbereiche zusammen im Blick haben. Zum einen stehen gewaltförmige Extremismen in einem reziproken Verhältnis der wechselseitigen Eskalation. Zum anderen führt jegliche Fokussierung auf nur eine Form von Extremismus unvermeidlich zu Polarisierungen und Stigmatisierungen. Prävention und Deradikalisierung sollten aber keinesfalls polarisieren und stigmatisieren – oder unabsichtlich Kampagnen gegen bestimmte Personengruppen Vorschub leisten.

13. Der beständigen Verführung, die Themen von Extremismus und Prävention für parteipolitische Strategien zu missbrauchen, muss nachdrücklich vorgebeugt werden. Wir blicken auf Jahrzehnte der gegenseitigen parteipolitischen Schuldzuweisung zwischen rechts und links zurück, die mehr oder weniger trefflich gewesen sein mögen, aber letztlich der gemeinsamen Sache des Schutzes der demokratisch-menschenrechtlichen Gesellschaften keinen guten Dienst erwiesen haben. Extremismusprävention muss in systematischer und gut organisierter Weise als überparteiliches, gesamtgesellschaftliches Anliegen gehandhabt werden.

14. Gute Politik- und Programmgestaltung wird sich nicht in erster Linie auf die religiösen bzw. ideologisch-weltanschaulichen Gesichtspunkte beziehen, sondern vielmehr die sozialen, biographischen und psychoaffektiven Charakteristika von gefährdeten oder radikalisierten jungen Menschen in den Vordergrund heben. Praxisforschung hat vielfach unterstrichen, dass ideologische oder religiöse Aspekte zwar durchaus Belang haben, aber in ihrer Wirkung bei Radikalisierung und guter Präventionsarbeit überschätzt werden. Biographisch-Persönliches, Soziales, und Psycho-affektives sind mindestens ebenso wichtig. Zudem trägt ein Fokus auf Ideologie oder Religion stets indirekt zur Polarisierung und Stigmatisierung von Gruppen bei. Das Sprechen über Ideologie oder Religion führt oft zu Streit und Trennung – ein gelingen-des Gespräch über Persönliches und Erlebnishaftes verbindet und stiftet Dialog.

15. Prävention ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, die ein gutes Zusammenspiel der relevanten Bereiche erfordert und insbesondere auf Partnerschaften zwischen zivilen und behördlichen Akteuren angewiesen ist. Sicherheitsbelangen ist Rechnung zu tragen. Gleichzeitig wirkt Radikalisierung jenseits sicherheitsrelevanter Aspekte tief in unsere Gesellschaften hinein. Umso wichtiger ist die Rolle der Zivilgesellschaft, die durch starke Partnerschaften mit behördlichen Akteuren sowohl die Gesellschaft als auch Individuen stärken und gemeinsam allen Formen der Radikalisierung entgegenwirken kann.

16. Eine ausreichende Präsenz und Mitwirkung von erfahrenen Praktikern und Praktikerinnen in der Programm- und Politikgestaltung ist unumgänglich. Handlungskonzepte, Methoden und Instrumente müssen von unten nach oben (bottom-up) und in enger Rückkopplung mit der Arbeit im Feld entwickelt werden. Die Praktiker und Praktikerinnen vor Ort kennen die einschlägigen Zielgruppen und die erfolgversprechenden Methodiken am besten. Die Zusammenarbeit zwischen Politik-/Programmgestaltung, Wissenschaft und Praktikern und Praktikerinnen muss auf selber Augenhöhe fungieren.

17. Die aktive Vernetzung und der fortwährende Austausch unter allen relevanten Akteuren sind von großer Bedeutung. Ziel ist das gegenseitige voneinander Lernen und eine funktionierende Kooperation. Es gibt kein Patentrezept für Prävention und Deradikalisierung, aber Folgerungen aus gemachten Erfahrungen können und sollen einer Überprüfung unterzogen und dort wo passend an die jeweiligen nationalen und lokalen Kontexte angepasst werden (tailor-made approach).

18. Die Zeithorizonte zur Konzeptualisierung von Präventionsprogrammen sollten so bemessen werden, dass sie auf behördlicher Seite grundlegend vorbereitet und im Folgenden unter Einbezug der späteren weiteren Netzwerkakteure weiterentwickelt werden können. Die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der verschiedenen Akteure müssen ausdifferenziert und in klaren Prozessketten aufeinander beziehbar sein. Hierfür muss stets klar sein, was das Ziel des jeweiligen Programms ist (z. B. Demobilisierung, Ausstieg, Integration, Deradikalisierung, Prävention) und welches die Zielgruppe ist.

19. Strategien gegen Radikalisierung in den Extremismus sollten sich nicht nur mit Symptombehandlung befassen. Das Stattfinden von Radikalisierung deutet immer auch auf Defizite unserer Gesellschaften hin. Effektive Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen des Phänomens erfordern ganzheitliche gesellschaftliche Strategien zunächst auf nationaler, aber auch auf internationaler Ebene.

20. Präventions- und Ausstiegsprogramme sind keine "Musterdemokratenmaschinen", und sollen es auch nicht sein. Weder gibt es eine Erfolgsgarantie, noch sollen radikale Ideen an und für sich ‚ausgetrieben‘ werden. Die allgemeine Zielvorstellung, auf die wir hinarbeiten, ist weder eine Konditionierung a la "Brave New World" noch eine Gedankenpolizei a la "1984", sondern eine pluralistische Gesellschaft, die in ihrer Diversität lebenswert für alle ist. Prävention ist zunächst nicht gegen, sondern vor allem für – sie bekämpft nicht (nur), sondern schafft und baut auf. Dies gilt es in der Programmgestaltung, -einbettung und -zielausrichtung zu berücksichtigen.

Infodienst RadikalisierungspräventionMehr Infos zu Radikalisierung, Prävention & Islamismus

Das Online-Portal Infodienst Radikalisierungsprävention der bpb bietet Hintergrundwissen, pädagogische Materialien, einen Newsletter und eine Übersicht mit Beratungsangeboten.

Interner Link: → Zur Infodienst-Startseite

Quellen / Literatur

El Difraoui,Asiem/Uhlmann, Milena/Micheron, Hugo (2015): Les politiques de dé-radicalisation. Allemagne, Grade Bretagne et Danemark, Paris: SciencesPo.

Uhlmann, Milena (2017): Evaluation der Beratungsstelle „Radikalisierung“ – Abschlussbericht. Forschungsbericht 31, Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 14-16.

Weilnböck, Harald/Örell, Robert et al. (2015): RAN Derad Declaration of Good Practice – Principles of Sustainable Interventions in Disengagement and Rehabilitation (Deradicalisation) from Involvement in Violent Extremism and Group Hatred. Online unter Externer Link: http://cultures-interactive.de/de/fachartikel.html.

Weilnböck, Harald (2013): The Narrative Principle: Good Practice in Anti-Hate Crime Interventions within the Radical-isation Awareness Network. In: Right-Wing Extremism in Europe. Country analyses, counter-strategies and labor-market oriented exit-strategies. Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 379-408. Online unter Externer Link: http://weilnboeck.net/pages_en/essays.html.

Weilnböck, Harald (2017): Good practice in “policy making” about preventing/ distancing of violent extremism – and group hatred. Demnächst auf Externer Link: http://cultures-interactive.de/de/fachartikel.html.

Fussnoten

Fußnoten

  1. In der Arbeitsgruppe Deradikalisierung des RAN haben ca. 80 felderfahrene Praktikerinnen und Praktiker, die aus diversen europäischen Ländern kommen und mit unterschiedlichen Formen von gewaltförmigem Extremismus und Gruppenhass befasst sind, von 2011 - 2015 ehrenamtlich zusammengearbeitet. Daraus ging die Externer Link: "RAN-Derad Declaration of Good Practice" und die Empfehlungen zu Externer Link: "Good practice in 'policy making'" hervor, die hier mit zugrunde liegen.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Harald Weilnböck, Milena Uhlmann für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Cultures Interactive e.V., Berlin, Germany E-Mail: E-Mail Link: weilnboeck@cultures-interactive.de

Milena Uhlmann ist Politikwissenschaftlerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg. Ihr Forschungsinteresse gilt insbesondere der Analyse von Deradikalisierungsmaßnahmen und -prozessen sowie methodischen und methodologischen Aspekten ihrer Erforschung und ihrer Evaluation. Darüber hinaus forschte sie intensiv zu Konversionen zum Islam in Westeuropa. Zuletzt erschienen sind von ihr die Evaluation der Beratungsstelle "Radikalisierung" des BAMF sowie das gemeinsam mit Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive e. V.) verfasste "Thesenpapier zum Vortrag 'Zum internationalen Stand der Extremismusprävention in Europa – Ansätze und Erfahrungen': 20 Prinzipien guter Praxis".