In Zusammenhang mit den jüngsten Kriegen in Iran, in Gaza und der Ukraine hat die Zerstörung der natürlichen Umwelt durch militärische Gewalt verstärkt öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Nichtregierungsorganisationen, Denkfabriken und zum Teil auch die betroffenen Staaten selbst dokumentieren entsprechende Schäden, um die Kampfhandlungen zusätzlich zu delegitimieren oder – wie im Fall der Ukraine – die Grundlagen für mögliche spätere Reparationsforderungen zu schaffen. Durch die aktuellen Kriege und die Berichterstattung rückt ins Rampenlicht, was bei genauerem Hinsehen schon länger klar ist: Militärische Gewalt richtet sich nicht allein gegen feindliche Streitkräfte sowie regelmäßig gegen Zivilist:innen und zivile Infrastrukturen, sondern wirkt auch zerstörerisch auf die natürliche Umwelt. Dies gilt nicht nur für den Krieg, sondern auch für den Aufbau und die Vorhaltung militärischer Kapazitäten in Friedenszeiten, die mit einem hohen Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen verbunden sind. So verwundert es nicht, dass das Militär in den großen Umweltdiskursen des 20. und 21. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielt. So beschäftigte sich bereits Rachel Carson in ihrem Bestseller „Silent Spring“ aus dem Jahr 1962, der als Meilenstein für die Entstehung der US-amerikanischen Umweltbewegung gilt, mit den schwerwiegenden Folgen der Verwendung des Insektenvernichtungsmittels DDT, das vor der zivilen Nutzung zur Schädlingsbekämpfung im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Auch in den Debatten um die Anerkennung eines neuen, nach dem Menschen benannten Erdzeitalters spielt das Militär eine zentrale Rolle. Das zuständige Komitee der geologischen Fachgesellschaft hat Rückstände der Wasserstoffbombentests der 1950er Jahre als zentralen Marker für den Beginn des „Anthropozäns“ diskutiert.
Ziel dieses Beitrags ist es, das vielschichtige Verhältnis des Militärs mit seiner natürlichen Umwelt systematisch zu rekonstruieren. Konkret wird auf vier Dimensionen des Umwelt-Militär-Nexus eingegangen: erstens auf die Nutzung der natürlichen Umwelt als Deponierraum und Ressource, zweitens auf die Instrumentalisierung der Natur als Waffe, drittens auf die Wahrnehmung von Umwelt als Bedrohung sowie viertens auf Umwelt als Schutzgut des Militärs. Abschließend werden die beschriebenen Verflechtungen noch einmal aus einer sozial-metabolischen Perspektive zusammengefasst und wird vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen sowie des damit verbundenen weltweiten Anstiegs der Rüstungsausgaben der Blick auf die Zukunft der Umwelt des Militärs gerichtet.
Deponie und Ressource
Unmittelbar nach Kampfhandlungen sind die Auswirkungen militärischer Gewalt auf Ökosysteme besonders drastisch und direkt sichtbar: etwa wenn im Zuge der Bombardierung von Ölfeldern – wie es in vergangenen Kriegen am Persischen Golf wiederholt der Fall war – große Feuer auflodern und schwarze Rauchsäulen gen Himmel aufsteigen. Aber auch nach einem Konflikt wirken die Rückstände von Kampfmitteln sowie die aus den Kämpfen resultierenden Kontaminationen zum Teil unsichtbar als slow violence fort. Der Umweltgeisteswissenschaftler Rob Nixon beschreibt dies anhand der im Golfkrieg von 1991 eingesetzten Uranmunition aus vermeintlichen Präzisionswaffen, deren Rückstände noch Jahrzehnte nach Ende des Krieges zu erhöhten Krebsraten und anderen schwerwiegenden Gesundheitsschäden führen.
Weitere Langzeitfolgen militärischer Aktivitäten sind der damit verbundene Ausstoß von Treibhausgasen. Nach Berechnungen des Conflict and Environment Observatory ist das Militär weltweit insgesamt für 5,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Als Land wären die Streitkräfte der viertgrößte Emittent weltweit, direkt hinter China, den USA und Indien.
Der Autor Amitav Ghosh sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung fossiler Brennstoffe und militärischer Stärke.
Waffe
Der skizzierte „ökologische Stiefelabdruck“ verdeutlicht, dass Vorbereitung und Einsatz militärischer Gewalt stets in natürlichen Räumen stattfinden und auf Ressourcen sowie Energieträger angewiesen sind. Dennoch bleiben die kurz-, mittel- und vor allem langfristigen ökologischen Folgen militärischen Handelns meist unreflektiert oder werden in der militärischen Entscheidungsfindung ausgeblendet, wie an vielen umweltrechtlichen Ausnahmeregelungen für Streitkräfte ersichtlich wird.
Ein in seiner zerstörerischen Kraft radikales Beispiel ist das Prinzip der „verbrannten Erde“, bei dem neben Infrastruktur vor allem auch ökologische Lebensgrundlagen systematisch vernichtet werden. Diese Formen militärischer Gewalt zielen darauf, dem Gegner zentrale Ressourcen zu entziehen und den Zugang zu Energiequellen zu unterbinden (energy denial), um dadurch die operative Handlungsfähigkeit zu schwächen. Dazu gehören die gezielte Zerstörung von Ölfeldern, Staudämmen, Wäldern oder landwirtschaftlichen Flächen oder auch Flutungen von Gebieten.
Ein weiterer zentraler Aspekt der Instrumentalisierung von Umwelt als Waffe besteht in gezielten Umweltmodifikationen. Dazu gehört auch das sogenannte Geoengineering, also der Versuch, natürliche Prozesse wie Wetter, Klima oder geophysikalische Dynamiken technisch zu manipulieren, um militärische Vorteile zu erzielen. Historische Beispiele zeigen, dass etwa künstlich verstärkter Regen oder Entlaubungsmittel eingesetzt wurden, um Nachschubwege unpassierbar oder aufklärbar zu machen. Solche Eingriffe verdeutlichen das Bestreben, Umweltbedingungen aktiv zu beeinflussen, und führten in den 1970er Jahren zu ersten völkerrechtlichen Regulierungen.
Gleichzeitig ist das Verhältnis von Militär und Umwelt nicht ausschließlich von Zerstörung geprägt. Zunehmend werden auch natürlich erhaltene Räume strategisch in Verteidigungskonzepte integriert. Ein Beispiel ist das polnische Projekt „Green Shield East“ zur Sicherung der NATO-Ostflanke. Hier werden militärische Maßnahmen mit Naturschutz verknüpft: Wälder, wiedervernässte Moore, Feuchtgebiete und Flusslandschaften sollen als Hindernisse dienen.
Bedrohung
Militärisches Handeln ist von Umweltdeterminanten wie Gelände, Tag-Nacht-Rhythmen oder den Jahreszeiten abhängig. Oft steht der Naturraum den Streitkräften auch als Bedrohung gegenüber. Soldat:innen berichten über viele Einsatzräume hinweg, dass sie Kämpfe nicht nur gegen einen menschlichen Gegner, sondern auch gegen die Widrigkeiten der Natur führen, etwa wenn das Wetter personifiziert als „General Winter“ den Status eines Akteurs zugeschrieben bekommt.
Die damit verbundenen Diskussionen haben mit dem anthropogenen Klimawandel eine neue Dynamik gewonnen. So haben Militärs schon früh Szenarien entwickelt, die sich mit Sicherheitsrisiken infolge der globalen Erwärmung beschäftigen. In der Regel wird nicht von einem unilinearen kausalen Zusammenhang ausgegangen, sondern wird der Klimawandel als Faktor konzeptualisiert, der die bestehenden Sicherheitsrisiken vervielfacht.
Der Politikwissenschaftler Anselm Vogler weist darauf hin, dass das Militär auch bei der Katastrophenhilfe von zentraler Bedeutung ist. Bei der Notfallhilfe und der Unterstützung des Wiederaufbaus interagieren Streitkräfte mit einer für Menschen gefährlichen Umwelt.
Schutzgut
Wie alle Formen von Gewalt ist auch militärische Gewalt von Paradoxien geprägt. Neben der Fähigkeit zur Zerstörung gehört ebenso „Schutz“ zu den Aufgaben moderner Streitkräfte. Seit den 1960er Jahren werden im Zuge des aufkommenden Umweltdiskurses auch in militärischen Kontexten zunehmend Umweltschutzmaßnahmen und damit verbundene Sicherheitsfragen verhandelt. Die NATO setzte sich bereits ab den späten 1960er Jahren als eine der ersten internationalen Organisationen systematisch mit Umweltfragen auseinander und vollzog hier gesamtgesellschaftliche Entwicklungen mit.
In den 1970er Jahren gewannen unter den Eindrücken des Vietnamkrieges Bestrebungen, die Instrumentalisierung der Umwelt zu regulieren, an Dynamik. Das Ergebnis war das Verbot umweltmodifizierender Technologien im UN-Umweltkriegsübereinkommen von 1976.
Auch unterhalb der Ebene internationaler Rechtsnormen lassen sich Entwicklungen zu mehr Schutzmaßnahmen beobachten. So diffundierten Regelungen des Arbeitsschutzes – etwa zum Umgang mit Strahlung und giftigen Stoffen – in den Bereich des Umweltschutzes. Darüber hinaus entwickelten sich militärische Sperrgebiete, die dem zivilen Zugang aufgrund ihrer Kontamination mit Kampfmitteln entzogen sind, in vielen Fällen zu Rückzugsräumen für Flora und Fauna. Gerade weil sie langfristig von intensiver Nutzung, Bebauung oder Landwirtschaft ausgenommen bleiben, können sich dort relativ abgeschlossene Ökosysteme mit hoher Biodiversität herausbilden. Vor dem Hintergrund internationaler Abkommen und nationalstaatlicher Regelungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen haben seit den 2010er Jahren insbesondere die Streitkräfte westlicher Staaten damit begonnen, Klimaschutzmaßnahmen zu implementieren. Solche Greening-Strategien oder Konzepte von low-carbon warfare verweisen – trotz aller damit verbundenen Ambivalenzen, Limitationen und Widerstände – auf ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein militärischer Akteure im Bereich des Klimaschutzes.
Militärischer Metabolismus
Bereits in den akademischen Diskussionen des 19. Jahrhunderts – prominent in der politischen Ökologie Karl Marx’ – fand die Metapher des Stoffwechsels Verwendung, um die Austauschprozesse der Gesellschaft mit ihrer natürlichen Umwelt zu beschreiben.
Betrachtet man die Organisation des Militärs als Teilsystem einer Gesellschaft, so lassen sich die zuvor skizzierten Dimensionen des Umwelt-Militär-Nexus mittels dieses Konzepts umfassend beschreiben. Das Militär erscheint dann als ein System, das kontinuierlich Stoff- und Energieflüsse organisiert, um seine Funktionsfähigkeit zu sichern und seine spezifischen Aufgaben zu erfüllen: Als Input werden hierfür vielfältige Materialien und Energiequellen benötigt. Beim modernen Militär sind das vor allem fossile Brennstoffe, aber auch Verpflegung für Soldat:innen sowie (insbesondere historisch) Futter für Tiere. Hinzu kommen metallische und nicht-metallische Mineralien, Kunststoffe, Holz und andere Baustoffe. All dies wird genutzt, um militärische Technomasse herzustellen, also beispielsweise Waffensysteme, Transportmittel, Kasernen oder auch industrielle Anlagen für die Rüstung. Die Herstellung und Nutzung dieser Artefakte geht mit der Produktion von Abfallstoffen und Emissionen einher, die wiederum in der natürlichen Umwelt deponiert werden. Dazu zählen die bereits genannten Treibhausgase, organische und sonstige Abfälle, der Schutt zerstörter Infrastrukturen, Munitionsreste, aber auch die Rückstände nuklearer, biologischer und chemischer Waffen. Insbesondere Letztere zeichnen sich durch eine besondere Persistenz aus.
Die Rate des metabolischen Umsatzes hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der Höhe der Rüstungsausgaben, der Größe der Streitkräfte oder auch der Anzahl und Intensität von Einsätzen. Der militärische Metabolismus wird außerdem durch Doktrinen, Wissenssysteme und Weltbilder bestimmt, da diese maßgeblich prägen, wie der Stoffwechsel in konkreten Kontexten ausgestaltet ist. Darüber hinaus spielen Emotionen, kulturelle Bedeutungen und historische Erfahrungen eine wichtige Rolle, da sie politische Entscheidungen, militärische Planungen und gesellschaftliche Erwartungen an Sicherheit und Verteidigung beeinflussen.
Mehr Militär, mehr Umweltzerstörung?
Vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen stellt sich die Frage, wie sich das Naturverhältnis der Streitkräfte, insbesondere ihr Naturverbrauch, entwickeln wird. Anselm Vogler macht für die Gegenwart ein neues Sicherheitsdilemma aus: Während die Zunahme und Eskalation zwischenstaatlicher Konflikte zahlreiche Staaten dazu veranlasst, ihre Militärausgaben zu erhöhen und ihre Streitkräfte auszubauen, tragen militärische Operationen – auch zur Verteidigung – sowie der bloße Aufwuchs des Militärs zur Verschärfung der Klimakrise und anderer planetarer Krisen bei und verschlechtern so die menschliche Sicherheitslage langfristig.
Gleichzeitig bieten die zur Verfügung gestellten Finanzmittel und geplanten Investitionen auch die Gelegenheit zur technologisch-ökologischen Modernisierung der Streitkräfte, um so zumindest eine relative Entkopplung von Ressourcenverbräuchen und Emissionen zu erreichen. Insbesondere in europäischen Staaten wird die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern diskutiert, und hier scheint eine Konvergenz von Klima-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik möglich.
Die diesem Beitrag zugrunde liegenden Arbeiten sind im Rahmen des durch die Volkswagenstiftung geförderten Projektes „Greening Military? Zur Transformation der Streitkräftevor dem Hintergrund von ‚Zeitenwende‘ und Klimakrise“ ermöglicht worden.