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Der Volksaufstand von 1956 | bpb.de

Der Volksaufstand von 1956 Ereignisgeschichte und Wirkung

Ralf Thomas Göllner

/ 16 Minuten zu lesen

Das Scheitern der Revolution von 1956 hat nicht nur die Entwicklung Ungarns beeinflusst, sondern auch einen Erinnerungsort geschaffen, der die ungarische Identität bis heute prägt – auch wenn die damit verbundenen Vorstellungen und Erinnerungen unterschiedliche sein mögen.

Der Aufstand vom Oktober 1956, der sich 2026 zum 70. Mal jährt, war ein weltweit beachtetes Ereignis. Er fiel in die Frühphase der Konsolidierung der östlichen und westlichen Machtsphären und galt als der Versuch eines kleinen Landes, vom kommunistischen Block in die demokratische Sphäre hinüberzuwechseln. Zugleich verdeutlichen die Ereignisse sowohl die Grenzen der vorsichtigen Entspannung, die nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 eingesetzt hatte, als auch die globale Interdependenz weltpolitischer Interessen. Innenpolitisch markierte der Aufstand nicht nur den Versuch einer radikalen Richtungsentscheidung, sondern er begründete auch einen Erinnerungsort, der bis zum heutigen Tag identitätsstiftend wirkt – auch wenn es „im heutigen Ungarn nach wie vor gegensätzliche und unvereinbare Vorstellungen von der Revolution von 1956 gibt“.

Der Weg zum Aufstand

Anfang der 1950er Jahre hatte das „Vierergespann“ Mátyás Rákosi, Ernő Gerő, József Révai und Mihály Farkas mit seiner stalinistischen Repressionspolitik auch Teile der Kommunistischen Partei gegen sich aufgebracht. Der Reformkommunist Imre Nagy, der im Juni 1953 Ministerpräsident geworden war, warf den Stalinisten vor, „der Partei und der Nation politischen, kulturellen und moralischen Schaden“ zugefügt zu haben. Doch schon im April 1955 wurde Nagy seiner Ämter enthoben und aus dem öffentlichen wie dem Parteileben herausgedrängt. Parteichef Mátyás Rákosi hatte sich durchgesetzt und die vorsichtigen Reformen wieder rückgängig gemacht.

Doch Nagys politische und gesellschaftliche Ziele hatten nicht nur in der Partei, sondern auch in der Gesellschaft positive Resonanz gefunden, vor allem im 1955 gegründeten Petőfi-Kreis, einem Budapester Diskussionszirkel junger Intellektueller, Literaten und Studenten. Auch bei Journalisten, Künstlern, Lehrern und Studenten im ganzen Land fanden sie Anklang. Nach Nikita Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 wuchs der Widerstand gegen einen dogmatischen Sozialismus auch innerhalb und außerhalb der Kommunistischen Partei Ungarns weiter an. In der „von vielen gelesenen Literaturzeitung Irodalmi Ujság“ etwa setzte „eine zunehmend kritische Auseinandersetzung über die Lage des Landes ein“. Befördert durch die beginnende Entstalinisierung in der Sowjetunion und ermutigt durch die zeitgleich stattfindende sowjetisch-jugoslawische Annäherung sowie die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags im Mai 1955, wurde der Ruf nach einer Rückkehr Imre Nagys und seiner Reformen immer lauter. Die Unruhen im polnischen Posen im Juni 1956, bei denen rund 100.000 Arbeiter zunächst bessere Bezahlung, dann aber auch mehr Freiheit forderten, wirkten dann katalytisch: Während die ungarischen Reformer sich in ihren Forderungen bestätigt sahen, reagierte die kommunistische Führung zunehmend repressiv. Diese Polarisierung alarmierte die Moskauer Führung. Am 13. Juli 1956 reiste Politbüro-Mitglied Anastas Mikojan nach Budapest. Rákosi wurde abgesetzt, Nagy jedoch nicht wieder eingebunden. Die ersehnten Reformen blieben erst einmal aus.

Doch der ökonomische Niedergang und der zunehmende Kontrollverlust der KP waren offensichtlich. Aus Mikojans Sicht hatte sich „der Petőfi-Diskussionskreis zu einem aktiven ideologischen und oppositionellen Zentrum entwickelt“. Auch die breit rezipierten polnischen Reformbestrebungen ließen den Widerstand anwachsen. Anlässlich der Umbettung des hingerichteten ehemaligen Innenministers László Rajk, eines Widersachers von Rákosi, kam es am 6. Oktober 1956 in Budapest zu einer großen Studentendemonstration mit antistalinistischen Parolen – ein erstes Vorzeichen des kommenden Aufstands.

Am 16. Oktober gründeten Studenten der Universität in Szeged, die aus dem Kommunistischen Jugendverband ausgetreten waren, die landesweite Studentenorganisation MEFESZ. Diese veröffentlichte am 22./23. Oktober einen 16 Punkte umfassenden Forderungskatalog, der unter anderem die Einführung eines Mehrparteiensystems, freie Wahlen sowie die Unabhängigkeit von der Sowjetunion enthielt und mit dem sie zu Demonstrationen am 23. Oktober aufriefen. „Damit hatten die Studenten den Weg einer vorläufig noch friedlichen, aber bereits offenen Konfrontation mit der Macht eingeschlagen.“ Inspiriert worden waren sie vom zeitgleich bekannt gewordenen Kompromiss zwischen dem polnischen KP-Chef Władysław Gomułka und dem sowjetischen Parteichef Chruschtschow, der dem Land einen eigenen Weg im Sozialismus zugestand.

Vom Aufstand zu Revolution und Freiheitskampf

Offiziell sollte die Studentendemonstration am 23. Oktober der Unterstützung der polnischen Reformbemühungen dienen. Ziel des Demonstrationszugs war das Denkmal für den polnischen General Józef Bem, der 1848/49 für Ungarn gekämpft hatte und als „Symbolfigur der jahrhundertealten polnisch-ungarischen Freundschaft, aber auch der Auflehnung gegen jede Fremdherrschaft“ galt. Der Petőfi-Kreis und viele Budapester schlossen sich der Kundgebung an, sodass am späten Nachmittag etwa 200.000 Teilnehmer – mittlerweile am Kossuth-Platz beim Parlament angelangt – die erneute Ernennung Nagys zum Ministerpräsidenten und den Abzug der sowjetischen Truppen forderten. Manche schnitten das kommunistische Wappen aus den mitgeführten ungarischen Fahnen. Zeitgleich versammelten sich Demonstranten vor dem Radiogebäude, um die 16-Punkte-Forderung senden zu lassen.

Der aus Jugoslawien zurückgekehrte Ernő Gerő ersuchte um sowjetische Hilfe. Er wollte die Demonstration niederschlagen lassen, doch der Budapester Polizeipräsident und Anhänger Nagys, Sándor Kopácsi, weigerte sich. Zwischenzeitlich hatten die Ereignisse eine Eigendynamik entwickelt, die über bloße Unmutsäußerungen hinausging. Nagy, von der Entwicklung selbst überrascht, erreichte gegen 21 Uhr das Parlament und versuchte, die Menschenmenge mit einer Ansprache zu beruhigen. Da er aber – seit wenigen Tagen wieder Parteimitglied – in der systemeigenen Terminologie verharrte und seine Rede mit der Anrede „Genossen“ begann, erntete er einen Sturm der Entrüstung. Enttäuscht zogen einige Demonstranten in den Stadtpark und stürzten das dortige Stalin-Denkmal vom Sockel. Andere begannen, vor Waffenfabriken sowie Polizei- und Militäreinrichtungen aufzumarschieren. Auch vor dem Rundfunkgebäude eskalierte die Lage, als die Staatssicherheit auf die Menge schoss, die in das Gebäude einzudringen versuchte. Manche der dorthin abkommandierten Polizisten und Soldaten widersetzten sich den Befehlen und übergaben den Aufständischen ihre Waffen, mit deren Hilfe diese am frühen Morgen das Rundfunkhaus stürmten. Damit begann der bewaffnete Aufstand nicht nur in Budapest, sondern parallel auch in den Universitätsstädten. Er breitete sich rasch aus, nachdem zahlreiche militärische und industrielle Objekte besetzt worden waren.

Gerő bat die sowjetische Führung erneut um Unterstützung. Das sowjetische ZK-Präsidium bewilligte schließlich um 23 Uhr den Truppeneinsatz, zumal auch der sowjetische Botschafter in Budapest, Juri Andropow, „von einer außerordentlich gefährlichen Situation und der Notwendigkeit eines sowjetischen militärischen Eingreifens“ sprach. Lediglich der ZK-Gesandte Mikojan plädierte für eine Lösung nach polnischem Muster. Er wollte Nagy wieder einsetzen und ihn die Probleme lösen lassen. Durchsetzen konnten sich jedoch die Befürworter der militärischen Option. Das in Székesfehérvár stationierte Sonderarmeekorps wurde Richtung Budapest in Marsch gesetzt. Ziel des Unternehmens „Kompass“ war eine Demonstration der Stärke, verbunden mit der Hoffnung, dass allein die Anwesenheit der Truppen den Aufstand auf gleiche Weise ersticken könnte wie 1953 in Ostberlin.

Am Morgen des 24. Oktober trafen die sowjetischen Einheiten in Budapest ein und eroberten das Rundfunkgebäude zurück. Unterstützung erhielten sie von der ungarischen Staatssicherheit, die Ungarische Volksarmee beteiligte sich – von einigen Ausnahmen abgesehen – nicht am Kampf. Weder die sowjetische noch die ungarische Führung waren sich sicher, ob die Armee gegen die eigene Bevölkerung vorgehen würde. Die ungarische Führung selbst war uneins, während Nagy versuchte, den „Unterschied zwischen der am Kossuth-Platz erlebten Menschenmenge und den ‚Banditen‘“ zu erkunden. Bezüglich des Aufstands blieb er zwiegespalten. „In gewisser Weise war Nagy ein Gefangener, weniger des Politbüros als vielmehr seiner eigenen kommunistischen Vergangenheit – einer begrenzten ideologischen Perspektive und einer politischen Mentalität, (…) der er nicht entkommen konnte.“

Währenddessen kämpften ein paar Tausend Aufständische mit Handfeuerwaffen und Molotowcocktails gegen die sowjetischen Panzer. Immer mehr Menschen bewaffneten sich, „zum größten Teil Teenager, junge Arbeiter und Lehrlinge, darunter auch junge Mädchen“. Ihnen schlossen sich auch Studenten, Angestellte, Soldaten und Offiziere an – unter ihnen Oberst Pál Maléter, ein kommunistischer Offizier und Kommandant der umkämpften Kilián-Kaserne, der die Seiten wechselte. Die Präsenz der sowjetischen Truppen heizte die Situation weiter an. Eine politische Lösung durch Teilreformen schien nicht mehr möglich, weil die revolutionäre Bewegung auf breite Zustimmung gestoßen war. In Budapest und den Provinzstädten konstituierten sich National- und Arbeiterräte sowie Revolutionskomitees, ein Generalstreik wurde ausgerufen.

Im Verlauf des 24. Oktober erzielten die Aufständischen beträchtliche Erfolge, obwohl sie militärisch meist nicht ausgebildet waren. Sie setzten mehrere Panzer in Brand und töteten zahlreiche Soldaten, die nicht mit diesem Widerstand gerechnet hatten. Während die Bevölkerung nicht nur auf den Straßen Budapests, sondern auch in den Städten und kleineren Gemeinden weiterkämpfte oder zumindest demonstrierte, setzte der Zerfall des alten Regimes ein. Ferenc Donáth und Géza Losonczy, zwei Vertraute Nagys aus der innerparteilichen Opposition, wurden ins ZK gewählt, blieben aber – wie auch Nagy – von den Ereignissen auf der Straße abgeschottet. Nagys zwischenzeitlich doch erfolgte erneute Ernennung zum Ministerpräsidenten blieb wirkungslos, weil er die sowjetische Intervention befürwortet und noch am Morgen des 24. Oktober im Kossuth-Radio das Kriegsrecht gegen die sogenannte Konterrevolution hatte ausrufen lassen. Zur gleichen Zeit erschossen vor allem sowjetische und Staatssicherheitstruppen zahlreiche Demonstranten in Budapest.

Vorübergehende Liberalisierung

Donáth wich als erster vom Begriff der Konterrevolution ab und plädierte am 26. Oktober für eine Anerkennung der Ereignisse als legale und gerechtfertigte Revolution, wofür er jedoch zunächst Widerspruch erntete. Unter dem Eindruck der Ereignisse und der Schilderungen der zahlreichen Delegationen, die Nagy und die Regierung über die Forderungen der Aufständischen informierten, wurde offensichtlich, dass eine Wende nicht mehr möglich war, ohne die Forderungen der Bevölkerung zu erfüllen. Dies führte am 27. Oktober zu einer radikalen Reinterpretation der Situation im Sinne Donáths: Die Mehrheit der Parteiführung stellte sich auf Nagys Seite und unterstützte damit seine Einschätzung der Lage. Auch die beiden von Moskau entsandten Emissäre, Anastas Mikojan und der Hardliner Michail Suslow, akzeptierten diese Wende. Die Situation entspannte sich. Eine neue Regierung wurde gebildet, der neben Kommunisten auch zwei Politiker der ehemaligen Partei der Unabhängigen Kleinlandwirte angehörten. Am 28. Oktober verkündete Nagy einen Waffenstillstand und versprach grundlegende Reformen. Der Staatssicherheitsdienst wurde aufgelöst, und die Regierung gab den Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest bekannt.

Zwei Tage später veröffentlichte die sowjetische Führung eine Erklärung, in der sie feststellte, dass „die Länder der großen Gemeinschaft der sozialistischen Nationen ihre gegenseitigen Beziehungen nur auf den Prinzipien der völligen Gleichberechtigung, der Achtung der territorialen Integrität, der staatlichen Unabhängigkeit und Souveränität sowie der gegenseitigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“ aufbauen könnten. Dies erweckte den Eindruck, dass Moskau den ungarischen Forderungen nachgeben und eine neue Ära in den Beziehungen einläuten wollte, zumal bis zum 31. Oktober ein Großteil der sowjetischen Truppen tatsächlich aus Budapest abgezogen war. Doch entgegen dieser Beteuerungen hatte sich „der Generalstab des sowjetischen Verteidigungsministeriums (…) bereits am 27. Oktober an die Ausarbeitung der abschließenden militärischen Operationen gegen Ungarn gemacht“. Während die Truppen aus Budapest abzogen, wurden neue Einheiten für die Operation „Wirbelsturm“ nach Ungarn geführt. Zugleich äußerte Verteidigungsminister Georgi Schukow in Moskau: „Wir sollten unsere Truppen aus Budapest abziehen und uns gegebenenfalls ganz aus Ungarn zurückziehen. Das ist für uns eine Lehre im militärisch-politischen Bereich“ – und fand sich damit im Einklang mit Parteichef Chruschtschow. Diese beiden gegensätzlichen innersowjetischen Entwicklungslinien machen deutlich, wie sehr die sowjetische Führung zwischen der Option der Intervention und möglichen Konzessionen schwankte.

Nagy hingegen, der an eine Konsolidierung durch kleine Reformen glaubte, gab den Forderungen der Aufständischen nach, leitete die Demokratisierung ein und stellte sich an deren Spitze. Die Aufständischen wurden Teil der neuen Ordnungskräfte, Arbeiterräte und Revolutionskomitees entwickelten sich zu basisdemokratischen Organen und übernahmen politische Funktionen. Die Lage konsolidierte sich, politische Gefangene, insbesondere der seit 1949 inhaftierte Kardinal József Mindszenty, das bekannteste Opfer der stalinistischen Schauprozesse, wurden befreit. Auch hörten die Lynchmorde gegen Angehörige der Staatssicherheit auf.

Nagy verkündete die Bildung einer Koalitionsregierung mit Vertretern der Regierungsparteien von 1945, was faktisch die Etablierung eines Mehrparteiensystems bedeutete. Ziel war ein freies, demokratisches und neutrales Ungarn, so wie es auch Österreich von der Sowjetunion zugestanden worden war. Jedoch hatte die Moskauer Führung am 31. Oktober ihre Auffassung geändert, zumal US-Präsident Dwight D. Eisenhower am selben Tag amerikanische Interessen verneint hatte: „Wir haben zudem – was die Sowjetunion betrifft – deutlich versucht, jegliche unbegründeten Befürchtungen auszuräumen, wir könnten neue Regierungen in diesen osteuropäischen Ländern als potenzielle militärische Verbündete betrachten. Wir verfolgen keinerlei solche Hintergedanken.“ Insbesondere die gleichzeitig eskalierende Suezkrise, die mit dem Einmarsch israelischer Truppen am 29. Oktober ihren Anfang genommen und zwei Tage später durch britisch-französische Luftangriffe eine neue Dimension erreicht hatte, wirkte sich negativ auf die Situation in Ungarn aus. Chruschtschow änderte seine Meinung: „Wir sollten unsere Einschätzung noch einmal überdenken und unsere Truppen aus Ungarn und Budapest nicht abziehen. Wir sollten die Initiative ergreifen, um die Ordnung in Ungarn wiederherzustellen. Wenn wir uns aus Ungarn zurückziehen, wird dies den Amerikanern, Engländern und Franzosen – den Imperialisten – einen großen Schub geben. Sie werden dies als Schwäche unsererseits wahrnehmen und in die Offensive gehen. (…) Zu Ägypten werden sie dann noch Ungarn hinzufügen. Wir haben keine andere Wahl.“ Im UN-Sicherheitsrat versuchten Frankreich und Großbritannien zeitgleich, eine Grundsatzdebatte über nationale Unabhängigkeit, Grundfreiheiten und Menschenrechte zu verhindern, da diese auch ihr eigenes Vorgehen in der Suezkrise thematisiert hätte – wodurch ein gemeinsames energisches Auftreten der westlichen Demokratien gegenüber Moskau vom Tisch war.

Niederschlagung der Revolution

Am Morgen des 1. November besetzten sowjetische Truppen alle Flughäfen des Landes und kesselten Budapest ein. Die ungarische Regierung ihrerseits kündigte den Warschauer Vertrag und erklärte die Neutralität, um einer Intervention formell die Rechtsgrundlage zu entziehen. Der zum General beförderte Maléter wurde Verteidigungsminister, und János Kádár gab die Gründung einer erneuerten kommunistischen, aber antistalinistischen Partei bekannt, die sowohl die Neutralitätserklärung als auch den Austritt aus dem Warschauer Pakt unterstützte. Nagy bat die UNO um die Anerkennung der Neutralität durch die vier Großmächte auf der nächsten UN-Generalversammlung, um so die Ungarnfrage zu internationalisieren. Seine Radioansprache zur Neutralität fand im Land großen Widerhall. Die Bevölkerung stand hinter ihm, sie glaubte an den Sieg der Revolution.

Doch die Situation veränderte sich in den darauffolgenden Tagen dramatisch. Noch am Abend des 1. November hatten sich Kádár und Innenminister Ferenc Münnich heimlich in die sowjetische Botschaft und am nächsten Tag nach Moskau begeben, wo sie am 3. November eine Kehrtwende hinlegten: Sie erklärten sich bereit, eine Gegenregierung zu konstituieren. Zeitgleich führten sowjetische Vertreter in Budapest Scheinverhandlungen über einen Truppenabzug. Nachdem in Moskau die Entscheidung zugunsten Kádárs und zur Niederschlagung der Revolution gefallen war, wurde die ungarische Verhandlungsdelegation am Verhandlungsort in Tököl verhaftet.

Im Morgengrauen des 4. November begann der sowjetische Angriff auf Budapest und weitere Städte. Um „5.05 Uhr (…) wurde über Radio Szolnok die Bildung der ungarischen revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung mit Kádár an der Spitze verkündet sowie die von der neuen Regierung an die sowjetische Führung gerichtete Bitte um militärische Hilfe“. Eine Viertelstunde später verlas der noch amtierende Ministerpräsident eine Erklärung im Radio, die in verschiedenen Sprachen wiederholt wurde: „Hier spricht Imre Nagy, Vorsitzender des Ministerrats der Ungarischen Volksrepublik. In den frühen Morgenstunden haben sowjetische Truppen einen Angriff auf unsere Hauptstadt gestartet, mit der offensichtlichen Absicht, die rechtmäßige, demokratische ungarische Regierung zu stürzen. Unsere Truppen kämpfen. Die Regierung ist weiterhin im Amt. Ich teile dies dem Volk unseres Landes und der Weltöffentlichkeit mit.“

Obwohl Nagy nicht explizit zum Widerstand aufgerufen hatte, kam es zu vereinzelten Kämpfen zwischen ungarischen und sowjetischen Soldaten – von 32 ungarischen Garnisonen leisteten sechs Widerstand. Im ganzen Land kam es zu Gefechten, die Budapester kämpften gegen die einmarschierenden Truppen vor allem an den Einfallstraßen. Zahlreiche Panzer, schwer manövrierbar in den engen Straßen, wurden zerstört, aber der Vorstoß war nicht aufzuhalten. Anders als in der ersten Phase gab es diesmal keine Verständigung zwischen Ungarn und den sowjetischen Soldaten, und so dauerte der Kampf nur wenige Tage – am längsten auf der Donau-Insel Csepel. Am 11. November war der Widerstand der ungarischen Seite gebrochen, auch wenn es in den darauffolgenden Tagen und Wochen im ganzen Land noch vereinzelt zu Kämpfen kam. Die Bevölkerung schaltete auf passiven Widerstand um, unter anderem mit einem Generalstreik. Sie glaubte noch immer an die Ziele der Revolution und hoffte auf Hilfe aus dem Westen.

Doch die Regierung war bereits am 4. November zerfallen. Nagy und einige Mitstreiter flohen in die jugoslawische Botschaft, die von sowjetischen Soldaten abgeriegelt wurde. Kardinal Mindszenty, das Symbol des friedlichen Widerstands, floh in die amerikanische Botschaft, wo er bis 1971 blieb. János Kádár, am 7. November nach Budapest zurückgekehrt, versuchte, die Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen, hatte aber kaum Einfluss auf die Entwicklung; die Sowjetunion trieb die Restauration voran. Am 22. November verließ die Gruppe um Nagy die Botschaft, wurde aber entgegen Kádárs Zusage der ungehinderten Heimkehr verhaftet und nach Rumänien in die Gefangenschaft verbracht. Am 16. Juni 1958 wurden Imre Nagy und seine Mitstreiter in einem Geheimprozess in Budapest wegen Landesverrats und des „versuchten Sturzes der volksdemokratischen Staatsordnung“ zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet.

Wirkungen

Die revolutionären Ereignisse veränderten die ungarische Gesellschaft nachhaltig. Nicht nur die Opferzahlen – etwa 3.000 Tote und 20.000 Verwundete – trugen dazu bei, sondern auch die 200.000 zumeist jungen Menschen, die während der Ereignisse ins westliche Ausland flohen. Hinzu kamen Vergeltungsmaßnahmen, von denen mehr als 100.000 Personen betroffen waren, mehr als 200 Menschen wurden hingerichtet. Das kommunistische System hatte sich restauriert. Entspannung trat erst ab den 1960er Jahren ein, als Kádárs Reformen den Weg zum „Gulaschkommunismus“ und innerer Liberalisierung ebneten. Dass die Ereignisse von 1956 eine „nationale Tragödie“ waren, wurde von offizieller Seite erst in den 1980er Jahren allmählich anerkannt. Die Reinterpretation als Revolution und Freiheitskampf wies aber letztlich den Weg zu den Umwälzungen von 1989/90.

Im Westen schlug die Niederschlagung des Aufstands große Wellen. Sie führte zu Massenaustritten aus den kommunistischen Parteien und demaskierte sowohl die inhaltsleere brüderliche Rhetorik Moskaus als auch die negative ökonomische Entwicklung des Ostblocks. Die geflüchteten Ungarn wurden mit großer Solidarität in den westeuropäischen Ländern aufgenommen – allen voran in Österreich und der Bundesrepublik, aber auch in Großbritannien und den USA –, die allesamt von den jungen, gut ausgebildeten Ungarn profitierten. Im Osten hingegen wurde die risikoaverse Haltung des Westens sehr genau registriert, der – anders als Radio Free Europe es suggeriert hatte – den Ungarn nicht zu Hilfe gekommen war. In der Folge wurden auch jene Bevölkerungen, die sich etwa in Polen oder dem rumänischen Siebenbürgen mit den Ungarn solidarisiert hatten, stärker überwacht – und die Unterdrückung der osteuropäischen Reformbewegungen gelangte erst 1989 an ihr Ende.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Gábor Gyáni, Memory and Discourse on the 1956 Hungarian Revolution, in: Europe-Asia Studies 8/2006, S. 1199–1208, hier S. 1199.

  2. Mátyás Rákosi war von 1945 bis 1956 Generalsekretär der Ungarischen Kommunistischen Partei, Ernő Gerő war u.a. Agent des sowjetischen Geheimdienstes und zeitweise Innenminister und stellvertretender KP-Chef. József Révai war Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der KP und Kulturminister, Mihály Farkas war von 1948 bis 1953 Verteidigungsminister, anschließend Leiter der Abteilung für Agitation und Propaganda im ZK der KP.

  3. Imre Nagy, On Communism. In Defense of the New Course, New York 1957, S. XL.

  4. Vgl. Ralf Thomas Göllner, Die ungarische Revolution von 1956, in: Manfred Agethen/Günter Buchstab (Hrsg.), Oppositions- und Freiheitsbewegungen im früheren Ostblock, Freiburg/Br. 2003, S. 89–129.

  5. Géza Alföldy, Ungarn 1956. Aufstand, Revolution, Freiheitskampf, Heidelberg 1997, S. 20.

  6. Vgl. Antoni Dudek, Der politische Umbruch von 1956 in Polen, in: Winfried Heinemann/Norbert Wiggershaus (Hrsg.), Das Internationale Krisenjahr 1956. Polen, Ungarn, Suez, München 1999, S. 27–42; A. Orlow, Der Polnische Oktober. Sieg der Vernunft über die Gewalt, in: ebd., S. 43–57.

  7. Report from Anastas Mikoyan on the Situation in the Hungarian Workers’ Party, July 14, 1956, in: Csaba Békés/Malcolm Byrne/János M. Rainer (Hrsg.), The 1956 Hungarian Revolution. A History in Documents, Budapest–New York 2002, S. 144.

  8. Vgl. The „Sixteen Points“. Prepared by Hungarian Students, October 22–23, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 188–190.

  9. János M. Rainer/Bernd-Rainer Barth, Ungarische Revolution. Aufstand – Zerfall der Partei – Invasion, in: András B. Hegedüs/Manfred Wilke (Hrsg.), Satelliten nach Stalins Tod. Der „Neue Kurs“, 17. Juni 1953 in der DDR, Ungarische Revolution 1956, Berlin 2000, S. 219–258, hier S. 227.

  10. Vgl. Österreichische Gesandtschaft in Polen, Stephan Verosta an Leopold Figl, Warschau, 27.10.1956, in: Michael Gehler/Ibolya Murber (Hrsg.), Von der Volksrepublik zum Volksaufstand in Ungarn 1949–1957. Quellenedition zur Krisengeschichte einer kommunistischen Diktatur aus Sicht der Ballhausplatz-Diplomatie, Wien 2023, S. 503–508.

  11. Alföldy (Anm. 5), S. 10.

  12. Vgl. Charles Gati, Failed Illusions. Moscow, Washington, Budapest, and the 1956 Hungarian Revolt, Washington, D.C.–Stanford 2006, S. 145f.; Peter Gosztony, Der Volksaufstand in Ungarn 1956, in: APuZ 37–38/1996, S. 3–14, hier S. 7f.

  13. Zit. nach Alexandr Kyrow/Béla Zselicky, Ungarnkrise 1956. Lagebeurteilung und Vorgehen der sowjetischen Führung und Armee, in: Heinemann/Wiggershaus (Anm. 6), S. 95–133, hier S. 103.

  14. Vgl. Working Notes from the Session of the CPSU CC Presidium, October 23, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 217f.

  15. János M. Rainer, Imre Nagy. Vom Parteisoldaten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands, Paderborn u.a. 2006, S. 129.

  16. Gati (Anm. 12), S. 150.

  17. György Litván/János M. Bak, Die Ungarische Revolution 1956. Reform – Aufstand – Vergeltung, Wien 1994, S. 78. Insofern ist die übliche Bezeichnung „Pester Burschen“ (pesti srácok) irreführend, da sich auch zahlreiche junge Mädchen und Frauen beteiligten.

  18. Vgl. Report from Anastas Mikoyan and Mikhail Suslov to the CPSU CC Presidium on Talks with HWP Leaders, October 26, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 237–238.

  19. Vgl. Litván/Bak (Anm. 17), S. 86.

  20. Vgl. HWP CC Political Committee Meeting, October 28, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 253–261.

  21. Declaration by the Government of the USSR on the Principles of Development and Further Strengthening of Friendship and Cooperation Between the Soviet Union and Other Socialist States, October 30, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 300–302.

  22. Kyrow/Zselicky (Anm. 13), S. 113.

  23. Working Notes from the Session of the CPSU CC Presidium on October 30, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 296f.

  24. Dwight D. Eisenhower, Radio and Television Report to the American People on the Developments in Eastern Europe and the Middle East, 31.10.1956, Externer Link: https://www.presidency.ucsb.edu/node/233787.

  25. Working Notes and Attached Extract from the Minutes of the CPSU CC Presidium Meeting, October 31, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 307.

  26. Vgl. Litván/Bak (Anm. 17), S. 100.

  27. Vgl. Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 348–361.

  28. Kyrow/Zselicky (Anm. 13), S. 120.

  29. Radio Statement by Imre Nagy Announcing an Attack by Soviet Forces on the Hungarian Government, November 4, 1956, in: Békés/Byrne/Rainer (Anm. 7), S. 383.

  30. Vgl. Gerhard Seewann/Kathrin Sitzler, Ungarn 1956: Volksaufstand – Konterrevolution – nationale Tragödie. Offizielle Retrospektive nach 25 Jahren, in: Südosteuropa 21/1982, S. 1–18.

  31. Vgl. Johanna Granville, „Caught with Jam on Our Fingers“: Radio Free Europe and the Hungarian Revolution, in: Diplomatic History 5/2005, S. 811–839.

  32. Vgl. Ralf Thomas Göllner, Der Ungarn-Aufstand 1956 und seine Auswirkungen auf die ungarische Minderheit in Siebenbürgen, in: Siebenbürgische Semesterblätter 10/1996, S. 145–156; Mariana Hausleitner, Wahrnehmung und Folgen der ungarischen Revolution von 1956 in Rumänien, in: The International Newsletter of Communist Studies Online 22/2009, S. 92–106.

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ist habilitierter Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ungarischen Institut der Universität Regensburg.