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Mehr Medien, mehr Chancen, mehr Möglichkeiten | Pro & Contra: Digitale Nachhilfe auf Knopfdruck | bpb.de

Debatte Pro & Contra: Digitale Nachhilfe auf Knopfdruck

Pro-Beitrag

Mehr Medien, mehr Chancen, mehr Möglichkeiten

Marc Fabian Buck

/ 3 Minuten zu lesen

Durch ein kostenloses Peer-to-Peer-Angebot bieten Nachhilfeangebote Schülerinnen und Schülern die Chance auf niedrigschwellige Lernunterstützung. Richtig implementiert können derartige Plattformen eine inklusive Wirkung haben.

Digitale Nachhilfe bieten Schülerinnen und Schülern Unterstützung zu Hausaufgaben und Co. (© CDC Externer Link: pexels.com)

Marc Fabian Buck, Vertretungsprofessor für Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen und Gastdozent für Allgemeine Pädagogik an der Universität Stuttgart (© privat)

Im Zuge der Corona-Pandemie sind einige Online-Plattformen im Bildungsbereich entstanden, wozu auch Nachhilfeseiten wie beispielsweise Externer Link: naklar.io zählen. Auf solchen können sich Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 bis 13 mit ehrenamtlichen Tutorinnen und Tutoren gleichen oder höheren Alters vernetzen – im Dating-Jargon des 21. Jahrhunderts: matchen – und dort gezielte Fragen zu Unterrichtsinhalten stellen. Beide Parteien treten dann per Audio- oder Videotelefonat in Kontakt. Entstanden ist das Projekt naklar.io als studentische Initiative und kann inzwischen (im Mai 2022) über 8.000 Nutzerinnen und Nutzer aufweisen. Es versteht sich selbst als "Antwort für mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit in Deutschland" (Externer Link: naklar.io 2022).

Pädagogisch steht die doppelte Frage im Raum, ob a) solche Angebote tatsächlich zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen und b) ob diese Angebote auch der individuellen Förderung dienlich sind.

Es gibt drei gute Gründe, die für die Nutzung und Verbreitung solcher Angebote sprechen.

  1. Medial: Kinder und Jugendliche, an die sich solche Nachhilfeseiten richten, sind im Allgemeinen sehr versiert im Umgang mit digitalen Angeboten und verfügen über entsprechende Endgeräte (vgl. Externer Link: mpfs 2021; Externer Link: 2022). Sie können sehr wohl und treffsicher Spielerei von Ernst unterscheiden, wenngleich die Unterstellung einer Generation der Digital Natives problematisch ist und bleibt.

  2. Sprachlich: Schülerinnen und Schüler sind in der Lage, sich gegenseitig Unterrichtsinhalte in einer Sprache zu erklären, die keinen bildungsbürgerlichen Habitus voraussetzt, sondern am alltäglichen Sprachgebrauch ansetzt. Damit stellen Peer-Plattformen wie die genannte potenziell ein Korrektiv zur bildungssprachlichen Mittelschichtinstitution Schule dar. Insbesondere Schülerinnen und Schüler, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, könnten hiervon stark profitieren.

  3. Kompensatorisch: Zusatzangebote wie Nachhilfeseiten binden auch schüchterne Schülerinnen und Schüler ein sowie solche, die sich keine kostenpflichtige Nachhilfe leisten können oder strukturell nicht darauf zugreifen können – also etwa im ländlichen Raum. Richtig implementiert, können derartige Plattformen inkludierend wirken.

Gegenmeinung

Hans-Peter Meidinger ist skeptisch, ob "digitale Nachhilfe auf Knopfdruck" der Königsweg ist. Wichtiger als technische Plattformen sei eine motivierende und ausdauernde Betreuung durch die Lehrkräfte, egal ob digital oder analog.

Interner Link: Mehr erfahren zur Gegenmeinung

Nimmt man diese drei Aspekte zusammen, so ergibt sich eine niedrigschwellige Möglichkeit der Ergänzung schulischer Angebote. Das gilt vor allem für Halbtagsschulen, an denen keine gesonderte Hausaufgabenbetreuung existiert, an die man Verständnisfragen richten könnte. Dennoch müssen aus erziehungswissenschaftlicher Sicht auch bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit solche Angebote nicht das Gegenteil dessen bewirken, was sie zu beheben anstrebten (etwa die Vermeidung des Digital Divide durch datensparsamen Zugang in einfacher Sprache; Qualitätskontrolle durch die Bundesländer). Auch sollten keine zu großen Hoffnungen entstehen bezüglich individueller Förderung. Diese obliegt nach wie vor pädagogischen Fachkräften, die dafür eine anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen.

Über "naklar.io"

Externer Link: Naklar.io ist eine kostenlose Nachhilfeplattform, die Lernunterstützung für Schüler/-innen bietet. Studentische, ehrenamtliche Tutoren/-innen können auf der Plattform für Termine angefragt werden und sich im Anschluss über Video- oder Audiotelefonate auf der Plattform Big Blue Button mit Schülern/-innen verbinden, um bei Fragen zu Schulstoff und -aufgaben zu helfen. Naklar.io gründete sich im Rahmen des #wirvsvirus Solution Enabler Programms unter Schirmherrschaft des Bundeskanzleramts und wird im Rahmen der Förderinitiative digital.engagiert von Amazon AWS und dem Stifterverband gefördert. Darüber hinaus bestehen Partnerschaften zu weiteren Unternehmen. Naklar.io betreut neben der Plattform weitere Tutoring- und Vernetzungsprojekte und kooperiert u.a. mit bayerischen Schulen, dem Münchner Referat für Bildung und Sport oder dem sächsischen Staatsministerium für Kultus, das innerhalb des Systems eine eigene Plattform für sächsische Schüler/-innen eingerichtet hat. Laut eigener Aussage sammelt naklar.io so wenig Daten wie technisch nötig und läuft auf bayerischen Servern mit einem ISO-Sicherheitsstandard. Die Datenschutzerklärung ist Externer Link: hier einsehbar.

Sofern die notwendigen pädagogischen Randbedingungen erfüllt sind, ist eine solche Entwicklung sehr zu begrüßen. Auch, weil so der Solidarität der Schülerinnen und Schüler untereinander – bei Wolfgang Klafki noch "konstitutives Moment von Bildung" genannt – ein erhöhter Stellenwert beigemessen wird.

Eine differenzierte Perspektive auf neue Bildungsmöglichkeiten, die von digitalen Medien Gebrauch machen, birgt großes Potential für eine gerechte, inklusive Zukunft der Bildung. Nachhilfeplattformen wie Externer Link: naklar.io dürfen allerdings staatlicherseits nicht einfach nur als gegeben angenommen werden, sondern müssen – wie alle anderen Bildungsangebote auch – gründlich auf ihr komplementäres Potenzial zu staatlichen Angeboten sowie auf die Gefahren einer schleichenden Privatisierung (Externer Link: Förschler 2018;Externer Link: Höhne 2018) geprüft werden. Behalten die Schulverwaltungen, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer dies im Blick, darf begründete Hoffnung bestehen, dass die kompensatorische und unterstützende Wirkung dieser und ähnlicher Plattformen tatsächlich realisiert wird.

Weitere Meinungen zur Debatte

Contra-Beitrag

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verfasst von Marc Fabian Buck

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Marc Fabian Buck ist Vertretungsprofessor für Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen und Gastdozent für Allgemeine Pädagogik an der Universität Stuttgart.