Revolutionen sind mitunter Akte der Erinnerung. Ihre Protagonisten pochen auf vergangenes Unrecht, um die Menschen zum Handeln zu bewegen. Auf Revolutionen folgen sodann neue politische Regime mit radikal neuen Verwendungsweisen für die Geschichte. So war es auch 1989 beim Zusammenbruch des Kommunismus in Ungarn: Über dreißig Jahre lang, seit der sowjetischen Niederschlagung des Aufstands von 1956, gründete die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei ihre historische Legitimität auf der Vorstellung, sie sei die notwendige Verteidigerin der Nation vor einer „Konterrevolution“. Die sogenannten Weißen Bücher – umfangreiche Broschüren, die der Verbreitung der offiziellen Version von 1956 dienten und in ungarischen Schulen zum Einsatz kamen – setzten die Befreiungskämpfe in Algerien und Zypern gegen die Franzosen und Briten mit dem Kampf der ungarischen Sozialisten gegen „Reaktionäre“ gleich, die, von imperialistischen Kräften unterstützt, eine Rückkehr zum gesellschaftlichen und politischen System der Vorkriegszeit anstrebten. Der Gedanke, dass der Volksaufstand sozialistische Reformelemente enthalten haben könnte, wurde unterdrückt: Der Führer des wiederhergestellten Regimes, János Kádár, weigerte sich sogar, den Namen seines kommunistischen Vorgängers Imre Nagy auch nur auszusprechen, dessen Reformkurs den Aufstand erst ermöglicht hatte.
Das Eis brach erst Anfang 1989, als Imre Pozsgay, ein führender Reformer innerhalb der Partei, erklärte, dass „1956“ ein Volksaufstand und rechtmäßig gewesen sei. Im Juni 1989 einigten sich die Opposition und die reformorientierten Kommunisten darauf, dass Imre Nagy, der wegen Hochverrats in der sowjetischen Botschaft hingerichtet und in einem anonymen Grab bestattet worden war, rehabilitiert werden und auf dem Heldenplatz in Budapest ein Staatsbegräbnis erhalten sollte. Dieser Moment läutete das Ende des Schweigens ein, das die diktatorische Herrschaft gestützt hatte. Die Neubewertung der Ereignisse von 1956 strafte zwar die kommunistische Behauptung Lügen, das Land vor einer „faschistischen Konterrevolution“ geschützt zu haben, ermöglichte es den Funktionären aus dem reformorientierten Flügel der Partei jedoch zugleich, sich als Aufklärer neu zu erfinden, die ihr Land in eine neue demokratische Welt führen und selbst zu Akteuren im neuen politischen System werden wollten.
Abwicklung des Kommunismus
Die erste nach 1989 demokratisch gewählte konservative Regierung unter József Antall war bestrebt, den Kommunismus als eine Verirrung der Geschichte darzustellen – als der wahren nationalen Geschichte äußerlich, die 1944 mit der deutschen Besatzung geendet hatte. Das Jahr 1989 wurde als Restauration verstanden, nicht als Revolution. Wie auch anderswo im östlichen Mitteleuropa kehrten die Leichname der Eliten der Zwischenkriegszeit zurück und machten eine Wiederbelebung von vorkommunistischen nationalen Traditionen vorstellbar. 1993 etwa wurden die sterblichen Überreste von Miklós Horthy, Reichsverweser und konservativ-autoritärer Führer der Zwischenkriegs- und Kriegszeit, zur Umbettung aus Portugal zurückgeführt. Was als private Gedenkfeier geplant war, wurde zum Politikum: Sollte eine Person, die sich mit den Nationalsozialisten verbündet hatte, um Gebiete zurückzuerobern, und deren Armee an der Ostfront gekämpft hatte, nun für den Kampf gegen den Kommunismus gewürdigt werden?
Auf der internationalen Bühne wurde „1989“ zu einem Triumph des Westens. Die vermeintlich natürliche Konvergenz von Marktwirtschaft und liberaler Demokratie lieferte ein Modell, das sich auf die ganze Welt ausweiten ließ. Liberale wie Neokonservative beriefen sich auf 1989, um Kampfansagen an die westliche Zivilisation abzuwehren. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 etwa erklärte US-Präsident George W. Bush den Jahrestag des Falls der Berliner Mauer zum „Weltfreiheitstag“. In Ungarn wie auch anderswo in Ostmitteleuropa sah man sich zunächst dazu verpflichtet, den Export der liberalen Demokratie – basierend auf den regionalen Erfahrungen mit der Überwindung der Diktatur – zu unterstützen; schließlich hatte man während des Kalten Krieges selbst westliche Unterstützung genossen, zudem spiegelte sich in dieser Haltung die Zugehörigkeit zur westlichen Welt.
„Echter Regimewechsel“
Im eigenen Land fanden solche „1989“-Mythen jedoch immer weniger Anklang. Der elitäre und nicht partizipative Charakter dessen, wofür sich der ausgesprochen unrevolutionäre Begriff des „Systemwechsels“ (rendszerváltás) durchsetzte, erwies sich als unfähig, einen Neuanfang zu symbolisieren, der die postkommunistische Gesellschaft hätte einen können. 1994 kehrten die ehemaligen Kommunisten an die Macht zurück, nun umgestaltet als Marktliberale des „Dritten Weges“. Für eine aufstrebende, selbstbewusste neue Rechte, angeführt vom ehemaligen Jungliberalen Viktor Orbán, war dies die „Erbsünde“ des neuen Systems: eine auf Verhandlungen basierende Wende, in der man es versäumt hatte, ehemalige Kommunisten aus der politischen Arena zu vertreiben. Für Orbán und andere war dies der Grund für den Fortbestand korrupter klientelistischer Netzwerke in der Wirtschaft und für die Vertrauenskrisen des neuen Systems, dem es nicht gelungen war, „Kriminelle“ und „Täter“ zu entfernen.
Für diese Kräfte war „1989“ nicht mehr die Erfüllung des Auftrags von „1956“, sondern ein Verrat an dessen Tradition. Zum 50. Jahrestag des Aufstands 2006 attackierte eine neue Rechte folgerichtig die sozialdemokratische Regierung, in der sie die Nachfahren derer erblickte, die einst die Revolutionäre unterdrückt hatten. In Budapest gingen Demonstranten auf die Straße und forderten einen „echten Regimewechsel“. Zu Beginn desselben Jahres hatte das ungarische Fernsehen eine Reihe von Werbespots ausgestrahlt, die an die Erstürmung des Rundfunkgebäudes 1956 erinnerten, eine der ersten großen politischen Aktionen des damaligen Aufstands. In den Spots wurde gefragt: „Welchen Fernsehsender würdet ihr heute stürmen?“ Die Antwort der rechten Demonstranten auf diese Frage lautete: das ungarische Staatsfernsehen selbst. In der Nacht vom 18. September drangen sie in das Gebäude des Senders ein und verlangten, ihre Forderungen in einer Live-Übertragung verbreiten zu können. In einer eindrucksvollen symbolischen Aktion wurde ein Panzer aus einer Ausstellung zum Jahr 1956 gestohlen und durch die Straßen von Budapest gefahren – ein Bild, das von den Medien zur Untermalung der Notwendigkeit genutzt wurde, eine unvollständige revolutionäre Transformation zu vollenden, die seit 1989 blockiert sei.
In ihren Wahlkämpfen Ende der 2000er Jahre versprach die Fidesz-Partei unter Viktor Orbán eine überfällige „Revolution an der Wahlurne“. Ihr fulminanter Sieg im Jahr 2010 wurde als der lang geforderte „echte Regimewechsel“ dargestellt, der es ihr ermöglichte, die Verfassung zu ändern und ein Konzept der „nationalen Zusammenarbeit“ unter der Führung eines autokratischen „zentralen politischen Kraftfeldes“ ins Leben zu rufen, das notwendig sei, um die Überreste des Kommunismus zu beseitigen.
Obwohl populistische Bewegungen wie Fidesz in politischer Hinsicht „Euroskeptiker“ sind, sind sie gleichwohl nicht antieuropäisch. Vielmehr wollen sie eine identitätsstiftende Vision eines patriarchalischen, weißen und christlichen Europa wieder aufbauen und stärken. Sie behaupten, die besseren Europäer zu sein – diejenigen, die (in diesem Fall) Ungarn und den Kontinent retten können, die beide im Niedergang begriffen seien aufgrund ihrer Kolonisierung durch Multikulturalismus, nichtchristliche, nichtweiße Einwanderung und eine angeblich familienfeindliche „Gender-Ideologie“.
Erinnerung an den Holocaust
Vor diesem Hintergrund lehnte Orbán die Normen der liberalen europäischen Erinnerungskultur ab, die die sozialdemokratische Regierung vor 2010 unterstützt hatte. Nirgendwo zeigte sich dies deutlicher als beim Gedenken an den Holocaust. Die Aufarbeitung dieses Menschheitsverbrechens – rund eine halbe Million Juden wurden in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs unter ungarischer Herrschaft ermordet – war ein wichtiger Bestandteil des Übergangs vom Kommunismus zur Demokratie gewesen. Seit den Anfängen der Holocaust-Erinnerung im Westen nach dem Eichmann-Prozess von 1961 hatten sich die ungarischen Kommunisten dagegen gesperrt, dem Thema besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn der Völkermord an den Juden überhaupt erwähnt wurde, wurde er in die allgemeine Geschichtsschreibung über das Leid der Nation unter dem Faschismus eingebettet. Ein Jahr vor dem Ende des Kommunismus wurde eine Statue des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der Zehntausenden ungarischen Juden das Leben gerettet hatte und dessen Standbild 1949 von den Kommunisten entfernt worden war, nach Budapest zurückgebracht. Der Begriff „Holocaust“ setzte sich Anfang der 1990er Jahre allgemein durch, während der Völkermord an den Roma zunächst weitaus weniger Beachtung fand. Im Laufe der 1990er Jahre wurde das Gedenken an den Holocaust zunehmend mit einer Rückkehr in den europäischen Kreis assoziiert: Die 1993 gegründete Europäische Union stellte die Erinnerung an den Völkermord an den Juden („Nie wieder!“) in den Mittelpunkt ihrer Identität, und die Staaten im östlichen Mitteleuropa vertieften ab Ende der 1990er Jahre, im Rahmen des Beitrittsprozesses, ihr historisches Engagement.
In den 2010er Jahren geriet das „kosmopolitische Holocaust-Gedenken“ – also die Erinnerung des Genozids an den Juden als gemeinsames internationales Bekenntnis zu den Menschenrechten – durch die wachsende populistische Rechte in ganz Europa zunehmend in die Kritik. Diese sah in solchen Positionen eine „Pädagogik der Scham“, die eine einzige Tragödie herausgreife und dadurch das Leid christlicher Nationen unterbelichtet lasse. Zudem würde das Holocaust-Gedenken dazu genutzt, liberale Werte im In- und Ausland zu verbreiten, und dies auf eine Art und Weise, die Europa schwäche und eine übermäßige Empathie entstehen lasse, in deren Folge die Grenzen des Kontinents für (insbesondere islamische) Einwanderung geöffnet würden.
Im Zuge der „Flüchtlingskrise“ von 2015 wurde der Holocaust zunehmend für die Verteidigung eines jüdisch-christlichen Europa instrumentalisiert. Es gehe um den „Schutz unserer Juden“ vor einer „muslimischen Bedrohung“ durch die Vertriebenen des syrischen Bürgerkriegs. Einher ging dies mit antisemitischer Propaganda, die George Soros, einen jüdisch-amerikanisch-liberalen Finanzier ungarischer Herkunft, zum Sündenbock für den vermeintlichen „unnatürlichen Einfluss“ des westlichen Liberalismus auf das Heimatland machte. Diese illiberale, antimuslimische und nationalistische Version des Holocaust-Gedenkens stieß beim israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu gleichwohl auf offene Ohren: Er verteidigte Orbán gegen Vorwürfe, seine Anti-Soros-Kampagne sei antisemitisch – Soros’ Stiftungen in Israel hatten unter anderem das Verhalten des Staates gegenüber den Palästinensern kritisiert –, und anlässlich des Besuchs des ungarischen Ministerpräsidenten in Israel im Jahr 2018 erklärte Netanjahu, dieser „bewahre das Andenken an die Vergangenheit“ in angemessener Weise.
Orbán und seine Bewegung schufen so eine alternative Geschichte von Leid und Erlösung. Das christliche Ungarn sei das wahre Opfer des 20. Jahrhunderts. Es habe eine doppelte Besatzung erdulden müssen, aber man könne Ungarn wieder groß machen, wenn nur die alten Kommunisten an den Rand gedrängt würden. Diese Erzählung war schon 2002 bei der Eröffnung des Budapester Gedenkmuseums „Haus des Terrors“ zu vernehmen – mitten im Wahlkampf, den Fidesz schließlich verlor. Wie viele solcher „Orte des Schreckens“ wurde es in einem ehemaligen politischen Gefängnis eingerichtet, das in diesem Fall sowohl von ungarischen Faschisten als auch vor 1956 von den Kommunisten als Ort für Verhöre und Folter durch die Geheimpolizei genutzt wurde. Während die Gedenkstätte ihre Kraft aus der Authentizität ihres Schauplatzes bezog, war sie selbst Teil einer neuen Welle von „Narrativmuseen“, die darauf abzielten, politisierte, eindeutige Geschichten über die Vergangenheit zu etablieren. In diesem Fall sollte der Gedenkort, gestaltet von einem ungarischen Hollywood-Szenenbildner, den Kommunismus auf die Anklagebank setzen und eine antikommunistische, christlich-ungarische Nation – zugleich als Opfer und als ausdauernde Kraft – als die wahre Triebkraft für die Erneuerung des Landes in den Mittelpunkt stellen.
Wiederbelebung der (ethnischen) Nation
Eine solche Geschichtspolitik gewann im Laufe der 2000er Jahre zunehmend an Bedeutung und wurde zu einem zentralen Bestandteil der Arbeit der graswurzelartigen „Bürgerkreise“, die darauf abzielten, eine gebildete konservative Mittelschicht über eine neue Vision eines wiederbelebten Ungarn zu radikalisieren und sie so auf Orbáns Version einer illiberalen Demokratie einzuschwören.
Die Anfänge der 16-jährigen Herrschaft von Fidesz fielen in die Folgejahre der globalen Finanzkrise 2008, was eine geopolitische und wirtschaftliche Neuausrichtung Ungarns befeuerte. Orbán griff das Thema Antikolonialismus wieder auf, das sich durch die Austrophobie der späten Habsburgerzeit, die Politik des „Verrats durch den Westen“ nach dem Vertrag von Trianon und sogar den Antiimperialismus der kommunistischen Ära gezogen hatte, und argumentierte, das Land dürfe nicht länger vom Westen abhängig sein: Ungarns Schuldenlast, mit der das Land seit den 1970er Jahren gekämpft hatte, wurde 2013 unter großem antikolonialem Jubel demonstrativ getilgt. Da „der Westen“ zudem wirtschaftlich im Niedergang begriffen sei, müsse Ungarn eine neue Ausrichtung suchen; mit der 2010 angekündigten „Öffnung nach Osten“ (keleti nyitás) streckte man die Fühler nach Singapur, China, Zentralasien und dem Nahen Osten aus, ohne dabei jedoch – aller Rhetorik zum Trotz – mit dem Entwicklungsmodell der EU zu brechen. Im Jahr 2015 schloss sich Ungarn als erstes EU-Land Chinas „Belt and Road“-Initiative an; als „westliches Tor der neuen Seidenstraße“, so Orbán, könne sich Ungarn von den vom Westen aufgezwungenen Wirtschaftsmodellen emanzipieren.
Die Annäherung an China wurde begleitet von der Wiederbelebung eines kulturellen Eurasiertums, das zuletzt in der Zwischenkriegszeit als Alternative zum „perfiden Westen“ nach dem Trianon-Vertrag und dann, in einer progressiv-internationalistischen Form, im ersten Jahrzehnt des Kommunismus vor dem chinesisch-sowjetischen Bruch zu beobachten war.
Orbáns strategische Wiederbelebung der osmanischen Vergangenheit lässt eine ähnliche Zwiespältigkeit erkennen. Einerseits wurden die ungarischen Kämpfe gegen das Osmanische Reich zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert im Wahlkampf 2018 als Teil einer umfassenderen Anti-Einwanderungskampagne herangezogen; andererseits trat Ungarn im selben Jahr als Beobachterstaat dem Türkischen Rat (später Organisation der Turkstaaten) bei und restaurierte das Grab von Gül Baba, eine islamische Pilgerstätte in Budapest. Bei der Wiedereröffnung in Anwesenheit des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurde die osmanische Besatzung, die für gewaltsame Massenvertreibungen gesorgt hatte, zu einer friedlichen Union zwischen osmanischen Türken und Ungarn umgedeutet.
Diese Vorstellung von Ungarns besonderer geopolitischer Zwischenstellung prägte auch seine Reaktion auf den von Russland geführten Krieg gegen die Ukraine. Obwohl Orbán Russland für den Ausbruch des Konflikts verurteilte, beschuldigte er wiederholt die Ukraine und die westlichen Mächte, diesen unnötig in die Länge zu ziehen. 2022 postulierte er, Ungarn müsse sich aus einer sich neu bildenden, blockähnlichen Ordnung heraushalten und die politische und wirtschaftliche Verbundenheit zwischen Ost und West aufrechterhalten.
Die ungarische Regierung hat nie offizielle Gebietsansprüche gegenüber der Ukraine erhoben, dennoch trug die von Fidesz gepflegte Kultur des Trianon-Gedenkens dazu bei, eine irredentistische Nostalgie in der extremen Rechten zu wecken. Manche betrachteten das Verhalten der Regierung, die Sanktionen gegen Russland ablehnte und die EU-Hilfe für die Ukraine blockierte, als eine Sympathiebekundung für einen womöglich hellhörigen Wladimir Putin. Durch ihn, so fantasierten sie, könnten im Falle einer territorialen Auflösung der Ukraine Ansprüche auf die durch den Vertrag von Trianon verlorenen Gebiete der ungarischen Minderheiten in Transkarpatien geltend gemacht werden.
Wie weiter?
Im Jahr 2026 ging die 16-jährige Herrschaft des Fidesz zu Ende. In seinem Bestreben, sich von seinen ehemaligen Kollegen zu distanzieren, versprach der Wahlsieger Péter Magyar eine Rückkehr zu einem weniger radikalen, wieder mehr auf Europa ausgerichteten Mainstream-Konservatismus. Historische Themen spielen zwar weiterhin eine Rolle, stehen jedoch im Zeichen einer Rhetorik, die polarisierenden „Manipulationen“ der Geschichte ein Ende setzen will. Für Magyar war Orbáns Weigerung, die Ukraine zu unterstützen, ein Verrat am antisowjetischen Kampf Ungarns. Im September 2026 verurteilte Magyars Regierung offiziell die militärische Aggression Russlands und bekräftigte ihre Unterstützung für die territoriale Integrität der Ukraine. Er versprach, Ungarns Einbettung in Europa zu festigen, und ließ die eurasische Kultur- und Erinnerungspolitik fallen: „Türkische Räte mögen kommen und östliche Diktatoren mögen gehen, aber die Ungarn sehen ihre Zukunft in der Europäischen Union.“
Die neue Regierung zerlegt all jene Stellen und Positionen, die von Schlüsselfiguren aus Orbáns System der „nationalen Kooperation“ besetzt wurden, darunter auch das Netzwerk von historischen Instituten, das sich um Mária Schmidt herum gebildet hat und das so zentral für die Geschichtspolitik von Fidesz war. Sozialwissenschaftliche Institute werden unter dem Dach der ungarischen Akademie der Wissenschaften wieder aufgebaut, um ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit zu gewährleisten, und neue Schulbücher für den Geschichtsunterricht wurden in Auftrag gegeben. Zudem gibt es Grund zur Hoffnung, dass die heimische Film- und Theaterproduktion wieder entpolitisiert wird. Das Echo der Geschichte ist nicht verklungen, aber ihm wird ein neuer Klang gegeben: Politiker, Historiker und Aktivisten arbeiten bereits daran, eine Erinnerungskultur neu zu gestalten, in der illiberale Lesarten der Geschichte über drei Jahrzehnte hinweg zu einer dominierenden Stellung gekommen waren.
Aus dem Englischen von Birthe Mühlhoff, Dresden