Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Die unerwartet erkämpfte Freiheit | bpb.de

Die unerwartet erkämpfte Freiheit Kleine Geschichte des modernen Ungarn seit 1918

Árpád von Klimó

/ 16 Minuten zu lesen

Die Geschichte des modernen Ungarn ist geprägt von nationaler Zerrissenheit, demokratischen Versuchen und autokratischen Rückschritten. Mit dem Wahlsieg Péter Magyars 2026 besteht die Hoffnung auf einen demokratischen, von breiten Schichten getragenen Neuanfang.

In der Nacht des 12. April 2026 feierten und tanzten Hunderttausende Ungarinnen und Ungarn in Budapest und vielen anderen Orten des Landes. Der erdrutschartige Wahlsieg von Péter Magyars Tisza-Partei schuf eine lange nicht gekannte Euphorie, die sogar den Jubel über den deutlichen Wahlsieg von Viktor Orbán im Jahr 2010 übertraf. Auch dieser hatte seinerzeit zwei Drittel der Parlamentsmandate und damit eine verfassungsgebende Mehrheit erreicht. Doch 16 Jahre später ist die Stimmung im Land eine ganz andere. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, besonders aber für die Jüngeren, fühlt sich das Wahlergebnis wie eine Befreiung an – die Befreiung des Landes von einem autoritären System, das alles im Griff zu haben schien: das Parlament, die Regierung, die Verfassung, die obersten Gerichte, die Medien, die Wirtschaft (zumindest die in ungarischer Hand befindlichen Unternehmen), die Kultur, das öffentliche Leben – alles schien unter der Kontrolle von Fidesz zu stehen. Daher gleicht der Wahlsieg der Opposition einem Wunder. Er ermöglicht die Überwindung dieses auf einer neuen Verfassung, dem Grundgesetz von 2011, basierenden Systems, das Orbán und seine Fidesz-Partei Schritt für Schritt aufgebaut hatten.

Magyar und seine von Tausenden Freiwilligen getragene Bewegung haben es geschafft, auch sehr viele von jenen von sich zu überzeugen, die zuvor ihr Kreuz bei Fidesz gemacht hatten, besonders auf dem Land und in den Kleinstädten. Mit ihrer unermüdlichen, von vielen Einzelgesprächen und Kurzauftritten an etwa siebenhundert Orten geprägten Wahlkampagne haben sie Orbáns Propagandamaschine unterlaufen. Die Verteufelung des Gegenkandidaten und die angebliche Verschwörung „Brüssels“ gegen das „ungarische Volk“, die das Land in einen Krieg gegen Russland treibe, verfingen nicht mehr. Die Polarisierung, mit der Orbán seit 2006 die ungarische Gesellschaft gespalten hatte, ist, zumindest für den Moment, überwunden.

Dieses vollkommen unvorhersehbare Ereignis wirft ein neues Licht auf die jüngere Geschichte Ungarns seit 1918, als das Land nach dem Untergang der Habsburgermonarchie wieder eigenständig wurde. Wohl niemals zuvor hat die Mehrheit der ungarischen Gesellschaft ihren Willen so einig und friedlich zum Ausdruck gebracht wie am 12. April 2026. Besonders deutlich wird dies, wenn man die jüngste Parlamentswahl mit den anderen Wendepunkten der modernen ungarischen Geschichte seit der Unabhängigkeit des Landes am Ende des Ersten Weltkriegs vergleicht.

Die (unfreiwillige) Unterzeichnung des Vertrags von Trianon 1920 hatte das Chaos beendet, das nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches herrschte. Zugleich aber bedeutete Trianon für Ungarn den Beginn unruhiger Zeiten, da das Land rund zwei Drittel seines Territoriums verlor und ein Drittel der ungarischsprachigen Bevölkerung fortan jenseits der neuen Grenzen lebte. Die Versuche, den Vertrag zu revidieren, und das Erstarken des Rechtsextremismus in Ungarn im Schatten des nationalsozialistischen Deutschlands prägten das Land und endeten erst in der katastrophalen Sackgasse des Zweiten Weltkriegs und der Ermordung von Hunderttausenden Juden im „Holocaust nach dem Holocaust“ von 1944/45. Demokratische Elemente gab es nach Ende des Krieges nur für eine kurze Übergangsphase. Bis 1948/49 errichtete die Kommunistische Partei (KP), maßgeblich unterstützt von der sowjetischen Besatzungsarmee mit ihrer massiven Truppenpräsenz, eine stalinistische Diktatur, die auf radikalen sozialen Umwälzungen, Massenterror und allgegenwärtiger Propaganda beruhte. Im Oktober 1956 entluden sich die angestauten Frustrationen in Massenprotesten, die kurzzeitig die Regierung zu Fall brachten, doch schon wenig später marschierten die sowjetischen Truppen erneut ein und halfen den regimetreuen Kommunisten dabei, die Diktatur zu stabilisieren. Erst dreißig Jahre später hatte das sozialistische System endgültig jegliche Legitimität und Zukunftsfähigkeit eingebüßt. 1988/89 wurde es abgewickelt, als die KP ihre politische Monopolstellung freiwillig aufgab und sich mit verschiedenen Oppositionsgruppen auf einen Übergang zu Demokratie, Kapitalismus und Rechtsstaatlichkeit verständigte. Bis zu Viktor Orbáns erdrutschartigem zweiten Wahlsieg 2010, der ihm den radikalen Umbau Ungarns erlaubte, funktionierte die ungarische Demokratie gleichwohl mehr schlecht als recht, auch wenn ihre Konsolidierung bis dahin als gelungen galt.

All diese Umwälzungen waren jeweils nur von Minderheiten getragen; große Teile der ungarischen Gesellschaft verhielten sich eher passiv oder verharrten in der Opposition. Häufig prägte eine starke, politisch massiv forcierte Polarisierung das Land – bis zur Wahlnacht im April 2026.

Trianon und die Folgen

Nun könnte man einwenden, dass der Vertrag von Trianon, der den Ersten Weltkrieg für Ungarn beendete, ebenfalls eine ungeahnte Einigkeit, nämlich in der Ablehnung dieses Vertragswerks und seiner Bestimmungen, hervorgerufen hatte. Aber diese war eine rein negative Reaktion, die nicht mit Hoffnung auf etwas Positives verbunden war. Ansonsten hätte die Front der Ablehnung kaum so extreme politische Kräfte wie die Kommunisten und die Rechtsradikalen vereinen können, die sich ansonsten bis aufs Blut bekämpften. Trianon war sicher ein Schock für die ungarische Gesellschaft – oft wird sogar der Begriff des „Traumas“ herangezogen –, aber dieser Begriff täuscht ein wenig darüber hinweg, dass sowohl in der Zwischenkriegszeit als auch nach 1989 die damit verbundenen negativen Gefühle erfolgreich politisch manipuliert wurden.

Die Empörung über das Vertragswerk von 1920 rührte erstens daher, dass die Alliierten es der ungarischen Regierung aufzwangen, die über keinerlei Mitspracherechte verfügte; dass es zweitens auf einer aus dieser Perspektive unbegründeten „Kriegsschuldthese“ beruhte, obwohl der ungarische Ministerpräsident István Tisza in der Julikrise 1914 in Wahrheit lange gezögert hatte, dem Krieg zuzustimmen; und drittens auf der heute fast unvorstellbaren Tatsache, dass das Königreich Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets und drei Fünftel seiner Bevölkerung abtreten musste. Obwohl Trianon angeblich auf dem Prinzip der „Selbstbestimmung der Völker“ beruhte, wurden mehr als drei Millionen Ungarisch sprechende Menschen ungefragt zu Staatsbürgern der Nachbarstaaten Tschechoslowakei, Rumänien, Österreich und Jugoslawien. Diese Neuziehung der Grenzen zwischen dem nunmehr unabhängigen Ungarn und den angrenzenden Staaten schuf keinen Frieden, sondern befeuerte die vehemente Revisionspolitik Ungarns in der Zwischenkriegszeit – und endete in dem katastrophalen Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland.

Auch wenn die meisten Ungarinnen und Ungarn Trianon weiterhin für Unrecht halten, ist der Begriff „Trauma“ gleichwohl irreführend. Das „Nem, nem, soha“ („Nein, nein, niemals!“) und das „ungarische Gebet“ („Ich glaube an die Wiedergeburt Ungarns“), welche die Propaganda der Horthyzeit zwischen 1920 und 1941 prägten, waren zwar für eine große Mehrheit der ungarischen Bevölkerung anschlussfähig, aber eben nur in einem negativen Sinne. Zu welchem Ungarn man genau „zurückkehren“ wollte, war nicht so recht klar, dafür war die ungarische Gesellschaft zu sehr gespalten. Das sozial extrem ungleiche System der Zeit vor 1918 mit seinen wenigen Großgrundbesitzern und der nun viel zu großen und wirtschaftlich sehr dynamischen Metropole Budapest wurde beibehalten, obwohl dies kein Zukunftsmodell war und die Entwicklung des Landes mehr hemmte als erleichterte. Die regierende Staatspartei konnte das Land zwar zwischen 1920 und der Weltwirtschaftskrise 1929 einigermaßen stabilisieren, stand aber sowohl den außenpolitischen Herausforderungen – insbesondere dem Aufstieg des nationalsozialistischen Deutschland und seiner zunehmend aggressiven Politik – als auch den größer werdenden sozialen Spannungen im Innern machtlos gegenüber. Spätestens nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 und der Zerschlagung der Tschechoslowakei war das Land von Territorien umgeben, die entweder vom „Dritten Reich“ oder von der Sowjetunion kontrolliert wurden, mit Ausnahme Jugoslawiens im Süden und Rumäniens im Osten.

Der Eintritt Ungarns in den Zweiten Weltkrieg 1941 war der Preis, den das Land für die deutsche Hilfe bei der Rückkehr einiger durch Trianon verlorener Gebiete (vor allem das nördliche Siebenbürgen in Rumänien und Teile der Slowakei beziehungsweise Jugoslawiens) zu zahlen hatte. Dieser Preis war extrem hoch und wurde vor allem von den weit über 500.000 Jüdinnen und Juden und fast 30.000 Roma bezahlt, die in der letzten Phase des Holocaust ermordet wurden. Zudem starben 300.000 ungarische Soldaten und einige Tausend Zivilisten. Die Hauptstadt Budapest lag bei Kriegsende in Trümmern, nach einer monatelang andauernden Belagerung. Die Euphorie über die von Horthy inszenierte „Rückkehr“ ehemaliger Gebiete währte nur sehr kurz und stellte keine politische Einigkeit her. Das Bündnis mit Hitler spaltete die ungarische Gesellschaft, auch wenn es starke rechtsradikale Kräfte gab, wie etwa der Wahlsieg der faschistischen und antisemitischen „Pfeilkreuzler“ unter Ferenc Szálasi von 1938 bewies. Obwohl die nationalkonservative Regierung die Stimmabgabe erschwerte und hoffte, die Rechtsradikalen unter Kontrolle zu halten, erhielten diese über 30 Prozent der Stimmen. Im Gegensatz zu Deutschland gab es aber auch eine zwar zahlenmäßig kleine, doch politisch breit gefächerte antideutsche Opposition, die von den Konservativen auf der Rechten bis zu den Kommunisten auf der Linken reichte. Bei Kriegsende 1945 war die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung erschöpft und ausgehungert, nur einige wenige Menschen schöpften Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang, der von weitreichenden sozialen Reformen begleitet sein sollte. Doch es kam anders.

Vom Stalinismus zum Gulaschkommunismus

1945 besetzte die sowjetische Armee Ungarn und verhalf den aus Moskau eingeflogenen Kommunisten nach einer kurzen Übergangsphase zur Übernahme der Macht. Nachdem die Opposition im Rahmen der sprichwörtlichen „Salamitaktik“ schrittweise ausgeschaltet worden war, entwickelte sich Ungarn ab 1948/49 zu einer brutalen stalinistischen Diktatur, die nicht nur die Wirtschaft des Landes ruinierte, sondern jegliche Freiheitsbestrebungen unterdrückte. Nach den Massendemonstrationen vom 23. Oktober 1956 verloren die Kommunisten, deren Elite sich zwischenzeitlich in stalinistische Dogmatiker und Reformkommunisten gespalten hatte, vorübergehend die Macht, doch war dies nur ein kurzer Moment, in dem die Menschen Hoffnung auf mehr Freiheit schöpfen konnten. Der Reformkommunist Imre Nagy wurde Ministerpräsident und bildete eine Mehrparteienregierung, doch deren Ende war mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen besiegelt. Die meisten Ungarn verhielten sich, nur elf Jahre nach Kriegsende, eher abwartend. „1956“ markiert insofern zwar ein heroisches Aufbäumen, wurde von großen Teilen der ungarischen Gesellschaft aber vor allem ideell unterstützt und nur passiv begleitet. Die meisten Menschen warteten schlicht ab, was passieren würde.

Retrospektiv wurde der „Ungarnaufstand“ von 1956 zu einem Symbol des ungebrochenen ungarischen Freiheitswillens stilisiert. Diese Erinnerung einte nach 1989 vorübergehend alle postkommunistischen Kräfte unter Einschluss der zu Sozialisten gewandelten Reformkommunisten. Doch nach seiner postliberalen Wende benutzte Viktor Orbán die Erinnerung an den Aufstand zunehmend für sein antiwestliches, insbesondere gegen die EU gerichtetes Narrativ, indem er dem Westen „Verrat“ an Ungarn vorwarf. Balázs Orbán, einer der wichtigsten Ideologen unter Viktor Orbán (aber nicht verwandt mit ihm), verstieg sich 2024 sogar zu der Aussage, dass es die Lehre von 1956 sei, dass man sich gegen Russland nicht zur Wehr setzen könne, weil man vom Westen ohnehin im Stich gelassen werde, der im Zweifelsfall nur tatenlos zuschaue.

Tatsächlich sahen die USA angesichts der massiven sowjetischen Invasion 1956 keine Möglichkeit, zugunsten der revolutionären Regierung unter Nagy zu intervenieren, ohne einen Atomkrieg zu riskieren. Das brachte letztlich János Kádár an die Macht, der unter dem Horthy-Regime zwei Jahre im Gefängnis gesessen und dort den späteren stalinistischen Parteichef Mátyás Rákosi kennengelernt hatte. Kádár ging zunächst äußerst brutal gegen jegliche Opposition vor, bevor er ab den 1960er Jahren wirtschaftliche Reformen („Gulaschkommunismus“) einleiten ließ und eine gewisse kulturelle Öffnung erlaubte. Für Außenstehende wurde Ungarn zu einer „fröhlichen Barracke“. 1961, als die DDR eine Mauer in Berlin errichtete und jeglichen Fluchtversuch kriminalisierte, durften ungarische Bürgerinnen und Bürger, wenn auch mit starken Einschränkungen, erstmals ins westliche Ausland reisen. Der „Ostblock“ driftete allmählich auseinander, in Ungarn bekamen in der Kommunistischen Partei die Reformer die Oberhand. Im Mai 1988 setzten sie den greisen Kádár ab, der in einer wirren letzten Rede wie ein moderner Macbeth die von ihm Hingerichteten beschwor. Der mit der Opposition ausgehandelte „Systemwechsel“ (rendszerváltás) wurde schließlich 1989 Wirklichkeit.

Das Jahr der „Wende“, als die kommunistischen Diktaturen in Polen und Ungarn an Runden Tischen abgewickelt wurden und die Regime in der DDR, der Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien nach Massendemonstrationen in dramatischer Weise zusammenbrachen, war von großer Euphorie begleitet – sowohl in Ost- wie auch in Westeuropa. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab auch der europäischen Einigung neuen Schub, der ab 2004 nicht nur in der Osterweiterung der Europäischen Union mündete, sondern scheinbar auch das demokratische und kapitalistische System endgültig in Europa verankerte. Mancher interpretierte dies als liberales „Ende der Geschichte“, wenngleich die Metapher mitunter etwas überinterpretiert wurde. Warum aber konnten Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei diese Entwicklung nach ihrem erdrutschartigen Wahlsieg von 2010 dann wieder rückgängig machen und durch ein ganz anderes Narrativ – „nationale Souveränität“ statt „europäische Einigung“ – ersetzen? Was war zwischen 1989 und 2010 schiefgelaufen?

Demokratisierungshindernisse

Ein grundsätzliches Problem des ungarischen Systemwechsels bestand in der relativ geringen Beteiligung der Bevölkerung, der Passivität der Gesellschaft beim Übergang von der kommunistischen Diktatur zur Demokratie. Es war die Staatspartei selbst, die die Voraussetzung für die Demokratisierung geschaffen hatte, indem sie 1988 ihr politisches Monopol aufgab und Oppositionsparteien zuließ. Die kommunistischen Reformer wollten als demokratische Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) in freien Wahlen und ohne den Einsatz von Machtapparat oder Geheimpolizei Mehrheiten erringen, was ihnen 1994 unter Gyula Horn dann auch gelang. Zugleich entstanden drei größere Oppositionsgruppen, die entweder, wie die Nationalkonservativen (Magyar Demokrata Fórum, Kisgazdapárt) oder die Liberalen (Szabad Demokrata Szövetsége, SZDSZ), an frühere Traditionen anknüpften oder sich wie der Fidesz als ganz neue, junge Kraft verstanden (Fiatal Demokrata Szövetsége – Bündnis der Jungen Demokraten). Es waren die Vertreter dieser eher kleinen Eliten mit oft akademischem Hintergrund, die von den Reformern der Staatspartei zum Runden Tisch eingeladen worden waren, um eine neue demokratische Verfassung auszuhandeln. Die breite Masse der Bevölkerung wurde nicht einbezogen.

Das wichtigste Ereignis, das den Übergang zum neuen System symbolisieren sollte, war im Sommer 1989 die Wiederbestattung der Märtyrer um Imre Nagy – jenes Ministerpräsidenten, der sich im Oktober 1956 an die Spitze der Revolution gestellt hatte und später auf Geheiß Kádárs hingerichtet worden war. Zu diesem Anlass hielt der junge Viktor Orbán erstmals eine öffentliche Rede, die Millionen Ungarinnen und Ungarn am Fernseher oder auf dem Budapester Heldenplatz, wo Hunderttausende versammelt waren, verfolgen konnten. Seine Worte gipfelten in der heute berühmten Aufforderung an „die Russen“, das Land nach 44 Jahren Okkupation zu verlassen. In der Wahlnacht von 2026 erinnerten ihn die feiernden Massen daran, als sie „Russzkik haza!“ riefen („Russen heim“) – eine Anspielung darauf, dass Orbán in seinen letzten Jahren als Regierungschef immer prorussischer (und antiukrainischer) geworden war und damit seine alten Ideale verraten hatte.

Als zweites großes Problem des ungarischen Transformationsprozesses sollte sich die Tatsache erweisen, dass die Opposition von Beginn an in mindestens zwei ideologische Lager gespalten war, die sich auf sehr unterschiedliche nationale Traditionen aus der Zwischenkriegszeit beriefen. Die eine Seite bezog sich auf die „volkstümlichen“ beziehungsweise „völkischen“ (népi) Traditionen – eine sehr heterogene Strömung, die im Zuge des Protests gegen die soziale Not der ländlichen Bevölkerung entstanden war. Die Landbevölkerung empfand sie als den „wahren Kern“ des „magyarischen Volkes“, während ihre Ideologie von sozialrevolutionären bis zu rechtsextremen und antisemitischen Ideen reichte. Auf der anderen Seite standen die eher urbanen, liberalen und kosmopolitischen Traditionen mit ihrem bedeutenden jüdischen Erbe. In vielerlei Hinsicht standen diese beiden Traditionen für sich gegenseitig ausschließende Vorstellungen vom ungarischen Gemeinwesen.

Die Sozialisten als ehemalige Staatspartei hatten Vertreter beider Richtungen in ihren Reihen, was sie in den 1990er Jahren zu einer starken, von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützten Partei machte. Allerdings konnten sie so auch bald für die Probleme des Übergangs verantwortlich gemacht werden: Oligarchentum auf der einen, Massenarbeitslosigkeit auf der anderen Seite – und eine weit verbreitete Verunsicherung durch zunehmende, oft auch organisierte Kriminalität. Ferenc Gyurcsány etwa, der bislang letzte sozialistische Ministerpräsident der MSZP, war in den 1990er Jahren auf dubiose Weise sehr reich geworden. Als Symbol einer korrupten postkommunistischen Elite war er ein leichtes Ziel für Orbáns spätere Agitation.

Orbáns Aufstieg …

Während Orbán anfangs, vom US-amerikanischen Milliardär George Soros mit einem Stipendium unterstützt, eher den Liberalen zuneigte, wandte er sich ab 1994 der Rechten zu, nachdem sich die Liberalen, aus Furcht vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus aufseiten der Nationalkonservativen, auf ein Regierungsbündnis mit den Sozialisten eingelassen hatten. Dies verhalf dem Fidesz, gemeinsam mit einigen konservativen Parteien, zu einem ersten Wahlsieg im Jahr 1998. In dieser ersten Regierungsperiode strebte Orbán die Einleitung einer nationalkonservativen, aber eher moderaten Wende an, die mit der knappen Wahlniederlage 2002 jedoch ein jähes Ende nahm. Während Orbáns Koalition nach Bestechungsskandalen und internen Streitigkeiten geschwächt in die Wahl gegangen war, trat die Opposition geeint und mit dem Versprechen sozialer Verbesserungen an.

Die unerwartet knappe Wahlniederlage von 2002 veränderte Viktor Orbáns Verständnis von Politik. Er empfand die Niederlage, die erst nach einer Stichwahl feststand, als persönliche Beleidigung und nationalen Verrat. Sozialisten und Liberale seien unwürdig, unfähig und nicht legitimiert, Ungarn zu führen; auch von Wahlfälschung war die Rede. Seine Gegner, so Orbán, stützten sich mehr auf ihre Netzwerke in den Medien, Justiz und Verwaltung als auf den Willen der Wähler. In der Folge organisierte Fidesz Massendemonstrationen gegen die gewählte Regierung und begann, sich mehr und mehr einer polarisierenden Sprache zu bedienen: Alle, die nicht Orbán und Fidesz unterstützten, seien „Verräter“ und keine „wahren Ungarn“. Die Partei radikalisierte sich zunehmend und begann, ein landesweites Netzwerk von „bürgerlichen Kreisen“ (polgári körök) aufzubauen, die die Ideologie der Partei verbreiten sollten. Teilweise mischten sich in die Rhetorik auch antisemitische Untertöne, einige Vertreter von Fidesz bedienten gezielt die Verschwörungstheorien um George Soros, die schon in den frühen 1990er Jahren von rechtsextremen Kreisen in Ungarn in die Welt gesetzt worden waren. Später, als Orbáns Regierung zunehmend in Konflikte mit der EU geriet, wurde die Kampagne mit massiven öffentlichen Mitteln wieder aufgewärmt.

Trotz der massenhaften Mobilisierung gegen die sozialistisch-liberale Regierung verlor Fidesz auch die Wahlen im April 2006 gegen eine erstarkte Sozialistische Partei und ihren geschwächten liberalen Bündnispartner SZDSZ. Allerdings geriet Ministerpräsident Ferenc Gyurcsánys Kabinett kurz darauf in eine tiefe Krise. In einer Rede gegenüber Parteigenossen, die an die Öffentlichkeit gespielt worden war, hatte Gyurcsány davon gesprochen, dass man die Bevölkerung seit Jahren angelogen und die schlechte Lage im Land schöngeredet habe. Dies nutzte Fidesz für eine erneute Massenmobilisierung. Anlässlich der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der 1956er-Revolution im Oktober kam es zu Massendemonstrationen, auf denen auch rechtsextreme Gruppen auftraten. Mit hysterisch-nationalistischen Reden, in denen er erneut vom „nationalen Verrat“ sprach, heizte Orbán die Stimmung an. Die gesellschaftliche Polarisierung erreichte einen Höhepunkt, und die Regierung schien ratlos.

Nach dem schweren Einbruch der ungarischen Wirtschaft infolge der Weltfinanzkrise ab 2008 versuchte der Ökonom und Unternehmer Gordon Bajnai, der Gyurcsány 2009 im Amt des Ministerpräsidenten nachfolgte, das Ruder mit drastischen Reformen herumzureißen. Doch die Wahlen von 2010 endeten mit dem Erdrutschsieg für Fidesz und einer vernichtenden Niederlage für die Sozialisten und die Liberalen, die seither von der politischen Landschaft Ungarns verschwunden sind. Orbán errang mit fast 53 Prozent der Stimmen eine Zweidrittelmehrheit der Sitze im Parlament, was es Fidesz ermöglichte, eine neue Verfassung ohne Zustimmung der Opposition zu verabschieden und das Land in den darauffolgenden 16 Jahren systematisch umzubauen. Ergebnis war ein politisches System, das Ungarn in ein auf Orbán und Fidesz zugeschnittenes illiberales und autoritäres System verwandelte. Zugleich nahm die Korruption, von der nicht nur Orbáns Familie und Freunde, sondern auch zahlreiche der Regierung nahestehende Gefolgsleute profitierten, in einem Umfang zu, wie es zuvor nicht für möglich gehalten worden war.

… und Orbáns Fall

Péter Magyar, einst selbst Parteigänger und Profiteur des Systems, wandte sich 2024 von Orbán und der Partei ab, als er damit begann, die Skandale der Regierung anzuprangern. Im Sommer 2024 wurde er Vorsitzender der bis dahin völlig unbedeutenden Tisza-Partei, die er bei den Wahlen zum Europäischen Parlament mit rund 30 Prozent der Stimmen aus dem Stand zu einem überraschenden Achtungserfolg führte. Seitdem war Tisza die einzige ernstzunehmende Oppositionspartei. Dass es Magyar schließlich gelang, die Mehrheit der Ungarinnen und Ungarn hinter sich zu bringen und das scheinbar unbezwingbare System Orbán zu stürzen, wirkt noch heute unwirklich und bedarf einer vertieften Analyse. Was jedoch feststeht: Während an den Wahlen von 2010 nur 64 Prozent der Wählerinnen und Wähler teilnahmen, hatten 16 Jahre später fast 79 Prozent der ungarischen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Gegen diese hohe Wahlbeteiligung und die damit verbundene entschiedene Willensbekundung der ungarischen Gesellschaft konnten selbst die Einmischungen der US-amerikanischen und der russischen Seite zugunsten Orbáns im Wahlkampf nichts mehr ausrichten. Das ist in der ungarischen Geschichte einmalig.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Tisza (Theiß) ist der zweitlängste Fluss des Landes, aber hier steht das Akronym für „Tisztelet és Szabadság Párt“, was so viel wie „Respekt- und Freiheitspartei“ bedeutet. Das Wort „tiszetelet“ bedeutet auch „Hochachtung“, etwa wenn man jemanden mit „Tiszteletem“ („Meine Hochachtung“) begrüßt.

  2. Eine gute Einführung in dieses autoritäre System bietet Melani Barlai/Florian Hartleb/Dániel Mikecz, Das politische System Ungarns, Baden-Baden 2023.

  3. Der Begriff geht zurück auf Christian Gerlach/Götz Aly, Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden, Stuttgart–München 2002.

  4. Vgl. hierzu auch den Beitrag von Ralf Thomas Göllner in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

  5. Vgl. Máté Szabó, Kompromiss als Erbe des Kádárismus: Ungarn 1989–1990, in: Jerzy Maćków (Hrsg.), Autoritarismus in Mittel- und Osteuropa, Wiesbaden 2009, S. 199–213.

  6. Vgl. Ellen Bos, Politisches System und Demokratieentwicklung in Ungarn: Funktionsdefizite und Instrumentalisierung demokratischer Verfahren durch die Regierungsparteien, in: dies./Astrid Lorenz (Hrsg.), Das politische System Ungarns. Nationale Demokratieentwicklung, Orbán und die EU, Wiesbaden 2021 S. 25–55.

  7. Vgl. Wolfgang Merkel, Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2010, S. 394–435.

  8. Viktor Orbán und seine Regierung haben schon vor 2020, dem hundertsten Jahrestag des Trianon-Vertrages, versucht, die Erinnerung daran systematisch zur antiwestlichen Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern zu nutzen, etwa durch die Errichtung von Denkmälern und die ständige Erinnerung an das an der Nation begangene Unrecht, allerdings mit eher überschaubarem Erfolg.

  9. Miklós Horthy war als Reichsverweser von 1920 bis 1944 faktisches Staatsoberhaupt des Königreichs Ungarn. Unter seiner autoritären Herrschaft näherte sich Ungarn dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland an.

  10. Der Begriff geht vermutlich auf Zoltán Pfeiffer, den Vorsitzenden der Unabhängigen Partei der Kleinlandwirte (FKgP), zurück, der damit 1947 die Taktik der KP beschrieb, politische Gegner sukzessive auszuschalten oder zu kooptieren. Vgl. Heino Nyyssönen, Salami Reconstructed. „Goulash Communism“ and Political Culture in Hungary, in: Cahiers du monde russe 1–2/2006, S. 153–172.

  11. Vgl. Zalán Zubor, Learned Helplessness. Balázs Orbán, Ukraine and Hungarian Historical Memory, 1.10.2024, Externer Link: https://english.atlatszo.hu/2024/10/01/learned-helplessness-balazs-orban-ukraine-and-hungarian-historical-memory.

  12. Eine ausgezeichnete und unterhaltsame Beschreibung bietet György Dalos, Archipel Gulasch. Die Entstehung der demokratischen Opposition in Ungarn, Bremen 1986.

  13. Vgl. Attila Bátorfy/Tremmel Márk, Data Visualization: The Definitive Timeline of Anti-Soros Conspiracy Theories, 10.2.2019, aktualisiert am 28.11.2022, Externer Link: https://english.atlatszo.hu/2019/02/10/data-visualization-the-definitive-timeline-of-anti-soros-conspiracy-theories.

  14. Vgl. Thomas von Ahn, Demokratie oder Straße? Fragile Stabilität in Ungarn, in: Osteuropa 10/2006, S. 89–103.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Árpád von Klimó für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.
Sie wollen einen Inhalt von bpb.de nutzen?

ist Professor für Europäische Geschichte an der Catholic University of America in Washington, D.C. Derzeit arbeitet er unter anderem an der Herausgabe des Routledge Handbook of Hungarian History.