„In den frühen Morgenstunden haben sowjetische Truppen einen Angriff auf unsere Hauptstadt gestartet, mit der offensichtlichen Absicht, die rechtmäßige, demokratische ungarische Regierung zu stürzen. Unsere Truppen kämpfen. Die Regierung ist weiterhin im Amt. Ich teile dies dem Volk unseres Landes und der Weltöffentlichkeit mit.“ Mit diesen dramatischen Worten beschrieb der ungarische Ministerpräsident Imre Nagy am 4. November 1956 in einer Radioansprache die Lage in Budapest. Seit dem Spätsommer hatten die reformorientierten Teile der Kommunistischen Partei, unterstützt von weiten Teilen der Gesellschaft und ermutigt durch widersprüchliche Signale aus Moskau, die Herrschaft der alten stalinistischen Kader durch demokratische Reformen zu beenden versucht. Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen und der Absetzung der Regierung wurden die gerade erkämpften Freiheiten jäh und brutal wieder entzogen. Fast 3.000 Menschen starben bei den landesweiten Kämpfen.
Die Erinnerung an „1956“ hat sich tief ins kollektive Gedächtnis Ungarns eingebrannt. Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, dass der Ruf nach Freiheit, Reformen und Demokratie 1988/89 in Mittelosteuropa nach Polen als erstes in Ungarn erklang und rasch konkrete Demokratisierungsschritte nach sich zog. Dass ausgerechnet dort nach 2010 unter der Fidesz-Regierung Schritt für Schritt eine illiberale Demokratie geschaffen wurde, nachdem das Land Anfang der 1990er Jahre noch als Musterbeispiel für eine erfolgreiche liberaldemokratische Transformation gegolten hatte, wirkt rückblickend wie eine bittere Ironie der Geschichte.
Doch anders als Karl Marx meinte, wiederholt sich Geschichte keineswegs nur als Tragödie oder Farce. 70 Jahre nach dem Aufstand von 1956 haben die Ungarinnen und Ungarn nicht mit Gewalt, sondern durch einen von Vielen mittlerweile für unmöglich gehaltenen Wahlakt die Herrschaft Viktor Orbáns beendet. Sie haben das Abdriften des Landes ins Autoritäre vorerst gestoppt und so ihrem offenkundig ungebrochenen Freiheitswillen Ausdruck verliehen. Aufgabe der neuen, mit Zweidrittelmehrheit im Parlament ausgestatteten Regierung unter Péter Magyar wird es sein, diesen Willen – trotz oder gerade wegen der eigenen Machtfülle – zu bewahren und weiterzutragen.