Inhaltsbeschreibung
Mentale Gesundheit auf Social Media: Die Soziologin Laura Wiesböck beobachtet, wie dort massenhaft vermeintliche oder tatsächliche Anomalien, Verhaltensweisen und Empfindungen ausgebreitet werden, teils, um Hilfe oder Beachtung zu erfahren, teils, um materiellen Gewinn zu erzielen. So vermischen sich, stellt Wiesböck fest, auf potenziell problematische Weise die Anliegen Hilfesuchender mit kommerziellen Interessen anderer.
Einerseits würden durch falsche, zuweilen gefährliche Selbstdiagnosen und laienhafte, unreflektierte verbale Zuschreibungen aus der psychotherapeutischen Fachsprache Krankheitsbilder nachgerade identitätsstiftend geadelt. Andererseits fehle vielen selbsternannten Ratgebenden jede Expertise zur fundierten Einschätzung der mentalen Verfassung des Gegenübers. Zudem leide angesichts der Spannungsfelder zwischen der Suche nach Aufmerksamkeit oder Zuwendung, gezielten Tabubrüchen und kommerziellen Interessen bei vielen Menschen die Fähigkeit, einzuschätzen, was mental bei sich selbst oder anderen normal, zu tolerieren oder behandlungsbedürftig sei. In der Gemengelage der Betroffenen und der Profitierenden seien be- und entlastende Rückmeldungen zur psychischen Gesundheit ein Geschäftsmodell geworden, das sich seine Nachfrage gewissermaßen selbst schaffe. Wiesböck kritisiert zudem, dass viele Angebote einschlägiger Plattformen im Kern antiemanzipatorisch oder konsumtreibend wirkten und auf die Verfestigung von Stereotypen und gesellschaftlich umstrittenen Rollenbildern zielten.