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„Die Vorausberechnung ist keine Zukunftsvision“ | Demografischer Wandel | bpb.de

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„Die Vorausberechnung ist keine Zukunftsvision“

Olga Pötzsch

/ 5 Minuten zu lesen

Die Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes prägt entscheidend die Demografie-Debatte mit. Olga Pötzsch gehört zum Autorenteam. Sie erklärt, welchen Zweck die Vorausberechnung erfüllt und warum sie nicht die Zukunft vorhersagen muss. Sicher ist sie sich, dass die Bevölkerung Deutschlands älter wird. Ab wann sie schrumpfen wird? Das hinge von verschiedenen Faktoren ab.

Seit 1966 veröffentlicht das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Bevölkerungsvorausberechnung. Die Ergebnisse sind keine Prognosen, sondern lediglich Wenn-Dann-Aussagen. Über die Aussagekraft der Vorausberechnung wird diskutiert. (© picture-alliance/dpa)

bpb.de: Seit 1966 veröffentlicht das Statistische Bundesamt die Bevölkerungsvorausberechnung. Aktuell liegt die 16. Vorausberechnung vor. Frau Pötzsch, was genau ist das? Eine Art Prognose oder Voraussage, wie sich die deutsche Bevölkerung entwickelt?

Olga Pötzsch: Es ist weder eine Prognose noch eine Voraussage. Hier gibt es oft ein Missverständnis. Vermutlich, weil wir mit einer Berechnung von Zukunftsszenarien eine Sonderstellung in der amtlichen Statistik einnehmen, die üblicherweise mit harten Zahlen und Fakten arbeitet. Bei der Vorausberechnung geht es nicht darum, die Zukunft exakt vorherzusagen. Sie schreibt – und zwar statistisch fundiert – demografische Strukturen fort und zeigt, wie sich Bevölkerungszahlen unter bestimmten Annahmen entwickeln würden.

Olga Pötzsch, Statistisches Bundesamt (© Statistisches Bundesamt)

bpb.de: Sie selbst gehören zum Autorenteam der aktuellen Vorausberechnung. Wie gehen Sie bei dieser Arbeit vor? Welche Daten nutzen Sie zum Beispiel?

Wir nutzen unterschiedliche Datenquellen. Zum einen die Bevölkerungszahlen nach Alter und Geschlecht, Angaben zu Geburten und Sterbefällen sowie Daten zur Zu- und Abwanderung. Außerdem ist ein großer Teil unserer Arbeit die Analyse der langfristigen Entwicklungen im Geburtenverhalten, in der Sterblichkeit und Migration [Diese Faktoren werden ausführlich erklärt in der Dossier-Einführung Interner Link: „Die demografische Entwicklung in Deutschland“, Anm. d. Red.].

Wir unterscheiden zwischen kurzfristigen Veränderungen einerseits und mittel- und langfristigen Trends andererseits. Denn für die Vorausberechnung ist vor allem wichtig, was zukunftsweisend sein kann. Das heißt, bei bestimmten „Ausreißern“, wie zum Beispiel sehr hohen Zuwanderungszahlen in einem einzelnen Jahr oder sinkender Lebenserwartung in einem Pandemiejahr, müssen wir gut abwägen, ob sie für einen Trend wirklich bedeutsam sind.

Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht seit 1966 in unregelmäßigen Abständen die mit den Statistischen Landesämtern koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Zurzeit liegt die Externer Link: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vor, die für Deutschland die mögliche Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2070 zeigt. Zugrunde liegt der Bevölkerungsbestand am 31. Dezember 2024, der sich wiederum auf die Fortschreibung des Zensus 2022 stützt.

Die Vorausberechnung erhebt keinen Anspruch, die Zukunft vorherzusagen, sondern liefert Wenn-Dann-Szenarien und hilft damit zu verstehen, wie sich die Bevölkerungszahl und die Bevölkerungsstruktur unter bestimmten demografischen Voraussetzungen entwickeln würden. Deshalb wird nicht nur eine mögliche Entwicklung betrachtet, sondern die aus heutiger Sicht absehbaren künftigen Entwicklungen werden in einem Externer Link: System aus 27 Varianten aufgezeigt. Darüber hinaus bietet sie drei Modellrechnungen für analytische Zwecke, die rein hypothetische Entwicklungsszenarien abbilden. Den Nutzerinnen und Nutzern erlaubt ein Variantensystem eine bewusste Wahl einer oder mehrerer geeigneter Varianten, je nach aktueller demografischer Situation und betrachtetem Zeithorizont.

Die Ergebnisse im Überblick finden sich hier: Externer Link: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung – Annahmen und Ergebnisse

bpb.de: Dieses Abwägen klingt schwierig. Sie arbeiten in der Bevölkerungsvorausberechnung mit acht Varianten. Ist das der Grund dafür?

Die Zahl der Varianten kann variieren. Wichtig ist jedoch, dass es nicht „den einen“ wahrscheinlichen Entwicklungspfad gibt. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Bevölkerungsentwicklung starke Trägheitskraft besitzt und die Ableitung der Trends statistisch fundiert erfolgt, bleibt die Zukunft letztlich ungewiss. Mit den Varianten werden zumindest die heute schon absehbaren möglichen Variationen in der Entwicklung demografischer Komponenten berücksichtigt.

Die Ergebnisse der Bevölkerungsvorausberechnung sind außerdem nicht in Stein gemeißelt. Wir aktualisieren sie regelmäßig – als Antwort darauf, dass sich Trends verändern können.

bpb.de: Sie sagen, die Zukunft ist unbekannt. Ich versuche es trotzdem mit zwei Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung: Wir werden älter und wir werden weniger. Stimmt das?

Zumindest die Alterung steht außer Frage. Denn diese ist stark begründet in unserer aktuellen Altersstruktur. Die stark besetzten Jahrgänge der Babyboomer sind mitten im Übergang vom Erwerbsalter in den Ruhestand. Das heißt, diese Entwicklung hängt weniger von bestimmten Annahmen als vom bestehenden Altersaufbau ab. Einer unserer zentralen Befunde ist, dass die Zahl der Hochaltrigen in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich steigen wird. Schon jetzt lässt sich relativ sicher sagen, dass die Zahl der 80-Jährigen und Älteren von derzeit gut 6 Millionen auf etwa 9 bis 10 Millionen im Jahr 2050 steigen wird. Ebenso lässt sich sagen, dass bereits in zehn Jahren etwa ein Viertel der Bevölkerung im Rentenalter sein wird. Wahrscheinlich ist auch, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, wenn wir dieses mit 20 bis 66 Jahren abgrenzen, zurückgehen wird – auch bei der Annahme hoher Zuwanderung.

Wann jedoch das Schrumpfen der Bevölkerung einsetzt, hängt von mehreren Faktoren ab. Es ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Geburten immer mehr übersteigen wird. Nach unserer aktuellen Vorausberechnung würde das jährliche Geburtendefizit Mitte der 2050er-Jahre auf über 600.000 steigen, wenn sich die Geburtenrate und Lebenserwartung moderat entwickeln würden und es keine Außenwanderung gäbe. Das heißt, die Bevölkerung würde jedes Jahr um die Einwohnerzahl von Dortmund oder Leipzig kleiner. Um eine stabile Bevölkerungszahl zu erreichen, müsste die Nettomigration diese immer weiter auseinanderklaffende Lücke schließen. Wir haben aber derzeit keine Hinweise darauf, dass die Nettomigration auf Dauer so hoch sein wird. Auf längere Sicht gehen deshalb die meisten Varianten unserer Vorausberechnung von einem Bevölkerungsrückgang aus.

Wanderung

Bevölkerungszahlen verändern sich durch Geburten und Sterbefälle. Aber sie verändern sich auch, weil Menschen nach Deutschland kommen oder aus Deutschland ins Ausland gehen. Wanderungssaldo bezeichnet die Differenz zwischen den Zuzügen nach Deutschland und den Fortzügen ins Ausland. Nettozuwanderung bedeutet, dass in einem bestimmten Zeitraum mehr Menschen nach Deutschland gekommen als fortgegangen sind. Da die nach Deutschland zuziehenden Menschen in der Regel jünger sind als diejenigen, die Deutschland verlassen, trägt die Nettozuwanderung zur Verjüngung der Bevölkerung bei.

Mehr Zahlen zur Wanderung hat das Externer Link: Statistische Bundesamt.

bpb.de: Die Aussage „auf längere Sicht“ ist schwierig zu verstehen. Die aktuelle Vorausberechnung reicht bis 2070. Das wäre vergleichbar damit, dass jemand 1980 die Bevölkerungszusammensetzung 2025 hätte beschreiben sollen. 1980 wusste man aber nicht, dass es die Wiedervereinigung geben wird. Oder dass wir 2015 und 2022 eine Nettozuwanderung von über einer Million Menschen haben werden, also ein starkes Zuwanderungsplus. Warum streben Sie mit der Bevölkerungsvorausberechnung trotzdem so einen langen Zeithorizont an?

Eben weil es keine Prognose ist. Das Ziel ist nicht, die Zukunft genau vorherzusagen, sondern langfristige Auswirkungen der aktuell bereits angelegten Strukturen und beobachteten Entwicklungen zu zeigen. Die demografischen Prozesse haben große Trägheitskraft, aber sie entwickeln ihre Wirkung sehr langsam, sodass sich das volle Ausmaß ihres Einflusses erst nach 30 bis 60 Jahren vollständig entfaltet und sichtbar wird. Deshalb kann eine Bevölkerungsvorausberechnung erst dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie entsprechend lange Zeiträume umfasst.

So konnten wir Anfang der 2000er-Jahre aufzeigen, welche Ungleichheiten sich innerhalb der Altersstruktur ergeben, wenn die damals noch 33- bis 43-Jährigen – also die sogenannte Babyboomer-Generation – in 30 Jahren ins Rentenalter wechseln würden. Das geht nur, wenn man sich solche Entwicklungen lange im Voraus anschaut [Als Babyboomer werden die geburtenstarken Jahrgänge 1957 bis 1968 bezeichnet; in diesem Zeitraum wurden pro Jahr zwischen 1,2 und 1,4 Millionen Kinder geboren, Anm. d. Red.].

Es gibt aber noch einen anderen wichtigen Punkt: Wenn absehbare Trends durch politische Gegensteuerung abgemildert oder gar nivelliert werden, muss die Realität zwangsläufig von der Vorausberechnung abweichen. Das betrifft zum Beispiel die politischen Entscheidungen der 2000er-Jahre wie die Einführung des Elterngelds, den Ausbau der Kleinkindbetreuung sowie die gesamte Diskussion über die Geburtenentwicklung. Diese Entscheidungen und Diskurse wären vielleicht gar nicht zustande gekommen, wenn es keine langfristigen Vorausberechnungen gegeben hätte.

bpb.de: In diesen Aussagen steckt aber auch ein Dilemma für die Bevölkerungsforschung. Sie sind da ganz klar und sagen, dass Sie mit der Vorausberechnung nicht die Zukunft beschreiben. In der öffentlichen Diskussion über Demografie stecken aber auch Angst und Unsicherheit. Wie lässt sich sicherstellen, dass die Vorausberechnung nicht von der Politik oder in den Medien als Aufreger-Thema genutzt wird?

Solch einen Alarmismus haben wir vor allem zu Beginn der 2000er-Jahre gespürt, als die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die sozialen Sicherungssysteme in den Fokus der politischen Diskussion rückten. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass Warnungen der Demografen über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, nicht ernst genug wahrgenommen wurden.

In den 2010er-Jahren hat sich die Bevölkerungsentwicklung aufgrund starker Zuwanderung und höherer Geburtenzahlen stabilisiert. Unsere damaligen Vorausberechnungen haben diese Entwicklungen zwar berücksichtigt, zeigten aber, dass die Folgen der Alterung mit einer steigenden Bevölkerungszahl nicht aufgehoben sind. Seit der ersten Hälfte der 2020er-Jahre sinken die Geburtenzahlen und die Zuwanderung nimmt derzeit ab. Die Alterung wird dadurch verstärkt. Die langfristigen Auswirkungen dieser Veränderungen auf den künftigen Altersaufbau spiegelt die letzte Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2025 wider.

Die Herausforderung für uns besteht darin, die Entwicklungen richtig einzuordnen. Wir müssen die Situation möglichst genau analysieren, um die tatsächlichen Trends aufzuzeigen. Im Idealfall kann die Politik solch eine fundierte Vorausberechnung nutzen, um ihr Handeln daran auszurichten. Sie kann bestimmten Tendenzen gegensteuern und andere fördern.

Aktualisierte Fassung des Interviews vom 26. September 2018. Das Interview führte Sonja Ernst.

Olga Pötzsch gehört seit 2003 zum Autorenteam der koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen. Sie studierte Ökonomie und Statistik in Moskau und arbeitet beim Statistischen Bundesamt im Referat "Natürliche Bevölkerungsbewegungen, demografische Analysen, Vorausberechnungen". Kernbereiche ihrer Arbeit sind Bevölkerungs- und Haushaltsvorausberechnungen sowie Analysen der Fertilität.