Der Aufstand vom Oktober 1956, der sich 2026 zum 70. Mal jährt, war ein weltweit beachtetes Ereignis. Er fiel in die Frühphase der Konsolidierung der östlichen und westlichen Machtsphären und galt als der Versuch eines kleinen Landes, vom kommunistischen Block in die demokratische Sphäre hinüberzuwechseln. Zugleich verdeutlichen die Ereignisse sowohl die Grenzen der vorsichtigen Entspannung, die nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 eingesetzt hatte, als auch die globale Interdependenz weltpolitischer Interessen. Innenpolitisch markierte der Aufstand nicht nur den Versuch einer radikalen Richtungsentscheidung, sondern er begründete auch einen Erinnerungsort, der bis zum heutigen Tag identitätsstiftend wirkt – auch wenn es „im heutigen Ungarn nach wie vor gegensätzliche und unvereinbare Vorstellungen von der Revolution von 1956 gibt“.
Der Weg zum Aufstand
Anfang der 1950er Jahre hatte das „Vierergespann“ Mátyás Rákosi, Ernő Gerő, József Révai und Mihály Farkas mit seiner stalinistischen Repressionspolitik auch Teile der Kommunistischen Partei gegen sich aufgebracht.
Doch Nagys politische und gesellschaftliche Ziele hatten nicht nur in der Partei, sondern auch in der Gesellschaft positive Resonanz gefunden, vor allem im 1955 gegründeten Petőfi-Kreis, einem Budapester Diskussionszirkel junger Intellektueller, Literaten und Studenten. Auch bei Journalisten, Künstlern, Lehrern und Studenten im ganzen Land fanden sie Anklang. Nach Nikita Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 wuchs der Widerstand gegen einen dogmatischen Sozialismus auch innerhalb und außerhalb der Kommunistischen Partei Ungarns weiter an. In der „von vielen gelesenen Literaturzeitung Irodalmi Ujság“ etwa setzte „eine zunehmend kritische Auseinandersetzung über die Lage des Landes ein“.
Doch der ökonomische Niedergang und der zunehmende Kontrollverlust der KP waren offensichtlich. Aus Mikojans Sicht hatte sich „der Petőfi-Diskussionskreis zu einem aktiven ideologischen und oppositionellen Zentrum entwickelt“.
Am 16. Oktober gründeten Studenten der Universität in Szeged, die aus dem Kommunistischen Jugendverband ausgetreten waren, die landesweite Studentenorganisation MEFESZ. Diese veröffentlichte am 22./23. Oktober einen 16 Punkte umfassenden Forderungskatalog, der unter anderem die Einführung eines Mehrparteiensystems, freie Wahlen sowie die Unabhängigkeit von der Sowjetunion enthielt und mit dem sie zu Demonstrationen am 23. Oktober aufriefen.
Vom Aufstand zu Revolution und Freiheitskampf
Offiziell sollte die Studentendemonstration am 23. Oktober der Unterstützung der polnischen Reformbemühungen dienen. Ziel des Demonstrationszugs war das Denkmal für den polnischen General Józef Bem, der 1848/49 für Ungarn gekämpft hatte und als „Symbolfigur der jahrhundertealten polnisch-ungarischen Freundschaft, aber auch der Auflehnung gegen jede Fremdherrschaft“ galt.
Der aus Jugoslawien zurückgekehrte Ernő Gerő ersuchte um sowjetische Hilfe. Er wollte die Demonstration niederschlagen lassen, doch der Budapester Polizeipräsident und Anhänger Nagys, Sándor Kopácsi, weigerte sich. Zwischenzeitlich hatten die Ereignisse eine Eigendynamik entwickelt, die über bloße Unmutsäußerungen hinausging. Nagy, von der Entwicklung selbst überrascht, erreichte gegen 21 Uhr das Parlament und versuchte, die Menschenmenge mit einer Ansprache zu beruhigen. Da er aber – seit wenigen Tagen wieder Parteimitglied – in der systemeigenen Terminologie verharrte und seine Rede mit der Anrede „Genossen“ begann, erntete er einen Sturm der Entrüstung.
Gerő bat die sowjetische Führung erneut um Unterstützung. Das sowjetische ZK-Präsidium bewilligte schließlich um 23 Uhr den Truppeneinsatz, zumal auch der sowjetische Botschafter in Budapest, Juri Andropow, „von einer außerordentlich gefährlichen Situation und der Notwendigkeit eines sowjetischen militärischen Eingreifens“ sprach.
Am Morgen des 24. Oktober trafen die sowjetischen Einheiten in Budapest ein und eroberten das Rundfunkgebäude zurück. Unterstützung erhielten sie von der ungarischen Staatssicherheit, die Ungarische Volksarmee beteiligte sich – von einigen Ausnahmen abgesehen – nicht am Kampf. Weder die sowjetische noch die ungarische Führung waren sich sicher, ob die Armee gegen die eigene Bevölkerung vorgehen würde. Die ungarische Führung selbst war uneins, während Nagy versuchte, den „Unterschied zwischen der am Kossuth-Platz erlebten Menschenmenge und den ‚Banditen‘“ zu erkunden.
Währenddessen kämpften ein paar Tausend Aufständische mit Handfeuerwaffen und Molotowcocktails gegen die sowjetischen Panzer. Immer mehr Menschen bewaffneten sich, „zum größten Teil Teenager, junge Arbeiter und Lehrlinge, darunter auch junge Mädchen“.
Im Verlauf des 24. Oktober erzielten die Aufständischen beträchtliche Erfolge, obwohl sie militärisch meist nicht ausgebildet waren. Sie setzten mehrere Panzer in Brand und töteten zahlreiche Soldaten, die nicht mit diesem Widerstand gerechnet hatten. Während die Bevölkerung nicht nur auf den Straßen Budapests, sondern auch in den Städten und kleineren Gemeinden weiterkämpfte oder zumindest demonstrierte, setzte der Zerfall des alten Regimes ein. Ferenc Donáth und Géza Losonczy, zwei Vertraute Nagys aus der innerparteilichen Opposition, wurden ins ZK gewählt, blieben aber – wie auch Nagy – von den Ereignissen auf der Straße abgeschottet. Nagys zwischenzeitlich doch erfolgte erneute Ernennung zum Ministerpräsidenten blieb wirkungslos, weil er die sowjetische Intervention befürwortet und noch am Morgen des 24. Oktober im Kossuth-Radio das Kriegsrecht gegen die sogenannte Konterrevolution hatte ausrufen lassen. Zur gleichen Zeit erschossen vor allem sowjetische und Staatssicherheitstruppen zahlreiche Demonstranten in Budapest.
Vorübergehende Liberalisierung
Donáth wich als erster vom Begriff der Konterrevolution ab und plädierte am 26. Oktober für eine Anerkennung der Ereignisse als legale und gerechtfertigte Revolution, wofür er jedoch zunächst Widerspruch erntete.
Zwei Tage später veröffentlichte die sowjetische Führung eine Erklärung, in der sie feststellte, dass „die Länder der großen Gemeinschaft der sozialistischen Nationen ihre gegenseitigen Beziehungen nur auf den Prinzipien der völligen Gleichberechtigung, der Achtung der territorialen Integrität, der staatlichen Unabhängigkeit und Souveränität sowie der gegenseitigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“ aufbauen könnten.
Nagy hingegen, der an eine Konsolidierung durch kleine Reformen glaubte, gab den Forderungen der Aufständischen nach, leitete die Demokratisierung ein und stellte sich an deren Spitze. Die Aufständischen wurden Teil der neuen Ordnungskräfte, Arbeiterräte und Revolutionskomitees entwickelten sich zu basisdemokratischen Organen und übernahmen politische Funktionen. Die Lage konsolidierte sich, politische Gefangene, insbesondere der seit 1949 inhaftierte Kardinal József Mindszenty, das bekannteste Opfer der stalinistischen Schauprozesse, wurden befreit. Auch hörten die Lynchmorde gegen Angehörige der Staatssicherheit auf.
Nagy verkündete die Bildung einer Koalitionsregierung mit Vertretern der Regierungsparteien von 1945, was faktisch die Etablierung eines Mehrparteiensystems bedeutete. Ziel war ein freies, demokratisches und neutrales Ungarn, so wie es auch Österreich von der Sowjetunion zugestanden worden war. Jedoch hatte die Moskauer Führung am 31. Oktober ihre Auffassung geändert, zumal US-Präsident Dwight D. Eisenhower am selben Tag amerikanische Interessen verneint hatte: „Wir haben zudem – was die Sowjetunion betrifft – deutlich versucht, jegliche unbegründeten Befürchtungen auszuräumen, wir könnten neue Regierungen in diesen osteuropäischen Ländern als potenzielle militärische Verbündete betrachten. Wir verfolgen keinerlei solche Hintergedanken.“
Niederschlagung der Revolution
Am Morgen des 1. November besetzten sowjetische Truppen alle Flughäfen des Landes und kesselten Budapest ein. Die ungarische Regierung ihrerseits kündigte den Warschauer Vertrag und erklärte die Neutralität, um einer Intervention formell die Rechtsgrundlage zu entziehen. Der zum General beförderte Maléter wurde Verteidigungsminister, und János Kádár gab die Gründung einer erneuerten kommunistischen, aber antistalinistischen Partei bekannt, die sowohl die Neutralitätserklärung als auch den Austritt aus dem Warschauer Pakt unterstützte. Nagy bat die UNO um die Anerkennung der Neutralität durch die vier Großmächte auf der nächsten UN-Generalversammlung, um so die Ungarnfrage zu internationalisieren. Seine Radioansprache zur Neutralität fand im Land großen Widerhall. Die Bevölkerung stand hinter ihm, sie glaubte an den Sieg der Revolution.
Doch die Situation veränderte sich in den darauffolgenden Tagen dramatisch. Noch am Abend des 1. November hatten sich Kádár und Innenminister Ferenc Münnich heimlich in die sowjetische Botschaft und am nächsten Tag nach Moskau begeben, wo sie am 3. November eine Kehrtwende hinlegten: Sie erklärten sich bereit, eine Gegenregierung zu konstituieren. Zeitgleich führten sowjetische Vertreter in Budapest Scheinverhandlungen über einen Truppenabzug. Nachdem in Moskau die Entscheidung zugunsten Kádárs und zur Niederschlagung der Revolution gefallen war,
Im Morgengrauen des 4. November begann der sowjetische Angriff auf Budapest und weitere Städte. Um „5.05 Uhr (…) wurde über Radio Szolnok die Bildung der ungarischen revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung mit Kádár an der Spitze verkündet sowie die von der neuen Regierung an die sowjetische Führung gerichtete Bitte um militärische Hilfe“.
Obwohl Nagy nicht explizit zum Widerstand aufgerufen hatte, kam es zu vereinzelten Kämpfen zwischen ungarischen und sowjetischen Soldaten – von 32 ungarischen Garnisonen leisteten sechs Widerstand. Im ganzen Land kam es zu Gefechten, die Budapester kämpften gegen die einmarschierenden Truppen vor allem an den Einfallstraßen. Zahlreiche Panzer, schwer manövrierbar in den engen Straßen, wurden zerstört, aber der Vorstoß war nicht aufzuhalten. Anders als in der ersten Phase gab es diesmal keine Verständigung zwischen Ungarn und den sowjetischen Soldaten, und so dauerte der Kampf nur wenige Tage – am längsten auf der Donau-Insel Csepel. Am 11. November war der Widerstand der ungarischen Seite gebrochen, auch wenn es in den darauffolgenden Tagen und Wochen im ganzen Land noch vereinzelt zu Kämpfen kam. Die Bevölkerung schaltete auf passiven Widerstand um, unter anderem mit einem Generalstreik. Sie glaubte noch immer an die Ziele der Revolution und hoffte auf Hilfe aus dem Westen.
Doch die Regierung war bereits am 4. November zerfallen. Nagy und einige Mitstreiter flohen in die jugoslawische Botschaft, die von sowjetischen Soldaten abgeriegelt wurde. Kardinal Mindszenty, das Symbol des friedlichen Widerstands, floh in die amerikanische Botschaft, wo er bis 1971 blieb. János Kádár, am 7. November nach Budapest zurückgekehrt, versuchte, die Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen, hatte aber kaum Einfluss auf die Entwicklung; die Sowjetunion trieb die Restauration voran. Am 22. November verließ die Gruppe um Nagy die Botschaft, wurde aber entgegen Kádárs Zusage der ungehinderten Heimkehr verhaftet und nach Rumänien in die Gefangenschaft verbracht. Am 16. Juni 1958 wurden Imre Nagy und seine Mitstreiter in einem Geheimprozess in Budapest wegen Landesverrats und des „versuchten Sturzes der volksdemokratischen Staatsordnung“ zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet.
Wirkungen
Die revolutionären Ereignisse veränderten die ungarische Gesellschaft nachhaltig. Nicht nur die Opferzahlen – etwa 3.000 Tote und 20.000 Verwundete – trugen dazu bei, sondern auch die 200.000 zumeist jungen Menschen, die während der Ereignisse ins westliche Ausland flohen. Hinzu kamen Vergeltungsmaßnahmen, von denen mehr als 100.000 Personen betroffen waren, mehr als 200 Menschen wurden hingerichtet. Das kommunistische System hatte sich restauriert. Entspannung trat erst ab den 1960er Jahren ein, als Kádárs Reformen den Weg zum „Gulaschkommunismus“ und innerer Liberalisierung ebneten. Dass die Ereignisse von 1956 eine „nationale Tragödie“ waren, wurde von offizieller Seite erst in den 1980er Jahren allmählich anerkannt.
Im Westen schlug die Niederschlagung des Aufstands große Wellen. Sie führte zu Massenaustritten aus den kommunistischen Parteien und demaskierte sowohl die inhaltsleere brüderliche Rhetorik Moskaus als auch die negative ökonomische Entwicklung des Ostblocks. Die geflüchteten Ungarn wurden mit großer Solidarität in den westeuropäischen Ländern aufgenommen – allen voran in Österreich und der Bundesrepublik, aber auch in Großbritannien und den USA –, die allesamt von den jungen, gut ausgebildeten Ungarn profitierten. Im Osten hingegen wurde die risikoaverse Haltung des Westens sehr genau registriert, der – anders als Radio Free Europe es suggeriert hatte