In der Nacht des 12. April 2026 feierten und tanzten Hunderttausende Ungarinnen und Ungarn in Budapest und vielen anderen Orten des Landes. Der erdrutschartige Wahlsieg von Péter Magyars Tisza-Partei
Magyar und seine von Tausenden Freiwilligen getragene Bewegung haben es geschafft, auch sehr viele von jenen von sich zu überzeugen, die zuvor ihr Kreuz bei Fidesz gemacht hatten, besonders auf dem Land und in den Kleinstädten. Mit ihrer unermüdlichen, von vielen Einzelgesprächen und Kurzauftritten an etwa siebenhundert Orten geprägten Wahlkampagne haben sie Orbáns Propagandamaschine unterlaufen. Die Verteufelung des Gegenkandidaten und die angebliche Verschwörung „Brüssels“ gegen das „ungarische Volk“, die das Land in einen Krieg gegen Russland treibe, verfingen nicht mehr. Die Polarisierung, mit der Orbán seit 2006 die ungarische Gesellschaft gespalten hatte, ist, zumindest für den Moment, überwunden.
Dieses vollkommen unvorhersehbare Ereignis wirft ein neues Licht auf die jüngere Geschichte Ungarns seit 1918, als das Land nach dem Untergang der Habsburgermonarchie wieder eigenständig wurde. Wohl niemals zuvor hat die Mehrheit der ungarischen Gesellschaft ihren Willen so einig und friedlich zum Ausdruck gebracht wie am 12. April 2026. Besonders deutlich wird dies, wenn man die jüngste Parlamentswahl mit den anderen Wendepunkten der modernen ungarischen Geschichte seit der Unabhängigkeit des Landes am Ende des Ersten Weltkriegs vergleicht.
Die (unfreiwillige) Unterzeichnung des Vertrags von Trianon 1920 hatte das Chaos beendet, das nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches herrschte. Zugleich aber bedeutete Trianon für Ungarn den Beginn unruhiger Zeiten, da das Land rund zwei Drittel seines Territoriums verlor und ein Drittel der ungarischsprachigen Bevölkerung fortan jenseits der neuen Grenzen lebte. Die Versuche, den Vertrag zu revidieren, und das Erstarken des Rechtsextremismus in Ungarn im Schatten des nationalsozialistischen Deutschlands prägten das Land und endeten erst in der katastrophalen Sackgasse des Zweiten Weltkriegs und der Ermordung von Hunderttausenden Juden im „Holocaust nach dem Holocaust“ von 1944/45.
All diese Umwälzungen waren jeweils nur von Minderheiten getragen; große Teile der ungarischen Gesellschaft verhielten sich eher passiv oder verharrten in der Opposition. Häufig prägte eine starke, politisch massiv forcierte Polarisierung das Land – bis zur Wahlnacht im April 2026.
Trianon und die Folgen
Nun könnte man einwenden, dass der Vertrag von Trianon, der den Ersten Weltkrieg für Ungarn beendete, ebenfalls eine ungeahnte Einigkeit, nämlich in der Ablehnung dieses Vertragswerks und seiner Bestimmungen, hervorgerufen hatte. Aber diese war eine rein negative Reaktion, die nicht mit Hoffnung auf etwas Positives verbunden war. Ansonsten hätte die Front der Ablehnung kaum so extreme politische Kräfte wie die Kommunisten und die Rechtsradikalen vereinen können, die sich ansonsten bis aufs Blut bekämpften. Trianon war sicher ein Schock für die ungarische Gesellschaft – oft wird sogar der Begriff des „Traumas“ herangezogen –, aber dieser Begriff täuscht ein wenig darüber hinweg, dass sowohl in der Zwischenkriegszeit als auch nach 1989 die damit verbundenen negativen Gefühle erfolgreich politisch manipuliert wurden.
Die Empörung über das Vertragswerk von 1920 rührte erstens daher, dass die Alliierten es der ungarischen Regierung aufzwangen, die über keinerlei Mitspracherechte verfügte; dass es zweitens auf einer aus dieser Perspektive unbegründeten „Kriegsschuldthese“ beruhte, obwohl der ungarische Ministerpräsident István Tisza in der Julikrise 1914 in Wahrheit lange gezögert hatte, dem Krieg zuzustimmen; und drittens auf der heute fast unvorstellbaren Tatsache, dass das Königreich Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets und drei Fünftel seiner Bevölkerung abtreten musste. Obwohl Trianon angeblich auf dem Prinzip der „Selbstbestimmung der Völker“ beruhte, wurden mehr als drei Millionen Ungarisch sprechende Menschen ungefragt zu Staatsbürgern der Nachbarstaaten Tschechoslowakei, Rumänien, Österreich und Jugoslawien. Diese Neuziehung der Grenzen zwischen dem nunmehr unabhängigen Ungarn und den angrenzenden Staaten schuf keinen Frieden, sondern befeuerte die vehemente Revisionspolitik Ungarns in der Zwischenkriegszeit – und endete in dem katastrophalen Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland.
Auch wenn die meisten Ungarinnen und Ungarn Trianon weiterhin für Unrecht halten, ist der Begriff „Trauma“ gleichwohl irreführend. Das „Nem, nem, soha“ („Nein, nein, niemals!“) und das „ungarische Gebet“ („Ich glaube an die Wiedergeburt Ungarns“), welche die Propaganda der Horthyzeit zwischen 1920 und 1941 prägten,
Der Eintritt Ungarns in den Zweiten Weltkrieg 1941 war der Preis, den das Land für die deutsche Hilfe bei der Rückkehr einiger durch Trianon verlorener Gebiete (vor allem das nördliche Siebenbürgen in Rumänien und Teile der Slowakei beziehungsweise Jugoslawiens) zu zahlen hatte. Dieser Preis war extrem hoch und wurde vor allem von den weit über 500.000 Jüdinnen und Juden und fast 30.000 Roma bezahlt, die in der letzten Phase des Holocaust ermordet wurden. Zudem starben 300.000 ungarische Soldaten und einige Tausend Zivilisten. Die Hauptstadt Budapest lag bei Kriegsende in Trümmern, nach einer monatelang andauernden Belagerung. Die Euphorie über die von Horthy inszenierte „Rückkehr“ ehemaliger Gebiete währte nur sehr kurz und stellte keine politische Einigkeit her. Das Bündnis mit Hitler spaltete die ungarische Gesellschaft, auch wenn es starke rechtsradikale Kräfte gab, wie etwa der Wahlsieg der faschistischen und antisemitischen „Pfeilkreuzler“ unter Ferenc Szálasi von 1938 bewies. Obwohl die nationalkonservative Regierung die Stimmabgabe erschwerte und hoffte, die Rechtsradikalen unter Kontrolle zu halten, erhielten diese über 30 Prozent der Stimmen. Im Gegensatz zu Deutschland gab es aber auch eine zwar zahlenmäßig kleine, doch politisch breit gefächerte antideutsche Opposition, die von den Konservativen auf der Rechten bis zu den Kommunisten auf der Linken reichte. Bei Kriegsende 1945 war die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung erschöpft und ausgehungert, nur einige wenige Menschen schöpften Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang, der von weitreichenden sozialen Reformen begleitet sein sollte. Doch es kam anders.
Vom Stalinismus zum Gulaschkommunismus
1945 besetzte die sowjetische Armee Ungarn und verhalf den aus Moskau eingeflogenen Kommunisten nach einer kurzen Übergangsphase zur Übernahme der Macht. Nachdem die Opposition im Rahmen der sprichwörtlichen „Salamitaktik“
Retrospektiv wurde der „Ungarnaufstand“ von 1956 zu einem Symbol des ungebrochenen ungarischen Freiheitswillens stilisiert. Diese Erinnerung einte nach 1989 vorübergehend alle postkommunistischen Kräfte unter Einschluss der zu Sozialisten gewandelten Reformkommunisten. Doch nach seiner postliberalen Wende benutzte Viktor Orbán die Erinnerung an den Aufstand zunehmend für sein antiwestliches, insbesondere gegen die EU gerichtetes Narrativ, indem er dem Westen „Verrat“ an Ungarn vorwarf. Balázs Orbán, einer der wichtigsten Ideologen unter Viktor Orbán (aber nicht verwandt mit ihm), verstieg sich 2024 sogar zu der Aussage, dass es die Lehre von 1956 sei, dass man sich gegen Russland nicht zur Wehr setzen könne, weil man vom Westen ohnehin im Stich gelassen werde, der im Zweifelsfall nur tatenlos zuschaue.
Tatsächlich sahen die USA angesichts der massiven sowjetischen Invasion 1956 keine Möglichkeit, zugunsten der revolutionären Regierung unter Nagy zu intervenieren, ohne einen Atomkrieg zu riskieren. Das brachte letztlich János Kádár an die Macht, der unter dem Horthy-Regime zwei Jahre im Gefängnis gesessen und dort den späteren stalinistischen Parteichef Mátyás Rákosi kennengelernt hatte. Kádár ging zunächst äußerst brutal gegen jegliche Opposition vor, bevor er ab den 1960er Jahren wirtschaftliche Reformen („Gulaschkommunismus“) einleiten ließ und eine gewisse kulturelle Öffnung erlaubte. Für Außenstehende wurde Ungarn zu einer „fröhlichen Barracke“.
Das Jahr der „Wende“, als die kommunistischen Diktaturen in Polen und Ungarn an Runden Tischen abgewickelt wurden und die Regime in der DDR, der Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien nach Massendemonstrationen in dramatischer Weise zusammenbrachen, war von großer Euphorie begleitet – sowohl in Ost- wie auch in Westeuropa. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab auch der europäischen Einigung neuen Schub, der ab 2004 nicht nur in der Osterweiterung der Europäischen Union mündete, sondern scheinbar auch das demokratische und kapitalistische System endgültig in Europa verankerte. Mancher interpretierte dies als liberales „Ende der Geschichte“, wenngleich die Metapher mitunter etwas überinterpretiert wurde. Warum aber konnten Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei diese Entwicklung nach ihrem erdrutschartigen Wahlsieg von 2010 dann wieder rückgängig machen und durch ein ganz anderes Narrativ – „nationale Souveränität“ statt „europäische Einigung“ – ersetzen? Was war zwischen 1989 und 2010 schiefgelaufen?
Demokratisierungshindernisse
Ein grundsätzliches Problem des ungarischen Systemwechsels bestand in der relativ geringen Beteiligung der Bevölkerung, der Passivität der Gesellschaft beim Übergang von der kommunistischen Diktatur zur Demokratie. Es war die Staatspartei selbst, die die Voraussetzung für die Demokratisierung geschaffen hatte, indem sie 1988 ihr politisches Monopol aufgab und Oppositionsparteien zuließ. Die kommunistischen Reformer wollten als demokratische Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) in freien Wahlen und ohne den Einsatz von Machtapparat oder Geheimpolizei Mehrheiten erringen, was ihnen 1994 unter Gyula Horn dann auch gelang. Zugleich entstanden drei größere Oppositionsgruppen, die entweder, wie die Nationalkonservativen (Magyar Demokrata Fórum, Kisgazdapárt) oder die Liberalen (Szabad Demokrata Szövetsége, SZDSZ), an frühere Traditionen anknüpften oder sich wie der Fidesz als ganz neue, junge Kraft verstanden (Fiatal Demokrata Szövetsége – Bündnis der Jungen Demokraten). Es waren die Vertreter dieser eher kleinen Eliten mit oft akademischem Hintergrund, die von den Reformern der Staatspartei zum Runden Tisch eingeladen worden waren, um eine neue demokratische Verfassung auszuhandeln. Die breite Masse der Bevölkerung wurde nicht einbezogen.
Das wichtigste Ereignis, das den Übergang zum neuen System symbolisieren sollte, war im Sommer 1989 die Wiederbestattung der Märtyrer um Imre Nagy – jenes Ministerpräsidenten, der sich im Oktober 1956 an die Spitze der Revolution gestellt hatte und später auf Geheiß Kádárs hingerichtet worden war. Zu diesem Anlass hielt der junge Viktor Orbán erstmals eine öffentliche Rede, die Millionen Ungarinnen und Ungarn am Fernseher oder auf dem Budapester Heldenplatz, wo Hunderttausende versammelt waren, verfolgen konnten. Seine Worte gipfelten in der heute berühmten Aufforderung an „die Russen“, das Land nach 44 Jahren Okkupation zu verlassen. In der Wahlnacht von 2026 erinnerten ihn die feiernden Massen daran, als sie „Russzkik haza!“ riefen („Russen heim“) – eine Anspielung darauf, dass Orbán in seinen letzten Jahren als Regierungschef immer prorussischer (und antiukrainischer) geworden war und damit seine alten Ideale verraten hatte.
Als zweites großes Problem des ungarischen Transformationsprozesses sollte sich die Tatsache erweisen, dass die Opposition von Beginn an in mindestens zwei ideologische Lager gespalten war, die sich auf sehr unterschiedliche nationale Traditionen aus der Zwischenkriegszeit beriefen. Die eine Seite bezog sich auf die „volkstümlichen“ beziehungsweise „völkischen“ (népi) Traditionen – eine sehr heterogene Strömung, die im Zuge des Protests gegen die soziale Not der ländlichen Bevölkerung entstanden war. Die Landbevölkerung empfand sie als den „wahren Kern“ des „magyarischen Volkes“, während ihre Ideologie von sozialrevolutionären bis zu rechtsextremen und antisemitischen Ideen reichte. Auf der anderen Seite standen die eher urbanen, liberalen und kosmopolitischen Traditionen mit ihrem bedeutenden jüdischen Erbe. In vielerlei Hinsicht standen diese beiden Traditionen für sich gegenseitig ausschließende Vorstellungen vom ungarischen Gemeinwesen.
Die Sozialisten als ehemalige Staatspartei hatten Vertreter beider Richtungen in ihren Reihen, was sie in den 1990er Jahren zu einer starken, von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützten Partei machte. Allerdings konnten sie so auch bald für die Probleme des Übergangs verantwortlich gemacht werden: Oligarchentum auf der einen, Massenarbeitslosigkeit auf der anderen Seite – und eine weit verbreitete Verunsicherung durch zunehmende, oft auch organisierte Kriminalität. Ferenc Gyurcsány etwa, der bislang letzte sozialistische Ministerpräsident der MSZP, war in den 1990er Jahren auf dubiose Weise sehr reich geworden. Als Symbol einer korrupten postkommunistischen Elite war er ein leichtes Ziel für Orbáns spätere Agitation.
Orbáns Aufstieg …
Während Orbán anfangs, vom US-amerikanischen Milliardär George Soros mit einem Stipendium unterstützt, eher den Liberalen zuneigte, wandte er sich ab 1994 der Rechten zu, nachdem sich die Liberalen, aus Furcht vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus aufseiten der Nationalkonservativen, auf ein Regierungsbündnis mit den Sozialisten eingelassen hatten. Dies verhalf dem Fidesz, gemeinsam mit einigen konservativen Parteien, zu einem ersten Wahlsieg im Jahr 1998. In dieser ersten Regierungsperiode strebte Orbán die Einleitung einer nationalkonservativen, aber eher moderaten Wende an, die mit der knappen Wahlniederlage 2002 jedoch ein jähes Ende nahm. Während Orbáns Koalition nach Bestechungsskandalen und internen Streitigkeiten geschwächt in die Wahl gegangen war, trat die Opposition geeint und mit dem Versprechen sozialer Verbesserungen an.
Die unerwartet knappe Wahlniederlage von 2002 veränderte Viktor Orbáns Verständnis von Politik. Er empfand die Niederlage, die erst nach einer Stichwahl feststand, als persönliche Beleidigung und nationalen Verrat. Sozialisten und Liberale seien unwürdig, unfähig und nicht legitimiert, Ungarn zu führen; auch von Wahlfälschung war die Rede. Seine Gegner, so Orbán, stützten sich mehr auf ihre Netzwerke in den Medien, Justiz und Verwaltung als auf den Willen der Wähler. In der Folge organisierte Fidesz Massendemonstrationen gegen die gewählte Regierung und begann, sich mehr und mehr einer polarisierenden Sprache zu bedienen: Alle, die nicht Orbán und Fidesz unterstützten, seien „Verräter“ und keine „wahren Ungarn“. Die Partei radikalisierte sich zunehmend und begann, ein landesweites Netzwerk von „bürgerlichen Kreisen“ (polgári körök) aufzubauen, die die Ideologie der Partei verbreiten sollten. Teilweise mischten sich in die Rhetorik auch antisemitische Untertöne, einige Vertreter von Fidesz bedienten gezielt die Verschwörungstheorien um George Soros, die schon in den frühen 1990er Jahren von rechtsextremen Kreisen in Ungarn in die Welt gesetzt worden waren.
Trotz der massenhaften Mobilisierung gegen die sozialistisch-liberale Regierung verlor Fidesz auch die Wahlen im April 2006 gegen eine erstarkte Sozialistische Partei und ihren geschwächten liberalen Bündnispartner SZDSZ. Allerdings geriet Ministerpräsident Ferenc Gyurcsánys Kabinett kurz darauf in eine tiefe Krise. In einer Rede gegenüber Parteigenossen, die an die Öffentlichkeit gespielt worden war, hatte Gyurcsány davon gesprochen, dass man die Bevölkerung seit Jahren angelogen und die schlechte Lage im Land schöngeredet habe. Dies nutzte Fidesz für eine erneute Massenmobilisierung. Anlässlich der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der 1956er-Revolution im Oktober kam es zu Massendemonstrationen, auf denen auch rechtsextreme Gruppen auftraten.
Nach dem schweren Einbruch der ungarischen Wirtschaft infolge der Weltfinanzkrise ab 2008 versuchte der Ökonom und Unternehmer Gordon Bajnai, der Gyurcsány 2009 im Amt des Ministerpräsidenten nachfolgte, das Ruder mit drastischen Reformen herumzureißen. Doch die Wahlen von 2010 endeten mit dem Erdrutschsieg für Fidesz und einer vernichtenden Niederlage für die Sozialisten und die Liberalen, die seither von der politischen Landschaft Ungarns verschwunden sind. Orbán errang mit fast 53 Prozent der Stimmen eine Zweidrittelmehrheit der Sitze im Parlament, was es Fidesz ermöglichte, eine neue Verfassung ohne Zustimmung der Opposition zu verabschieden und das Land in den darauffolgenden 16 Jahren systematisch umzubauen. Ergebnis war ein politisches System, das Ungarn in ein auf Orbán und Fidesz zugeschnittenes illiberales und autoritäres System verwandelte. Zugleich nahm die Korruption, von der nicht nur Orbáns Familie und Freunde, sondern auch zahlreiche der Regierung nahestehende Gefolgsleute profitierten, in einem Umfang zu, wie es zuvor nicht für möglich gehalten worden war.
… und Orbáns Fall
Péter Magyar, einst selbst Parteigänger und Profiteur des Systems, wandte sich 2024 von Orbán und der Partei ab, als er damit begann, die Skandale der Regierung anzuprangern. Im Sommer 2024 wurde er Vorsitzender der bis dahin völlig unbedeutenden Tisza-Partei, die er bei den Wahlen zum Europäischen Parlament mit rund 30 Prozent der Stimmen aus dem Stand zu einem überraschenden Achtungserfolg führte. Seitdem war Tisza die einzige ernstzunehmende Oppositionspartei. Dass es Magyar schließlich gelang, die Mehrheit der Ungarinnen und Ungarn hinter sich zu bringen und das scheinbar unbezwingbare System Orbán zu stürzen, wirkt noch heute unwirklich und bedarf einer vertieften Analyse. Was jedoch feststeht: Während an den Wahlen von 2010 nur 64 Prozent der Wählerinnen und Wähler teilnahmen, hatten 16 Jahre später fast 79 Prozent der ungarischen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Gegen diese hohe Wahlbeteiligung und die damit verbundene entschiedene Willensbekundung der ungarischen Gesellschaft konnten selbst die Einmischungen der US-amerikanischen und der russischen Seite zugunsten Orbáns im Wahlkampf nichts mehr ausrichten. Das ist in der ungarischen Geschichte einmalig.