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Krieg im eigenen Land

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Krieg im eigenen Land

Michael Wildt

/ 20 Minuten zu lesen

Mit allen Mitteln sucht das NS-Regime die Kriegswirtschaft und den Durchhaltewillen der heimischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Doch bedrückende Nachrichten von den Kriegsfronten, verheerende Luftangriffe auf deutsche Städte und Angst vor den Siegern tun ihre Wirkung – mit mörderischen Folgen für die entrechteten Juden, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter.

Die bombardierte Innenstadt Dresdens im Februar 1945 (© Bundesarchiv, Bild 183-Z0309-310)

Strafverschärfungen

Gleich zu Kriegsbeginn im September 1939 hatte Reinhard Heydrich einen Befehl an die Polizei ausgegeben: "Jeder Versuch, die Geschlossenheit und den Kampfwillen des deutschen Volkes zu zersetzen, ist rücksichtslos zu unterdrücken. Insbesondere ist gegen jede Person sofort durch Festnahme einzuschreiten, die in ihren Äußerungen am Sieg des deutschen Volkes zweifelt oder das Recht des Krieges in Frage stellt.“ Ähnlich hieß es in einer internen Denkschrift des Reichsjustizministeriums aus dem Januar 1940, Aufgabe der Justiz sei die "Aussonderung hetzerisch und verbrecherisch eingestellter Elemente, die in kritischer Zeit einen Dolchstoß von hinten gegen die Front versuchen könnten (vgl. die Arbeiter- und Soldatenräte von 1918)“.

Zwischen 1939 und 1941 traten etliche neue Strafbestimmungen in Kraft, mit denen Deutsche, die feindliche Sender hörten, die sich kritisch über den Krieg äußerten oder Kontakt zu Kriegsgefangenen aufnahmen, verfolgt werden konnten. Mit der Todesstrafe konnten sogar Diebstähle während der Verdunkelungszeiten oder der Bombenangriffe belegt werden, weil, wie es in der "Verordnung gegen Volksschädlinge“ vom 5. September 1939 hieß, "dies das gesunde Volksempfinden wegen der besonderen Verwerflichkeit der Straftat erfordert“. Auf Initiative von Hitler wurden sechzehnjährige Jugendliche wie erwachsene Straftäter verurteilt. Zwischen 1940 und 1945 verhängten die Strafgerichte, insbesondere die Sondergerichte und der Volksgerichtshof, etwa 15 000 Todesurteile, von denen mehr als drei Viertel vollstreckt wurden. Auch die Zahl der Gefangenen in den Strafanstalten nahm drastisch zu, von 109 685 Ende Juni 1939 auf 196 700 Ende Juni 1944.

Luftkrieg

Auch die "Volksgemeinschaft“ an der "Heimatfront“, die bislang vom Krieg weitgehend verschont geblieben war, wurde nun in Mitleidenschaft gezogen. Die alliierten Luftangriffe nahmen immer verheerendere Ausmaße an. Der Wechsel des Kommandos der britischen Bomberflotte zu Marschall Arthur Harris im Februar 1942 markierte den Beginn eines neuen militärischen Konzepts des Luftkrieges der Alliierten. Ziel war jetzt die Zivilbevölkerung in den Industrieregionen, die mit großen Flotten schwerer Bomber angegriffen wurden. Mit Luftminen und Sprengbomben sollten Kommunikations- und Versorgungsleitungen zerstört und die Häuser in den Wohngebieten aufgebrochen werden, damit die nachfolgenden Brandbomben ihre verheerende Wirkung entfalten konnten. Erste Angriffe trafen Lübeck Ende März und Rostock Ende April 1942, bei denen die Innenstädte fast vollständig in Schutt und Asche gelegt wurden.

In der Nacht zum 31. Mai 1942 starteten mehr als 1000 britische Bomber in Richtung Köln und warfen über 1300 Tonnen Bomben ab, das Dreifache der bis dahin üblichen Menge. Nach dieser Nacht war Köln nicht wiederzuerkennen. Nahezu 500 Tote und mehr als 5000 Verletzte waren zu beklagen, rund 12 800 beschädigte Häuser wurden gezählt, was einem Totalverlust von 13 000 Wohnungen und 30 000 schwer oder leicht beschädigten Wohnungen entsprach. Große Teile des alten Kölns mit seinen historischen Bauten waren zerstört. In der Nacht hätten zahlreiche Kölner, so der Schweizer Konsul in seinem Bericht, "Kopf und Nerven vollständig verloren“, die "sonst als musterhaft bezeichnete deutsche Ordnung und Disziplin“ sei komplett zusammengebrochen. "Gleichgültigkeit, Apathie, vollständige Mutlosigkeit und Verzweiflung“ hätten in den Tagen danach in der Stadt geherrscht.

Die kommunalen Behörden in Köln waren angesichts dieser Katastrophe völlig überfordert, und so übernahm die NSDAP die Initiative. Notverpflegung musste sofort organisiert werden, was mit Hilfe von Feldküchen der Wehrmacht so weit gelang, dass vier Tage nach dem Angriff bereits etwa 35 000 Personen verpflegt werden konnten. Zwei Tage später setzte die Lebensmittelrationierung wieder ein. Darüber hinaus gab es Sonderzuteilungen, beispielsweise für Kleidung und Schuhe, an rund 30 000 besonders bedürftige Personen, die sich buchstäblich nur mit ihren Sachen am Leib hatten retten können. Ebenso mussten Notunterkünfte bereitgestellt bzw. Evakuierungen organisiert werden. Laut offiziellen Angaben gab es nach dem Angriff in Köln etwa 60 000 Obdachlose, realistische Schätzungen gingen von 100 000 Menschen ohne Wohnung aus. Nur etwa 3000 Notquartierplätze standen sofort zur Verfügung; bis zum Jahresende wurden in öffentlichen Gebäuden, zumeist Schulen, rund 29 500 sogenannte Liegestätten zusätzlich geschaffen. An einen raschen Wiederaufbau der zerstörten Häuser war nicht zu denken, sodass etliche Kölner zu Verwandten nach außerhalb zogen oder zusätzlich in bereits belegte Wohnungen in der Stadt einquartiert werden mussten.

Nicht zufällig setzten Mitte Juni 1942 erneute Deportationen Kölner Juden ein, die gleichermaßen unter den Angriffen gelitten hatten, schutzloser sogar noch als ihre nichtjüdischen Nachbarn, da ihnen der Zutritt zu den Luftschutzräumen verwehrt war. Der Grund für die Wiederaufnahme der Deportationen war dem Schweizer Konsul völlig klar: Es gehe darum, schrieb er in seinem Bericht, "weitere freie Wohnungen zu erhalten“. Bis zum Herbst 1942 verließen die Deportationszüge mit Kölner Juden die Stadt in Richtung der Vernichtungslager im Osten.

Und noch auf eine andere Weise wurden Juden für die Schäden und zur Linderung der Not der "Volksgemeinschaft“ ausgeplündert. Der NSDAP-Gauleiter Josef Grohé äußerte sich in seinem Bericht nach dem Angriff, dass es in Zusammenarbeit mit dem Militärbefehlshaber von Belgien und Nordfrankreich gelungen sei, "große Mengen bezugsscheinfreier Textilmangelwaren auf den Weg nach Köln zu bringen“, sprich: die geraubte Kleidung deportierter belgischer und französischer Juden in Köln an deutsche "Volksgenossen“ zu verteilen. Schon nach den ersten Deportationen im Herbst 1941 hatte die Kölner Kommunalverwaltung Möbel, Hausrat und Kleidung der jüdischen Opfer beschlagnahmt und in den Messehallen eingelagert. Nach dem "1000-Bomber-Angriff“ griffen die Behörden nicht nur auf diese Bestände zurück, sondern sie schafften im Juli 1942 zusätzlich geraubtes jüdisches Eigentum aus Antwerpen in mehreren hundert Waggons per Schiff und Bahn nach Köln, um es zu verteilen. Die NSDAP zog dabei bewusst die Verteilung dieser Güter an sich. Insgesamt gelangten rund 1260 Bahnwaggons mit jüdischem Eigentum aus Westeuropa nach Köln, das in öffentlichen, oft täglichen Versteigerungen in den Messehallen oder in Gaststätten von den "Volksgenossinnen und Volksgenossen“ für wenig Geld erworben wurde.

Das katastrophale Jahr 1943 stand der deutschen Zivilbevölkerung noch bevor, zumal nun auch amerikanische Flugzeuge von Großbritannien aus die Bombenangriffe unterstützten. Auch Ziele in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten, vor allem in Frankreich, wurden nun von den westalliierten Bomberverbänden angegriffen. Nachdem Anfang November 1942 britische und amerikanische Truppen in Marokko und Algerien gelandet waren und sich die deutsch-italienische Panzerarmee unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel auf dem Rückzug befand, gerieten dann auch Ziele in Italien ins Visier. Amerikanische Flugzeuge bombardierten im Frühjahr 1943 Neapel, Cagliari, Palermo und Catania ebenso wie die französischen Renault-Werke in Billancourt am 4. April, wobei 228 Menschen getötet und 500 verletzt wurden. Noch verheerender war der alliierte Luftangriff auf Industriegebiete in Antwerpen am folgenden Tag, bei dem mehr als 2000 Menschen ums Leben kamen.

Anfang März 1943 begann die "Battle of the Ruhr“, bei der systematisch die Städte an Rhein und Ruhr zerstört und die dort lebende Bevölkerung getroffen werden sollten, um das schwerindustrielle Zentrum der deutschen Rüstungsproduktion zu vernichten. In der Nacht zum 17. Mai zerstörten britische Bomber die Möhne- und die Edertalsperre, woraufhin die Flutwellen mehrere Ortschaften unter sich begruben und rund 1600 Menschen in den Tod rissen, darunter auch 500 Zwangsarbeiterinnen eines Barackenlagers bei Neheim. Ende März kamen bei einem Flächenangriff auf Wuppertal aufgrund des Feuersturms mehr als 3500 Menschen ums Leben, 80 Prozent der Wohnfläche wurden zerstört; im Juni war Köln erneut Ziel eines schweren Angriffs, bei dem über 4000 Menschen getötet wurden.

Zwischen dem 25. Juli und dem 3. August 1943 flogen britische und amerikanische Bomber unter dem kennzeichnenden Codewort "Unternehmen Gomorrha“ verheerende Angriffe auf Hamburg, bei denen insgesamt mehr als 35 000 Menschen, vor allem durch die entfachten Feuerstürme, ums Leben kamen. "Die Straßen waren mit Hunderten von Leichen bedeckt“, hieß es im amtlichen Bericht des Hamburger Polizeipräsidenten. "Mütter mit ihren Kindern, Männer, Greise, verbrannt, verkohlt, unversehrt und bekleidet, nackend und in wächserner Blässe wie Schaufensterpuppen ...“ Noch sechs solche Angriffe, soll Rüstungsminister Speer danach gesagt haben, und der Krieg sei zu Ende.

Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung gab es anfangs kaum; erst nachdem Ende August 1940 Berlin bombardiert worden war und sich erheblicher Schrecken verbreitet hatte, erließ Hitler ein großes "Führer-Sonderprogramm“ zum Bau von Luftschutzbunkern. Für eine "1. Bauwelle“ waren 61 große Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern ausgewählt worden, die besonders gefährdet waren und wichtige Rüstungsanlagen besaßen. Doch verzögerte sich die erste Bauwelle wie die zweite, die im Sommer 1942 einsetzen sollte, und die dritte im Jahr 1943 kam aufgrund von mangelnden Baumaterialien und Arbeitskräften gar nicht erst in Schwung, obwohl Zehntausende von Zwangsarbeitern für den Bunkerbau eingesetzt wurden. Bis Mai 1943 waren nicht mehr als 1343 Bunker "betonfertig“ gemeldet worden, viel zu wenig, um die Zivilbevölkerung vor den Bombenangriffen zu schützen. Die lauthals verkündete Absicht des Regimes, jedem "Volksgenossen“ einen "bombensicheren“ Schutzplatz zu verschaffen, erwies sich als pure Propaganda.

Einsatz von KZ-Häftlingen

Die Kommunen waren mit den Aufräumarbeiten gänzlich überfordert und begannen zunächst Kriegsgefangene, ab dem Herbst 1942 zunehmend KZ-Häftlinge für die Bergungs- und Aufräumarbeiten einzusetzen. Himmler selbst besuchte mehrere betroffene Städte wie Köln, Düsseldorf, Münster, Bremen, Hamburg und Lübeck und ordnete anschließend an, dass in den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Lublin und Stutthof Fenster- und Türrahmen gefertigt, in Neuengamme verstärkt Dachziegel hergestellt sowie Häftlingskommandos für Aufräumungs- und Instandsetzungsarbeiten eingesetzt werden sollten. Düsseldorf, Dortmund und Köln erhielten sogenannte SS-Baubrigaden mit jeweils tausend Häftlingen, ebenso Bremen mit rund 750 und Osnabrück mit 250 Häftlingen, welche die gefährlichsten und abstoßendsten Arbeiten wie das Suchen und Sprengen nicht gezündeter Bomben oder das Bergen der Leichen verrichten mussten. Im Sommer 1943 arbeiteten Sprengkommandos aus KZ-Häftlingen überall im Reichsgebiet, wobei viele von ihnen tödlich verunglückten oder schwere Verletzungen erlitten.

Selbstverständlich gehörten diese Häftlingskommandos zum Stadtbild und wurden von vielen "Volksgenossen“ gesehen und auch misshandelt. Der damals 17-jährige Jan Suzinowicz erinnerte sich an die Zwangsarbeit in Köln 1942/43: "Als wir zur Arbeit gingen, ist es passiert, dass die Menschen uns angespuckt haben, und die jungen Leute, Hitlerjugend, konnten zum Beispiel mit einem Stein nach uns werfen.“ Bei anderen Deutschen regte sich dagegen auch Betroffenheit. "Schon bald nach den ersten Bombardierungen“, schilderte nach dem Krieg der damals 36-jährige Emil Pascha aus Düsseldorf, "sah ich häufig, wenn ich mit der Straßenbahn von der Arbeit nach Hause fuhr, eine Kolonne von etwa 30 bis 40 KZ-Häftlingen auf dem Weg zurück ins Lager. Von der Straßenbahn aus habe ich sie gesehen. [...] Wenn man dann mit der überfüllten Bahn langsam daran vorbeifuhr, sah man zwangsläufig die Gesichter der Elenden, deren Schädel kurzgeschoren, gelblich und bis auf die Knochen abgemagert waren.“ Der damals 13-jährige Egon Bauerett erlebte im Winter 1943/44 in Köln, wie ein SS-Mann einen Häftling, der erschöpft zusammengebrochen war, auf offener Straße mit dem Gewehr erschoss.

KZ-Häftlinge wurden zunehmend in die Rüstungsproduktion eingespannt. Während der Kriegsjahre stieg ihre Zahl sprunghaft von 90 000 Ende 1942 auf 300 000 Ende 1943 und 700 000 Ende 1944. Es waren vor allem Häftlinge aus den besetzten Gebieten, zunächst Polen und Tschechen, dann Russen, die die Konzentrationslager füllten. Bei Kriegsende machte der Anteil der deutschen und österreichischen Häftlinge in den KZ-Lagern kaum noch mehr als fünf bis zehn Prozent aus. Die Nationalitätenstruktur und -hierarchie erhielten für die Überlebensbedingungen in den Lagern eine zunehmend stärkere Bedeutung. Etwa 400 000 KZ-Häftlinge arbeiteten im Sommer 1944 in der Rüstungsindustrie. Zunächst hatte die SS-Führung den Plan, die Produktion in die Konzentrationslager zu holen, aber rasch setzte sich mehr und mehr die Auslagerung von KZ-Häftlingen in die Betriebe durch. Dadurch entstand an zahlreichen Produktionsstandorten überall in Deutschland eine wachsende Zahl von KZ-Außenlagern, die von SS-Kommandos bewacht wurden. Die Häftlinge litten unter extrem schlechten Versorgungsbedingungen, die Sterblichkeitsrate war enorm hoch.

Zwangsarbeiter in der deutschen Wirtschaft 1941-1944 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)

Arbeitskräfte in Deutschland 1939-1944 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)

QuellentextArbeitseinsatz von KZ-Häftlingen

[...] Als die ersten Konzentrationslager errichtet wurden, spielten sie ökonomisch eine untergeordnete Rolle. Zwar wurden Gefangene zur Erhaltung und zum Betrieb der Lager herangezogen. Die Arbeiten, zu denen die Häftlinge zwangsverpflichtet wurden, dienten jedoch vornehmlich dazu, deren Widerstand zu brechen. [...] Bis Kriegsende blieb der Arbeitseinsatz immer auch ein Mittel, um die Gefangenen zu terrorisieren. Die SS erkannte jedoch frühzeitig, dass KZ-Gefangene auch produktiv eingesetzt werden konnten. [...]
Unter [Oswald] Pohl als Verwaltungschef der SS wurden seit 1938 die wirtschaftlichen Unternehmungen zusammengeführt. [...] Vor dem Hintergrund des Rüstungsbooms und der daraus resultierenden Arbeitskräfteknappheit musste selbst die SS die Neueinweisungen [von Häftlingen] ökonomisch rechtfertigen. Zu diesem Zweck ging Himmler 1938 eine Kooperation mit Albert Speer ein, der im Namen Hitlers als Generalbauinspektor die Neugestaltung Berlins plante und absehbar mit Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Baustoffen zu kämpfen hatte. Himmler versprach, Ziegel und Natursteine zu liefern, Speer wollte für die Anschubfinanzierung der hierfür zu errichtenden Betriebsstätten sorgen. Beide profitierten: Speer meinte, einen Engpass zu umgehen, Himmler konnte die KZ-Häftlinge für Aufgaben einsetzen, die letztlich von Hitler angeordnet waren.
Das Leben und die Gesundheit der Gefangenen spielten bei der Abmachung keine Rolle. Beim Aufbau und Betrieb der Anlagen, insbesondere in den Steinbrüchen der speziell für diese Arbeiten neu errichteten KZ Flossenbürg in der Oberpfalz sowie Mauthausen nahe Linz, wurden die Häftlinge unter zum Teil mörderischen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. In Oranienburg, in der Nähe von Weimar und in Neuengamme bei Hamburg entstanden drei riesige Ziegelwerke, die jedoch aufgrund der Unfähigkeit der SS-Bauherren zunächst technisch völlig falsch ausgestattet worden waren und komplett umgebaut werden mussten. Auch wenn die Deutsche Erd- und Steinwerke, zu der die KZ-Betriebsstätten gehörten, betriebswirtschaftlich ein Verlustgeschäft blieb und horrende Kredite Speers und der Dresdner Bank verschlang, war das Unternehmen aus Sicht Himmlers und Pohls erfolgreich. Denn die Neueinweisung von KZ-Häftlingen konnte ökonomisch gerechtfertigt und das KZ-System bis August 1939 auf 21 400 Häftlinge ausgedehnt werden.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurden zunächst polnische Staatsbürger und dann die Angehörigen anderer eroberter Staaten in die Konzentrationslager verschleppt. Um die Gefangenen aufzunehmen, ließ Himmler neue Lager errichten. [...]
In allen Lagern richtete Pohl SS-Betriebe ein, in denen KZ-Insassen zur Arbeit gezwungen wurden. Im März 1942 unterstellte Himmler folgerichtig die Konzentrationslager dem kurz zuvor zum SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA) zusammengefassten Behördenkonglomerat Pohls. [...]
Seit 1943 forderten private Wirtschaftsbetriebe immer mehr KZ-Häftlinge an. Zwar wurden sie auch verstärkt in SS-Unternehmen eingesetzt. So arbeiteten 1943 und 1944 allein in den Handwerksbetrieben der Deutsche Ausrüstungswerke GmbH weit über 15 000 Gefangene. Die Mehrzahl der KZ-Zwangsarbeiter stand aber der privaten Industrie zur Verfügung. Die Liste der Unternehmen, die Häftlinge ausbeuteten, liest sich wie ein „Wer ist Wer“ der deutschen Wirtschaft. Krupp, Rheinmetall, Siemens, Bosch, Volkswagen, BMW, Daimler-Benz, Heinkel, Messerschmitt und Dutzende weiterer Firmen gehörten dazu, nicht zuletzt die I.G. Farbenindustrie AG, deren Werk in Monowitz von Häftlingen aus Auschwitz aufgebaut wurde.
Infolge der Forderungen der Rüstungsunternehmen und da die SS weiterhin eine wichtige Rolle in der Kriegswirtschaft spielen wollte, wurden immer mehr Menschen in die Konzentrationslager verschleppt und an Hunderten Betriebsstätten KZ-Außenlager errichtet. Die exorbitante Ausdehnung des KZ-Systems in der zweiten Kriegshälfte lässt sich an der steigenden Zahl der Gefangenen ablesen. Im August 1943 saßen 224 000 Häftlinge in den Lagern ein, ein Jahr später waren es bereits über 524 000, und am 15. Januar 1945 listete eine SS-Aufstellung 714 211 Insassen auf. Dieser Anstieg beruhte im Wesentlichen auf der Ausbeutung der Gefangenen als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie.
Im selben Zeitraum, als die kriegswirtschaftliche Bedeutung der Arbeitskraft von KZ-Häftlingen langsam erkannt wurde, baute die SS in Auschwitz und LublinMajdanek Vernichtungseinrichtungen auf, in denen Menschen systematisch ermordet wurden. In Auschwitz-Birkenau hielt die Lager-SS noch an der Fiktion des Arbeitseinsatzes fest, indem sie oberflächlich nach Arbeitsfähigen und Arbeitsunfähigen unterschied. Doch nur wenige wurden für Arbeiten ausgewählt. Die meisten der seit 1942 aus rassistischen Gründen nach Auschwitz Verschleppten starben unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern. Bis Kriegsende kam über eine Million Menschen im Lagerkomplex von Auschwitz um, die meisten hiervon Juden.
Neben den KZ und außerhalb der Kontrolle des WVHA entstanden 1941/42 weitere Vernichtungsstätten der SS. Sie können kaum als Lager bezeichnet werden, da fast alle der ebenfalls überwiegend jüdischen Deportationsopfer sofort nach ihrer Ankunft umgebracht wurden. Zu diesen Orten des Völkermords gehörten Kulmhof (Chelmno) im sogenannten Reichsgau Wartheland und die Mordanlagen der „Aktion Reinhard“ in Belzec, Sobibor und Treblinka, die ebenfalls im besetzten Polen lagen. [...]
Die Vernichtungsaktionen wurden auch dann nicht völlig aufgegeben, als in der letzten Kriegsphase der KZ-Arbeitseinsatz nochmals wichtiger wurde. Es bedeutet auch nicht, dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gefangenen verbesserten. Denn als aufgrund der immer schwerer werdenden Luftangriffe auf deutsche Städte und Industrieunternehmen Rüstungsfertigungen unter Tage verlagert wurden, mussten KZ-Kommandos unter häufig mörderischen Bedingungen und ohne ausreichende Werkzeuge die Schachtarbeiten übernehmen. Im Harz wurden seit 1943 in Höhlen und Stollen unter anderem Produktionsstätten für die „Vergeltungswaffe 2“ (V 2) errichtet. Hier leisteten so viele Häftlinge Zwangsarbeit, dass die SS ein neues KZ aufbaute: Mittelbau-Dora. Die Bauarbeiten bei den Untertage-Verlagerungen überwachte der Leiter des SS-Bauwesens im WVHA, der promovierte Ingenieur und SS-Obergruppenführer Hans Kammler. Seine leitenden Mitarbeiter rekrutierte er vornehmlich aus dem Luftwaffen-Bauwesen, dem er selbst angehört hatte. Die rücksichtslose Beschäftigung von KZ-Häftlingen verschaffte Kammler im zusammenbrechenden Reich weitgehenden Einfluss. Zuletzt befehligte er sogar den Abschuss der V-2-Rakete.
Durch den Vormarsch alliierter Truppen wurden seit 1944 auch KZ-Standorte befreit. Vorher hatte die Lager-SS allerdings alle irgendwie marschfähigen Gefangenen evakuiert. […] Während der „Todesmärsche“ starben so noch Hunderttausende KZ-Insassen.

Jan Erik Schulte, „KZ-System als Wirtschaftsfaktor“, in:
Damals – Das Magazin für Geschichte, Nr. 2/2012: Die SS. Macht des Schreckens, S. 23 ff.

Zwangsarbeit

Ohne den Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern wäre die deutsche Rüstungswirtschaft nicht in der Lage gewesen, den Krieg bis 1945 fortzusetzen. Die Wehrmacht war gezwungen, die männlichen Jahrgänge stark zu mustern, um Soldaten zu gewinnen, und konnte nur einer Minderheit erlauben, als Industriearbeiter in kriegswichtigen Betrieben für den Wehrdienst unabkömmlich zu sein. Wer Soldat wurde, fehlte in der Wirtschaft, deren Produktionskapazität wiederum entscheidend zum Krieg beitrug. Zur vollen Mobilisierung von Frauen für die Produktion mochte sich die NS-Führung aus ideologischen Gründen nicht entschließen. Daher versuchte das Regime mit aller Kraft, aus den besetzten Gebieten Arbeitskräfte zu bekommen – aus freien Stücken oder mit Gewalt.

Aus Polen wurden gleich 1939 Arbeitskräfte geworben, die zunächst noch freiwillig nach Deutschland kamen, ganz in der Tradition der Saisonarbeit. Als aber bekannt wurde, welchen Verhältnissen die polnischen Arbeiter im Reich ausgesetzt waren, versiegte der freiwillige Zustrom rasch, und die deutschen Behörden setzten allein auf Zwang und Gewalt. Im April 1940 ordnete die Besatzungsverwaltung des Generalgouvernements die Arbeitspflicht in Deutschland für alle Jahrgänge zwischen 1915 und 1925 an. Rund 700 000 Polen arbeiteten im Frühjahr 1940 in Deutschland, vornehmlich auf dem Land. Zu dieser Zeit kamen britische und vor allem französische Kriegsgefangene hinzu: Ende des Jahres arbeiteten rund 1,2 Millionen Kriegsgefangene ebenfalls überwiegend in der Landwirtschaft, aber auch im Baugewerbe. Damit waren zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Prozent aller im Reich beschäftigten Arbeitskräfte Ausländer. Zusätzlich bemühten sich die deutschen Arbeitsämter, im westeuropäischen Ausland, in Holland, Belgien, Frankreich und Italien, Arbeiter anzuwerben. Formal waren diese Zivilarbeiter den Deutschen gleichgestellt, in der Praxis sah dies jedoch anders aus. Die deutschen Versprechungen erwiesen sich als falsch, und die hohen Erwartungen, mit denen diese ausländischen Arbeiter ins Reich kamen, wurden vielfach enttäuscht.

Das Arbeitskräfteproblem verschärfte sich immens, als Ende 1941 deutlich wurde, dass der "Blitzkrieg“ gegen die Sowjetunion gescheitert war und man sich auf einen langen Krieg würde einrichten müssen. Damit zerstob die Illusion, die deutschen Soldaten rasch wieder in die Produktion zurückbringen zu können. Stattdessen wurden dringend große Mengen von Arbeitern gebraucht, und die NS-Führung sah sich genötigt, eine Kehrtwendung zu vollziehen. Nachdem sie zuvor bewusst den Tod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener geplant und herbeigeführt hatte, galt es nunmehr, wie es in einer Weisung des OKW vom 31. Oktober 1941 hieß, "die Arbeitskraft der russischen Kriegsgefangenen durch ihren Großeinsatz für die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft weitgehend auszunutzen“. Im März 1942 ernannte Hitler den thüringischen Gauleiter Fritz Sauckel zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz. Für die meisten der sowjetischen Kriegsgefangenen kam die Umorientierung der NS-Führung jedoch zu spät.

Von nun an versuchten die deutschen Behörden in den sowjetischen Gebieten, Polizei und Wehrmacht, mit Versprechungen, administrativem Druck und nicht zuletzt durch gewaltsame Zwangsaushebungen, die sich zu regelrechten Menschenjagden entwickeln konnten, Arbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft zu rekrutieren. Ende 1942 arbeiteten etwa 4,6 Millionen Ausländer im Deutschen Reich, im September 1944 waren es 5,9 Millionen, darunter knapp zwei Millionen Frauen. Russen stellten mit über 2,1 Millionen den größten Anteil dar. Damit war etwa jeder zweite Beschäftigte in der Landwirtschaft ein Ausländer, darunter vor allem Polen, aber auch Russen und Franzosen. Im Bergbau sowie im Metall- und Baubereich stellten die ausländischen Arbeiter ein Drittel; insgesamt betrug ihr Anteil mehr als 26 Prozent.

QuellentextAls 16-jähriger wurde Stanislaw Masny verhaftet und zur Zwangsarbeit deportiert. Er schrieb im Jahr 2005 seine Erinnerungen an das Jahr 1944 nieder.

„Das Pech wollte es, dass ich an dem für mich tragischen Freitag, dem 19. Mai 1944, […] in den Paderewski-Park fuhr, um mich ein bisschen vom alltäglichen Tumult zu erholen. Ich setzte mich gemütlich auf eine hinter Büschen versteckte Bank […]. Nach knapp zwanzig Minuten hörte ich Schüsse und Gebrüll in deutscher Sprache. Schnell wurde mein verborgener Platz in den Büschen entdeckt, und mit Tritten und Schlägen mit dem Gewehrkolben trieb man mich zum Tor auf der Seite des Rondo Waszyngtona. Dort teilten die Gendarmen die Leute ein. Unter den Zusammengetriebenen sah ich einen Kameraden aus der Berufsschule. Wir hatten die gleichen Dokumente: Kennkarten, Schulbescheinigungen und Bescheinigungen, dass wir ein Berufspraktikum in der deutschen Fabrik ‚Brunnwerke‘ absolvieren. Wir machten aus, dass, falls einer von uns freigelassen wird, er die Eltern des anderen informiert. Und so kam es. Ihn schickten sie zu der Gruppe, die freigelassen wurde, und mich luden sie zusammen mit den anderen Festgehaltenen auf Lastwagen und brachten uns in die Skaryszewska-Straße. […] Die Skaryszewska-Straße war allen Warschauern bekannt, weil die Deutschen in einem Gebäude, das vor dem Krieg eine Schule gewesen war, einen Sammelpunkt organisierten. Hier wurde die Abfahrt der Transporte zur Zwangsarbeit nach Deutschland organisiert. […] Am Dienstag, dem 23. Mai, lud man uns auf Autos und brachte uns zum Ostbahnhof.“
Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“, Warschau

Im Reich unterstanden diese Arbeiter einem drakonischen Zwangsregiment, und das Reichssicherheitshauptamt war sehr bestrebt, von der Justiz die Strafgewalt über die ausländischen Arbeiter zu erhalten. Im September 1942 traf Himmler mit dem neu ernannten Justizminister Otto Georg Thierack zusammen, um das Verhältnis zwischen SS und Justiz neu zu bestimmen. Beide kamen rasch überein, dass "nicht genügende Justizurteile durch polizeiliche Sonderbehandlung [...] korrigiert“ werden sollten. Außerdem sollten sämtliche "asozialen Elemente“ – wörtlich wurden genannt: "Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer, Polen über 3 Jahren Strafe, Tschechen oder Deutsche über 8 Jahren Strafe“ – an die SS zwecks "Vernichtung durch Arbeit“ übergeben werden. Am 5. November 1942 teilte das RSHA in einem Runderlass mit, dass "die Justiz auf die Durchführung ordentlicher Strafverfahren gegen Polen und Angehörige der Ostvölker verzichtet“ habe und diese "fremdvölkischen Personen“ ebenso wie "Juden und Zigeuner“ zukünftig an die Polizei abgeben würden – eine Vereinbarung, die von Hitler selbst gebilligt worden sei. Mit der Begründung, diese ausländischen Arbeiter seien "fremdvölkische und rassisch minderwertige Menschen“, von denen "für die deutsche Volksordnung erhebliche Gefahrenmomente“ ausgingen und deren Taten "nicht unter dem Gesichtswinkel der justizmäßigen Sühne, sondern unter dem Gesichtswinkel der polizeilichen Gefahrenabwehr“ zu betrachten seien, wurden Millionen von Menschen der Möglichkeit beraubt, sich vor einem Gericht gegen Beschuldigungen zu wehren, und sie waren wehrlos der Willkür der Polizei ausgeliefert. "Arbeitsbummelei“ – so nannten die deutschen Behörden mangelnde Arbeitsleistung von Ausländern – stellte das weitaus am meisten verbreitete Delikt dar und wurde mit einer ganzen Bandbreite von Strafen, von der Rationskürzung über Arrest, Prügel bis zur Einweisung in ein "Arbeitserziehungs-" oder gar Konzentrationslager, geahndet. In den späteren Kriegsjahren hatte die Gestapo überwiegend mit der Verfolgung und Bestrafung von ausländischen Arbeitern zu tun. Die Lebensbedingungen waren vor allem für die "Ostarbeiter“ katastrophal. Sie wurden wie Arbeitssklaven gehalten, zu Anfang in stacheldrahtumzäunten Lagern, die oftmals nicht mehr als notdürftige Hütten oder gar Erdlöcher darstellten. Zwar wurden Stacheldraht und Bewachung 1942 wieder abgeschafft, weil die Betriebe und die Behörden damit überfordert waren, eine reale Fluchtchance besaßen die Zwangsarbeiter aber ohnehin nicht. Zu essen gab es dünne Suppen, sogenanntes Russenbrot aus Roggenschrot, Zuckerrübenschnitzeln, Zellmehl und Laub, Kartoffeln und Kohlrüben. Die Kleidung war zerschlissen und im Winter viel zu dünn; von einer ärztlichen Versorgung konnte nicht die Rede sein – und das alles bei vielen Stunden schwerer Arbeit am Tag. Erst als auch die NS-Führung an dem logischen Zusammenhang von ausreichender Ernährung und Arbeitsleistung nicht mehr vorbeikam, wurden ab Mitte 1944 die Rationen erhöht.

Tauschgeschäfte und Schwarzhandel waren für die Zwangsarbeiter überlebenswichtig, und es gab trotz zahlreicher Erlasse zum "verbotenen Umgang“ eine Vielzahl von Kontakten mit deutschen Arbeitern im Betrieb, um Lebensmittel, Kleidungsstücke oder sonstige Dinge zu erlangen. Wie verbreitet diese Alltagsbeziehungen waren, zeigt die Tatsache, dass nahezu drei Viertel aller politischen Urteile in den Jahren 1940/41 den "verbotenen Umgang mit Ausländern und Kriegsgefangenen“ betrafen. Oftmals verhängten die Gerichte hohe Strafen für Bagatellvorfälle. Im Frühjahr 1942 wurde zum Beispiel ein Arbeiter bei Krupp von einem Kollegen denunziert: Er habe einem französischen Kriegsgefangenen zweimal seine Tabaksdose gereicht, damit der sich eine Zigarette drehen könne. Dafür wurde er zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Besonders hart wurden sexuelle Beziehungen geahndet. Die ausländischen Arbeiter wurden in der Regel mit dem Tod bestraft und zur Abschreckung vor den Augen der übrigen Arbeiter in den Lagern gehängt; die Frauen wurden unter dem Vorwurf, die "deutsche Ehre besudelt“ zu haben, beschimpft und misshandelt, öffentlich gedemütigt und in ein Konzentrationslager gebracht.

Kriegsende

Der Krieg war durch den japanischen Angriff auf die amerikanische Marinebasis Pearl Harbor auf Hawaii am 7. Dezember 1941, dem vier Tage später die Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens an die USA folgten, zum Weltkrieg geworden. Der Rüstungsproduktion Deutschlands und der mit ihm verbündeten Mächte stand zu diesem Zeitpunkt auf Seiten der Alliierten bereits die doppelte kriegswirtschaftliche Kapazität gegenüber. Und das ökonomische Potenzial der USA war damit noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Die deutsche Führung versuchte intensiv, durch Mobilisierung aller Kräfte, den Abstand zu verringern. Als am 8. Februar 1942 der bisherige Minister für Bewaffnung und Munition, Fritz Todt, bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, ernannte Hitler Albert Speer zu dessen Nachfolger. Speer führte die von Todt begonnene Rationalisierung der Rüstungsproduktion weiter, setzte eine "Zentrale Planung“ ein, die Rohstoffe und Transportkapazitäten verteilte, überwand die verschiedenen rivalisierenden Instanzen und erzielte noch einmal beachtliche Produktionszahlen, die dennoch nie an die amerikanischen heranreichen konnten. Die Kehrseite des Erfolgs bestand in der rücksichtslosen, mörderischen Ausbeutung von KZ-Häftlingen als Arbeitskräfte.

Der Versuch, 1942 im Osten wieder die militärische Initiative zu ergreifen und die südrussischen Ölfelder zu erobern, endete mit der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad. Deren Kapitulation im Januar 1943 bedeutete nicht die militärische Wende des Krieges – schon nach dem Scheitern des "Blitzkrieges“ vor Moskau im Dezember 1941 war ein Sieg nicht mehr zu erringen gewesen –, aber die dramatischen Umstände dieser Niederlage hinterließen in Deutschland den tiefen Eindruck, dass der Krieg nun unwiederbringlich verloren sei. "Stalingrad“ bildete die deutliche Zäsur im Bewusstsein der Deutschen; von nun an ging es nicht mehr dem Sieg als vielmehr dem Ende entgegen. Es war kennzeichnend, dass von Hitler nach der Niederlage kein einziges öffentliches Wort zu hören war und Göring sich durch eine fade Durchhalte-Rede öffentlich eher blamierte. Goebbels musste alle seine Künste aufbringen, um mit seiner Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar noch einmal die Emotionen im Land aufzuputschen. Letztere verglühten aber, wie die SD-Berichte meldeten, rasch wieder. Der Höhepunkt der Loyalität war überschritten, die Niederlage vor Stalingrad, vor allem aber die Bombardierungen der Städte hatten die Verwundbarkeit des NS-Regimes gezeigt, dessen Nimbus des ewigen Erfolgs nun zerbrach.

QuellentextTagebuchauszug der Journalistin Ursula von Kardorff vom 25. Januar 1943:

„Groteskes Leben: Abgründe der Trauer, und dann wieder stundenweise so, als gäbe es ein friedliches Dasein, in dem unsere Bequemlichkeit wichtig ist. Zugleich vollzieht sich in Stalingrad etwas Unbeschreibliches. Radio und Zeitung tun das Ihre mit einem Trommelfeuer der Stalingrader Leiden. Eine Tragödie, die bereits wieder als Propaganda frisiert wird. Schließung aller Bars und Luxusläden, dazu Frauendienstverpflichtung als Gesetz. Sie sollen genauso eingezogen werden wie die Männer. Das wird die Stalingrader Strategie auch nicht wieder gutmachen. Es ist grotesk. In der Redaktion allgemeine Hysterie, weil dauernd andere Befehle aus dem Promi [Propagandaministerium] kommen. Alle blaß, nervös, mager und verzweifelt.“

Walter Kempowski, Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943, Band II. Albrecht Knaus Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH München 1993

Im November 1942 waren amerikanische und britische Truppen in Nordafrika gelandet, im Mai 1943 musste die Heeresgruppe Afrika nach schweren Niederlagen kapitulieren, am 10. Juli landeten amerikanische und britische Truppen auf Sizilien, was zum Sturz des "Duce“ Benito Mussolini wenige Tage später führte. König Viktor Emanuel ließ ihn am 25. Juli verhaften und ernannte Marschall Pietro Badoglio zum Ministerpräsidenten. Am 8. September 1943 vereinbarte Italien mit den Westalliierten einen Waffenstillstand. Die deutsche Seite reagierte mit der Besetzung Mittel- und Oberitaliens einschließlich Roms. Nach der spektakulären Befreiung Mussolinis durch ein deutsches Kommandounternehmen wurde im Norden Italiens eine faschistische Marionettenregierung, die Repubblica Sociale Italiana (R.S.I.), gegründet. Unter tatkräftiger Mithilfe der R.S.I.-Milizen wurden, in Rom unter den Augen des Vatikans, die bisher verschont gebliebenen italienischen Juden nach Auschwitz deportiert. Die italienische Armee wurde entwaffnet, über 600 000 italienische Soldaten nach Deutschland als Zwangsarbeiter verschleppt.

Gegen die erstarkende Partisanenbewegung in Italien ging die deutsche Besatzungsmacht mit großer Brutalität vor. Als "Vergeltung“ für Angriffe auf deutsche Soldaten verübten Wehrmachtseinheiten wie SS- bzw. SD-Kommandos Massaker unter italienischen Zivilisten. Doch auch der Terror gegen die Zivilbevölkerung konnte den Sieg der Alliierten nicht aufhalten. Im Laufe des Jahres 1944 wurden Rom und Florenz befreit, Ende April 1945 kapitulierten die in Italien stationierten deutschen Wehrmachtsverbände vor den Alliierten.

Im Westen veränderte die Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 die militärische Lage entscheidend. Der Vormarsch der überlegenen amerikanischen und britischen Truppen war nicht zu stoppen. Der Versuch einer Offiziersgruppe um Claus Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944, mit einem Attentat auf Hitler den Krieg zu beenden, scheiterte. Die ausgeklügelte "Operation Walküre“, die versuchte, einen Notfallplan, demzufolge die Wehrmacht nach einem Anschlag auf die Führung des Landes die Macht übernehmen sollte, in einen Staatsstreich umzukehren, wäre womöglich geglückt, wenn das Attentat erfolgreich gewesen und Hitler umgekommen wäre. In Paris setzten Wehrmachtseinheiten die dortige SS-Führung für mehrere Stunden fest. Während Stauffenberg aus Ostpreußen nach Berlin flog, um die Kommandogewalt dort zu übernehmen, verloren die Verschwörer in der Zentrale im Reichskriegsministerium viel Zeit. NS-loyale Militäreinheiten übernahmen im Laufe des Abends wieder die Gewalt in der Reichshauptstadt; die Offiziere um Stauffenberg wurden noch in der Nacht im Hof des Bendler-Blocks erschossen. In der nachfolgenden Verhaftungs- und Verfolgungswelle ging die NS-Führung mit aller Rachsucht gegen die Verschwörer und deren Familien vor. Wäre das Attentat geglückt, hätten durch eine Kapitulation Deutschlands zu diesem Zeitpunkt Millionen von Menschenleben gerettet werden können. Auf deutscher Seite starben in den folgenden Kriegsmonaten noch einmal etwa 2,4 Millionen Soldaten, nahezu die Hälfte aller im ganzen Krieg Gefallenen.

An der Ostfront ging die sowjetische Armee im Sommer 1944 zur Offensive über, die zum Zusammenbruch der gesamten Heeresgruppe Mitte führte. Allein in den Monaten Juni bis August 1944 fielen in den Rückzugskämpfen im Westen wie im Osten über 746 000 deutsche Soldaten. Im Herbst rechtfertigte Himmler, der nach dem Juli-Attentat 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt worden war, die Einberufung des Jahrgangs 1928, das heißt von Sechzehnjährigen, mit den Worten: "Es ist besser, es stirbt ein junger Jahrgang, und das Volk wird gerettet, als dass ich den jungen Jahrgang schone und ein ganzes 80-90 Millionenvolk stirbt aus.“

Im Januar 1945 überschritt die Rote Armee die deutsche Reichsgrenze und setzte mit sechs Millionen Soldaten zum Angriff an, dem die deutsche Wehrmacht mit zwei Millionen Soldaten mit ungenügender Ausbildung, unzureichender Ausrüstung und keinerlei Reserven kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Am 31. Januar erreichten die Verbände unter Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow Küstrin an der Oder, während zum gleichen Zeitpunkt sowjetische Truppen Oberschlesien besetzten. Wenige Tage zuvor, am 27. Januar, waren die überlebenden Häftlinge in Auschwitz von der Roten Armee befreit worden.

Millionen von Menschen flüchteten vor den herannahenden sowjetischen Truppen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Nicht bloß die nationalsozialistische Propaganda, die ein Schreckensszenario von den Grausamkeiten des bolschewistischen Feindes gezeichnet hatte, war Auslöser für den heillosen Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Auch die entfesselte Soldateska selbst, die Erschießungen, Massenvergewaltigungen, Plünderungen und Deportationen zur Zwangsarbeit lösten panikartige Fluchten aus. Die Brutalität des Vernichtungskrieges, den die Deutschen geführt hatten, schlug jetzt auf Deutschland zurück.

Die Flüchtenden waren weitgehend auf sich allein gestellt, weil die nationalsozialistischen Funktionäre im Osten Deutschlands zwar bis zum Schluss Durchhalteparolen ausgaben, aber keinerlei Evakuierungsmaßnahmen vorbereiteten und, als die Rote Armee herannahte, die ihnen anvertraute Zivilbevölkerung im Stich ließen. Zudem hatte das Militär Vorrang. "Die Trecks müssen von den Straßen herunter“, hieß es in den Wehrmachtsbefehlen, und noch Ende Januar hatten Hitler und der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dönitz vereinbart, dass Flüchtlingstransporte über die Ostsee nur durchzuführen seien, wenn das Heranbringen von deutschen Truppen dadurch nicht behindert werde. Dass dennoch etwa 900 000 Flüchtlinge und 350 000 verwundete deutsche Soldaten im Frühjahr 1945 mit Schiffen in Sicherheit gebracht werden konnten, ist vor allem den Marineoffizieren vor Ort zu verdanken.

Das Vorrücken der Roten Armee bewirkte auch, dass die SS die Konzentrationslager im Osten auflöste und die Gefangenen in entsetzlichen Fußmärschen in die westlicher gelegenen Lager brachte. Hunderttausende waren unterwegs durch das vom Krieg gezeichnete Deutschland; allein aus dem KZ Auschwitz wurden Mitte Januar etwa 67 000 Menschen in Marsch gesetzt. Diese "Todesmärsche“ erfolgten bei Eis und Schnee, ohne ausreichende Verpflegung, oftmals ohne Pause und führten in aller Öffentlichkeit durch die Ortschaften.

Zehntausende, die nicht mithalten konnten, wurden von den SS-Wachmannschaften erschossen oder starben unterwegs an Erschöpfung. Aber auch deutsche Zivilisten beteiligten sich an den Gewalttaten. Als ein Trupp mit etwa 3000 überwiegend jüdischen Frauen aus dem KZ Stutthof bei Danzig – 2000 Menschen waren schon in den Tagen zuvor auf dem Weg getötet worden – Ende Januar den kleinen ostpreußischen Ort Palmnicken an der Ostsee erreichte, verhinderte ein beherzter Ortskommandant zunächst, dass die Frauen unmittelbar in einen Bergwerksstollen gejagt und dort bei lebendigem Leib eingemauert wurden. Stattdessen aber trieben die Männer des SS-Begleitkommandos, Gestapoangehörige und örtliche Nationalsozialisten, darunter etliche HJ-Jugendliche, die erschöpften Frauen in die eisige Ostsee, erschlugen oder erschossen sie. Nur 14 Frauen und zwei Männer überlebten das Massaker am Bernsteinstrand. Über die Gesamtzahl der bei den "Todesmärschen“ Ermordeten liegen nur Schätzungen vor, die zwischen 200 000 bis 350 000 der gegen Kriegsende noch inhaftierten über 700 000 KZ-Häftlinge schwanken.

Das nationalsozialistische Herrschaftssystem löste sich zunehmend auf. Die zentralen Behörden und Ministerien in Berlin waren entweder evakuiert oder besaßen nur noch eingeschränkten Kontakt zu den regionalen Dienststellen. Im Reich errichteten die örtlichen Gestapostellen ein Schreckensregiment und führten Massenerschießungen von Gefangenen durch. Mobile Standgerichte fällten reihenweise Todesurteile gegen Menschen, die, um ihre Stadt, ihre Gemeinde vor der Zerstörung zu retten, den sinnlosen Kampf beenden wollten. Während noch ein "Volkssturm“ aus alten Männern und Jugendlichen für eine völlig aussichtslose Verteidigung aufgeboten wurde, ließen die NS-Verantwortlichen ihre Stellungen im Stich und versuchten, mit ihrem geraubten Hab und Gut zu flüchten.

Am 11. April 1945 erreichten amerikanisch-britische Truppen die Elbe, am 18. eroberten sie Magdeburg, einen Tag später Leipzig, am 20. April wurde Nürnberg eingenommen, zwei Tage danach marschierten französische Truppen in Stuttgart ein. Am 16. April hatte der sowjetische Großangriff auf Berlin begonnen, am 25. April schloss sich der Ring um die Hauptstadt, am selben Tag trafen amerikanische und sowjetische Truppen bei Torgau an der Elbe zusammen. Die meisten Spitzen des NS-Regimes wie Göring, Speer oder Ribbentrop hatten bereits am Abend von Hitlers 56. Geburtstag am 20. April Berlin verlassen. Zehn Tage später nahm sich Hitler in seinem unterirdischen Bunker unter der von Speer erbauten pompösen Reichskanzlei, die die Größe der NS-Herrschaft zeigen sollte, das Leben. Ebenso tötete das Ehepaar Goebbels erst die eigenen sechs Kinder und dann sich selbst.

Am 2. Mai 1945 kapitulierte Berlin, fünf Tage später unterschrieb Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier General Dwight D. Eisenhowers in Reims die Gesamtkapitulation der Wehrmacht; tags darauf, am 8. Mai, wiederholten Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und andere Generäle im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst den Kapitulationsakt. Die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, die Millionen Menschen in Europa den Tod gebracht hatte, war zu Ende.

QuellentextRede von Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943

[...] „Das im Nationalsozialismus erzogene, geschulte und disziplinierte deutsche Volk kann die volle Wahrheit vertragen.
[...] Das große Heldenopfer, das unsere Soldaten in Stalingrad brachten, ist für die ganze Ostfront von einer ausschlaggebenden geschichtlichen Bedeutung gewesen.
[...] Hier ist eine Bedrohung des Reiches und des europäischen Kontinents gegeben, die alle bisherigen Gefahren des Abendlandes weit in den Schatten stellt. Würden wir in diesem Kampf versagen, so verspielten wir damit überhaupt unsere geschichtliche Mission. Alles, was wir bisher aufgebaut und geleistet haben, verblaßt angesichts der gigantischen Aufgabe, die hier der deutschen Wehrmacht unmittelbar und dem deutschen Volke mittelbar gestellt ist.
Ich wende mich in meinen Ausführungen zuerst an die Weltöffentlichkeit und proklamiere ihr gegenüber drei Thesen unseres Kampfes gegen die bolschewistische Gefahr im Osten. Die erste dieser Thesen lautet: Wäre die deutsche Wehrmacht nicht in der Lage, die Gefahr aus dem Osten zu brechen, so wäre damit das Reich und in kurzer Folge ganz Europa dem Bolschewismus verfallen.
Die zweite dieser Thesen lautet: Die deutsche Wehrmacht und das deutsche Volk allein besitzen mit ihren Verbündeten die Kraft, eine grundlegende Rettung Europas aus dieser Bedrohung durchzuführen.
Die dritte dieser Thesen lautet: Gefahr ist im Verzuge. Es muß schnell und gründlich gehandelt werden, sonst ist es zu spät. [...]
Ich habe heute zu dieser Versammlung nun einen Ausschnitt des deutschen Volkes im besten Sinne des Wortes eingeladen. Vor mir sitzen reihenweise deutsche Verwundete von der Ostfront, Bein- und Armamputierte, mit zerschossenen Gliedern, Kriegsblinde, die mit ihren Rote-Kreuz-Schwestern gekommen sind, Männer in der Blüte ihrer Jahre, die vor sich ihre Krücken stehen haben. Dazwischen zähle ich an die fünfzig Träger des Eichenlaubes und des Ritterkreuzes, eine glänzende Abordnung unserer kämpfenden Front. Hinter ihnen erhebt sich ein Block von Rüstungsarbeitern und -arbeiterinnen aus den Berliner Panzerwerken. Wieder hinter ihnen sitzen Männer aus der Parteiorganisation, Soldaten aus der kämpfenden Wehrmacht, Ärzte, Wissenschaftler, Künstler, Ingenieure und Architekten, Lehrer, Beamte und Angestellte aus den Ämtern und Büros, eine stolze Vertreterschaft unseres geistigen Lebens in all seinen Schichtungen, dem das Reich gerade jetzt im Kriege Wunder der Erfindung und des menschlichen Genies verdankt. Über das ganze Rund des Sportpalastes verteilt sehe ich Tausende von deutschen Frauen. Die Jugend ist hier vertreten und das Greisenalter. Kein Stand, kein Beruf und kein Lebensjahr blieb bei der Einladung unberücksichtigt. Ich kann also mit Fug und Recht sagen: Was hier vor mir sitzt, ist ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volk an der Front und in der Heimat. Stimmt das? Ja oder nein!
Ihr also, meine Zuhörer, repräsentiert in diesem Augenblick die Nation. Und an euch möchte ich zehn Fragen richten, die ihr mir mit dem deutschen Volke vor der ganzen Welt, insbesondere aber vor unseren Feinden, die uns auch an ihrem Rundfunk zuhören, beantworten sollt:
[...] Ich frage euch: Glaubt ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen Sieg des deutschen Volkes? Ich frage euch: Seid ihr entschlossen, mit dem Führer in der Erkämpfung des Sieges durch dick und dünn und unter Aufnahme auch schwerster persönlicher Belastungen zu folgen?
Zweitens: [...] Ich frage euch: Seid ihr bereit, mit dem Führer als Phalanx der Heimat hinter der kämpfenden Wehrmacht stehend, diesen Kampf mit wilder Entschlossenheit und unbeirrt durch alle Schicksalsfügungen fortzusetzen, bis der Sieg in unseren Händen ist?
Drittens: [...] Ich frage euch: Seid ihr und ist das deutsche Volk entschlossen, wenn der Führer es befiehlt, zehn, zwölf und – wenn nötig – vierzehn und sechzehn Stunden täglich zu arbeiten und das Letzte herzugeben für den Sieg?
Viertens: [...] Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?
Fünftens: [...] Ich frage euch: Ist euer Vertrauen zum Führer heute größer, gläubiger und unerschütterlicher denn je? Ist eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, was nötig ist, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute und uneingeschränkte?
Ich frage euch als sechstens: Seid ihr bereit, von nun ab eure ganze Kraft einzusetzen und der Ostfront die Menschen und Waffen zur Verfügung zu stellen, die sie braucht, um dem Bolschewismus den tödlichen Schlag zu versetzen?
Ich frage euch siebtens: Gelobt ihr mit heiligem Eid der Front, daß die Heimat mit starker Moral hinter ihr steht und ihr alles geben wird, was sie nötig hat, um den Sieg zu erkämpfen?
Ich frage euch achtens: Wollt ihr, insbesondere ihr Frauen selbst, daß die Regierung dafür sorgt, daß auch die deutsche Frau ihre ganze Kraft der Kriegsführung zur Verfügung stellt, und überall da, wo es nur möglich ist, einspringt, um Männer für die Front frei zu machen und damit ihren Männern an der Front zu helfen?
Ich frage euch neuntens: Billigt ihr, wenn nötig, die radikalsten Maßnahmen gegen einen kleinen Kreis von Drückebergern und Schiebern, die mitten im Kriege Frieden spielen und die Not des Volkes zu eigensüchtigen Zwecken ausnutzen wollen? Seid ihr damit einverstanden, daß, wer sich am Krieg vergeht, den Kopf verliert?
Ich frage euch zehntens und zuletzt: Wollt ihr, daß, wie das nationalsozialistische Programm es gebietet, gerade im Krieg gleiche Rechte und gleiche Pflichten vorherrschen, daß die Heimat die schwersten Belastungen des Krieges solidarisch auf ihre Schultern nimmt und daß sie für hoch und niedrig und arm und reich in gleicher Weise verteilt werden?
Ich habe euch gefragt; ihr habt mir eure Antworten gegeben. Ihr seid ein Stück Volk, durch euren Mund hat sich damit die Stellungnahme des deutschen Volkes manifestiert. Ihr habt unseren Feinden das zugerufen, was sie wissen müssen, damit sie sich keinen Illusionen und falschen Vorstellungen hingeben. [...]
Der Führer hat befohlen, wir werden ihm folgen. Wenn wir je treu und unverbrüchlich an den Sieg geglaubt haben, dann in dieser Stunde der nationalen Besinnung und der inneren Aufrichtung. Wir sehen ihn greifbar nahe vor uns liegen; wir müssen nur zufassen. Wir müssen nur die Entschlußkraft aufbringen, alles andere seinem Dienst unterzuordnen. Das ist das Gebot der Stunde. Und darum lautet die Parole: Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los!“

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/sportpalastrede/index.html (zuletzt abgerufen: 30.10.12)

QuellentextBefehlsverweigerung in Italien

[...] Bis Sommer 1943 waren Adolf Hitler und Italiens Diktator Benito Mussolini Verbündete.
[...] Nachdem im Juli die Alliierten auf Sizilien gelandet waren und langsam gen Norden vorrückten, bildete die Wehrmacht mit vier Armeekorps eine neue Front quer durch Süditalien. Jedem Korps wurde eine Pionierkompanie zugeteilt. [Martin] Graßnick wurde zum Chef der neuen „Pionierkompanie z. B. V. 4“ auf der Adriaseite ernannt und nach Pescara beordert, wo zwei weitere Züge seine Kompanie vervollständigten.
Gegen die deutsche Besatzung bildete sich eine immer stärker werdende Widerstandsbewegung. Die Deutschen antworteten mit Strafaktionen gegen die Bevölkerung. Während der zwanzigmonatigen Besatzungszeit starben rund 10 000 Männer, Frauen, Kinder. Ganze Ortschaften wurden abgebrannt und zerstört. An die 600 000 entwaffnete Soldaten und Männer im arbeitsfähigen Alter verschleppte man zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Viele kamen dabei in konzentrationslagerähnlichen Lagern ums Leben. [...]
Der Kompaniechef richtete sein Hauptquartier in einem leerstehenden, heruntergekommenen Adelspalast in San Filomena bei Pescara ein. Italien galt nun als besetztes Feindesland, nachdem die aus Rom geflohene Badoglio-Regierung Deutschland den Krieg erklärt hatte. Bei ersten Kämpfen, als die Engländer in Termoli landen, musste die Kompanie Graßnick starke Verluste hinnehmen. Hilfskräfte wurden gebraucht. Pescara und die Orte an der Küste waren wegen der Kämpfe an der Gustav-Linie, einem quer über die Halbinsel führenden Sperrriegel der Wehrmacht, von den meisten Einwohnern verlassen worden. Es kamen jedoch Flüchtlinge aus südlich gelegenen Gebieten, wo in den Wochen zuvor der Krieg getobt hatte.
Leutnant Graßnick half diesen völlig mittellosen und verzweifelten Leuten und den wenigen zurückgebliebenen Einwohnern der Stadt, so gut er konnte. Er suchte vor allem Handwerker, Schlosser, Schuster und Küchenpersonal. Dann siedelte er sie mit ihren Familien in verlassenen Häusern rund um den Palazzo von San Filomena an, verpflegte sie und setzte die Männer zur Arbeit ein. Oft ging es nur um kleine Dinge, die aber wichtig waren. Als die nahe Eisenbahnstrecke nach Chieti demontiert werden sollte, verhandelte er mit dem Bürgermeister des Ortes. Wenn der die Arbeitskräfte stellen würde, könnten die Männer als Lohn die Holzschwellen behalten, Oberleitungen und Schienen müssten die Pioniere verladen und ans Korps abgeben. Es klappte, die Männer kamen in Scharen, fehlte ihnen und ihren Familien doch dringend Brennmaterial für ihre Öfen.
Wie aus heiterem Himmel, im Frühjahr 1944, tauchten Leute der Organisation Todt auf, zuständig für den Bau von Rüstungsstätten und militärischen Anlagen. Leutnant Graßnick sollte einen Trupp männlicher Arbeitskräfte unter „seinen“ Italienern zusammenstellen und der Organisation zum Einsatz in Deutschland übergeben. Der Kompaniechef weigerte sich mit dem Hinweis auf die „kriegsnotwendige Bedeutung“ seiner Hilfskräfte, ohne die er seine Soldaten angeblich nicht an der Front einsetzen könne. Die Todt-Leute zogen sich erst einmal zurück. Es kann als sicher gelten, dass der Deutsche auf diese Weise vielen Italienern das Leben gerettet hat – angesichts der Zehntausenden Todesopfer unter den nach Deutschland verschleppten Arbeitskräften. Seine Weigerung blieb ohne Folgen.
Denn kurz darauf erhielt er per Funkspruch einen Marschbefehl Richtung Mittelitalien nach Perugia. Die Pionierzüge sollten zu ihren Stammeinheiten nach Russland zurückkehren. [...] Doch was würde aus den italienischen Familien werden, die er um sein Hauptquartier angesiedelt hatte? Um ihnen zu helfen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich rechtzeitig abzusetzen, spielte er erst einmal auf Zeit. „Ich sprach mit ihnen und ließ sie auf unseren Lastwagen mit all ihrem Hausrat dorthin bringen, wohin sie wollten. Meist in die Berge oder zu Verwandten.“
Dann kam ein zweiter, mahnender Funkspruch. Auch den unterschlug er. „Wir waren fast abmarschbereit, hatten die Italiener – ein wenig unter Tränen – nach Wunsch versorgt, als ein Gendarmeriefeldwebel auf seinem Motorrad erschien.“ Der polterte los, wieso die Kompanie noch nicht verladen habe? „Uns dumm stellend beteuerte ich, keinen Funkspruch erhalten zu haben. Doch am nächsten Tag, so versicherte ich dem Feldwebel, könnten wir verladen.“
[...] [I]m Oktober 1984] wurde Prof. Dr. Ing. Martin Graßnick im Auftrag von Staatspräsident Sandro Pertini [...] mit dem Grad eines Cavaliere Ufficiale des Verdienstordens der Republik Italien ausgezeichnet. [...]
Er ist der einzige deutsche Soldat der Wehrmacht, der vom demokratischen Nachkriegsitalien geehrt wurde – unter einem Staatspräsidenten, der zur Zeit der deutschen Besatzung ein führender Kopf der Widerstandsbewegung war. [...] Die Zivilcourage und der Anstand eines einzelnen Leutnants können nicht die Schuld vergessen machen, die sich Teile der Wehrmacht und der Waffen-SS bei Übergriffen gegenüber der italienischen Zivilbevölkerung aufgeladen haben.
Ortsnamen wie Boves, Marzabotto oder Sant´Anna di Stazzema stehen symbolisch für die Blutspur, die Deutsche in Italien hinterlassen haben. Aber die Geschichte von Martin Graßnick ist eine jener kleinen Geschichten, die zeigen, dass man sich anders verhalten konnte – und vielleicht gibt es viele Unbekannte, die das getan haben.

Henning Kluever, „Der gute Feind“, in: Süddeutsche Zeitung

QuellentextVon Siegesgewissheit zu Ernüchterung – aus deutschen Soldatenbriefen

Auszüge aus Feldpostbriefen deutscher Soldaten 1941 bis 1943

„Wir kennen nur noch den Angriff“, Leutnant P.G., 23. Juni 1941:
[...] „Ich sage voraus, daß in vier bis fünf Wochen die Hakenkreuzfahne auf dem Kreml in Moskau wehen wird, daß wir noch in diesem Jahr im Anschluss an Russland uns den Tommy vorknöpfen werden. Es ist ja schließlich kein Geheimnis, wie, ob, und daß man in vier Wochen mit unserer unschlagbaren Wehrmacht nach Moskau kommt. Luftlinie sind es doch von Suwalki nur 1000 Kilometer. Wir lassen uns nur noch auf Blitzkriege ein und kennen nur noch den Angriff. Ran, ran und nochmals ran unter Mitarbeit der schweren Waffen. Feuer, Pulver, Eisen, Bomben und Granaten, das alles dem Russen an den Kopf, das genügt, um ihn den ‚schnellsten‘ Soldaten der Welt zu nennen [...].“

Ortwin Buchbender / Reinhold Sterz (Hg.), Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945, Br. 99. 2. Aufl. C. H. Beck Verlag, München 1983, S. 72



„Bald ist der Krieg schon zu Ende“, Unteroffizier H. B., 14. Oktober 1941:
„[...] Wir liegen in Ruhe, und vom bösen Feind ist nicht mehr viel zu sehen und zu hören. Bald ist es uns so, als ob der Krieg schon zu Ende sei. Ich nehme ja an, daß, wenn dieser Brief in Deinen Händen ist, die Glocken im ganzen deutschen Lande den Sieg über den mächtigsten Feind der Zivilisation verkündet haben. Denn lange kann es nicht mehr dauern, und für uns sind die Führerworte ein Evangelium. Wir sind nun am Raten, was man jetzt mit uns hier vor hat. Kommen wir nach Deutschland, oder bleiben wir hier als Besatzung?[...]“

Dies., Br. 134, S. 84



„Es kann noch schlimmer kommen“ Soldat K.P., Stalingrad 14. Dezember 1942:
„[...] Die ganze Zeit haben wir nicht schreiben können. Seit dem 22. November sind wir eingekesselt. Die schlimmste Lage ist jetzt vorbei. Wir hoffen alle, daß wir bis Weihnachten aus dem Kessel heraus sind. Wir sind noch z. Zt. eingekesselt, aber der Russe ist schon wieder eingekesselt von deutschen Truppen. General von Manstein ist noch 30 km von uns entfernt. Wir haben schon schwere Stunden mitmachen müssen, das könnt Ihr mir schon glauben. Ich habe das Lachen verlernt. Mein Wagen hat vor acht Tagen einen Bombenvolltreffer erhalten. Ich selber war Gott sei Dank zehn Meter davon entfernt. Wo man hinfährt, bekommt man Artilleriefeuer. Ihr könnt mir schon glauben, ich habe mir eingebildet, es ist nicht so schlimm, aber es kann noch schlimmer kommen.
Ihr müsst schon entschuldigen, wenn ich so schlecht schreibe und ohne Zusammenhang. Wenn Ihr sehen würdet, wo ich schreibe, dann könntet Ihr es verstehen. Ich sitze hier in einem Erdbunker, links und rechts Einschläge, hinten und vorne. Ich muss schnell schreiben, ich weiß nicht, wann ich hier wieder flüchten muss. An dem Brief schreibe ich schon das vierte Mal. Jetzt muss ich aufhören, es ist Essenempfang.
Liebe Eltern, der Krieg wird jetzt auch bald ein Ende nehmen. Wenn die Einkreisungsschlacht vorbei ist, wird der Krieg in Russland fertig sein. [...]“

Dies., Br. 168, S. 99



„Rußland ist unser Schicksal“ Obergefreiter F.B., 24. Januar 1943:
[...] „Wir Soldaten dürfen über militärische Dinge nichts schreiben. Wir sehen nur unseren kleinen Frontabschnitt und kennen die Absichten nicht, die im großen vorbereitet werden. Über eines sind wir uns aber allesamt klar: Hier geht es um Leben oder Sterben. Rußland ist unser Schicksal – so oder so! Der Kampf hat eine Härte und Unerbittlichkeit erreicht, daß alle Worte schweigen müssen. ‚Keiner von euch hat das Recht, lebend nach Hause zu kommen!‘ Dieser Spruch wird uns Soldaten oft wiederholt, und wir wissen, daß er ernstgemeint ist. Wir sind auf alles vorbereitet, für meinen Fall möchte ich heute auch einige private Dinge regeln. [...]“

Dies., Br. 304, S. 151



„Ich kann nicht verstehen, daß das Volk so schreien kann“
Gefreiter H.W., 27. Februar 1943:
„[...] Was bei Euch zuhaus los ist, kann ich mir gut vorstellen. Daß das ganze weibliche Personal des Großdeutschen Reiches in Unruhe ist, ist verständlich nach der Rede von Goebbels. Ich habe sie gehört und kann nicht verstehen, daß das Volk bei so einer Gelegenheit noch so schreien kann. So z. B. ‚Wollt ihr, daß der totale Krieg mit aller Schärfe weitergeführt wird?‘ Alles ruft ‚Ja, ja, ja‘. Oh, ich habe bloß gedacht, Ihr solltet mal so einen Rückmarsch sehen, wie er heuer der Fall ist, Ihr könnt Euch keine Vorstellung machen. Wenn ich jetzt nach Hause käme, was gäbe es da zu erzählen. Ich möchte Euch bloß mal schildern, was ich z. Zt. für Gepäck habe: einen Tornister, zwei Wäschetaschen, eine Kiste und ein Bündel. Die Hälfte davon sind Beutesachen [...].“

Dies., Br. 206, S. 114



„Die Zeit des Fanatismus ist vorbei“ Obergefreiter H.H., 12. Juni 1943:
„[...] Es geht nun bald ins fünfte Kriegsjahr, und an ein Ende ist nicht zu denken. In den Leuten wird allmählich eben ein Gleichgültigkeitsgefühl großgezogen. Bei der Besichtigung bei uns hat der Chef feststellen müssen, daß mehr als die Hälfte der Männer nicht wußte, wann der Führer im Reich die Macht übernommen hatte. Es kümmert sich eben keiner mehr darum. Unter uns Kameraden darf man auch alles reden. Die Zeit des Fanatismus und der Nichtduldung anderer Ansichten ist vorbei, und allmählich beginnt man klarer und nüchterner zu denken. Wollen wir den Krieg gewinnen, dann müssen wir auch vernünftiger werden und dürfen nicht mehr so großsprecherisch und prahlerisch alle Welt abstoßen. [...] Es ist richtig, wir müssen den Krieg gewinnen, um nicht der Rache der Juden ausgeliefert zu werden, aber die Träume von einer Weltherrschaft sind dahin. [...]“

Dies., Br. 216, S. 117 f.

QuellentextTodesmarsch

„[E]ines Morgens im Januar 1945 [wurden wir] von Lautsprecherbefehlen geweckt. In jenem groben deutschen Kommandoton, an den ich mich nie gewöhnen konnte, hieß es: „Das Lager wird geräumt!“ Wir mussten uns mit unseren Decken und anderen Habseligkeiten vor der Baracke in Reih und Glied aufstellen. [...] Als Nächstes wurde uns befohlen, durch das Haupttor von Birkenau zu marschieren. Auf der Straße vor dem Tor hatten sich bereits Tausende von Lagerinsassen in Reihen aufgestellt, immer etwa acht oder zehn Leute nebeneinander. [...] Es war eiskalt, und ein schneidender Wind fuhr durch unsere dünnen Kleider. Als wir Aufstellung genommen hatten und auf den Abmarsch warteten, bekamen wir eine Laib Schwarzbrot zugeworfen. Dann kam der Befehl: ‚Vorwärts, marsch!‘ Der Todestransport von Auschwitz hatte begonnen. [...]
Die Straßen waren mit Schnee und Eis bedeckt, denn es war Januar, in einem typischen polnischen Winter. Als die Sonne langsam unterging, wurde es kälter und kälter. Die Bäume am Straßenrand schützten uns zeitweilig gegen den eisigen Wind, der uns entgegenwehte und unsere unzulängliche, dünne Häftlingskleidung durchdrang. [...]
Es war schon dunkel, als die SS der Kolonne Einhalt gebot. Wir bekamen die Erlaubnis, uns an Ort und Stelle zum Schlafen hinzulegen, entweder mitten auf die Straße oder in die Gräben links und rechts davon. Zu diesem Zeitpunkt waren einige in der Kolonne bereits gestorben. Wer nicht weitergehen konnte und sich entweder am Straßenrand hingesetzt hatte oder zusammenbrach, war von den SS-Wachen erschossen worden. Die Leichen wurden einfach in die Gräben geworfen. [...] Je größer meine Müdigkeit wurde und je mehr mir die bittere Kälte und der Wind zusetzten, desto öfter fragte ich mich, ob es nicht leichter wäre, sich einfach am Straßenrand auszustrecken und sich töten zu lassen. Doch ich unterdrückte den Gedanken, sobald er in mir aufstieg und zwang mich, weiterzugehen. [...]
Nach einem Marsch von drei Tagen erreichten wir Gleiwitz (Gliwice), ein etwa siebzig Kilometer von Birkenau entfernt liegendes Städtchen [...], und dort sammelten wir uns an einem Ort, der aussah wie ein leeres Arbeitslager. [...] Eine Gruppe von SS-Männern stand in der Mitte des Platzes, der von einer großen Anzahl schwerbewaffneter SS-Wachen mit Hunden umringt war. Ich brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass uns eine weitere Selektion erwartete: Diejenigen unter uns, die in der Lage waren, den Weg zur anderen Seite des Platzes im Laufschritt zurückzulegen, würden weiterleben, die anderen würden beseitigt werden. [...] Wir konnten das unbändige Lachen der SS-Männer hören, als wir an ihnen vorbeikamen. Der Hass auf ihre Stimmen stärkte uns. Ein paar Minuten zuvor hätten wir es kaum für möglich gehalten, aber nun schafften wir es tatsächlich, quer über den Platz zur anderen Seite zu rennen.
[...] Als ich schon zu glauben begann, dass wir in Gleiwitz bleiben würden, kam der Befehl, das Lager zu verlassen und zu einem nahgelegenen Bahnhof zu marschieren. Dort erwarteten uns offene Waggons, wie man sie zum Transport von Kohle oder Sand verwendet. In diesen Waggons wurden wir mit so vielen Häftlingen zusammengepfercht, dass wir uns kaum noch bewegen konnten. [...]
Nach ein, zwei Tagen gelang es uns, einen Platz in der Ecke des Waggons zu ergattern, was uns davor rettete, niedergetrampelt zu werden. Um uns herum waren viele Sterbende, und als unser SS-Posten gefragt wurde, was mit den Leichen geschehen sollte, sagte er, wir sollten sie hinauswerfen. Das geschah nun immer häufiger. Der Waggon leerte sich allmählich, bis es ohne weiteres möglich war, ihn von einem Ende zum anderen zu durchqueren. [...]
Die Nächte im Waggon waren das nackte Grauen. Hunger und Kälte zermürbten die Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. [...]
Gerade als ich zu dem Schluss kam, dass es nur noch ein, zwei Tage dauern konnte, bevor auch ich sterben und meine Leiche aus dem Waggon hinausgeworfen würde, geschah ein Wunder. Der Zug fuhr in langsamem Tempo und mit häufigen Aufenthalten durch die Tschechoslowakei, als wir Leute auf den Brücken stehen sahen, unter denen wir hindurchfuhren. Es waren Männer, Frauen und Kinder. Sie winkten und riefen uns etwas zu, und dann begannen die Brotlaibe in unseren Waggon zu fallen. [...] Ohne dieses tschechoslowakische Brot hätten wir nicht überlebt. [...]
Nach einer Fahrt von über zehn Tagen erreichten wir Deutschland. [...] Unser Ziel war das Konzentrationslager Sachsenhausen, in Oranienburg. [...]
Aber der Weg führte uns nicht direkt nach Sachsenhausen, sondern zunächst in die Flugzeugfabrik Heinkel. Dort verbrachten wir etwa zwei Wochen, vielleicht in Quarantäne; wenigstens wurde uns das gesagt. [...]
Eines Morgens befahl man uns, zu Fuß nach Sachsenhausen aufzubrechen. [...] Ich hatte zunehmend Schwierigkeiten zu gehen, aber meine beiden Freunde halfen mir und stützten mich. Der Weg von Heinkel nach Sachsenhausen – es war nicht sehr weit –, führte über Oranienburg. Die deutschen Bewohner starrten uns an oder drehten uns den Rücken zu, als wir an ihnen vorbeikamen. Ein paar Kinder bewarfen uns mit Steinen. Ich war erleichtert, als ich endlich den Eingang des Konzentrationslagers Sachsenhausen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ erblickte.
Diese Parole, die in diesem Zusammenhang völlig aberwitzig klingt, war nicht aberwitziger als die Anordnung, die uns nach Sachsenhausen brachte.Im Januar 1945 kämpfte Deutschland um sein Überleben, und doch setzte das Naziregime seine rasch abnehmenden Ressourcen – Bahnanlagen, Treibstoff und Truppen – bereitwillig dafür ein, halbverhungerte und sterbende Häftlinge von Polen nach Deutschland zu bringen.“ [...]

Thomas Buergenthal wurde am 11. Mai 1934 in L'ubochnˇa, in der heutigen Slowakei, geboren. 1940 bis 1944 lebte er im Getto Kielce und im Arbeitslager Henrykow. Im August 1944 kam er nach Auschwitz.

Thomas Buergenthal, Ein Glückskind. Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und ein neues Leben fand. Aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel, S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt am Main: 2007, S. 105 f.

Michael Wildt ist gelernter Buchhändler und arbeitete von 1976 bis 1979 im Rowohlt-Verlag. Anschließend studierte er von 1979 bis 1985 Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaften und Theologie an der Universität Hamburg. 1991 schloss er seine Promotion zum Thema „Auf dem Weg in die ‚Konsumgesellschaft‘. Studien über Konsum und Essen in Westdeutschland 1949-1963“ ab und war anschließend Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Von 1997 bis 2009 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und habilitierte 2001 mit einer Studie über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Seit 2009 ist er Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Nationalsozialismus, Holocaust, Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und soziale wie politische Ordnungsvorstellungen in der Moderne.

Kontakt: E-Mail Link: michael.wildt@geschichte.hu-berlin.de

Peter Krumeich, Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Wildt, hat an der inhaltlichen Entwicklung des Heftes mitgewirkt und insbesondere in Abstimmung mit der Redaktion die Bildrecherche für dieses Heft übernommen.