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VR/AR in der historisch-politischen Bildung – Chancen und Risiken

Immersion, Überwältigung, Stärkung von Neugier und Interesse - die Chancen und Risiken des Einsatzes von VR und AR in der historisch-politischen Bildung wurden bei unserem Bildungssalon in Bonn heiß diskutiert. Ein Rückblick.

AR-Anwendungen im PraxistestAR-Anwendungen im Praxistest Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (bpb, Theresa Kühnert)

Die Veranstaltung war eine Wiederholung des Bildungssalons "Lernen mit Virtual und Augmented Reality", die bereits im März in Berlin stattgefunden hatte. Hier finden Sie mehr Informationen und einen Bericht zum ersten Salon. Im Anschluss sprach werkstatt.bpb.de mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Bildungssalons.

werkstatt.bpb.de: Welche praktischen und theoretischen Erfahrungen haben Sie vor dem Bildungssalon mit der Anwendung von Virtual und Augmented Reality gemacht?

Anja WagemannAnja Wagemann Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (bpb, Theresa Kühnert)
Anja Wagemann: Theoretisch habe ich mich schon eine Menge damit auseinandergesetzt. Ich interessiere mich für Geschichte und für die Darstellung von Geschichte. Und wann immer ich etwas über VR und AR lese, nehme ich das natürlich auf. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, dann gucke ich: Was gibt es vor Ort? Insofern ist das Thema eigentlich seit Jahren präsent. Ich habe aber selber noch keine VR- oder AR-Anwendung mit erstellt, sondern diese nur ausprobiert. Ich kann mich erinnern, dass ich mit Virtual Reality in eine Zeche gegangen bin und zwar in einen Zechenschacht im Ruhrgebiet. Das hat mich sehr beeindruckt, weil man wirklich in die Lage versetzt wurde, die Arbeitswelt unter Tage kennenzulernen. Natürlich erfasst man damit nicht, was es bedeutet unter Tage zu schuften. Das ist noch einmal etwas ganz anderes. Aber trotzdem wurde das Thema sehr gut umgesetzt. Man konnte sich unter Tage umschauen. Man machte eine Fahrt im Schacht mit und man konnte an einzelnen Punkten ergänzende Informationen bekommen. Das war sehr geschickt gemacht. Seitdem geht mir durch den Kopf: Wo könnte man AR oder VR im Museum, im Archiv, bei Stadtführungen, wo auch immer: wo könnte man das vielleicht noch sinnvoll einsetzen.

Johann Cesarz: Meine Erfahrungen mit VR oder AR sind ganz allgemeiner Natur. Im Bereich VR habe ich einmal das Time-Ride in Köln mitgemacht, wo man in die deutsche Kaiserzeit eintaucht, in das Köln von vor hundert Jahren. Und im Bereich AR habe ich mir die WDR-Zeitzeugen-Plattform angeguckt, wo mit Hologrammen gearbeitet wird. Ich habe auch schon mal die Standort-App Wikitude genutzt, wo man sich im Smartphone anschaut, wo man gerade ist und sich über den Ort dann Informationen holen kann.

Constantin Becker: Meine Erfahrungen im Bereich VR/AR sind eher gering. Ich habe tatsächlich hauptsächlich Gaming-Erfahrungen mit der Virtual-Reality-Brille gemacht. Augmented Reality – da kenn ich die WDR Zeitzeugen. Ich habe mit der Virtual-Reality-Brille aber auch ein paar Umfrage-Tests an der Universität zu Köln beantwortet.

werkstatt.bpb.de: Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile von AR und VR? Und bei welchen Einsatzgebieten, welchen Themenbereichen oder Lernsettings sind Sie skeptisch, was die Anwendung betrifft?

Anja Wagemann: Bisher war ich eigentlich nur positiv gestimmt. Aber man muss auch sehen, dass der Umgang mit Geschichte immer ein kritischer ist. Wir müssen begreifen, dass wir uns nicht in diese Zeit zurückversetzen können. Wir machen das immer ein Stück weit, um die Menschen zu verstehen. Aber wir sollten uns nicht einbilden, dass wir das wirklich können. Die Gefahr sehe ich ein bisschen bei VR. Man sollte nicht suggerieren: Ich zeig dir jetzt, wie es war und dann hast du es ganz authentisch. Es ist etwas Neues und es ist schön und es hat seine Vorteile und bestimmt seine Nachteile. Aber so authentisch, wie wir immer wollen, können wir gar nicht sein. Das sollte uns bei der Nutzung bewusst sein. Die Grenzen sollten klar sein.



Johann Cesarz: Ich glaube, dass man vor allem im AR-Bereich ganz große Potenziale hat. Da ist es möglich, zum einen zu dekonstruieren, aber eben auch selbst zu konstruieren. Man könnte beispielsweise in der Schule Projekte machen zu Stolpersteinen, wo man über die persönliche Geschichte der Menschen, den Namen, die auf diesen Stolpersteinen stehen, etwas beitragen kann. AR und VR bringen definitiv neue Möglichkeiten, die aber vor allem dahingehend reguliert werden müssen, dass man, wie bei anderen Medien auch darauf guckt, dass die Aufgabenstellung einfach stimmig ist, dass man wirklich einen Mehrwert, einen Lernerfolg hat.

Konstantin BeckerConstantin Becker Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (bpb, Theresa Kühnert)
Constantin Becker: Die Vorteile sehe ich immer dann, wenn es das Ziel ist, den Schülern und Schülerinnen die historische Welt zu vermitteln. Zum Beispiel können Artefakte damit dreidimensional dargestellt werden, sie verlieren dieses Zweidimensionale eines Lehrwerkes. Skeptisch hingegen bin ich dann, wenn die Entwickler oder die Darsteller die Geschichte so vorgeben, wie sie nie passiert ist oder sich auf wenige Aspekte konzentrieren, die aber in dieser Masse gar nicht vorgekommen sind. Ich finde die Anwendung von VR zum Beispiel sinnvoll bei dem Videospiel Assassin's Creed Discovery Mode, mit dem man in das alte Ägypten reisen kann. Dort können die Schüler und Schülerinnen das alte Ägypten möglichst nahe erleben. Bei der Anwendung von AR und VR sollte den Schülerinnen und Schülern aber nicht der Eindruck vermittelt wird, dass die damalige Welt in dieser Form genau so existiert hat.

werkstatt.bpb.de: Haben Sie vor, in Zukunft häufiger AR- oder VR-Anwendungen zu nutzen? Für welche Themen oder Lernsettings können Sie sich das vorstellen?

Anja Wagemann: Ich finde das sehr, sehr reizvoll für Stadtführungen. Ich mache mir da aber auch ein bisschen Sorgen, was die Inklusion angeht. Ich habe selber eine Lesebrille und habe beim Ausprobieren gerade einigermaßen Probleme mit dem Handy in der VR-Brille gehabt. Das war jetzt nicht so komfortabel für mich, und ich stelle mir nun ältere Menschen vor, die durch die Stadt gehen mit dem kleinen Handy – ob denen das wirklich etwas bringt ist die Frage. Da muss man noch ein bisschen weiterdenken. Ich sehe den Vorteil, mit den VR-Brillen einen Eindruck zu geben von einer fremden Welt, sehe aber mehr Chancen bei AR. Das ist für mich als Historikerin noch interessanter, weil man da deutlich sieht: das ist die Realität und das ist das Draufgesetzte. Und als Historikerin finde ich das besser, es kommt mir entgegen.

Johann CesarzJohann Cesarz Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (bpb, Theresa Kühnert)
Johann Cesarz: Ich komme ja eigentlich mehr aus der Biologie. Da ist Anschaulichkeit ein wesentlicher Punkt. Da kann man total viel machen. Geschichte hat als Geisteswissenschaft, was Anschaulichkeit angeht, immer ein paar Probleme. Aber man könnte da dennoch kleinere Projekte starten, wo man mittels AR die Geschichte von Gegenden, in denen man sich gerade befindet, konstruiert. Oder man schaut sich zum Beispiel im außerschulischen Bereich Orte wie Gedenkstätten an und bekommt dort mittels AR zusätzliche Informationen und verbindet die dann auch mit einer vernünftigen Aufgabenstellung.

Constantin Becker: Ich kann mir vorstellen, VR oder AR einzusetzen, um Schülerinnen und Schüler in die vergangenen Lebenswelten einzubinden. Sie so einzubeziehen, dass sie in dieser Welt das Ziel haben, Entscheidungen historisch zu begründen und entsprechend zu handeln. Und dass sie mitfühlen können, wie die Menschen damals in dieser Situation gelebt haben.

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Über unsere Interviewpartner:

Anja Wagemann ist freiberufliche Historikerin und Archivarin. Sie hat unter anderem im Haus der Geschichte und für die Lebenshilfe gearbeitet und ist in der schulischen sowie außerschulischen politischen Bildung tätig.

Johann Cesarz hat Biologie und Geschichte auf Lehramt studiert und ist aktuell in der Umweltbildung tätig.

Constantin Becker ist an der Königin-Luise-Schule in Köln Referendar für die Fächer Mathematik und Sozialwissenschaften.

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