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20.7.2021

Vor 5 Jahren: Rechtsextremer Anschlag in München

Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger in München aus rassistischen Motiven neun Menschen. Erst nach mehreren Jahren wurde die Tat offiziell als rechtsextrem eingestuft.

Münchner Bürger gedenken zwei Tage nach der Tat am Olympia Einkaufszentrum in München der neun Opfer des Attentats vom 22. Juli 2016.Münchner Bürger gedenken zwei Tage nach der Tat am Olympia Einkaufszentrum in München der neun Opfer des Attentats vom 22. Juli 2016. (© picture-alliance/dpa)

Am 22. Juli 2016 erschoss der 18-jährige David S. aus rechtsextremen Motiven in München neun Menschen und sich selbst. Zudem verletzte er fünf Personen zum Teil schwer. Sieben der Opfer waren Muslime, eines ein Rom, ein weiteres Sinto. Die Tat gilt als einer der blutigsten rassistisch motivierten Terrorakte der neueren deutschen Geschichte.

Was geschah am 22. Juli 2016 in München?

David S. hatte sich in den Wochen vor der Tat eine Pistole sowie Munition im Darknet beschafft. Er postete im Vorfeld der Tat Aufrufe auf Facebook, in denen er andere Jugendliche aufforderte, in ein Schnellrestaurant unweit des Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) zu kommen. Am Nachmittag des 22. Juli 2016 suchte David S. das besagte Fast-Food-Restaurant auf. Laut dem Bericht des bayerischen Landeskriminalamtes holte er dort auf einer Toilette seine Waffe aus seinem Rucksack und feuerte kurz darauf zahlreiche Male auf eine Gruppe Jugendlicher in einer Sitznische des Restaurants. Von den sechs Kindern und Jugendlichen, auf die der Deutsch-Iraner David S. schoss, überlebte lediglich ein 13-Jähriger, dem die Flucht gelang, mit lebensgefährlichen Verletzungen.

Anschließend verließ David S. das Schnellrestaurant und schoss auf Flüchtende. Vor einer Tiefgarage tötete der Attentäter einen 17-Jährigen, auch eine 45-Jährige erlag ihren Verletzungen. In der Nähe eines U-Bahneingangs erschoss der Täter einen 19-Jährigen und nahe den Rolltreppen im Einkaufszentrum eine 20-Jährige.

Attentäter begeht Suizid

Insgesamt feuerte David S. nach Polizeiangaben fast 60 Schüsse ab. Die Polizei eröffnete das Feuer auf den Attentäter, verfehlte ihn jedoch. Von einem Parkdeck aus schoss er auf Anwohner und versteckte sich anschließend im Fahrradabstellraum eines Wohnhauses. Gegen Abend verließ er das Gebäude und erschoss sich vor den Augen der Polizei.

Die polizeilichen Ermittlungen dauerten mehrere Monate an. In ihrem ersten Abschlussbericht kamen die Staatsanwaltschaft München und das bayerische Landeskriminalamt (LKA) 2017 zu der Einschätzung, dass David S. allein gehandelt hatte.

Kontroverse um das Tatmotiv

Die Sicherheitsbehörden gingen zunächst davon aus, dass David S. aus Rache gehandelt habe. Der Täter hatte massive psychische Probleme. Er wurde laut den Ermittlungen jahrelang von Mitschülern gemobbt und körperlich misshandelt. Er habe Zuwanderer mit südosteuropäischem Migrationshintergrund für sein Leiden verantwortlich gemacht, so das LKA. Die persönliche Kränkung des 18-Jährigen und nicht dessen Ideologie habe bei der Tat im Vordergrund gestanden, wie das Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft in ihrem 2017 erschienenen Bericht angaben. Die Sicherheitsbehörden sprachen deshalb zunächst von einem Amoklauf und nicht von einem politischen Terroranschlag.

Doch die Ermittler hielten bereits damals fest, dass David S. sich eine rassistische Gedankenwelt aufgebaut hatte. Während einer Psychotherapie soll er den Hitlergruß gezeigt und Hakenkreuze gemalt haben. Die Auswahl seiner Opfer hatte der Jugendliche den Ermittlungen zufolge nach rassistischen Kriterien vorgenommen. Die Tat fiel auf den fünften Jahrestag des rechtsextremen Attentats von Anders Breivik in Norwegen. Deshalb kritisierten nicht nur die Opferanwälte die Tatmotiv-These der Ermittlungsbehörden, die von einem unpolitischen Amoklauf ausgingen.

Gutachten legen rechtsextremes Tatmotiv nahe

Von der Stadt München beauftragte Gutachter kamen 2017 zu anderen Schlussfolgerungen: Zwei von drei kamen zu dem Ergebnis, dass es sich bei dem Attentat von David S. um Rechtsterrorismus handelte. Im Jahr 2018 kam auch das Bundesamt für Justiz zu der Ansicht, dass es sich um eine rechtsextremistische Tat handelte. Auch das bayerische Landeskriminalamt änderte 2019 in seinem Abschlussbericht die Bewertung der Tatmotive. Die Ermittler ordneten die Tat schließlich als "Politisch motivierte Gewaltkriminalität - rechts" ein.

Auch angesichts der NSU-Morde, die von den Ermittlern lange Zeit nicht als rechtsextreme Terrorakte erkannt wurden, werfen Kritikerinnen und Kritiker den Sicherheitsbehörden und politisch Verantwortlichen vor, Rechtsterrorismus in Deutschland zu verharmlosen. Viele Familien der Opfer leiden bis heute unter den Folgen des Anschlags. Der Waffenhändler, der David S. die Tatwaffe verkaufte, wurde mittlerweile rechtskräftig zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Rechtsextreme Attentate in Deutschland

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren in Deutschland zu rechtsextremistisch und rassistisch motivierten Morden: Im Juni 2019 ermordete ein Rechtsextremist den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Im Oktober 2019 tötete ein Neonazi in Halle zwei Menschen. Sein Versuch, am jüdischen Feiertag Jom Kippur in eine Synagoge einzudringen, wo der Mann so viele Jüdinnen und Juden wie möglich töten wollte, war zuvor gescheitert. In Hanau erschoss im Februar 2020 ein Rechtsterrorist neun Menschen. Die Terrororganisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mordete jahrelang unerkannt. Zwischen 2000 und 2007 töteten sie insgesamt neun Migranten und eine Polizistin.

Das Bundeskriminalamt hat von 1989 bis 2020 109 Tötungsdelikte als rechts motiviert erfasst (Stand: Ende 2020). Nach Recherchen von NGOs und Opferinitiativen liegt die Zahl der Opfer höher. 1993 wurden in Solingen fünf türkischstämmige Frauen und Mädchen bei einem rechtsextremistischen Brandanschlag ermordet. Als blutigster Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik gilt das Münchner Oktoberfestattentat 1980, bei dem eine von einem Neonazi gelegte Bombe 13 Menschen tötete und über 200 verletzte.

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