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Die Umwelt des Militärs | bpb.de

Die Umwelt des Militärs Zwischen ökologischem Stiefelabdruck und „General Winter“

Bernd Sommer Frank Reichherzer Kerrin Langer

/ 14 Minuten zu lesen

Streitkräfte sind auf vielfältige Weise mit ihrer natürlichen Umwelt verbunden. Da das Naturverhältnis des modernen Militärs besonders zerstörerisch ist, stellt sich aktuell die Frage, wie sich die Umwelt des Militärs entwickeln wird, umso drängender.

In Zusammenhang mit den jüngsten Kriegen in Iran, in Gaza und der Ukraine hat die Zerstörung der natürlichen Umwelt durch militärische Gewalt verstärkt öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Nichtregierungsorganisationen, Denkfabriken und zum Teil auch die betroffenen Staaten selbst dokumentieren entsprechende Schäden, um die Kampfhandlungen zusätzlich zu delegitimieren oder – wie im Fall der Ukraine – die Grundlagen für mögliche spätere Reparationsforderungen zu schaffen. Durch die aktuellen Kriege und die Berichterstattung rückt ins Rampenlicht, was bei genauerem Hinsehen schon länger klar ist: Militärische Gewalt richtet sich nicht allein gegen feindliche Streitkräfte sowie regelmäßig gegen Zivilist:innen und zivile Infrastrukturen, sondern wirkt auch zerstörerisch auf die natürliche Umwelt. Dies gilt nicht nur für den Krieg, sondern auch für den Aufbau und die Vorhaltung militärischer Kapazitäten in Friedenszeiten, die mit einem hohen Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen verbunden sind. So verwundert es nicht, dass das Militär in den großen Umweltdiskursen des 20. und 21. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielt. So beschäftigte sich bereits Rachel Carson in ihrem Bestseller „Silent Spring“ aus dem Jahr 1962, der als Meilenstein für die Entstehung der US-amerikanischen Umweltbewegung gilt, mit den schwerwiegenden Folgen der Verwendung des Insektenvernichtungsmittels DDT, das vor der zivilen Nutzung zur Schädlingsbekämpfung im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Auch in den Debatten um die Anerkennung eines neuen, nach dem Menschen benannten Erdzeitalters spielt das Militär eine zentrale Rolle. Das zuständige Komitee der geologischen Fachgesellschaft hat Rückstände der Wasserstoffbombentests der 1950er Jahre als zentralen Marker für den Beginn des „Anthropozäns“ diskutiert.

Ziel dieses Beitrags ist es, das vielschichtige Verhältnis des Militärs mit seiner natürlichen Umwelt systematisch zu rekonstruieren. Konkret wird auf vier Dimensionen des Umwelt-Militär-Nexus eingegangen: erstens auf die Nutzung der natürlichen Umwelt als Deponierraum und Ressource, zweitens auf die Instrumentalisierung der Natur als Waffe, drittens auf die Wahrnehmung von Umwelt als Bedrohung sowie viertens auf Umwelt als Schutzgut des Militärs. Abschließend werden die beschriebenen Verflechtungen noch einmal aus einer sozial-metabolischen Perspektive zusammengefasst und wird vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen sowie des damit verbundenen weltweiten Anstiegs der Rüstungsausgaben der Blick auf die Zukunft der Umwelt des Militärs gerichtet.

Deponie und Ressource

Unmittelbar nach Kampfhandlungen sind die Auswirkungen militärischer Gewalt auf Ökosysteme besonders drastisch und direkt sichtbar: etwa wenn im Zuge der Bombardierung von Ölfeldern – wie es in vergangenen Kriegen am Persischen Golf wiederholt der Fall war – große Feuer auflodern und schwarze Rauchsäulen gen Himmel aufsteigen. Aber auch nach einem Konflikt wirken die Rückstände von Kampfmitteln sowie die aus den Kämpfen resultierenden Kontaminationen zum Teil unsichtbar als slow violence fort. Der Umweltgeisteswissenschaftler Rob Nixon beschreibt dies anhand der im Golfkrieg von 1991 eingesetzten Uranmunition aus vermeintlichen Präzisionswaffen, deren Rückstände noch Jahrzehnte nach Ende des Krieges zu erhöhten Krebsraten und anderen schwerwiegenden Gesundheitsschäden führen. Weitere prominente Beispiele solcher ecologies of the aftermath sind die Folgen des Einsatzes des hochgiftigen Entlaubungsmittels Agent Orange im Vietnamkrieg oder die Auswirkungen des Abwurfs der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg. Als aktuelles Beispiel können auch die noch nicht absehbaren Folgen des massenhaften Einsatzes von Drohnen im Ukrainekrieg genannt werden: Dünne Glasfaserkabel, mit denen die Drohnen gesteuert werden, überziehen ganze Landschaften wie gigantische Spinnennetze, und ihre Überreste werden in Ökosysteme eingetragen. Der Geograf Mark Griffiths und die Anthropologin Kali Rubaii haben darüber hinaus gezeigt, dass es nicht nur im Nachgang von Kampfhandlungen, sondern bereits bei der Produktion von Kampfmitteln zu erheblichen gesundheitsgefährdenden Umweltschäden kommt, etwa im Zusammenhang mit der Extraktion von Ressourcen für die Produktion von IT-basierten Hightech-Waffen.

Weitere Langzeitfolgen militärischer Aktivitäten sind der damit verbundene Ausstoß von Treibhausgasen. Nach Berechnungen des Conflict and Environment Observatory ist das Militär weltweit insgesamt für 5,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Als Land wären die Streitkräfte der viertgrößte Emittent weltweit, direkt hinter China, den USA und Indien. Nicht berücksichtigt werden dabei die Emissionen des Militärs, die aus Kriegen und bewaffneten Konflikten resultieren, etwa durch die Zerstörung und den Wiederaufbau von Infrastrukturen.

Der Autor Amitav Ghosh sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung fossiler Brennstoffe und militärischer Stärke. So sind die US-Streitkräfte als mächtigstes Militär der Welt auch der größte Konsument fossiler Brennstoffe und damit der größte Einzelemittent von Treibhausgasen. Die Politikwissenschaftlerin Neta Crawford beschreibt für das Beispiel der USA, wie sich militärische und zivile CO2-Emissionen gegenseitig hochschaukeln: Aufgrund der zentralen Bedeutung fossiler Brennstoffe für das Militär genießt die Sicherung eines entsprechenden Zugangs eine hohe politische Priorität, was für die USA über viele Jahre zu einer Militärpräsenz in Weltregionen mit Ölvorkommen führte. Dies hatte hohe Rüstungsausgaben zur Folge, begünstigte aber zugleich eine allgemein hohe Verfügbarkeit fossiler Energieträger. Dadurch wurde wiederum die zivile Nachfrage befeuert, und es entstand ein Kreislauf fossiler Abhängigkeit, der die Sicherung eines ausreichenden Zugangs zu fossilen Brennstoffen nicht allein aus militärischen Gründen notwendig machte. In der Forschung wird davon ausgegangen, dass dem Militär als Treiber von Umweltveränderungen eine eigenständige Rolle zukommt, die sich nicht einfach auf die Dynamiken einer fossil-kapitalistischen Wachstumswirtschaft zurückführen lässt, sondern aus sich selbst verstärkenden Aufrüstungsspiralen resultiert.

Waffe

Der skizzierte „ökologische Stiefelabdruck“ verdeutlicht, dass Vorbereitung und Einsatz militärischer Gewalt stets in natürlichen Räumen stattfinden und auf Ressourcen sowie Energieträger angewiesen sind. Dennoch bleiben die kurz-, mittel- und vor allem langfristigen ökologischen Folgen militärischen Handelns meist unreflektiert oder werden in der militärischen Entscheidungsfindung ausgeblendet, wie an vielen umweltrechtlichen Ausnahmeregelungen für Streitkräfte ersichtlich wird. Ein Teil der durch das Militär verursachten (globalen) Umweltveränderungen lässt sich als nicht-intendierte Nebenfolge bei der Auftragserfüllung beschreiben. Umweltzerstörungen erscheinen den Verantwortlichen in der Abwägung von Zielen und Mitteln oft als unvermeidbare Begleiterscheinungen von Rüstung und kriegerischen Ereignissen. Darüber hinaus werden Umweltveränderungen von Streitkräften auch gezielt als Mittel der Kriegsführung eingesetzt; sie sind tief in militärische Handlungslogiken eingeschrieben. In diesem Sinne wird Umwelt nicht mehr nur als passiver Raum militärischer Operationen verstanden, sondern als formbares Mittel der Machtausübung.

Ein in seiner zerstörerischen Kraft radikales Beispiel ist das Prinzip der „verbrannten Erde“, bei dem neben Infrastruktur vor allem auch ökologische Lebensgrundlagen systematisch vernichtet werden. Diese Formen militärischer Gewalt zielen darauf, dem Gegner zentrale Ressourcen zu entziehen und den Zugang zu Energiequellen zu unterbinden (energy denial), um dadurch die operative Handlungsfähigkeit zu schwächen. Dazu gehören die gezielte Zerstörung von Ölfeldern, Staudämmen, Wäldern oder landwirtschaftlichen Flächen oder auch Flutungen von Gebieten.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Instrumentalisierung von Umwelt als Waffe besteht in gezielten Umweltmodifikationen. Dazu gehört auch das sogenannte Geoengineering, also der Versuch, natürliche Prozesse wie Wetter, Klima oder geophysikalische Dynamiken technisch zu manipulieren, um militärische Vorteile zu erzielen. Historische Beispiele zeigen, dass etwa künstlich verstärkter Regen oder Entlaubungsmittel eingesetzt wurden, um Nachschubwege unpassierbar oder aufklärbar zu machen. Solche Eingriffe verdeutlichen das Bestreben, Umweltbedingungen aktiv zu beeinflussen, und führten in den 1970er Jahren zu ersten völkerrechtlichen Regulierungen.

Gleichzeitig ist das Verhältnis von Militär und Umwelt nicht ausschließlich von Zerstörung geprägt. Zunehmend werden auch natürlich erhaltene Räume strategisch in Verteidigungskonzepte integriert. Ein Beispiel ist das polnische Projekt „Green Shield East“ zur Sicherung der NATO-Ostflanke. Hier werden militärische Maßnahmen mit Naturschutz verknüpft: Wälder, wiedervernässte Moore, Feuchtgebiete und Flusslandschaften sollen als Hindernisse dienen. Das Militär nutzt also die grenznahe Umwelt bewusst als „natürliche Abwehr“.

Bedrohung

Militärisches Handeln ist von Umweltdeterminanten wie Gelände, Tag-Nacht-Rhythmen oder den Jahreszeiten abhängig. Oft steht der Naturraum den Streitkräften auch als Bedrohung gegenüber. Soldat:innen berichten über viele Einsatzräume hinweg, dass sie Kämpfe nicht nur gegen einen menschlichen Gegner, sondern auch gegen die Widrigkeiten der Natur führen, etwa wenn das Wetter personifiziert als „General Winter“ den Status eines Akteurs zugeschrieben bekommt. Auch Krankheitserregern kommt Akteurscharakter zu. Bis zur Erfindung von antiseptischen Wundverbänden Ende des 19. Jahrhunderts und der Anwendung von Penicillin im Zweiten Weltkrieg waren Krankheiten, Seuchen und Wundbrand die größten Verursacher militärischer Verluste und schränkten die Einsatz- und Operationsfähigkeit ein. Die Konzeptionalisierung von Natur als Bedrohung und später als Sicherheitsrisiko ist eine Konstante im Verhältnis von Militär und Umwelt.

Die damit verbundenen Diskussionen haben mit dem anthropogenen Klimawandel eine neue Dynamik gewonnen. So haben Militärs schon früh Szenarien entwickelt, die sich mit Sicherheitsrisiken infolge der globalen Erwärmung beschäftigen. In der Regel wird nicht von einem unilinearen kausalen Zusammenhang ausgegangen, sondern wird der Klimawandel als Faktor konzeptualisiert, der die bestehenden Sicherheitsrisiken vervielfacht. Ein Beispiel hierfür ist die Arktis: Das Abschmelzen des arktischen Eisschildes ermöglicht neue Seefahrtsrouten und verstärkt Begehrlichkeiten in Bezug auf die Ausbeutung von Ressourcen. Beides verschärft die Sicherheitslage für Anrainerstaaten und führt zu einer Militarisierung der Arktis. Darüber hinaus beschäftigen sich Streitkräfte im Kontext des Klimawandels auch mit der Frage, wie unter veränderten Umweltbedingungen die Einsatzbereitschaft gewährleistet bleiben kann – etwa bei deutlich wärmeren Ozeanen oder der Zunahme von extremer Hitze an Land. An der Versicherheitlichung des Klimadiskurses wird aber auch scharfe Kritik geübt: Die Rahmung der globalen Erwärmung als Sicherheitsrisiko führe dazu, dass Sicherheitsakteure und damit auch das Militär als Protagonisten zur Bekämpfung der Folgen angerufen werden, während Linderungsbemühungen und zivile Konfliktbekämpfung ins Hintertreffen geraten.

Der Politikwissenschaftler Anselm Vogler weist darauf hin, dass das Militär auch bei der Katastrophenhilfe von zentraler Bedeutung ist. Bei der Notfallhilfe und der Unterstützung des Wiederaufbaus interagieren Streitkräfte mit einer für Menschen gefährlichen Umwelt.

Schutzgut

Wie alle Formen von Gewalt ist auch militärische Gewalt von Paradoxien geprägt. Neben der Fähigkeit zur Zerstörung gehört ebenso „Schutz“ zu den Aufgaben moderner Streitkräfte. Seit den 1960er Jahren werden im Zuge des aufkommenden Umweltdiskurses auch in militärischen Kontexten zunehmend Umweltschutzmaßnahmen und damit verbundene Sicherheitsfragen verhandelt. Die NATO setzte sich bereits ab den späten 1960er Jahren als eine der ersten internationalen Organisationen systematisch mit Umweltfragen auseinander und vollzog hier gesamtgesellschaftliche Entwicklungen mit. Umweltverschmutzung infolge der Industrialisierung wurde dabei als potenzielle Bedrohung für die Mitgliedstaaten identifiziert. Für die NATO galt Umweltverschmutzung daher als prädestiniertes Handlungsfeld, da sie über multinationale Koordinationsstrukturen, erhebliche wissenschaftlich-technologische Problemlösungskapazitäten und auch Kräfte für den Zivil- und Katastrophenschutz verfügte. Die damit einhergehende Verwissenschaftlichung der Gefahrenanalyse zielte darauf, komplexe Umweltprobleme technologisch bewältigen zu können.

In den 1970er Jahren gewannen unter den Eindrücken des Vietnamkrieges Bestrebungen, die Instrumentalisierung der Umwelt zu regulieren, an Dynamik. Das Ergebnis war das Verbot umweltmodifizierender Technologien im UN-Umweltkriegsübereinkommen von 1976. Zudem lässt sich ein gesteigertes Bewusstsein für die zerstörerischen Auswirkungen im Zusatzprotokoll I der Genfer Konventionen von 1977 ausmachen. Die dort aufgeführten Artikel setzen zwar eine hohe Schwelle, untersagen aber schwerwiegende und langfristig schädigende Umwelteinwirkungen und sind bis heute prägend für die Debatten um den Tatbestand des „Ökozids“. Hier bildete sich ein Normengefüge heraus, das zwar nicht in allen Fällen effektiv durchgesetzt wird, Grenzüberschreitungen jedoch sichtbar und klar adressierbar macht und die Zerstörung der Umwelt nicht zu einem sogenannten Kollateralschaden, sondern zu einem Kriegsverbrechen erklärt.

Auch unterhalb der Ebene internationaler Rechtsnormen lassen sich Entwicklungen zu mehr Schutzmaßnahmen beobachten. So diffundierten Regelungen des Arbeitsschutzes – etwa zum Umgang mit Strahlung und giftigen Stoffen – in den Bereich des Umweltschutzes. Darüber hinaus entwickelten sich militärische Sperrgebiete, die dem zivilen Zugang aufgrund ihrer Kontamination mit Kampfmitteln entzogen sind, in vielen Fällen zu Rückzugsräumen für Flora und Fauna. Gerade weil sie langfristig von intensiver Nutzung, Bebauung oder Landwirtschaft ausgenommen bleiben, können sich dort relativ abgeschlossene Ökosysteme mit hoher Biodiversität herausbilden. Vor dem Hintergrund internationaler Abkommen und nationalstaatlicher Regelungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen haben seit den 2010er Jahren insbesondere die Streitkräfte westlicher Staaten damit begonnen, Klimaschutzmaßnahmen zu implementieren. Solche Greening-Strategien oder Konzepte von low-carbon warfare verweisen – trotz aller damit verbundenen Ambivalenzen, Limitationen und Widerstände – auf ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein militärischer Akteure im Bereich des Klimaschutzes. Aus der Perspektive der Critical Military Studies wiegen diese Maßnahmen die erheblichen Umweltbelastungen durch militärische Aktivitäten jedoch bei Weitem nicht auf und werden als „grüner Militarismus“ kritisiert.

Militärischer Metabolismus

Bereits in den akademischen Diskussionen des 19. Jahrhunderts – prominent in der politischen Ökologie Karl Marx’ – fand die Metapher des Stoffwechsels Verwendung, um die Austauschprozesse der Gesellschaft mit ihrer natürlichen Umwelt zu beschreiben. Die Wiener Schule der Sozialen Ökologie um Marina Fischer-Kowalski hat das Konzept in den vergangenen Jahrzehnten systematisch ausgearbeitet und für die empirische Forschung fruchtbar gemacht. Analog zu biologischen Organismen werden Gesellschaften als sich selbst reproduzierende Einheiten analysiert, die von der natürlichen Umwelt Rohstoffe entnehmen (Extraktion/Input), diese mittels Arbeit in Konsumgüter und Infrastrukturen verwandeln (Prozessierung/Throughput) und als Abfallprodukte schließlich wieder an die Ökosysteme abgeben (Emissionen/Output).

Betrachtet man die Organisation des Militärs als Teilsystem einer Gesellschaft, so lassen sich die zuvor skizzierten Dimensionen des Umwelt-Militär-Nexus mittels dieses Konzepts umfassend beschreiben. Das Militär erscheint dann als ein System, das kontinuierlich Stoff- und Energieflüsse organisiert, um seine Funktionsfähigkeit zu sichern und seine spezifischen Aufgaben zu erfüllen: Als Input werden hierfür vielfältige Materialien und Energiequellen benötigt. Beim modernen Militär sind das vor allem fossile Brennstoffe, aber auch Verpflegung für Soldat:innen sowie (insbesondere historisch) Futter für Tiere. Hinzu kommen metallische und nicht-metallische Mineralien, Kunststoffe, Holz und andere Baustoffe. All dies wird genutzt, um militärische Technomasse herzustellen, also beispielsweise Waffensysteme, Transportmittel, Kasernen oder auch industrielle Anlagen für die Rüstung. Die Herstellung und Nutzung dieser Artefakte geht mit der Produktion von Abfallstoffen und Emissionen einher, die wiederum in der natürlichen Umwelt deponiert werden. Dazu zählen die bereits genannten Treibhausgase, organische und sonstige Abfälle, der Schutt zerstörter Infrastrukturen, Munitionsreste, aber auch die Rückstände nuklearer, biologischer und chemischer Waffen. Insbesondere Letztere zeichnen sich durch eine besondere Persistenz aus.

Die Rate des metabolischen Umsatzes hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der Höhe der Rüstungsausgaben, der Größe der Streitkräfte oder auch der Anzahl und Intensität von Einsätzen. Der militärische Metabolismus wird außerdem durch Doktrinen, Wissenssysteme und Weltbilder bestimmt, da diese maßgeblich prägen, wie der Stoffwechsel in konkreten Kontexten ausgestaltet ist. Darüber hinaus spielen Emotionen, kulturelle Bedeutungen und historische Erfahrungen eine wichtige Rolle, da sie politische Entscheidungen, militärische Planungen und gesellschaftliche Erwartungen an Sicherheit und Verteidigung beeinflussen.

Mehr Militär, mehr Umweltzerstörung?

Vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen stellt sich die Frage, wie sich das Naturverhältnis der Streitkräfte, insbesondere ihr Naturverbrauch, entwickeln wird. Anselm Vogler macht für die Gegenwart ein neues Sicherheitsdilemma aus: Während die Zunahme und Eskalation zwischenstaatlicher Konflikte zahlreiche Staaten dazu veranlasst, ihre Militärausgaben zu erhöhen und ihre Streitkräfte auszubauen, tragen militärische Operationen – auch zur Verteidigung – sowie der bloße Aufwuchs des Militärs zur Verschärfung der Klimakrise und anderer planetarer Krisen bei und verschlechtern so die menschliche Sicherheitslage langfristig. Ansätze der zivilen Konfliktbearbeitung, die davon ausgehen, dass die Schrumpfung des Militärs auch zu einer Schrumpfung des ökologischen Stiefelabdrucks führen würde, sind im gegenwärtigen Diskurs weitgehend marginalisiert. Stattdessen steigen die weltweiten Militärausgaben bereits seit über einem Jahrzehnt und erzielten in den vergangenen Jahren immer neue Höchststände. Modellrechnungen haben gezeigt, dass bereits ein vergleichsweise geringer Anstieg der Rüstungsausgaben eine Einhaltung der internationalen Klimaziele unter den gegenwärtigen Bedingungen unmöglich macht.

Gleichzeitig bieten die zur Verfügung gestellten Finanzmittel und geplanten Investitionen auch die Gelegenheit zur technologisch-ökologischen Modernisierung der Streitkräfte, um so zumindest eine relative Entkopplung von Ressourcenverbräuchen und Emissionen zu erreichen. Insbesondere in europäischen Staaten wird die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern diskutiert, und hier scheint eine Konvergenz von Klima-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik möglich. Dies erfordert jedoch konsequente Beschlüsse von den politischen und militärischen Entscheidungsträger:innen. Zwar gibt es durchaus entsprechende Initiativen, die zeigen, dass sich Einsatzfähigkeit und Umweltschutz nicht ausschließen, zugleich kommt es immer wieder auch zur Obstruktion klimapolitischer Maßnahmen unter Verweis auf militärische Notwendigkeiten. Da Infrastrukturen und Waffensysteme häufig einen Lebenszyklus von mehreren Jahrzehnten haben, drohen bei einem Festhalten an letzterer Haltung Lock-in-Effekte und fossile Pfadabhängigkeiten. Dies würde dann nicht nur den Klimawandel weiter befeuern, sondern angesichts der Herausforderungen im Bereich Rohstoff- und Energie(un)sicherheit auch die sicherheitspolitische Lage weiter verschärfen und perspektivisch die Operationsfähigkeit der Streitkräfte selbst gefährden. Die im politischen Raum proklamierte „Zeitenwende“ eröffnet für Deutschland die Möglichkeit, ausgetretene nicht-nachhaltige Pfade zu verlassen. Die Zukunft der Streitkräfte und damit auch der Umwelt des Militärs wird im Jetzt gestaltet.

Die diesem Beitrag zugrunde liegenden Arbeiten sind im Rahmen des durch die Volkswagenstiftung geförderten Projektes „Greening Military? Zur Transformation der Streitkräftevor dem Hintergrund von ‚Zeitenwende‘ und Klimakrise“ ermöglicht worden.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Alexandra Witze, Geologists Reject the Anthropocene as Earth’s New Epoch – After 15 Years of Debate, in: Nature 627/2024, S. 249f. Zum Anthropozän siehe auch APuZ 14–15/2025 (Anm. d. Red.).

  2. Vgl. Rob Nixon, Slow Violence and the Environmentalism of the Poor, Cambridge MA–London 2011, S. 199–208.

  3. Ebd., S. 199.

  4. Vgl. David Zierler, Invention of Ecocide: Agent Orange, Vietnam, and the Scientists Who Changed the Way We Think About the Environment, Athens GA 2011.

  5. Vgl. Mark Griffiths/Kali Rubaii, Late Modern War and the Geos, in: Security Dialogue 1/2024, S. 38–57.

  6. Vgl. Stuart Parkinson/Linsey Cottrell, Estimating the Military’s Global Greenhouse Gas Emissions, Lancaster 2022.

  7. Vgl. Linsey Cottrell, A Framework for Military Greenhouse Gas Emissions Reporting: Military Emissions Gap, Conflict and Environment Observatory, Juni 2022.

  8. Vgl. Amitav Ghosh, Der Fluch der Muskatnuss. Gleichnis für einen Planeten in Aufruhr, Berlin 2023, S. 135–146.

  9. Vgl. Neta C. Crawford, The Pentagon, Climate Change, and War, Cambridge MA–London 2022, S. 7f., S. 65–68.

  10. Ebd. S. 27.

  11. Vgl. Andrew K. Jorgenson/Brett Clark, The Temporal Stability and Developmental Differences in the Environmental Impacts of Militarism, in: Sustainability Science 11/2016, S. 505–514.

  12. Vgl. als Überblick Ole Adolphsen, Militärische Emissionen: Blinder Fleck der Klimapolitik?, in: Wirtschaftsdienst 9/2025, S. 665–670.

  13. Vgl. Anselm Vogler, On (In-)Secure Grounds: How Military Forces Interact with Global Environmental Change, in: Journal of Global Security Studies 1/2024, S. 7f.

  14. Vgl. Emmanuel Kreike, Scorched Earth: Environmental Warfare as a Crime against Humanity and Nature in the Long Twentieth Century, Princeton 2021.

  15. Vgl. zeitgenössisch Arthur H. Westing (Hrsg.), Environmental Warfare: A Technical, Legal and Policy Appraisal, London–Philadelphia 1984.

  16. Vgl. Shaheen Gaszewski, Poland’s East Shield, Konrad-Adenauer-Stiftung, Monitor Security, August 2025, S. 10.

  17. Vgl. z.B. Dorothee Brantz, Environments of Death: Trench Warfare on the Western Front, 1914–1918, in: Charles Closmann (Hrsg.), War and the Environment. Military Destruction in the Modern Age, College Station 2009, S. 68–91.

  18. Vgl. Edmund Russel, War and Nature: Fighting Humans and Insects with Chemicals from World War I to Silent Spring, Cambridge 2001.

  19. Vgl. Jack E. McCallum, Epidemics and the American Military: Five Times Disease Changed the Course of War, Annapolis 2023.

  20. Vgl. Sherri W. Goodman, Threat Multiplier: Climate, Military Leadership, and the Fight for Global Security, Washington, D.C. 2025.

  21. Vgl. Vogler (Anm. 13), S. 8.

  22. Vgl. Jürgen Scheffran, Limits to the Anthropocene: Geopolitical Conflict or Cooperative Governance?, in: Frontiers in Political Science 2023, Externer Link: https://doi.org/10.3389/fpos.2023.1190610.

  23. Vgl. Vogler (Anm. 13), S. 9.

  24. Vgl. Simone Turchetti, Greening the Alliance: The Diplomacy of NATO‘s Science and Environmental Initiatives, Chicago–London 2019.

  25. Vgl. James R. Huntley, Man’s Environment and the Atlantic Alliance, Brussels 1971, S. 32–39.

  26. Vgl. Westing (Anm. 15).

  27. Zierler (Anm. 4).

  28. Vgl. Duncan Depledge, Low-Carbon Warfare: Climate Change, Net Zero and Military Operations, in: International Affairs 2/2023, S. 667–685; Anselm Vogler/Hannah Teicher, Short of Disarmament: Towards a Climate-Responsible Military Despite Geopolitical Tensions?, in: Contemporary Security Policy 1/2026, S. 52–58.

  29. Vgl. Corinne Lamaine et al., Picking up Arms Against a Collapsing Planet: Militarised Ecologies on a Planetary Scale, in: Geoforum 173/2026, Art. 104636.

  30. Vgl. Kohei Saito, Marx in the Anthropocene: Towards the Idea of Degrowth Communism, Cambridge MA–London 2022, S. 13–24.

  31. Vgl. Marina Fischer-Kowalski/Andreas Mayer/Anke Schaffartzik, Zur sozialmetabolischen Transformation von Gesellschaft und Soziologie, in: Marco Sonnberger/Alena Bleicher/Matthias Groß (Hrsg.), Handbuch Umweltsoziologie, Wiesbaden 2023, S. 97–120.

  32. Vgl. Vogler (Anm. 13), S. 3.

  33. Vgl. Liang, Xiao, Trends in World Military Expenditure 2025, Stockholm International Peace Research Institute 2026.

  34. Vgl. Wenjie Dong et al., Rising Military Spending Jeopardizes Climate Targets, in: Nature Communications 1/2025, Art. 4766.

  35. Vgl. Ole Adolphsen, Militärische Emissionen in der internationalen Klimapolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik, Forschungsgruppe Globale Fragen, Arbeitspapier 2/2025.

  36. Vgl. Harald H. Ertl/Fritz F. Zelinka/Ingrid Anker, Bundeswehr und Umweltschutz. Analyse eines vermeintlichen Widerspruchs, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Berichte 47/1988.

  37. Vgl. Vogler (Anm. 13), S. 10f.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Bernd Sommer, Frank Reichherzer, Kerrin Langer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Professor für Umweltsoziologie mit dem Schwerpunkt Transformationsforschung an der Technischen Universität Dortmund.

ist Wissenschaftlicher Oberrat und Projektleiter des Leitthemas "Militär und Gewalt" am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Sozialwissenschaften der Technischen Universität Dortmund.