Demografischer Wandel

13.3.2019 | Von:
Kathrin Schwarze-Reiter
Roland Preuß

Bevölkerungswachstum in Niger

"Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft Nigers"

Das Bild zeigt mehrere Schülerinnen und Schüler in einer Schule in Niger.Knapp 23 Prozent der nigrischen Männer zwischen 25 und 64 Jahren können laut Weltbank lesen und schreiben, bei den Frauen sind es nur acht Prozent. (© picture-alliance/dpa)

Djibo Saadatou ist ein modernes Gesicht Nigers, das städtische, wohlhabende. Die Diplomatentochter kehrte nach einer Kindheit in den USA und Frankreich vor zwölf Jahren zurück. Heute arbeitet sie als Koordinatorin für Erziehung und Bildung im SOS-Kinderdorf in Niamey. Die 114 Mädchen und Jungen wohnen je zu zehnt in einer Kinderdorf-Familie, Pflegemütter sorgen für sie, es gibt saubere Betten, Spielzeug, einen Fernseher und jeden Tag drei Mahlzeiten. Vor allem aber gibt es Schulbücher. Die Kinder lernen Französisch, Mathematik und Geschichte, werden in Literatur, Kunst und Ethik unterrichtet. Die Eltern sind häufig tot, gestorben an Aids oder Malaria. Andere Kinder wurden auf der Straße aufgelesen, die Mütter hatten sich aus Verzweiflung umgebracht. Saadatou sagt: "Bildung ist für mich der Schlüssel zur Zukunft Nigers."

Niger hat das schlechteste Bildungsniveau der Welt. Nur knapp 23 Prozent der Männer zwischen 25 und 64 Jahren können laut Weltbank lesen und schreiben, bei den Frauen sind es acht Prozent. In der jüngeren Generation sieht es kaum besser aus. Welche Kraft Bildung als Voraussetzung für kleinere Familien und für Wohlstand entfaltet, hat der Aufstieg asiatischer Boomländer wie Südkorea oder Taiwan gezeigt. Sie hatten in ihr Bildungssystem investiert. Inzwischen sind diese Staaten wohlhabend – und ihre Bürger spielen bei den Pisa-Studien vorn mit.

Niger ist das Gegenbeispiel. Frauen, die keine Schule besucht haben, bekommen im Durchschnitt noch immer mehr als sieben Kinder, zeigt eine Unesco-Studie. Haben die Frauen hingegen die ersten Klassen einer weiterführenden Schule abgeschlossen, bekommen sie vier, bei einem höheren Schulabschluss sogar nur noch drei Kinder. Derzeit besucht die Hälfte der jungen Nigrer zwischen sechs und 15 Jahren überhaupt keine Schule, 45 Prozent arbeiten bereits. Die Regierung hat die Schulpflicht bis 15 eingeführt, das Heiraten unter 16 verboten. Das wird nicht reichen: Um allen Bildung bieten zu können, müsste der Staat jedes Jahr 6000 Schulen bauen, heißt es in einer Analyse von Entwicklungsexperten.

Unterstützung aus dem Ausland

Das Land kann die Last der nachwachsenden Generation nicht stemmen, andere Staaten müssen es unterstützen. Berlin etwa fördert digitale Projekte in Afrika, 100 Millionen Euro hat das Bundesentwicklungsministerium seit 2016 in die Initiative "Digital Africa" investiert. Mit einem Klick steht die Welt offen, Kraft und Ideen der jungen Menschen bleiben aber im Land. Auch Mariama Mai Moussa ist in Niger geblieben: Sie ging zehn Jahre zur Schule, studierte Management in Niamey. Inzwischen arbeitet die 31-Jährige als Marketingleiterin bei der Fluggesellschaft Air Algérie und lebt in einem eigenen Apartment. Mariama Mai Moussa ist ledig, hat keine Kinder. In ihrem Alter ist das ungewöhnlich, die Leute tuscheln, sprechen darüber. Moussa trägt Jeans, modelt gelegentlich und hat einen britischen Freund, er kommt fünfmal im Jahr für Geschäfte ins Land. Sie sagt: "Niemand hat mir etwas zu sagen, ich selbst entscheide über mein Leben."

Obwohl die Muslimin täglich betet, trägt sie selten Kopftuch. Zwischen ihre Augenbrauen und auf ihren Arm hat sich Mariama Mai Moussa die drei Ms ihres Namens tätowieren lassen: Ein Zeichen, dass sie an sich glaubt. Sie lebt ein Leben mit Klimaanlage, Auto und Club-Besuchen, bei ihr greifen Bildung und Wohlstand ineinander, sie steht für ein modernes Niger.

Trotzdem sieht es nicht danach aus, als würden Frauen wie die Kinderdorf-Frau Saadatou und die Airline-Mitarbeiterin Moussa von heute auf morgen zum Rollenmodell, als würde die Zwei-Kind-Familie in Niger bald Normalfall. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass selbst die jüngsten Bevölkerungsprognosen überholt sind. Ein Grund ist die US-Politik, Präsident Donald Trump hat jegliche Unterstützung für Hilfsorganisationen verboten, die Abtreibung zulassen. Abtreibung ist in Niger selten, sie wird heimlich vorgenommen, viele Frauen sterben. Trumps Verbotspolitik wird die Probleme dennoch verstärken. Der Bann liegt seit Januar 2017 über allen US-Fördertöpfen für Familienplanung, sie enthalten zusammen gut eine halbe Milliarde Dollar. Ebenso betroffen ist das Budget für weltweite Gesundheitshilfe, das sind weitere neun Milliarden Dollar. Da die USA weltweit mit Abstand der größte Geber für Familienplanung sind, geht den Organisationen das Geld aus. "Die USA haben die Mittel gestrichen, es dürfte dadurch wieder mehr Kinder geben", sagt Renate Bähr, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Auch ihre Stiftung verliert Geld. "Durch das Fehlen von Aufklärung und Verhütungsmitteln wird es zu mehr Abtreibungen kommen."

Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch

Aber selbst wenn der Wohlstand in Niger wächst oder gerade, weil er wächst: Die Entwicklung wird Unmengen Energie, Rohstoffe und Raum fressen, für Klimaanlagen, Autos, Supermärkte. Die Wirtschaften der Entwicklungsländer müssten wachsen, ohne zu viel Ressourcen zu verbrauchen, und die Industrieländer müssten mit weniger Ressourcen auskommen als bisher. Wirtschaft und Verbrauch aber wachsen weltweit fast parallel, die Kurven weisen nach oben, bei Energie, Öl, Wasser. Die Internationale Energieagentur erwartet, dass der Energieverbrauch bis 2040 weltweit um weitere 30 Prozent wächst.

Anstieg des Wasser- und Energieverbrauchs (seit 1900)
Das Schaubild zeigt den Wasserverbrauch weltweit in Trillionen Kubikmetern von 1900 bis 2014.Mit dem Bevölkerungswachstum steigt auch der Verbrauch von Ressourcen rasant anAuch der weltweite Wasserverbrauch ist seit 1900 deutlich angestiegen: Die Kurven weisen nach oben bei Wasser... (© Süddeutsche Zeitung)

Das Schaubild zeigt die Entwicklung des weltweiten Energieverbrauchs in Terrawattstunden von 1900 bis 2016. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der weltweite Energieverbrauch rasant angestiegen und betrug im Jahr 2016 über 120000 Terrawattstunden....und Energie. Die Internationale Energieagentur erwartet, dass der Energieverbrauch bis 2040 weltweit um weitere 30 Prozent wächst. (© Süddeutsche Zeitung)



Es ist Wochenende. Mariama Mai Moussa, die Marketingleiterin bei Air Algérie, chattet mit ihren Freundinnen auf Facebook. Sie will Party machen. Die vier jungen Frauen wollen ins "Mooky", einen der angesagtesten Clubs der Stadt, bekannt für seine Drinks und seinen Pool, in dem die Tanzenden sich zwischendrin abkühlen. Mariama Mai Moussas Lebensart ist westlich, vor dem Haus ihrer Familie, die in der Nachbarschaft lebt, stehen mehrere Limousinen. Mariama Mai Moussa schminkt ihre Lippen rot, zieht die engste Jeans aus ihrem Schrank. Bevor sie die Party-Tour beginnt, entzündet sie in der Küche eine Handvoll Weihrauch. Das soll böse Geister abhalten.

Mal sehen, was der Abend so bringt. Aber Mariama Mai Moussa will mehr als nur einen Abend lang Spaß mit ihren besten Freundinnen im "Mooky". Sie hat eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft: Sie möchte in einem guten Job gutes Geld verdienen, in eine schönere Wohnung ziehen.

Und sie möchte eine Familie gründen. Und Kinder haben. Sie weiß auch schon, wie viele: zwei.
Der Beitrag erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung: Kathrin Schwarze-Reiter und Roland Preuss: "Es wird eng", in: SZ, 2. Juni 2018, S. 13ff. Online unter: https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/gesellschaft/ueberbevoelkerung-e737333/


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